Sonntag, 26. Juni 2022

Zukunft der Bundesliga
"Die Bundesliga ist die anständigste und fanfreundlichste Liga"

BVB-Geschäftsführer und DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke ist von der Bundesliga in ihrer jetzigen Form überzeugt. Sollte man den Meisterschaftskampf wieder enger gestalten können, dann sei sie mit die spannendste Liga überhaupt, sagte er im Dlf. International müsse sie um Anschluss kämpfen.

Hans-Joachim Watzke im Gespräch mit Matthias Friebe | 05.06.2022

Portraitfoto von Hans-Joachim Watze
BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sieht sich als Aufsichtsratschef der DFL für die Strategie der Bundesliga verantwortlich. (picture alliance / Guido Kirchner)
Wie wird die Bundesliga wieder spannend? Nach zehn Bayern-Meisterschaften in Folge ist diese Frage inzwischen unüberhörbar. So laut, dass BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sie schon nicht mehr hören kann. Die Liga „funktioniert hervorragend. Das einzige, was nicht funktioniert aktuell, ist der Meisterkampf“, sagte Watzke im Deutschlandfunk-Sportgespräch.
Seit Februar ist er auch Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball-Liga, also der 36 Proficlubs aus 1. und 2. Liga, und damit auch 1. Vizepräsident des DFB. Eine Ämterhäufung, die er nicht angestrebt hat. „Ich habe in der DFL und auch im DFB sicherlich Einfluss, aber ich bin nicht auf dem Fahrersitz.“
Er fühle sich in dieser Rolle für die Strategie der Liga verantwortlich. Und so kann ihm auch in dieser Rolle, nicht nur aus BVB-Sicht, die Langeweile im Meisterkampf natürlich nicht egal sein. Watzke setzt aber auf eine natürliche Entwicklung. Bayern habe jetzt sehr lang sehr erfolgreich am Limit gespielt. „Irgendwann bröckelt es, irgendwann in den nächsten Jahren kommt es zum Einsturz.“

Englische Premier-League "unerreichbar enteilt"

In den Wettbewerb einzugreifen und – wie oft gefordert – den Spielmodus zu reformieren, das hält Watzke nur für den allerletzten Schritt. „Ich seh' den Zeitpunkt noch nicht. Aber wenn die Attraktivität der Bundesliga in den nächsten fünf Jahren immer weiter runtergehen würde, Bayern München würde immer weiter Meister, da muss man vielleicht als Ultima ratio darüber nachdenken. Jetzt ist es meiner Meinung nach zu früh, sich darüber auszulassen.“
Insgesamt ist Watzke aber von der Bundesliga in ihrer jetzigen Form überzeugt. Sollte man den Meisterschaftskampf wieder enger gestalten können, dann sei sie mit die spannendste Liga überhaupt. Eine Liga, die gleichzeitig aber international um Anschluss kämpfen muss. Zu Spanien könnte man den Abstand noch verkürzen, die englische Premier-League sei aber unerreichbar enteilt, so Watzke.
Eine Aussage, die sich auch an seinem Klub belegen lässt. Denn während Liverpool als Tabellenzweiter der Premier-League im Champions-League-Finale stand, ist ein zweiter Dortmunder Erfolg nach 1997 unrealistisch – obwohl der BVB Vize-Meister geworden ist. „Als Borussia Dortmund irgendwo zwischen Platz 10 und 15 in der Reihenfolge der europäischen Klubs vom Champions-League-Finale zu träumen, ist schon ein bisschen vermessen. Das ist das gleiche, als ob der Tabellen-14. oder 15. der Bundesliga von der Meisterschaft träumt“, sagt Watzke.

"Mit Entsetzen gesehen, was in Newcastle los war"

Dass die Bundesliga mit den Summen im internationalen Geschäft nicht mithalten kann, hat gerade erst die Vertragsverlängerung von Kylian Mbappé in Paris gezeigt. Alleine für die Unterschrift soll der Stürmer 300 Millionen Euro Handgeld erhalten. „Finden ja alle irgendwie furchterregend bis schwer zu ertragen. Außer denen in Paris. Die Fans jubeln.“
Das gelte noch mehr für Klubs, die von Staaten übernommen werden. In keiner Stadt der Welt wolle man Saudi-Arabien als Klub-Besitzer haben, bis es dann die eigene Stadt wäre, meint Watzke: „Ich hab' das mit großem Entsetzen gesehen, was in Newcastle los war, als dann Saudi-Arabien einfach auftauchte.“ Newcastle-Fans hatten mit der Flagge des Landes, das unter anderem für die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi verantwortlich gemacht wird, die Übernahme ihres Klubs durch einen saudi-arabischen Staatsfond gefeiert.
Auf Papier gibt es seit mehreren Jahren von Seiten der UEFA den Versuch, die Geldflüsse im europäischen Fußball zu regulieren. Das sogenannte Financial Fairplay hat allerdings nicht dafür gesorgt, dass die Summen gesunken sind – im Gegenteil. Jetzt hat die UEFA einen neuen Mechanismus eingeführt, der zu Änderungen führen könnte, meint der BVB-Boss. Leider gebe es eine Übergangszeit bis 2025. „Ich kann mir schon vorstellen, dass in dem einen oder anderen Staat 300 hochkarätige Juristen damit beschäftigt sind, wie man das bis an die Grenze ausreizen kann.“

