Donnerstag, 07. Juli 2022

Arbeitsmarktzugang auf dem Prüfstand
Wie das Einwanderungsgesetz für Fachkräfte verbessert werden muss

Jedes zweite Unternehmen in Deutschland kann Stellen längerfristig nicht besetzen. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sollte es Menschen aus dem Ausland erleichtern, in Deutschland zu arbeiten. Doch in der Praxis zeigen sich noch viele Hürden, die die neue Bundesregierung angehen muss.

Von Katrin Sanders | 13.12.2021

Pflegerin Janette Dela Cruz (l.) von den Philippinen wird im Caritas Altenheim St. Nikolaus in München von einer Kollegin eingewiesen.
Pflege auch für nachkommende Generationen sicherstellen: Ohne die Zuwanderung von Fachkräften lassen sich Versorgung und Wohlstand in Deutschland nicht halten (imago/epd/Rudolf Stumberger)
Kanalbauer im Saarland, Ingenieurin in Bayern, Sozialassistent in NRW: Rund 24.000 freie Stellen sind tagesaktuell in der Jobbörse von 'Make it in Germany' gelistet. Die Arbeitsangebote auf dem Portal der Bundesregierung kommen direkt von der Bundesagentur für Arbeit. Unternehmen, die auch hier - bei 'Make it in Germany' - inserieren, zeigen damit, dass sie ihre neue Fachkraft nicht nur in Deutschland, sondern weltweit suchen. 
Offen für motivierte Fachkräfte aus aller Welt ist auch die Firma Mobilab Solutions. Gleich 15 freie Stellen in der Softwareentwicklung bietet das IT-Unternehmen über Make it in Germany an. Elisa Schneider ist die Personalmanagerin am Standort Köln:
„Wir sind jetzt ein bisschen über 80 Personen und suchen einfach händeringend noch mehr Leute. Die Projekte werden zunehmend also größer und komplexer. Und wir brauchen einfach Kollegen, die mit unterstützen.“

Jedes zweite Unternehmen kann offene Stellen längerfristig nicht besetzen

Aufträge annehmen und verbindlich planen, neue Produkte entwickeln oder Projekte akquirieren – das alles geht nur, wenn im Unternehmen die Personalfragen geklärt sind. Der im November veröffentlichte Fachkräftereport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zeigt jedoch, wie groß die Not inzwischen ist: Jedes zweite Unternehmen kann demnach offene Stellen längerfristig nicht besetzen. 59 Prozent sehen den Mangel an Fachkräften als ihr größtes Geschäftsrisiko an. Arbeitskräfte außerhalb von Deutschland anzuwerben, ist da eine Chance. Doch wie viel Zeit vergeht von der Annonce bis zum ersten Arbeitstag? Frage an Elisa Schneider:
„Uff, Bauchgefühl: Sechs Monate. Mit dem Bewerbungsprozess selber, mit den Interviews, die natürlich da folgen und dann das Job-Offer und dann, je nach Land, natürlich den bürokratischen Aufwand, den man dann noch hat. Bei etwas entfernteren Ländern: So sechs Monate würde ich schon tippen.“

411 Euro Verwaltungsgebühr können das Antrags-Prozedere beschleunigen

Entferntere Länder, das sind so genannte Drittstaaten. Wer aus dem Iran, aus Argentinien oder China nach Deutschland zum Arbeiten kommen will, braucht ein Visum für die Einreise, dazu ein konkretes Jobangebot sowie die Anerkennung der Berufsqualifikation. Akademische und handwerklich-technische Berufe wurden dabei gleichgestellt. Das Fachkräfte-einwanderungsgesetz, das seit März 2020 gilt, hat außerdem eine Überholspur eingeführt. Betriebe, die 411 Euro Verwaltungsgebühr zahlen, können damit das Antrags-Prozedere beschleunigen. Statt sechs vielleicht nur vier Monate. Elisa Schneider hat das beschleunigte Verfahren in diesem Jahr zum ersten Mal ausprobiert und sagt: Ja, es klappt besser als zuvor:

