Montag, 28. November 2022

Olympia-Attentat von München 1972
Ankie Spitzer: "Wollen eine Entschädigung, die nicht lächerlich ist"

50 Jahre nach der Geiselnahme während der Olympischen Spiele von München ist der Streit um die Entschädigung gelöst. Ankie Spitzer, Sprecherin der Hinterbliebenen, erhob vor der Einigung im Deutschlandfunk schwere Vorwürfe gegen Deutschland.

Von Matthias Friebe | 25.08.2022

Bundespräsident Gustav Heinemann hält seine Ansprache während der Trauerfeier im Olympiastadion am 06.09.1972. Palästinensische Terroristen waren am 05.09.1972 in das Olympische Dorf eingedrungen und hatten mehrere Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln genommen. Während der Geiselnahme wurden mehrere der Geiseln ermordet.
Bundespräsident Gustav Heinemann hält seine Ansprache während der Trauerfeier im Olympiastadion am 06.09.1972. (picture alliance / dpa Iopp-Pool / dpa Iopp-Pool)
Update | 31.08.2022: Im Streit um Entschädigungszahlungen zwischen den Hinterbliebenen des Olympia-Attentats und der Bundesregierung ist es zu einer Einigung gekommen. Das bestätigte am Mittwoch der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) der Deutschen Presse-Agentur. Der Jurist hatte zusammen mit Kollegen einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei die Hinterbliebenen in den Verhandlungen vertreten. Wie die dpa aus Regierungskreisen erfuhr, war zuletzt eine Entschädigungssumme von 28 Millionen Euro im Gespräch gewesen. Davon sollte der Bund 22,5 Millionen, das Land Bayern fünf Millionen und die Stadt München 500 000 Euro tragen. Laut Baum hätten sich die Hinterbliebenen auch bereit erklärt, "unter den neuen Umständen" an der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag am 5. September teilzunehmen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Israels Präsident Izchak Herzog werden teilnehmen.
Der Schmerz sitzt noch immer tief. „Ich hätte ihnen schon längst vergeben, aber sie waren immer so absurd demütigend.“ Ankie Spitzer ist die Sprecherin der Hinterbliebenen des Olympia-Attentats von 1972. Der Bundesrepublik Deutschland macht sie immer noch schwere Vorwürfe.
„Sie haben uns angelogen, haben mich beschimpft. Sie sagten mir, geh nach Hause, kümmere dich um dein Baby, geh zu Hause weinen. Ich sagte: ‚Ich weine nicht hier, und Sie sagen mir nicht, wo und ob ich weinen soll.‘ Und bei all diesen Leuten, bei all diesen Behörden, hatten noch in den 90er Jahren, es tut mir leid, aber ich muss es so sagen, die Meisten ihre Füße in Deutschlands dunkler Vergangenheit.“
Die Verletzungen sind tief, die Ankie Spitzer und die Hinterbliebenen jetzt schon fünfzig Jahre tragen. Am 5. September entführen palästinensische Terroristen die israelische Delegation bei den Sommerspielen von München. Darunter auch Spitzers Mann, den Fechttrainer Andre Spitzer. Elf Israelis, fünf Geiselnehmer und ein Polizist sterben. Ein schwarzer Tag, für die olympische Bewegung, für Gastgeber Deutschland und natürlich auch für Israel.
„Diese Sache, September 1972, hat eine Symbolwirkung, weil dort eben nicht nur Palästina vs. die Israel eine Rolle gespielt hat, sondern das Dreieck Israel, Deutschland und Palästina“, erklärt Historiker Moshe Zimmermann von der Universität Jerusalem. Jetzt, da sich der 50. Jahrestag nähert, rückt mehr und mehr die noch immer ungelöste Frage der Entschädigung in den Mittelpunkt. Bis jetzt gibt es keine Einigung, der Ton in der Debatte wird so kurz vor diesem besonderen Jahrestag und der geplanten Gedenkstunde in Fürstenfeldbruck rauer.

"Eine Zeremonie, um das nationale deutsche Gewissen zu beruhigen?"

„Ich habe Bundespräsident Steinmeier gefragt, ob sie die Zeremonie nur abhalten werden, um das nationale deutsche Gewissen zu beruhigen.“ Scharfe Töne von Ankie Spitzer im Deutschlandfunk-„Sportgespräch“. Die Gedenkstunde muss ohne die Hinterbliebenen und ihre Familien auskommen. „Das ist unsere endgültige Entscheidung, denn wir haben das Gefühl, dass der Missbrauch und die Art und Weise, wie wir behandelt werden, nicht aufgehört haben“, bekräftigt Spitzer noch einmal. Mit 200 Personen wollte man ursprünglich zur Gedenkstunde kommen, darunter die Familien der Opfer, aber auch die aktuelle Olympia-Mannschaft.
„Aber jetzt habe ich es storniert, das ganze Flugzeug und auch die 150 Hotelzimmer, die wir in München dafür reserviert haben, weil sich nichts geändert hat. Ich sagte, warum sollte ich in München stehen? Um mich zu bedanken? Bei wem? Wofür?“
„Diese Haltung ist völlig nachvollziehbar“ für Ludwig Spaenle von der CSU. Er ist Antisemitismusbeauftragter in Bayern. „Es ist natürlich zu bedauern, dass es so weit gekommen ist. Wenn man peinliche Verwandte loswerden würde, dann gibt man ihnen auf der Hintertreppe Geld, so ist die Wahrnehmung.“

