Montag, 28. November 2022

30 Jahre Rostock-Lichtenhagen
Die Betroffenen-Perspektive gewinnt an Bedeutung

1992 mussten vietnamesische Vertragsarbeiter um ihr Leben fürchten - ein wütender Mob griff das Hochhaus in Rostock Lichtenhagen an, in dem sie wohnten. Die Aufarbeitung verlief schleppend. 30 Jahre später rückt die Opferperspektive nach vorn.

Von Anh Tran | 21.08.2022

Folgen der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992
Folgen der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992: Hunderte Gewalttäter hatten zuvor das Sonnenblumenhaus, ein Wohnheim, in dem sich über 100 Menschen befanden, mit Molotowcocktails in Brand gesteckt. (imago / Rex Schober)
Montag, der 24. August 1992. Es ist Nacht im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, keine 10 Kilometer vom Ostseestrand entfernt, steht ein Hochhaus mit großem Sonnenblumen-Mosaik in Flammen.
Auf der Wiese davor hatte sich seit Tagen ein gewaltbereiter Mob versammelt. Hunderte skandieren rechtsextreme, rassistische Parolen:
„Deutschland den Deutschen. Ausländer raus.“ Tausende schauten zu und applaudierten: „Die Leute hier unten haben noch gejubelt, wenn ein neuer Brandsatz ins Haus ging, wenn noch eine neue Stichflamme irgendwo aufging.“
„Auch, wenn es 30 Jahre her ist, bei mir sind die Bilder im Kopf. Das waren die zwei Stunden in meinem Leben, die die schwierigsten für mich gewesen sind.“ Wolfgang Richter war damals Ausländerbeauftragter der Hansestadt. Er beobachtet die unerträglichen Zustände vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylsuchende, kurz ZAST, seit Monaten. Es fehlen Unterbringungsmöglichkeiten und Personal, das Asylanträge zügig bearbeitet. Die Folge ist: draußen auf der Wiese, mitten im Wohngebiet, campieren Menschen bis zu einer Woche, vor allem rumänische Roma, die in Deutschland Asyl suchen.
Vorwiegend rumänische Asylbewerber laufen am 25.06.1992 in Rostock-Lichtenhagen zu bereitgestellten Bussen. Tagelang campierten im Juni 1992 vor der zentralen Asylanten-Aufnahmestelle (ZAST) für Mecklenburg-Vorpommern in Rostock-Lichtenhagen bis zu 130 Asylbewerber unter Balkonnischen oder freiem Himmel, weil das Heim mit 300 ausländischen Bürgern bereits hoffnungslos überfüllt war. Am 25.06.1992 endlich wurden sie mit Bussen in ein anderes Heim gebracht. Foto: Bernd Wüstneck | Verwendung weltweit
Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen 1992 (dpa-Zentralbild)
Sie haben kein Dach über dem Kopf, kein Geld und keine Toiletten. Ihre Notdurft verrichten sie im Wohngebiet. Es stinkt, Müll sammelt sich. Der Unmut bei der, wie man hier sagt, „Lichtenhägener“ Bevölkerung steigt.
Wenige Tage vor den Ausschreitungen am Sonnenblumenhaus erscheint auf der Titelseite der Lokalzeitung folgender Text:
„Anonymer Anrufer kündigt „heiße Nacht“ an. Gerät das Asylantenproblem außer Kontrolle?“
„…In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag wolle man in der Nähe der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen „Ordnung schaffen“. Er spreche für eine „Interessengemeinschaft Lichtenhagen“, die der angeblichen Untätigkeit des Senates überdrüssig, das Problem jetzt „auf eigene Weise“ lösen wollte…“ (Zitat)