„Also generell vereinfacht es vieles. Und wenn man so ein bisschen die Kniffe kennt und das ein paar Mal gemacht hat, dann weiß man auch, wie der Prozess abläuft, an welchen Stellen man welche Dokumente hochladen muss, welche Formulare benötigt werden. Ich glaube, wenn man das zum ersten Mal macht, ist man ein bisschen überfordert, schreckt vielleicht etwas zurück davor. Aber ansonsten sind wir froh darüber. Klar! Sonst würde 75 Prozent der Leute, die hier sind, nicht arbeiten können oder nicht hier sein.“

270.000 Menschen verlassen jedes Jahr aus Altersgründen den Arbeitsmarkt

Wie sehr Betriebe und Unternehmen in Deutschland auf Zuwanderung angewiesen sind, ist gut belegt. Am heimischen Arbeitsmarkt sind kaum noch Reserven vorhanden, erklärt Dr. Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft:

„Ja, Sie können sich das so vorstellen. Wir haben in den Facharbeiterberufen, technisch-naturwissenschaftlichen Facharbeiter-Berufe etwa 270.000 Menschen, die aus Altersgründen Jahr für Jahr den Arbeitsmarkt verlassen. Und es kommen etwa 130-140.000 Personen in den nächsten Jahren aus dem einheimischen Potenzial nach. So dass wir eine Riesenlücke haben, also viele, viele Personen, die technisch qualifiziert sind und in den Ruhestand wechseln, können gar nicht aus dem inländischen Potenzial besetzt werden.“
Margret Kristensen sitzt vor einem Computer
Jahr für Jahr verlassen etwa 270.000 Menschen den Arbeitsmarkt (Anne-Katrin Wehrmann)

"Ohne Zuwanderung würde unsere Leistungsfähigkeit massiv leiden"

Das Institut der Deutschen Wirtschaft hatte im Vorfeld des Koalitionsvertrages bereits Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes gegeben. Insbesondere schnellere Verwaltungsabläufe werden darin angemahnt. Schon heute liege der Anteil der Zuwanderer am Arbeitsmarkt bei mehr als 20 Prozent. Sie haben wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands, sagt Axel Plünnecke.

„Ohne Zuwanderung würde unsere Leistungsfähigkeit in der Industrie massiv leiden. Inzwischen sind über zehn Prozent der Patentanmeldungen von Personen, die ausländische Wurzeln haben. Das war noch vor zehn, 15 Jahren bei drei, vier Prozent. Das heißt der Anteil, die Bedeutung der Zuwanderung für die Innovationskraft in Deutschland nimmt zu und auch in den Gesundheits- in den Pflegeberufen, wenn Sie da mal schauen: Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund ist sehr hoch und gestiegen und hilft da, das Gesundheitssystem überhaupt am Laufen zu halten.“

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Einwanderung ist nicht mehr auf akademische Berufe beschränkt

Es gibt weitere Gründe, warum das Fachkräfteeinwanderungsgesetz viel Zustimmung findet. Gut kommt an, dass man jetzt nicht mehr prüfen muss, ob es nicht doch eine geeignete Bewerbung für die freie Stelle im Inland gibt. Neu ist außerdem, dass Einwanderung nicht mehr auf akademische Berufe beschränkt ist. Auch mit einem qualifizierten Berufsabschluss kann man jetzt nach Deutschland kommen, um zu arbeiten. Das alles sei gut und richtig, weil in allen Unternehmensbereichen Personal fehlt. Das betont auch Maria Loheide. Als Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland spricht sie für circa 5.000 Unternehmen mit hohem Fachkräftebedarf in Krankenhäusern, Sozialstationen oder Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe unter dem Dach der Diakonie:

„Wir wollen unbedingt, dass das Fachkräftezuwanderungsgesetz ein Signal ist: Wir wollen euch, wir brauchen euch. Wir freuen uns, wenn ihr zu uns kommt. Noch ist es ja ein sehr schwaches Instrument, weil letztendlich nach diesen anderthalb Jahren die Zahlen noch nicht so sind, dass wir sagen, es ist wirklich auch ein großer Erfolg. Das hat vielleicht jetzt auch natürlich mit der Pandemie zu tun. Aber wir brauchen es und sollten es auch noch viel bekannter machen.“
Zwei junge Köche arbeiten bei den Landesmeisterschaften des Gastro-Nachwuchs in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) an ihren Speisen.
Neu ist, dass Einwanderung nicht mehr auf akademische Berufe beschränkt ist - auch mit einem qualifizierten Berufsabschluss darf man jetzt nach Deutschland kommen (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Fragen zu Befristung, Familiennachzug, Unterstützung