Bisher 4,6 Millionen Euro als humanitäre Hilfsleistung

Vor einigen Tagen hatte Spaenle in einem Zeitungsinterview bereits laut über eine Absage der Veranstaltung nachgedacht, sie dürfe nicht zur Groteske werden. Dazu ist es bisher aber noch nicht gekommen. Im Mittelpunkt des Streits steht vor allem die finanzielle Entschädigung, die noch immer ausbleibt. Insgesamt 4,6 Millionen Euro sind bis jetzt zwar geflossen, aber nicht als Entschädigung mit deutschem Schuldeingeständnis, sondern deklariert als humanitäre Hilfsleistung. Weil auch jetzt, 50 Jahre danach, die Meinungen darüber meilenweit auseinanderliegen, wie hoch eine angemessene Entschädigung wäre, kommt es zum Eklat, zum Fehlen der Familien in München. Historiker Zimmermann kritisiert das Fernbleiben.
„Meines Erachtens ist es geschmacklos, wenn nur deswegen, wegen der Frage der Entschädigung die Gedenkstunde ausfällt.“
„Herr Zimmermann, Sie haben nicht 50 Jahre gekämpft, um überhaupt erstmal Informationen darüber zu bekommen, was geschehen ist. Sie wurden nicht behandelt wie… Solche Worte möchte ich im Radio lieber nicht benutzen“, schäumt Ankie Spitzer förmlich darüber, dass Moshe Zimmermann die Entschädigung als relativ marginale Frage im großen Zusammenhang des Gedenkens an den 5. September 1972 einordnet.  Einer Einordnung bedarf auch immer noch die gescheiterte Geiselbefreiung und die Fehler, die Deutschland für die Zeit vor, während und nach dem Attentat vorgeworfen werden.
„Wir haben Staatsversagen vorliegen“ erklärt Bayerns Antisemitismusbeauftragter Spaenle inzwischen im Deutschlandfunk. „Wir haben einen internationalen Terroranschlag im widerwärtigen Kalkül derer, die diesen Anschlag vorbereitet haben auf deutschem Boden.“
Hier benutzt er das entscheidende Wort für die Angehörigen: internationaler Terroranschlag. Denn darum geht es auch bei der Frage nach der Höhe der Entschädigungen. Die Angehörigen der Opfer des Terroranschlags von Lockerbie hätten 10 Millionen pro Person bekommen, erklärt Ankie Spitzer. Sie will nicht sagen, wieviel die Angehörigen fordern, für die sie spricht:
„Wir reden nicht über Zahlen. Wir wollen, dass Sie Verantwortung übernehmen, und Verantwortung hat ihren Preis, und der Preis ist eine Art von Entschädigung, die akzeptabel ist und nicht lächerlich.“

Neues Angebot aus Deutschland

Es gibt ein neues Angebot aus Deutschland. Der neue Botschafter in Israel, Steffen Seibert, unterbreitete den Angehörigen nach Deutschlandfunk-Informationen weitere 5,4 Millionen Euro. Zu Israels Präsidenten Yitzchak Herzog habe sie gesagt, so Spitzer:
„Das ist kein Witz, das ist eine Beleidigung und ich bin nicht mehr bereit, weitere Beleidigungen zu ertragen.“ Sie seien nicht gierig, sagt Ankie Spitzer, es gehe um eine Entschädigung für die Kinder und Enkel der Opfer. „Ich habe Präsident Steinmeier gesagt, er soll keine Bettler aus uns machen, denn wir sind es nicht. Wir fragen nur nach einer Entschädigung.“

Mögliche Präzedenzwirkung bei neuem Angebot

Man habe ihr auch mitgeteilt von Seiten deutscher Behörden, dass die Höhe letztlich nicht das Problem sei, sondern eher eine Präzedenzwirkung, weil man Sorge hat, das Opfer anderer Anschläge in Deutschland bis hin zu den Opfern des Holocausts ähnliche Forderungen stellen könnten. Diese Sorge teilt CSU-Politiker Spaenle nicht.
„Das ist eine andere Dimension.  Übrigens auch, was die rechtliche Einordnung angeht. Die Anwaltschaft zieht hier auch völkerrechtliche Grundlagen heran, die eben eine Präzedenzfallwirkung für andere Fälle auszuschließen meiner Beurteilung nach in der Lage wäre.“
Eine Gedenktafel mit den Namen der israelischen Sportler, die während der Olympischen Spiele in München bei einer Geiselnahme getötet wurden, steht vor dem Haus an der Connollystraße 31. In diesem Haus, in dem die israelische Mannschaft einquartiert war, begann am 05. September 1972 die Geiselnahme in deren Verlauf elf Sportler, ein Polizist und die fünf palästinensischen Geiselnehmer getötet wurden.
Eine Gedenktafel mit den Namen der israelischen Sportler im Olympischen Dorf von 1972. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Die Frage nach der finanziellen Entschädigung ist ungelöst, wie auch zwei weitere Forderungen der Angehörigen: das Öffnen der Archive und eine öffentliche Entschuldigung. Diese letzten beiden Forderungen, habe Frank-Walter Steinmeier ihr zugesagt, berichtet Ankie Spitzer im „Sportgespräch“. Rund um den Jahrestag soll es auch zu einem Treffen mit ihm kommen. Auch das war in der Organisation nicht ohne Komplikationen, soll aber bald über die Bühne gehen. „Ich habe ihn gebeten nach dem 5. September zu kommen, wir werden ihn mit Respekt empfangen. Er muss nicht vorher kommen.“