Innenministerium greift trotz Warnung nicht ein

Richter nimmt Kontakt zur Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern auf. Er fordert vom Innenministerium einzugreifen:
„Wenigstens die Geflüchteten müssen von der Wiese weg, weil das ist der Anlass, der die Leute mobilisiert und wenn es gelingt, diesen Anlass zu beseitigen, dass es dann vielleicht auch gelingt, das, was hier zu erwarten ist, auch an möglicher Gewalt, dass das vielleicht noch zu verhindern oder zu minimieren wäre.“
Das Innenministerium antwortet: „Wir können die nicht ins Haus reinholen, weil dann würden wir diejenigen, die schon registriert, mit denen, die noch nicht registriert sind durcheinanderbringen und das können wir einfach nicht machen“
Richters Erkenntnis in diesen Tagen ist: „Dieser Spruch ‚Wenn ein Deutscher zwischen Unordnung und Unrecht entscheiden muss, dann entscheidet er sich für Unrecht‘, das ist mir hier plausibel vor Augen gekommen.“
Die Situation gerät außer Kontrolle. Zwar wurden die Geflüchteten aus der ZAST evakuiert und auf andere Einrichtungen des Landes verteilt, doch nun konzentrieren sich Hass und Gewalt auf die ehemaligen, vietnamesischen Vertragsarbeitenden nebenan. Überraschend zieht die Polizei an diesem Montag kurz vor 22 Uhr ab:
„Dann sah ich, dass plötzlich keine Polizei mehr ringsum zu sehen war. Und das Gegröle auf dieser Wiese immer lauter, immer stärker wurde und dass sie jetzt bis an das Haus ran konnten, ohne irgendein Hindernis zu haben. (ohne daran gehindert zu werden Brandsätze zu werfen oder über die Balkone in das Haus einzusteigen.“

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Löscharbeiten werden behindert

Freie Bahn für hunderte Gewalttäter. Sie werfen Steine und Molotowcocktails. Das Haus brennt. Die Menschenmenge vor dem Haus behindert die Löscharbeiten.
„Dass hier 140, 150 Leute in diesem brennenden Haus ohne Schutz gewesen sind, das ist einfach irre gewesen.“
Erst gegen 23 Uhr trifft die Polizei wieder ein. Wie durch ein Wunder überleben alle Menschen im Sonnenblumenhaus. Die vietnamesischen Vertragsarbeitenden werden in Notunterkünfte gebracht. Wolfgang Richter nimmt sich vor:
„Wenn du hier rauskommen solltest, dann musst du alles dafür tun, dass die, die das zu verantworten haben, auch zur Rechenschaft gezogen werden.“
Doch es kommt anders: „Mit dem Ereignis Rostock-Lichtenhagen habe ich eine sehr starke Abwehrreaktion, auch in der Stadtgesellschaft, wahrgenommen.“ Sagt Gudrun Heinrich, Politikwissenschaftlerin an der Universität Rostock mit den Forschungsschwerpunkten Politische Bildung und Rechtsextremismus. „Man kann auch sagen, ein wirklicher Diskurs, der die Verantwortung aufgearbeitet hat, hat nicht stattgefunden.“

Anfangs spielte Opferperspektive keine Rolle

Direkt nach dem Angriff, noch 1992 hatte sich vieles auf die Frage konzentriert: Wer hat Schuld? Es gibt zwei Untersuchungsberichte sowohl auf Landes- als auch auf Kommunalebene, hier geht es vor allem um die Verantwortung von Polizei und Politik.
Was damals keine Rolle spielt: die Perspektive der betroffenen Asylbewerber und Vietnamesen, bemängelt Stefanie Oster, Historikerin am Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“:
„Ich denke, das hat damit zu tun, dass den Gewalttäterinnen- und Tätern, gerade auch unmittelbar nach dem Pogrom, viel Verständnis entgegengebracht wurde und viel versucht wurde, um zu verstehen, warum sie sich beteiligt haben. Und in dieser Diskussion damals wurde das so verhandelt, dass eben die rassistischen Gewalttaten des großen Teils der Bevölkerung beweisen würden, dass eine Asylrechtsänderung notwendig wäre.“
Oster pflegt auf etwa zehn Quadratmetern ein kleines Archiv mit Zeitungsartikeln, Postern und anderen Dokumenten rund um das Thema Lichtenhagen. Sie spricht von einem „Pogrom“. Der Begriff entstand als Juden im zaristischen Russland verfolgt wurden. Im Zusammenhang mit den Ereignissen von Rostock-Lichtenhagen wird er öfters benutzt, ist aber auch umstritten. 

