Freitag, 19. August 2022

Waldbrände
Nur der ökologische Wald-Umbau kann wirklich helfen

Die jüngsten Waldbrände im Osten Deutschlands wirken wie eine drastische Warnung vor dem Klimawandel. Erhöhte Temperaturen und Trockenheit entzünden zwar kein Feuer, sind aber Beschleuniger, wenn das Feuer erst einmal brennt. Das Hauptproblem ist und bleibt aber: der Mensch.

03.08.2022

    Rauch steigt auf über dem Nationalpark Sächsische Schweiz
    Der Waldbrand im Nationalpark Sächsische Schweiz hat sich ausgeweitet (picture alliance/dpa/Robert Michael)
    In Brandenburg kämpft die Feuerwehr weiterhin im Nationalpark Sächsische Schweiz gegen die Flammen (Stand 03.08.2022). Das Feuer breche immer wieder aus, teilte ein Sprecher des Landratsamtes mit. Für eine Entspannung der Lage brauche es Regen, derzeit stiegen aber die Temperaturen wieder. Ein Waldbrand im tschechischen Nationalpark Böhmische Schweiz hatte sich bis in die Sächsische Schweiz ausgeweitet.
    Beim großen Waldbrand im Landkreis Elbe-Elster in Brandenburg gibt es laut ADAC Entwarnung. Die Feuer seien gelöscht (Stand 03.08.2022).

    Ein Drittel der Waldbrände in Brandenburg

    Das Land Brandenburg ist von Waldbränden besonders betroffen. Des "Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse" wird die Mark schon seit Jahrhunderten genannt - wegen ihrer kargen Böden, von Kiefern bewachsen. Seit 2018, dem großen Hitzesommer, hat sich der Boden nicht wirklich erholt. Die Trockenheit macht der Mark zu schaffen. Der Wald brennt wie Zunder, jeder dritte Waldbrand in Deutschland wird in Brandenburg entfacht.

    Warum brennt der Wald immer wieder?

    Warum der Wald immer wieder brennt, ist einfach zu beantworten: Schuld ist fast immer der Mensch. In rund der Hälfte der Fälle konnte bei Waldbränden 2020 laut Bundesumweltamt keine Ursache ermittelt werden. Doch wenn dies gelang, sind die Daten eindeutig. Brandstiftung und vor allem Fahrlässigkeit waren fast immer die Ursache, Phänomene wie der Blitzeinschlag spielen eine untergeordnete Rolle – sie waren in dem Jahr nur für rund zwei Prozent der Brände verantwortlich.
    Ein Warnschild mit der Aufschrift "Grillen nicht im Wald" steht in einem Waldgebiet in Brandenburg.
    Das Feuer im Wald gefährlich ist, dürfte jeder wissen. In Brandenburg werden trotzdem Warnschilder aufgestellt. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
    Es ist die weggeworfene Zigarettenkippe, die den Wald in Brand setzt. Oder das Lagerfeuer am See, das nicht richtig gelöscht wird. Ab und an passen auch Landwirte oder Waldarbeiter nicht auf. Der sorglose Umgang mit Feuer kann in trockenen Waldgebieten schnell katastrophale Folgen haben. „Es gibt drei Hauptursachen für Brände“, sagt der Forstwissenschaftler Alexander Held vom European Forest Institute: „Männer, Frauen und Kinder.“

    Der gesunde Menschenverstand greift nicht immer

    Weit über 90 Prozent der Brände werden demnach durch Unachtsamkeit verursacht. Bei Waldbrandwarnstufe vier oder fünf sollte einem eigentlich schon der gesunde Menschenverstand sagen, im Grünen nicht zu grillen oder Feuer zu machen, meint der Ökologe. Doch das Bewusstsein für das "Risiko Feuer" sei weder in der Gesellschaft noch in der Politik weit genug verbreitet.
    Der Waldbrandschutzbeauftragte in Brandenburg, Raimund Engel, klagt auch über vorsätzliche Brandstiftung, "aus welchen Beweggründen auch immer". Es werde gezündelt und so dem Wald großen Schaden zugefügt. Wenn sich alle an das strikte Feuer- und Rauchverbot im Wald hielten, "wären wir ein Stück weiter", betont er.

    Gibt es mehr Waldbrände als früher?

    Durch die Klimadebatte sind Waldbrände in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Im August 2018 machte ein Waldbrand bundesweit Schlagzeilen, der ebenfalls bei Treuenbrietzen ausbrach. Böige Winde verstärkten das Feuer, es wütete auf über 300 Hektar Waldfläche.
    Dass es grundsätzlich mehr Waldbrände gibt als früher, lässt sich allerdings nicht sagen. Ein Trend ist über die letzten drei Jahrzehnte nur schwer abzulesen, sowohl was die Anzahl der Brände als auch die betroffene Fläche angeht.