Bundesliga braucht Karrieren wie die von Lewandowski

Für die Bundesliga bleibe nur ein Weg übrig: noch härter und besser arbeiten. Eintracht Frankfurt habe es mit dem Sieg in der Europa League vorgemacht. Auch was die Vermarktung der Liga im Ausland angeht, hat die Bundesliga Nachholbedarf. Während die Ligen in Spanien und England rund um die Welt hunderte Millionen Euro mit Übertragungsrechten kassieren, ist die Bundesliga im nichtdeutschsprachigen Ausland nur schwer an die Fans zu bringen.
Watzke sieht mehrere Möglichkeiten, dies zu verbessern. Zum einen müsse die Bundesliga überhaupt erst einmal anfangen, ihre Geschichten im Ausland zu erzählen – auch wenn die Konkurrenz groß ist. „Ich weiß auch, dass uns die Stars weglaufen. Müssen wir neue machen, ist ganz einfach. Ganz einfaches Prinzip“, sagt Watzke – und  führt als Beispiel Robert Lewandowski an. Den habe bei seinem Wechsel von Lech Posen zu Borussia Dortmund kaum jemand gekannt. Jetzt sei er ein Weltstar. Solche Karrieren müsste die Liga in Zukunft besser vermarkten.
Watzke ist auch überzeugt, dass die Fragen, wem die Vereine eigentlich gehören und wer sie sponsert auch international wichtiger werden. Das habe der Krieg gegen die Ukraine gezeigt. „Man hat es ja jetzt gesehen, dass es die Engländer auch langsam mal kapiert haben. Denn wie die britische Regierung da den Abramowitsch bei Chelsea rausgefegt hat, alle Achtung.“

Watzke verteidigt die 50+1-Regel

In diesem Bereich sei die Bundesliga weit vorne, der DFL-Aufsichtsratschef hält sie für die anständigste und fanfreundlichste Liga. Auch diese Geschichte könnte man erzählen und damit werben. Damit das so bleibt, verteidigt Watzke auch in seinem neuen Amt mit viel Engagement die 50+1-Regel, die eine mehrheitliche Übernahme von Investoren verbietet. „Das ist nicht nur ein Fußball-Thema, das ist ein Gesellschaftsthema. Deshalb glaube ich auch, dass es größer ist, als dass es nur um Ökonomie geht. Da geht es auch um den Zusammenhalt der Gesellschaft.“
Nicht zuletzt die Bezahlbarkeit der Tickets hänge davon ab. Das Bundeskartellamt prüft allerdings die Rechtmäßigkeit der Regel und hatte in einem Zwischenbericht klargemacht, dass die Ausnahmen für Werksvereine wie Leverkusen oder Wolfsburg kartellrechtswidrig sein könnten. Ein Kippen der Regel dürfe nicht passieren, fordert Watzke: „Dann müssen die Klubs in ihrer Unternehmensstruktur vielleicht eine Öffnungsklausel einbauen, dass der Mutterverein oder ehemalige Mutterverein wieder ein Stück weit an den Entscheidungen partizipieren kann.“

Nachhaltigkeit als neues großes Thema in der Bundesliga

Zudem wünscht er sich, dass weitere Ausnahmen von der Regel in Zukunft nicht mehr möglich sein werden. Verändern wird sich die Liga so oder so in den kommenden Jahren. Auf einer Mitgliederversammlung haben die Profi-Klubs gerade beschlossen, Nachhaltigkeit in die Lizenzierungsbestimmungen aufzunehmen. Das langfristige Ziel laut Watzke: Die Bundesliga soll klimaneutral werden.
Die neuen Nachhaltigkeitskriterien seien dafür ein Einstieg. Man habe sowohl die Bremser als auch die Vorkämpfer unter den 36 Klubs unter einen Hut bringen müssen, verteidigt Watzke den Beschluss gegen die Kritik, dass die Kriterien nicht streng genug seien. In Zukunft könnten zudem nachhaltige Vereine mehr Geld bekommen, zum Beispiel aus der Fernsehgeldverteilung. „Dass man Teams, die sich da besonders hervortun, besonders subventioniert oder Prämien auslobt – es muss dann auch valide messbar sein – das will ich nicht ausschließen.“
Neben seinen nationalen Ämtern ist Watzke auch im Vorstand der europäischen Topclub-Vereinigung ECA und soll im kommendem Jahr auch den deutschen Fußball im Exekutivkomitee der UEFA vertreten.  „Sollte ich nächstes Jahr ins UEFA-Exko kommen – da muss ich ja erstmal gewählt werden – dann werde ich mich aus der ECA zurückziehen, das ist ja auch klar“, kündigt Watzke im Deutschlandfunk an. „Bei der ECA können wir gute Vorschläge machen, Entscheidungen trifft aber die UEFA. Aber wenn man dann zu den wenigen gehört, die diese Entscheidungen auch treffen, dann muss man so eine Chance auch wahrnehmen.“
Zumal 2024 immerhin eine Heim-Europameisterschaft ansteht. Und auch hier ist Hans-Joachim Watzke schon ganz in der neuen Rolle als DFB-Funktionär angekommen. „Wichtig ist dabei, dass wir es schaffen, dass der deutsche Fußball wieder strahlt. Das ist ein großes Thema der Nationalmannschaft, ganz klar. Und deshalb werbe ich auch dafür, dass wir uns als DFB und als Nationalmannschaft auch wieder verstärkt gegenüber den Fans öffnen.“