EM 2024
Warum Frankreichs Nationalelf politisiert wird

Mehrere Nationalspieler hatten sich vor der Parlamentswahl in Frankreich gegen Rechts positioniert. Für den Soziologen Albrecht Sonntag ist dies nicht überraschend. Das Teams stehe wegen seines multikulturellen Charakters schon immer im Brennpunkt.

Albrecht Sonntag im Gespräch mit Christian von Stülpnagel | 08.07.2024
Die französische Fußballnationalmannschaft posiert für ein Foto während des Viertelfinalspiels der UEFA EURO 2024 zwischen Portugal und Frankreich im Volksparkstadion in Hamburg
Frankreichs Nationalelf begleitet die politische Debatte seit Start der Europameisterschaft 2024. (picture alliance / Sipa USA / Andrew Surma)
Der überraschende Ausgang der Parlamentswahl sorgte auch bei Frankreichs Nationalspielern rund um Kylian Mbappé für Erleichterung. Das Linksbündnis Nouveau Front Populaire hat gewonnen. Die Koalition war angetreten, um den erwarteten Sieg der extremen Rechten zu verhindern und erhielt in der zweiten Runde der Wahlen am Sonntag die meisten Sitze.
"Der französische Fußballverband hat sich in der politischen Diskussion hinter seiner Neutralität verschanzt. Aber er hat seinen jungen Bürgern im Team den Mund nicht verboten, und das fand ich durchaus angemessen", sagte Albrecht Sonntag im Deutschlandfunk. Er ist Professor für Europa-Studien an der ESSCA Management Schule im französischen Angers und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Sport und Politik.

Thuram: "Es lebe die Vielfalt, es lebe die Republik, es lebe Frankreich"

Marcus Thuram von Frankreich während des UEFA EURO 2024 Spiels zwischen Portugal und Frankreich im Volksparkstadion
Frankreichs Nationalspieler Marcus Thuram äußerte sich erleichtert über den Ausgang der Parlamentswahl (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Grzegorz Wajda)
Nach der Wahl am Sonntag meldete sich der ehemalige Bundesliga-Profi Marcus Thuram bei Instagram zu Wort: "Es lebe die Vielfalt, es lebe die Republik, es lebe Frankreich".  Er gratulierte allen, die eine Antwort auf die Gefahr gegeben hätten, die über "unserem schönen Land" geschwebt habe. Thuram beendete seine Nachricht mit den Worten: "Der Kampf geht weiter."
Thuram gehörte zu den Spielern, die sich auch schon deutlich zur politischen Lage in Frankreich nach dem Ausgang bei den Europawahlen geäußert hatten. Die rechtsnationale Partei Rassemblement National von Marine Le Pen hatte damals mehr als 31 Prozent der Stimmen erhalten, die Partei von Staatspräsident Emmanuel Macron dagegen nur knapp 15 Prozent. Macron hatte anschließend Neuwahlen in Frankreich angesetzt.

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Erleichterung nach Ausgang der Parlamentswahl

"Der Sieg des Volkes", schrieb Thurams Auswahlkollege Aurélien Tchouameni bei X. "Glückwunsch an alle Franzosen, die sich aufgemacht haben, dass diese schöne Land, das Frankreich ist, nicht von extremen Rechten regiert wird", schrieb Mitspieler Jules Koundé ebenfalls bei X. Die Erleichterung sei so groß wie es die Sorge in den vergangenen Wochen gewesen sei. 
Für den Soziologen Albrecht Sonntag, der schon lange in Frankreich lebt, sind die Reaktionen der französischen Nationalspieler nachvollziehbar: "Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft steht aufgrund ihres traditionell multikulturellen Charakters immer im Brennpunkt verschiedener Auffassungen des Französischseins. Das hat eine lange Tradition."
Auch der deutsch-französische Publizist und ehemalige Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit hat die Positionierung mehrerer Fußballer vor den Parlamentswahlen in Frankreich begrüßt. Nationalspieler wie Mbappé oder Dembélé hätten das Problem richtig beschrieben, sagte Cohn-Bendit im Deutschlandfunk.