    1992 über 3000 Waldbrände in Deutschland

    So waren 1992 beispielsweise über 4.900 Hektar betroffen, das ist der absolute Spitzenwert in diesem Zeitraum. 2020 waren es nur rund 368, im Jahr davor wiederum 2711 Hektar. Am wenigsten Waldfläche wurde 2014 mit 120 Hektar vernichtet.
    Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Anzahl der Brände. 2020 waren es 1360, im Jahr 2017 nur 424. Auch hier liegt der Spitzenwert im Jahr 1992: Damals wurden 3012 Waldbrände gezählt in Deutschland.
    Im internationalen Vergleich erscheinen die Waldbrände in Deutschland klein. Gerade half kühleres Wetter der spanischen Feuerwehr, einen Waldbrand im Nordwesten des Landes einzudämmen. Das Feuer in der Provinz Zamora war das größte in Spanien seit Beginn der Aufzeichnungen. Es verbrannten rund 3300 Hektar Wald, eine rund acht Mal so große Fläche wie jetzt in Brandenburg. Noch weit größere Ausmaße hatten in der Vergangenheit Waldbrände in den USA und Kanada, Buschfeuer vernichten immer wieder große Flächen in Australien. 2019 standen Teile des Amazonas-Regenwaldes in Flammen: Die zerstörte Fläche wird auf 36.000 Quadratkilometer geschätzt.

    Wird es künftig mehr Waldbrände geben?

    Vermutlich ja, aber ganz sicher sagen lässt sich das nicht. Wahrscheinlich ist vor allem, dass die Waldbrände noch heftiger werden. Die deutsche Forstwirtschaft verweist auf Risikountersuchungen, die für die kommenden Jahrzehnte ein steigendes Waldbrandrisiko voraussagen. Dies liege im Wesentlichen an erhöhten Temperaturen und rückläufigen Niederschlägen in den Frühjahrs-, Sommer- und Herbstmonaten. Soll heißen: am Klimawandel. Es wird wärmer und trockener: Dadurch gibt es im Wald mehr brennbares Material.
    Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. "Das spitzt sich ja zu ganz offenkundig. Jetzt hatten wir diese Extrembedingungen schon im Juni. Und ja, wir wissen, dass alles viel zu trocken ist." Die Brände in Brandenburg haben auch sein Forschungsprojekt zum Thema Waldbrand getroffen.
    Ein weiteres Problem stellt dem Forscher Johann Goldammer zufolge das ökologisch eigentlich sinnvolle Ziel der Förderung von Biodiversität dar. Dafür lässt man etwa Totholz länger im Wald. Dort finden bestimmte Lebensformen ihr Habitat. Viel Totholz bewirke aber, so der Professor für Feuerökologie, dass sich die Feuer vor Ort fest fressen. Eigentlich sei das gut. Denn dann breiteten sie sich weniger schnell aus. Das Problem bestehe darin, dass die Feuer sich durch die veränderte Bewirtschaftung mit mehr Totholz länger halten und auch tiefer greifen, bis zum Stammfuß und den Wurzeln der Bäume. "Dann ist die Mortalität groß. Im Grunde genommen kann sie sehr schnell hundert Prozent erreichen", so Goldammer im Dlf. Auch das ökologische Bemühen, möglichst viel Kohlenstoff terrestrisch zu speichern, bewirke eine hohe Last an potenziellen Brennmaterial.

    Wie kann man Waldbränden vorbeugen?

    Der Forstwissenschaftler Alexander Held kritisiert: Eigentlich würden die Feuerwehren immer wieder in die gleiche Schlacht geschickt, nämlich auf unvorbereitetes Gebiet. Das sei ungefähr so, als würde man einen Industriekomplex bauen, aber auf Rauchmelder, Sprinkleranlagen, Feuerschutztüren und Fluchtwege verzichten.
    Einsatzkräfte einer Hilfsorganisation legen Gegenfeuer, um eine weitere Ausbreitung des Waldbrandes zu verhindern und die Feuerwehr bei der Bekämpung des Feuers zu unterstützen.
    Einsatzkräfte legen ein Gegenfeuer, um eine weitere Ausbreitung des Waldbrandes zu verhindern. (picture alliance / dpa / Cevin Dettlaff)
    Sein Rat, der seit langer Zeit in der Wissenschaft Usus ist: naturnäher denken. Dem Wald zu höherer Widerstandskraft verhelfen, ihn umbauen. Viele zu lange habe der Fokus beim Thema Waldbrand vor allem auf der Feuerbekämpfung gelegen, dort seien 90 Prozent von Energie und Geld hineingeflossen, sagt Held.
    Doch nach Ansicht des Waldbrandmanagers müssten diese Mittel nicht dort, sondern in den Waldumbau investiert werden. Trockene Fichten brennen quasi von selbst, Mischwälder sind deutlich gewappneter gegen Feuer und möglicherweise auch gegen den einen entscheidenden Funken, der die Katastrophe auslöst.

