Sonntag, 03. Juli 2022

Vor 25 Jahren
Als die Wiener Philharmoniker erstmals eine Frau aufnahmen

Lange hatten sie dem öffentlichen Druck getrotzt. Doch am 27. Februar 1997 nahmen die Wiener Philharmoniker mit der Harfenistin Anna Lelkes erstmals eine Frau in ihren Reihen auf. Heute sind 23 der 144 Positionen weiblich besetzt.

Von Günter Kaindlstorfer | 27.02.2022

Wurde 1997 als erste Frau bei  den Wiener Philharmonikern aufgenommen:  Die Harfenistin Anna Lelkes  hier 1995  in der Wiener Hofburg
Wurde 1997 als erste Frau bei den Wiener Philharmonikern aufgenommen: Die Harfenistin Anna Lelkes hier 1995 in der Wiener Hofburg (picture-alliance / dpa)
Die Wiener Philharmoniker unter Herbert von Karajan in den späten 1980ern – und die Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim im Jahr 2022: Hören Sie den Unterschied? Was anders ist: Inzwischen musizieren nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Dabei haben sich die Mitglieder des weltbekannten Klangkörpers, zugleich das offizielle Orchester der Wiener Staatsoper, jahrelang vehement dagegen gewehrt, Frauen aufzunehmen. Noch Mitte der 1990er-Jahre erklärte der damalige Orchestervorstand Werner Resel, ein Cellist, warum es für ihn undenkbar sei, dass es demnächst auch Philharmonikerinnen geben könnte:
"Wenn Sie sagen, Sie verstehen’s nicht: Es gibt schon ein ganz wesentliches Argument, das leicht verstanden wird, nämlich, dass man aufgrund der berechtigt strengen Schutzgesetze für Frauen in Österreich das Orchester aufstocken müsste. Wir müssten 20 bis 25 Personen mehr aufnehmen. Und das ist dann eine wahrlich künstlerische Frage: Da würde das Orchester zerfallen. So ein großes Orchester könnte man nicht mehr als Ensemble bezeichnen, das ist gänzlich unmöglich.“

Lange im Visier feministischer Kritik

Gar so unmöglich war es dann doch nicht. Nachdem der öffentliche Druck immer stärker geworden war – vor allem auch vonseiten feministischer Aktivistinnen in den USA, gaben die Wiener Philharmoniker schließlich nach: als eines der letzten großen Orchester der Welt. Am 27. Februar 1997 trat Wolfgang Schuster, der damalige Pressesprecher des Orchesters, vor die Kameras:
"Die heutigen Vollversammlungen des Staatsopernorchesters und der Wiener Philharmoniker haben beschlossen, dass ab sofort Chancengleichheit für Musiker beiderlei Geschlechts bei der Aufnahme in den ‚Verein Wiener Philharmoniker‘ besteht.“

Nur eine Vorzeigefrau?

Erste offizielle Philharmonikerin war die Harfenistin Anna Lelkes. Zur großen USA-Tournee des Jahres 1997 durfte die gebürtige Ungarin dann aber doch nicht mitfahren, wie der ORF aus New York berichtete:
Reporter: „Da bei ihren Konzerten in New York keine Harfe vorgesehen war, fehlte in der Carnegie Hall auch die erste Philharmonikerin. Für die Frauenorganisationen ist die Harfenistin Anna Lelkes ohnehin nur eine Vorzeigefrau.“
Aktivistin: „Die Ideologie des Orchesters ist auf dem Geschlecht aufgebaut und auf ethnischen Grundsätzen. Das ist das Furchterregende."
Reporter: „‘Lasst meine Mama spielen‘ war auf einem der Schilder zu lesen, auf denen etwa 50 Frauen vor der Carnegie-Hall friedlich demonstrierten. Das Konzert selber blieb ungestört und war ein großer Erfolg.“

Orchester ist heute zu einem Sechstel weiblich

Heute haben die Wiener Philharmoniker 144 Mitglieder – davon sind 23 Frauen. Eine davon ist die belgische Weltklasse-Harfenistin Anneleen Lenaerts. Für sie zähle allein die musikalische Qualität – und sonst nichts, erklärt die Musikerin:
"Ich habe immer das Gefühl, dass ich mich nicht darum kümmern will, ob ich jetzt gesehen werde als Frau oder als Mann. Ich will einfach meinen Job so gut wie möglich machen und dafür respektiert werden.“

Vorgespielt wird nun anonym und hinter Vorhang

Bei den Wiener Philharmonikern zähle ausschließlich das musikalische Können, betont der heutige Orchestervorstand Daniel Froschauer. Mitglied des Orchesters könne nur werden, wer sich bei einem Vorspiel durchsetze. Und diese Vorspiele finden ausnahmslos anonym statt, hinter einem Vorhang oder einem Paravent:
"Wenn wir uns für eine Frau entscheiden, entscheiden wir uns für eine Frau, weil sie am besten gespielt hat und weil sie gewonnen hat beim Probespiel – und nicht, weil sie eine Frau ist. Und das macht auch unsere Frauen im Orchester sehr stark.“
Dass Frauen bei den Wiener Philharmonikern musizieren, ist heute längst Routine. Die nächste genderpolitische Diskussion zeichnet sich allerdings schon am Horizont ab. In der offiziellen Bezeichnung des Orchesters – "Wiener Philharmoniker" – sind die Musikerinnen sprachlich nicht abgebildet. Wetten, dass da über kurz oder lang eine Debatte hochkochen wird?