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Le Pen: Mbappé repräsentiert nicht Menschen mit Migrationshintergrund

Kylian Mbappé aus Frankreich während des Viertelfinalspiels zwischen Portugal und Frankreich bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Hamburg
Frankreichs Kapitän Kylian Mbappé beim Viertelfinale gegen Portugal. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Martin Meissner)
Frankreichs Kapitän Kylian Mbappé hatte mehrfach klar Stellung gegen Rechts bezogen und dazu aufgerufen, nicht den Rassemblement National zu wählen.

Es ist eine brenzlige Situation. Wir dürfen nicht erlauben, dass unser Land in die Hände dieser Leute fällt. Ich hoffe, dass sich am Ergebnis noch etwas ändert und dass die Leute die richtigen Parteien wählen.

Für seine Aussagen wurde er von Marine Le Pen getadelt. Die Parteivorsitzende des Rassemblement National sagte, niemand würde sich dafür interessieren, was er denkt, weil er nicht die Lebensrealität vieler Einwanderer in Frankreich widerspiegeln würde. Le Pen tritt mit ihrer Aussage nach Angaben von Albrecht Sonntag in die Fußstapfen ihres Vaters.

Le Pens Vater stellte die Legitimität der Equipe infrage

Jean-Marie Le Pen hat "1996 bereits die Legitimität der Nationalmannschaft infrage gestellt, wegen der Präsenz dunkelhäutiger Spieler, die angeblich aus dem Ausland 'importiert' worden seien. So damals der Originalton. 1998 gab es dann die große Euphorie mit der Überhöhung auch des Blanc-Beur-Gedanken, also dieser multikulturellen Harmonie, die so auch nie existiert hat in Frankreich", sagte Albrecht Sonntag.
Der Soziologe gibt allerdings Marine Le Pen in einem Punkt recht: "Wenn Sie darauf hinweist, dass junge Leute mit Millionengehältern tatsächlich nicht repräsentativ sind für die sozialen Realitäten in den Regionen, in denen der Rassemblement National nach wie vor sehr gut abschneidet."
Kylian Mbappé habe als Kapitän eine Vorbildfunktion. "Natürlich hören junge, fußballbegeisterte Menschen auf ihn; natürlich erhoffen sie sich auch von ihm, dass er Stellung bezieht", sagte Sonntag. Mbappé habe eine interessante Vita und seine Eltern seien sehr stark in die Zivilgesellschaft in den Banlieus, der Pariser Vororte eingebunden gewesen.
Man könne ihm eine gewisse Legitimität nicht absprechen. "Das ändert allerdings nichts daran, dass seine eigene Lebensrealität heute natürlich eine abgehobene ist. Wie sollte es anders sein, bei den ökonomischen Bedingungen, die der Fußball heute seinen Superstars bietet", betonte Albrecht Sonntag, der sich wenig überrascht über die Politisierung der Nationalmannschaft zeigt.

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Nach den Wahlen wieder über Fußball reden

"Natürlich wird die Nationalmannschaft politisiert. Das halte ich für unvermeidlich. Das sind junge Leute, denen eine repräsentative Funktion zugeschrieben wird, die mit Nationalsymbolen überhäuft ins Stadion einlaufen, unter den Augen des Staatschefs! Das ist eine Überhöhung einer Funktion, die ihnen eigentlich nicht zusteht", sagt Sonntag.

Frankreich trifft im Halbfinale auf Spanien

Er hofft, dass die Franzosen nach dem Ende der Parlamentswahl nun wieder befreiter aufspielen können. "Die Hypothese, dass sie durch die ganzen Diskussion um die Wahl irgendwo gehemmt waren, ist durchaus vertretbar", sagt Sonntag. Er blickt gespannt aufs Halbfinale, wo die Equipe von Nationaltrainer Didier Deschamps nun auf Deutschland-Bezwinger Spanien trifft.
"Das ist an sich ja schon ein schönes Ereignis, dass die Wahlen jetzt vorbei sind, dass man nach vorne blicken kann, und dass man sich nicht alle zwei Minuten zur Politik äußer muss, sondern wieder über den Fußball reden kann."