Das damals noch CSU-geführte Bundesinnenministerium spricht von einem Erfolg. Im ersten Jahr seien immerhin 30.000 Anträge auf ein Arbeitsvisum gestellt worden. Die tatsächliche Zahl der Fachkräfte aber, die aus Senegal, Georgien oder Irak in deutschen Unternehmen angeheuert haben könnte, ist unbekannt. Ein Visumsantrag ist noch kein Arbeitsvertrag. Und der Weg vom bloßen Interesse bis zur Einstellung sei zu lang. Da gehe regelmäßig das Interesse sich zu bewerben, verloren, sagt Maria Loheide: 

„Zunächst ist erst einmal die Frage: Sind die Menschen überhaupt informiert? Wissen die genau Bescheid? Und dann müssen sie eben doch einiges vorlegen und müssen von einem Arbeitgeber quasi schon eine Zusage haben, bis sie dann tatsächlich auch ausreisen können. Dann ist es auch erstmal befristet. Und dann ist sozusagen die Frage: Wie verhält sich das dann mit dem Familiennachzug? Wo die dann auch Unterstützung brauchen.“

Nicht nur Fachkraft, sondern Mensch, der Fuß fassen möchte

Auch auf Seiten der Betriebe gibt es viel Unterstützungsbedarf. Manchmal geht es um organisatorische Fragen, die sich mit Hilfe der neuen Zentralstellen für Fachkräfteeinwanderung in den Bundesländern klären lassen. Das hilft besonders den kleinen und mittleren Unternehmen, für die eine solche Einstellung aus dem Ausland eher die Ausnahme bleiben dürfte. Die eigentlich spannende Phase für alle beginnt aber erst nach dem Ankommen. Das weiß Jasna Rezo. Sie leitet bei der IHK Köln die Abteilung Fachkräftesicherung. In den ersten Wochen und Monaten entscheide sich, ob der Bewerber oder die Bewerberin an Bord bleibt oder wieder geht.

„Dieses Onboarding, das ist eben immens wichtig, dass man eben auch als Unternehmen sagt, du bekommst einen Paten zur Hand. Wir achten darauf, dass eben der Familiennachzug auch klappt. Also, dass man den Menschen nicht nur als Fachkraft, sondern eben als Mensch sieht, der hier eben Fuß fassen möchte.“

Wer nicht ankommt, geht zurück in die Heimat

Gute Erfahrungen mit einer gezielten Begleitung der neuen Kräfte macht beispielsweise die Handwerkskammer Koblenz. Dort gibt es eine Person, die den Neu-Angekommenen bei den ersten Schritten in Deutschland zur Seite steht. Sie beantwortet zu fest vereinbarten Terminen Fragen und hilft zum Beispiel bei Formularen. Noch aber geht es auch im Raum Koblenz um wenige Einzelvermittlungen. Telefonische Nachfragen bei Handwerkskammern und Industrie- und Handelskammern im Land bestätigen: Das Interesse in Betrieben ist groß, aber die Nutzung hält sich in Grenzen. Corona bremst beim Ankommen und manche mühsam gelungene Anwerbung, ist bereits wieder geplatzt, berichtet Jasna Rezo von der IHK Köln:

„Ich habe mit einigen Unternehmen gesprochen: Gerade in der Corona-Zeit, war es sehr schwer dieses Onboarding auch hinzubekommen, dass man sich willkommen geheißen fühlt. Das hat zum Beispiel auch dazu geführt, dass einige auch wieder weggegangen sind, dass sie zurückgegangen sind in die Heimat, weil sie gesagt haben, hier komme ich nicht an. Da hatten wir dieses Unternehmen, die Fachkräfte, die Pflegekräfte aus China geholt haben. Ich glaube, es waren zehn, von denen ist keine einzige mehr hier.“