    Naturnahe Wälder sind am besten gewappnet

    Ihre Böden speichern Wasser sehr viel besser, ihr Binnenklima ist kühler. Ein Mischwald mit relativ viel Laub und seiner typischen Flora am Boden sei deswegen stabiler bei Trockenheit, halte Stürmen besser stand und sei auch weniger anfällig gegen Schädlinge, so Held. Wenn man es ernst meine mit der Anpassung an den Klimawandel, müsse der Waldumbau mit sehr viel mehr Nachdruck betrieben werden, fordert er.
    So sieht es auch der Naturschutzbund Deutschland: Naturnahe Wälder mit einer großen Vielfalt und überwiegend standortheimischen Baumarten seien am besten für die Zukunft gewappnet, heißt es. Doch viele Waldbesitzer setzten noch auf Fichte oder Kiefer, weil diese einfach zu pflegen seien und das Holz leicht zu verarbeiten sei. „Zahlreiche Forschungsergebnisse zeigen aber eindeutig, dass die Fichte an vielen Standorten zu den großen Verlierern der Klimakrise zählen wird“, betonen die Umweltschützer.
    Noch machen Fichte und Kiefer rund die Hälfte des Baumbestandes in Deutschland aus. Der Waldumbau wird seit längerer Zeit betrieben, kommt aber nicht besonders schnell voran. In Brandenburg wurden laut dem Umweltministerium in Potsdam zwischen 1990 und 2021 rund 91.500 Hektar Wald neugestaltet. Insgesamt gibt es allerdings rund 1,1 Millionen Hektar Wald auf mehr als einem Drittel der Landesfläche. Und die Kiefer ist die dominierende Baumart, sie wächst auf rund 70 Prozent der Gesamtwaldfläche.

    Kann man die Brandbekämpfung noch verbessern und die Bevölkerung besser schützen?

    Experten wie Alexander Held empfehlen vor allem, in den Wäldern Schutzschneisen als Pufferzonen beispielsweise entlang von Wegen einzurichten. Auf diese Weise habe die Feuerwehr „Auffang- und Kontrolllinien“. Das Feuer verliert an Kraft, wenn es keine neue Nahrung findet und kann so leichter bekämpft werden.
    Auch Ortschaften in Brandenburg sollen nun durch solche Schneisen geschützt werden. Um ehemalige Truppenübungsplätze mit munitionsverseuchten Böden gibt es sie nach Angaben der Landesregierung bereits. Forstminister Axel Vogel (Grüne) will die Pufferzonen um diejenigen Orte anlegen, die von Wald umgeben sind.
    „Wenn ein Feuer mal reinspringt in diese Orte, ist es dort kaum zu stoppen“, warnt Vogel: „Aber ich glaube, jetzt haben alle das Problem erkannt und begriffen, dass Waldbrände immer stärker, größer und gefährlicher werden. Und man kann nicht bis zum letzten Augenblick warten, um so eine Schneise zu schlagen.“
    Ein Wasserwerfer der Polizei ist in einem Waldstück bei Treuenbrietzen bei einem Waldbrand im Einsatz.
    Waldbrand bei Treuenbrietzen: Auch die Polizei war mit Wasserwerfern im Einsatz. (picture alliance / dpa / Thomas Schulz)
    Der Feuerökologe Goldammer sprach sich im Dlf zudem für das Ziehen von Gräben aus. Die Feuerwehren schaffen solche Gräben bereits. Das sei "Ausdruck dafür, dass die Feuer sich in die tieferen Rohhumus-Schichten, in die organischen Auflagen des Waldes hineingefressen haben". Solche Brände seien sehr schwer zu bekämpfen, weil man große Mengen von Wasser benötige, was in felsigen oder Steilhang-Lagen schwierig sei. "Aber wenn man einen solchen Brand in organischen Auflagen isolieren möchte, muss man Gräben ziehen. Das ist eine Technik, die wird weltweit in dieser Form angewendet", so Goldammer.
    Darüber hinaus wächst unter den Ländern die Einsicht, beim Thema Waldbrand besser zusammenarbeiten zu müssen. Die Agrarministerkonferenz beriet auf ihrer letzten Sitzung über die Waldbrandgefahr und wandte sich mit dem Vorschlag an die Bundesregierung, gemeinsam eine Präventionsstrategie zum Schutz der Wälder vor Bränden auf den Weg zu bringen.

    Nach dem Brand ist vor dem Brand

    Waldbrände sind noch nicht vorbei, wenn die Berichterstattung in den Medien langsam wieder abebbt, die spektakulären Bilder von Rauchsäulen und Wasser abwerfenden Hubschraubern gesendet wurden. Im Gebiet rund um Beelitz und Treuenbrietzen müssen nun die Glutnester im Boden beobachtet werden, die sich über drei bis vier Wochen halten könnten, da sie bis zu 70 Zentimeter tief seien, wie eine Sprecherin des Landkreises Potsdam-Mittelmark sagt.
    Bei Hitze und Wind könnten die Feuer rasch wieder aufflammen. Und auch der Feuerökologe Johann Goldammer betont, dass das Problem noch nicht gelöst ist. Je nachdem, wie schnell der Regen aufhöre und die nächste Hitzewelle komme, „wird sich das Ganze wieder aufbauen“, sagt er. „Ob bis dahin dann die noch verbliebenen Glutnester gelöscht sind oder nicht, das sei mal dahingestellt. Es sollte an sich gelingen, aber es ist tatsächlich nur eine Pause.“
    Quellen: ahe, Dlf, dpa, epd