Bundesweite Debatte über Asylrechtsverschärfung

Worauf Oster abzielt, ist die hitzige Diskussion über eine Asylrechtsverschärfung Anfang der 1990er-Jahre. CDU und FDP sind dafür, SPD dagegen. Für eine Grundgesetzänderung braucht es im Bund allerdings eine Zweidrittelmehrheit und damit die Stimmen der Sozialdemokraten.
Kurz nach der Wiedervereinigung, zwischen 1990 und 1992, hatte sich die Zahl der Asylerst- und Folgeanträge auf über 400.000 verdoppelt. In den Ost-Bundesländern fehlen Strukturen und Personal, um Geflüchtete aufzunehmen. Die Behörden sind überfordert. Hinzu kommt die allgemeine Transformationsstimmung, erklärt Oliver Plessow, Historiker an der Universität Rostock mit Schwerpunkt Erinnerungsarbeit:
„Eine Zeit, wo plötzlich der Kalte Krieg vorbei scheint, wo vieles möglich scheint, wo plötzlich ein sehr großer Zukunftsoptimismus verbreitet wird, der dann aber sehr schnell umkippt.“
Rechte Gewalt sei allerdings kein reines ostdeutsches Phänomen: „Rostock Lichtenhagen wird sehr gerne auch oft mit der besonderen Situation in Ostdeutschland erklärt, gleichzeitig ist die Gewaltwelle zu Beginn der 1990er-Jahre ein gesamtdeutsches Phänomen.“

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Recht auf Asyl wird 1993 eingeschränkt

Rassistische Anschläge häufen sich in dieser Zeit und nicht alle enden so wie in Rostock, wo niemand zu Tode kommt. Bei einem Brandanschlag in Mölln, Schleswig-Holstein, nur wenige Monate nach Lichtenhagen, werden drei Menschen ermordet.
In Solingen sterben bei dem bis dahin folgenschwersten rassistischen Brandanschlag fünf Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte. Das älteste Opfer ist 27 Jahre alt, das jüngste vier.
Ende Mai 1993 einigt sich der Bundestag auf den sogenannten „Asylkompromiss“. Das Recht auf Asyl wird damit eingeschränkt.
Schon im September 1992, einen Monat nach Lichtenhagen, hatte Deutschland ein Rückübernahmeabkommen mit Rumänien unterzeichnet. Für die vorwiegend rumänischen Roma, die in Rostock Asyl beantragten, wird es damit im Prinzip unmöglich in Deutschland zu bleiben. Sie verschwinden lautlos aus dem Stadtbild und mit ihnen ihre Perspektive auf die Ereignisse von damals:
„Die Perspektiven der in der ZAST angegriffenen Geflüchteten sind bis heute eine große Leerstelle und die Leerstelle wird auch seit mehreren Jahren benannt, aber es gab bisher in unserer Wahrnehmung keine systematischen Versuche, diese Leerstelle zu überwinden und Kontakt zu den Betroffenen aufzunehmen.“

Forschungsprojekt: Betroffene in Aufarbeitung einbinden

Deswegen arbeitet Oster gerade an einem Forschungsprojekt, das erstmals versucht, Betroffene und Zeitzeugen in Rumänien einzubinden. Ein Punkt, der 30 Jahre nach Lichtenhagen immer noch unterbelichtet ist. Und dafür gibt es aus Sicht der Politikwissenschaftlerin Gudrun Heinrich eine einfache Erklärung:
„Das sind immer Machtfragen. Letztendlich gab es natürlich einen Diskurs, der das schon viel früher eingefordert hat, aber um städtisch Verantwortliche zu einer wirklichen öffentlichen Stellungnahme zu bringen, das ist eine Frage von Macht und Einfluss.“
Ein Beispiel für frühe Forderungen: Im Oktober 1992 besetzt eine jüdische Organisation zusammen mit Vertretern des Roma National Congress die Räume der CDU-Fraktion im Rostocker Rathaus. Sie wollen die Abschiebung der asylsuchenden Roma verhindern, brachten eine Gedenktafel am Rathaus an. Auf einem Protestbanner steht: „Germany, don’t forget history.“
Aber ohne Erfolg. Die Demonstrierenden müssen gehen, die Gedenktafel wird entfernt. Ein Replikat findet erst zum 20. Jahrestag wieder einen Platz am Rathaus.