Teure Nachqualifizierung mit Risiken behaftet

Als Nadelöhr Nummer zwei erweist sich außerdem die Anerkennung der beruflichen Bildung. Akademische Abschlüsse scheinen international leichter vergleichbar zu sein. Die duale Ausbildung im Handwerk aber ist weltweit einmalig. Das zieht aufwändige Prüfungen nach sich, und manchmal ist Nachqualifizierung in Deutschland erforderlich. Das ist eine Möglichkeit, damit der Deal nicht ganz platzt. Aber sie verursacht zusätzliche Kosten, ist zeitaufwändig und birgt zudem das Risiko für beide Seiten, dass es am Ende doch nicht klappt mit dem Arbeitsvertrag. Jasna Rezo von der IHK Köln möchte dennoch nicht vom hohen Standard abweichen.

„Unsere duale Ausbildung ist wichtig, und ich möchte die natürlich auch nicht auf diese Art und Weise unterwandern. Die Vergleichbarkeit spielt ja auch eine Rolle und zu sagen, derjenige, der kommt, verfügt über einen formalen Abschluss. Das ist ja auch wieder Kommunikation auf Augenhöhe. Also auch zu sagen es kommen Fachkräfte, und es ist ein Fachkräfte-Einwanderungsgesetz.“

Manchmal ist die formale Qualifikation eher hinderlich

Dagegen spricht: Dass besonders im Handwerk und in kleinen Betrieben Arbeitskräfte nicht über die große Jobbörse, sondern oft über persönliche Kontakte zu ihrem Jobangebot in Deutschland kommen. Eine Art „Warmakquise“ also. Man kennt sich und will miteinander arbeiten. Die erforderliche formale Qualifikation ist da eher hinderlich. Dabei gibt es doch Alternativen, meint Elisa Schneider, die Personalmanagerin vom IT-Unternehmen Mobilab:

„In der Softwareentwicklung ist uns viel wichtiger, eine so genannte Arbeitsprobe zu sehen. Bei uns gibt es eine technische Aufgabe, die die Kandidaten lösen müssen, dass wir da sehen, was kann derjenige am Ende des Tages. Das ist für mich viel, viel wichtiger als zu sehen, an welcher Universität der Abschluss war.“ 

Ungleich verteilte Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt

„How can I find a job in Germany?”

Von all den Anforderungen ahnen die zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Unternehmen, Werkstätten, Restaurants oder Baustellen herzlich wenig, wenn sie sich auf die Suche machen nach ihrem neuen Job in Deutschland. 

German economy is booming which is why it needs qualified international skill.”

32 Millionen Mal wurde das Portal 'Make it in Germany' nach Angaben der Betreiber bereits angeklickt. Es holt Einreisewillige seit 2018 über zentrale Zugänge ab und leitet sie weiter.  Wer auf „Anerkennung“ in Deutschland klickt, erfährt schnell, dass die Chancen ungleich verteilt sind. Eine Schneiderin aus Ghana, die in Deutschland arbeiten will, muss ein Anerkennungsverfahren durchlaufen. Ein Tischler aus Australien, Israel, Japan oder Südkorea dagegen kann ohne Visum und ohne Berufsanerkennung einreisen.
In der Metallwerkstatt des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft in Chemnitz (Sachsen) absolviert Thai Minh Nguyen aus Vietnam am in die Ausbildung zum Mechatroniker
Die Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt sind noch ungleich verteilt. Die einen müssen ein Anerkennungsverfahren durchlaufen, die anderen können ohne Visum und Berufsanerkennung einreisen (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Abschiebung nach Ausbildungsende - nicht ausgeschlossen

Wieder andere Regeln gelten bei Fachkräften aus Albanien, Bosnien und weiteren Staaten des Westbalkans. Sie benötigen zwar ein Visum und einen Arbeitsvertrag, nicht aber die Anerkennung ihrer Qualifikation. Fast ganz außen vor bleiben schließlich jene, die im Asylverfahren sind. Arbeiten und Ausbildung ist für sie nur in sehr engen Grenzen geduldet. Abschiebung nach Ende der Ausbildung - nicht ausgeschlossen. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, kommentiert kurz und knapp die Diakonie Deutschland in einem Dossier dieses Sortieren bei der Einwanderung. Vorstand Maria Loheide dazu:

„Ja, ich sage mal, das kann man ganz deutlich sagen, ist in der letzten Legislaturperiode nicht gewollt worden, dass wir tatsächlich in größerem Umfang sagen: Die Menschen, die hier sind, sind ein Potenzial und eine Ressource, die wir unbedingt nutzen sollten.“

Rechtliche Hürden behindern erfolgreiche Jobkandidaten

Die Ausgrenzung von Menschen, die über das Asylverfahren nach Deutschland gekommen sind und aus diesem Grund nicht arbeiten dürfen, hält sie für nicht vertretbar. Die Diakonie fordert, dass diese Menschen gezielt in Ausbildung gebracht werden können. Und dass sie auf diesem Weg dieselben Rechte am Arbeitsmarkt erwerben können, wie jene aus Drittstaaten, die seit 2020 einreisen dürfen und nach 21 Monaten bereits eine Niederlassungserlaubnis bekommen können.

„Ich habe das wirklich auch mehrfach erlebt auch in Einrichtungen, wie dann geduldete Menschen eine Ausbildung gemacht haben, mit einer großen Motivation Deutsch gelernt haben und hier ohne dass sie Vorkenntnisse hatten, eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflege geschafft haben. Und dann war allerdings tatsächlich auch immer die Frage. Können Sie bleiben? Auch unsere Träger haben dann zum großen Teil denen schon Arbeitsverträge angeboten, schon vor Ende der Ausbildung, damit die Möglichkeit besteht, dass sie dann auch bleiben. Allerdings gab es immer wieder rechtliche Hürden, sodass zum Teil unsere Träger auch Anwälte beschäftigt haben, die dann die Menschen beraten haben und das mit denen durchgefochten haben, dass sie dann tatsächlich hier auch bleiben können. Das muss sich unbedingt ändern.“

„Arbeitsverbote für bereits in Deutschland Lebende abschaffen"

„Ja, da ist etwas geplant und ist auch nötig. Das muss man natürlich beenden, diesen Unsinn.“

Sagt Lars Castellucci, der Sprecher der Arbeitsgruppe Migration und Integration der SPD-Bundestagsfraktion zu dem so genannten Spurwechsel, also „raus aus dem Asylstatus“ und mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz regulär auf den deutschen Arbeitsmarkt einsteigen. Im neuen Koalitionsvertrag sind die Weichen dafür gestellt. Castellucci hat diesen Part mitverhandelt:

„Arbeitsverbote für bereits in Deutschland Lebende schaffen wir ab. Einem an sich bestehenden Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis steht ein laufendes Asylverfahren nicht entgegen, sofern bei Einreise die Voraussetzungen für die Aufenthaltserlaubnis bereits vorlagen.“
„Aber man muss das klug machen. Denn natürlich kann die Antwort nach draußen auch nicht sein: Kommt nur auf irgendeinem Weg hierher, dann finden wir schon eine Lösung. Also das ist eine Einladung, die dazu führt, dass die irregulären Wege überhandnehmen würden, dass Menschen sich auf den Weg machen und damit dann auch diejenigen, die sich durchsetzen können, die das nötige Kleingeld dafür vielleicht aufbringen können, durchkommen und diejenigen, die schwach, arm, alt, vielleicht mit einer körperlichen Einschränkung irgendwo im Elend festsitzen, die haben dann weniger Chancen.“

Fachkräfteeinwanderung - gleich vier Ministerien reden mit

Für kluge Lösungen im Fall der Fachkräfteeinwanderung müssen gleich vier Ministerien am selben Strang ziehen. Das Arbeitsministerium für arbeitsrechtliche Fragen. Das Innenministerium für das Asyl- und Migrationsthema. Das Entwicklungsministerium dazu, wie man Menschen, die an der Einreise interessiert sind, vielleicht schon in den Herkunftsländern zum Beispiel mit Sprachkursen abholen kann. Und schließlich das Außenministerium, in dessen Zuständigkeit aktuell die viel beklagte schleppende Visabearbeitung fällt. Jasna Rezo, die Fachkräfte-Expertin der IHK Köln spiegelt, was sie dazu in regionalen Unternehmerrunden hört:

