Freitag, 23. Februar 2024

Bericht des Weltklimarats
Fünf vor zwölf war gestern

Der Weltklimarat hat seinen Berichts- und den aktuellen Forschungsstand zusammengefasst. Er warnt vor den katastrophalen Folgen der Erderwärmung – dieses Jahrzehnt entscheidet dem IPCC zufolge über unsere Zukunft.

Von Georg Ehring | 20.03.2023
    Verbrannte Waldfläche nach einem Waldbrand in Spanien 2022. Ein einziger verkohlter Baum ist stehengeblieben, alle anderen sind zu Asche verbrannt.
    Waldbrand im Juli 2022 in der Gemeinde Ferreras de Abajo, Spanien. Durch den Klimawandel gibt es vermehrt Naturkatastrophen. (picture alliance / abaca / Europa Press)
    Der Weltklimarat IPCC hat im schweizerischen Interlaken eine umfangreiche Zusammenfassung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Ursachen und Folgen der Erderwärmung vorgelegt. Der sogenannte Synthesebericht fasst mehrere bereits veröffentlichte IPCC-Studien zusammen, außerdem sind weitere Erkenntnisse aus sogenannten Sonderberichten enthalten. Die Botschaft des Syntheseberichts ist klar: Wenn die Menschheit in Sachen Klimawandel so weitermacht wie bisher, wird das katastrophale Folgen haben.

    Was ist die Kernbotschaft des neuen Berichts des Weltklimarats?

    Die Erderwärmung ist zweifelsfrei durch den Menschen verursacht, vor allem durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle, Öl und Gas. Die Welt ist bei Weitem nicht auf Kurs, die Klimaerwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Diese Grenze wird selbst bei verstärkten Anstrengungen für mehr Klimaschutz voraussichtlich schon bis 2040 überschritten.
    Schon bei einem geringeren Temperaturanstieg sind die Auswirkungen der Erderwärmung zudem gravierender als früher angenommen. Durch einen Abschied von der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas lassen sich die Folgen aber in Grenzen halten. Dies muss aber sehr viel schneller passieren als bisher: Bereits im laufenden Jahrzehnt müssen die Emissionen um fast die Hälfte zurückgehen, die Investitionen in den Klimaschutz um den Faktor drei bis sechs gesteigert werden.
    Eine Anpassung an die Klimaerwärmung kann die Folgen deutlich begrenzen. Durch Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre lässt sich die Temperaturerhöhung im Laufe des Jahrhunderts möglicherweise wieder unter 1,5 Grad drücken - allerdings nur, wenn die Überschreitung gering ausfällt.

    Was ist der Weltklimarat?

    Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist das wissenschaftliche Gremium der Vereinten Nationen zur Erforschung des Klimawandels und wird auch Weltklimarat genannt. Der Rat wurde 1988 vom UN-Umweltprogramm UNEP gemeinsam mit der Weltwetterorganisation WMO gegründet.
    195 Staaten sind Mitglied des IPCC. Die Arbeit leisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ehrenamtlich. Der IPCC forscht nicht selbst, sondern sichtet und bewertet die Fachliteratur und fasst sie in Berichten zusammen.
    An den bisher sechs Sachstandsberichten zur Klimaerwärmung haben Hunderte Fachleute mitgewirkt. Der IPCC erstellt außerdem Sonderberichte zu aktuellen Klimafragen. Seine Berichte sollen politikrelevant sein, aber keine bestimmte Politik vorschreiben.

    Welchen Stellenwert hat der Synthesereport?

    Der neue, jetzt vorgelegte Synthesereport fasst mehrere Einzelberichte zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Klimaerwärmung, ihren Folgen und Begrenzungsmöglichkeiten zusammen. In ihn flossen außerdem die jüngsten IPCC-Sonderberichte ein, unter anderem zur Bedeutung des 1,5-Grad-Limits.
    Der Bericht und seine Zusammenfassung für Entscheidungsträger sind als Basis für die Verhandlungen auf den Weltklimakonferenzen allgemein akzeptiert. Das heißt: Die hier festgehaltenen wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden die Grundlage der Verhandlungen und werden nicht mehr infrage gestellt.

    Welche Folgen haben Klimawandel und Erderwärmung?