Letzter Lichtenhagen-Prozess beginnt zehn Jahre danach

Auch die juristische Aufarbeitung gestaltet sich zäh. Der letzte Lichtenhagen-Prozess beginnt erst zehn Jahre nach den Ausschreitungen. Der ehemalige Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter:
„Der Richter erklärte: Ja, er hätte vorher immer wichtigere Fälle zu verhandeln gehabt.“
Richter tritt damals als Nebenkläger im Prozess auf. Als kleinen Erfolg zählt er die Anklage wegen versuchten Mordes… „…weil inzwischen ein obergerichtliches Urteil vorhanden war, das sagt, wenn Brandsätze auf Wohnhäuser geworfen werden, egal, ob man weiß, ob Menschen drin sind oder nicht, ein Angriff mit Brandsätzen auf Wohnhäuser hat immer eine Tötungsabsicht.“
Doch die drei Angeklagten müssen keine Gefängnisstrafen absitzen. Sie können wohl ohnehin nur symbolhaft für den Gewaltmob stehen und kommen mit Bewährungsstrafen davon. Die Aufarbeitung sei „grandios gescheitert“, so Wolfgang Richter:
„Weil es eben keine Übernahme von politischer Verantwortung gegeben hat, weil die Verurteilung - siehe dieses Gerichtsverfahren zehn Jahre danach in Schwerin - zögerlich passiert ist, dass eben auch gerade Aufarbeitung in Polizei und Politik, wie es dazu kommen konnte, nur sehr zögerlich war.“
Es sei kompliziert, sagt Oliver Plessow von der Uni Rostock: „Rostock hadert durchaus mit seinem Gedenken. Das merkt man immer wieder. Das ist ein Reibepunkt. Das ist ein Problempunkt. Das ist schwierig. Da weiß man nicht, wie man mit umgehen soll."
Erst 2012 beginnt allmählich ein Umdenken in der Stadtgesellschaft. „Nach 20 Jahren sind auch die aktiven Verantwortungsträger überwiegend aus ihren Ämtern ausgeschieden. Das ist praktisch eine neue Generation, unabhängig von der politischen Zugehörigkeit, die dann auch nicht befürchten muss, selber dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.“20

Wille zum Gedenken - mit großer Verspätung

Und so entsteht 20 Jahre nach den rassistischen Ausschreitungen auf Beschluss der Bürgerschaft eine „Arbeitsgruppe Gedenken“ mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Sie ruft einen Kunstwettbewerb aus für ein dezentrales Denkmal, das in der Stadt entstehen soll.
Zum 25. Jahrestag werden fünf Gedenkstelen eingeweiht: vor dem Rathaus, dem Sonnenblumenhaus, der Polizeidirektion, dem Sitz der Ostsee-Zeitung und in der Nähe des ehemaligen „Jugend-Alternativ-Zentrums“. Politikwissenschaftlerin Gudrun Heinrich hat an der Auswahl des Gedenkkonzepts mitgewirkt:
„Die Idee dieses dezentralen Gedenkens war eben nicht zu zeigen, an welchen Orten ist hier etwas passiert, sondern wo sind Gruppierungen, Menschen, die Verantwortung hätten tragen sollen oder getragen haben, die in Verbindung mit diesem Ereignis stehen.“
Doch Kritiker bemängeln bereits kurz nach der Einweihung: Die Betroffenen-Perspektive fehle erneut. Und so steuert ein privater Verein ein Jahr später eine weitere Gedenkstele bei und schenkt sie der Stadt. Die Skulptur mit dem Namen „Empathie“ ist den Betroffenen des Pogroms von 1992 gewidmet. Auch daran zeigt sich das Hadern der Stadt, sagt Historiker Plessow:
„Es gibt auch viele Ängste, etwas falsch zu sagen, etwas falsch zu machen. Und es gibt ganz starke Forderungen immer: Ihr gedenkt nicht genug.“

Vietnamesische Arbeitende nehmen Selbstorganisation in die Hand

Immerhin hat sich eine Gruppe erfolgreich eine Stimme im städtischen Diskurs erkämpft: Die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitenden gründeten bald nach dem Angriff auf sie den Verein „Diên Hông“.
Thinh Nguyen, Sozialarbeiter im Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein Dien Hong in der Hansestadt Rostock, vor dem Hochhaus in Rostock-Lichtenhagen
Thinh Nguyen, Sozialarbeiter im Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein Dien Hong in der Hansestadt Rostock, vor dem Hochhaus in Rostock-Lichtenhagen (imago / Christian Ditsch)
„Das Ziel war es damals, nach diesen Erlebnissen von 1992 irgendwie eine Selbstorganisation zu haben, sich selbst zu stärken. Die eigene Situation auch selbst in die Hand zu nehmen und mitzugestalten.“ Sagt Susanne Düskau, aus dem Vorstand von Diên Hông. Damals sei es viel weniger um Gedenk- und Erinnerungskultur gegangen, sondern viel mehr um existentielle Fragen:
„Ich denke, das hat damit zu tun, wie die Zivilgesellschaft damals beschaffen war und auch die Community. Die waren eben in einer absoluten Nische drin. Es ging eigentlich um existenzielle Fragen: Kann ich hierbleiben? Muss ich zurückgehen? Wo kann ich wohnen? Bin ich jetzt schon illegal?“