„Manchmal wäre auch noch mal mehr Transparenz nötig und schnellere Prozesse, also schnellere Entscheidungen. Ich glaube, das ist das, woran es am meisten hakt. Es müsste wirklich manchmal mehr Personal in einigen Botschaften da sein, dass man eben nicht so lange auf einen Termin wartet. Das ist auch wirklich weltweit unterschiedlich. Bei manchen Botschaften braucht man gar kein beschleunigtes Verfahren, weil die selber schon so schnell sind. Und dann, in anderen Botschaften, gibt es ein beschleunigtes Verfahren und trotzdem hakt es. Dieses Nadelöhr sind nun mal die Botschaften.“

Kanada und Australien sind mit ihrem Punktesystem erfolgreich

Hilfreich könnte dabei auch ein Punktesystem sein. Die teils umständlichen Prüfverfahren der Einzelanträge ließen sich damit beschleunigen. Länder wie Kanada und Australien sind mit ihrem Punktesystem jedenfalls erfolgreiche Einwanderungsländer geworden. Es ist ein Konzept, auf das die FDP-Fraktion setzt. Es sind erste Ideen.

Mehr als 20 Jahre wurde politisch gestritten um das Pro und Contra der Arbeitsmigration. Jetzt herrscht politisch Einigkeit, dass es mehr Tempo bei der Zuwanderung von Fachkräften geben muss. SPD-Bundestagsabgeordneter Lars Castellucci:

„Wir laufen einfach in den nächsten Jahrzehnten in eine ziemliche Flaute auf dem Arbeitsmarkt hinein. Es wird nur mit Fachkräften aus dem Ausland gehen, wenn wir unseren Wohlstand halten wollen, wenn wir sicherstellen wollen, dass auch in Zukunft noch irgendjemand von uns in den nachkommenden Generationen gepflegt wird. Und natürlich im Handwerk merkt das ja jeder, der irgendwo jemanden anrufen will, um irgendeine Kleinigkeit repariert zu bekommen, wie schwierig das geworden ist, ganz abgesehen von den großen Vorhaben im Koalitionsvertrag wie Wohnungsbau. Das geht ja nun auch nicht ohne Leute, die mit anpacken und es fehlt halt an allen Ecken und Enden.“

Zuwanderung von Fachkräften bleibt unverzichtbar

Einen Fachkräftebedarf von jährlich 400.000 Arbeitskräften rechnete die Bundesagentur für Arbeit im November für Deutschland vor. Einheimische Reserven gegen den Fachkräftemangel seien nahezu ausgeschöpft, sagte BA-Vorstand Detlef Scheele. Es gebe noch Teilzeitreserven, die man aktivieren könne, dazu Möglichkeiten Arbeitskräfte im eigenen Land zu qualifizieren. Die Zuwanderung von Fachkräften aber bleibe unverzichtbar, stellte Scheele gleich zum Start des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes klar.

„Das Beschäftigungswachstum der letzten Jahren wurde im Wesentlichen durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren getragen. Insbesondere aber durch die Zuwanderung. Ohne Migration wäre die Beschäftigung nicht in dem Umfang gestiegen, wie wir sie kennen. Ohne Ausländerbeschäftigung hätten wir diese Arbeitsplätze nicht generieren können. Die wären einfach gar nicht besetzt oder gar nicht entstanden. Und darum ist es der Zeit zu sagen, dass wenn da jemand sein Süppchen kocht, dann geht es zu Lasten der Gesamtbevölkerung und des Wohlstands dieses Landes.“

Jetzt ist die Ampelkoalition am Zug. Ihr Vorteil gegenüber der Großen Koalition ist, dass man sich im Prinzip einig ist, dass Einwanderung zu Arbeitszwecken nur ganz oder gar nicht geht. Die Richtung dürfte klar sein: Es geht um schlankere Abläufe, gleiche Regeln für alle, die hier arbeiten wollen und gute Ideen, damit das Ankommen in Deutschland auch auf Dauer gelingt.