    Bisher ist die Atmosphäre um etwa 1,1 Grad wärmer geworden. Dies führt schon heute zu großen Schäden - und mit jedem Zehntelgrad mehr werden sie größer. Zu den Folgen gehören Hitzewellen und Dürren, extreme Regenfälle und Wirbelstürme, das Auftauen von Permafrost im Norden und der Verlust von Biodiversität.
    Der Meeresspiegel steigt laut Prognose bis zum Ende des Jahrhunderts um einen halben bis fast einen Meter, dann geht der Anstieg über Jahrhunderte und Jahrtausende weiter. Die Korallen in den Tropen sterben schon bei geringer Temperaturerhöhung ab. Extreme Sturmfluten, die heute ein Mal pro Jahrhundert auftreten, könnten in Zukunft jedes Jahr geschehen.
    Zu den Folgen gehören auch eine größere Unsicherheit bei der Lebensmittelversorgung, die Zerstörung von Ökosystemen an den Küsten, hohe wirtschaftliche Schäden und die Ausbreitung von körperlichen und seelischen Erkrankungen.
    Mit zunehmender Erwärmung steigt das Risiko plötzlicher und extremer Veränderungen. Bei einer Erwärmung um mehr als zwei bis drei Grad würden die Eisschilde auf Grönland und im Westen der Antarktis irreversibel verloren gehen und der Meeresspiegel über einen Zeitraum von Jahrtausenden um mehrere Meter ansteigen.

    Wer ist besonders vom Klimawandel betroffen?

    3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen leben in Regionen, die besonders von der Erwärmung betroffen sind. Dazu gehören die Küstenregionen, besonders wenig entwickelte Länder, kleine Inselstaaten und Regionen in der Arktis.
    Überschwemmungen in den Slums der indonesischen Hauptstadt Jakarta: Baufällige Hütten stehen im Wasser.
    Jakarta geht unter: Jahr für Jahr steigt das Wasser höher. Die indonesische Regierung lässt deshalb bis 2024 eine neue Hauptstadt bauen, die obendrein klimaneutral sein soll. (picture alliance / AA / Eko Siswono Toyudho)
    Innerhalb der Staaten trifft es besonders die Armen, Marginalisierten und indigene Völker. Sie tragen kaum etwas zur Erwärmung bei, leiden aber besonders unter den Folgen. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung trägt nur 13 bis 15 Prozent zum CO2-Ausstoß bei, die reichsten zehn Prozent sind dagegen für 34 bis 45 Prozent der Emissionen verantwortlich.

    Können sich die Menschen an den Klimawandel anpassen?

    Angesichts der großen Schäden, die die Erwärmung schon heute verursacht, müssen sich die Menschen weltweit anpassen. Das kann die Folgen mindern, vor allem für besonders betroffene Regionen. Dazu müssen reiche Länder die Finanzflüsse an ärmere und besonders betroffene Länder erhöhen. Die Anpassung muss langfristig geplant werden, damit sie erfolgreich sein kann. Mehr Grün in Städten, Wiederherstellung von Feuchtgebieten, eine angepasste Landwirtschaft und Frühwarnsysteme für Katastrophen sind Möglichkeiten, dem Klimawandel zu begegnen.

    Welche Möglichkeiten gibt es, das Klima zu schützen?

    Die Möglichkeiten für den Schutz des Klimas haben sich in den vergangenen Jahren stark verbessert. So sind erneuerbare Energien sehr viel billiger geworden. Bei der Solarenergie sind die Kosten in der vergangenen Dekade um 85 Prozent pro Kilowattstunde gesunken, bei der Windenergie auf weniger als die Hälfte.
    Klimaschutz ist immer kostengünstiger zu leisten und stößt auf immer mehr Unterstützung in der Bevölkerung. Um klimaverträgliche Techniken auch in armen Ländern zu verbreiten, ist eine starke Erhöhung der Finanzflüsse in diese Länder erforderlich. Viele Maßnahmen zum Klimaschutz bringen auch einen weiteren Nutzen für die Menschen. So verbessert eine geringere Luftverschmutzung den Gesundheitszustand der Bevölkerung.
    Von den Anstrengungen zum Klimaschutz hängt ab, wie stark die Erwärmung ausfällt. Wenn sie so gering bleiben wie bisher, erwärmt sich die Atmosphäre bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa 3,2 Grad. Noch immer fließt mehr Geld in fossile Energiequellen als in Klimaschutz und Anpassung. Um die Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten, müssen die Investitionen in den Klimaschutz um den Faktor drei bis sechs erhöht werden. 

    Wie viel Zeit haben wir noch beim Kampf gegen den Klimawandel?

    Für den IPCC ist Klimaschutz im laufenden Jahrzehnt besonders wichtig. Spätestens im Jahr 2025 müssen die Emissionen ihren Höhepunkt überschreiten, bis 2030 um fast die Hälfte sinken. Selbst wenn dies gelingt, wird das 1,5-Grad-Limit zumindest vorübergehend überschritten.
    Wenn die Emissionen in diesem Jahrzehnt so hoch bleiben wie bisher, dann wäre das CO2-Budget - also die Menge an CO2, die zu einer Erwärmung um 1,5 Grad führt - zum Ende des Jahrzehnts verbraucht. Zur Mitte des Jahrhunderts müssen die Emissionen weltweit auf netto null sinken. Technisch nicht vermeidbare Emissionen etwa aus der Landwirtschaft müssen durch CO2-Entnahme ausgeglichen werden, außerdem müssen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts netto negative Emissionen erreicht werden, um die Temperaturen wieder zu drücken.