Schweigen in der vietnamesischen Community - aus Selbstschutz

Heutzutage wollen nur wenige vietnamesische Zeitzeugen von damals über das Erlebte sprechen. Sie kämpften anders, erklärt Tanh Van Vu, die zusammen mit Düskau im Vorstand sitzt:
„Sie machen es nach ihrer Art. Sie sind nicht laut zu sagen: Ich bin ein Opfer, mir muss jemand helfen. Sie machen es umgekehrt: Sie helfen sich selbst.“
Sie haben sich erfolgreich ein Leben in Deutschland aufgebaut. 1997 gewinnen ehemalige Vertragsarbeitende aus Vietnam die Auseinandersetzung um ihr Bleiberecht. Sie gründen Familien. Das Leben geht weiter.
Die meisten wollen nicht immer wieder mit dem Ereignis in Verbindung gebracht werden. Nicht immer wieder alte Traumata hervorholen: "Es gibt viele Sachen, die haben sie niemanden erzählt und selbst, wenn man nur diese Fragen stellt, dann kocht alles hoch und dann wollen sie nicht.“
Doch das Schweigen der Community gestaltet die Gedenkarbeit oft schwierig. Gerade veranstaltet Diên Hông regelmäßige Gesprächskreise, die einen Raum für Zeitzeugen und Lichtenhägener Anwohner bieten soll.
Es gebe nur ein Problem, so Tanh Van Vu: „Wie schaffe ich das, wenn die Leute überhaupt nicht darüber sprechen. Wenn sie seit 1992 die Strategie haben irgendwie zu überleben. Es ist für mich schwer von Aufarbeitung zu sprechen, wenn selbst die Betroffenen überhaupt nicht darüber sprechen. Wie kann ich das machen?“
Während man in Rostock noch nach Antworten sucht, hat sich auch die bundespolitische Perspektive auf die Aufarbeitung rassistischer Gewalttaten verändert.

Erinnerungsarbeit aus der Perspektive der Betroffenen

Reem Alabali-Radovan ist seit Februar dieses Jahres die erste Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung. Die SPD-Politikerin kam als Geflüchtete mit ihrer Familie Ende der 1990er-Jahre selbst nach Mecklenburg-Vorpommern:
„Wir hatten, als unser Asylantrag anerkannt wurde, die Möglichkeit, uns auszusuchen, wo wir in Mecklenburg-Vorpommern wohnen möchten. Das war 1996 und die Erinnerung an Rostock-Lichtenhagen war ganz aktuell noch und das war der entscheidende Grund, warum meine Eltern gesagt haben: Wir gehen nicht nach Rostock. Dort ist es nicht sicher.“
Ihre Erfahrungen von damals, haben auch Einfluss auf ihre Arbeit heute. Gedenken und Erinnerungsarbeit sei für sie daher eine staatliche Aufgabe. Dafür hat sie sich vorgenommen:
„Die Betroffenen und Beteiligen selbst an einen Tisch zu bringen und gemeinsam zu entscheiden, wie man gemeinsam erinnert und vor allem nicht immer die Täterperspektive einzunehmen. Das hat sich nach Hanau stark auch geändert, dass man an die Opfer gedenkt und nicht immer die Täter in den Vordergrund stellt.“
Gehört dazu auch Opfer rassistischer Gewalt zu entschädigen? Darauf antwortet Alabali-Radovan vorsichtig: „Die Frage, die diskutiert wird, sind Entschädigungen, aber auch die Frage: Was machen wir, wenn die Menschen, wenn die Angehörigen nicht mehr arbeiten können, weil sie natürlich zutiefst traumatisiert sind? Die Frage der Absicherung, auch die Frage nach Renten wird da diskutiert.“
Konkrete Pläne für solche Renten oder Absicherungen gebe es aber bisher nicht. Dagegen fordert die Anti-Rassismusbeauftragte des Bundes einen grundsätzlichen Umbruch in der Gesellschaft beim Thema Erinnerungskultur.
In Rostock arbeiten zivilgesellschaftliche Initiativen wie Diên Hông für ein lebendiges Erinnern, das wird auch nach diesem 30. Jahrestag weitergehen, selbst wenn es manchmal schwierig erscheint: „Wir geben nicht auf.“