Donnerstag, 26. Januar 2023

Expedition vor 150 Jahren
Als die HMS Challenger zur Erforschung der Tiefsee aufbrach

Die Challenger-Expedition zur Erforschung der Tiefsee markiert den Beginn der modernen Ozeanforschung – und sie inspirierte viele weitere Entdeckungsreisen. Ihr Start vor 150 Jahren, am 21. Dezember 1872, verlief aber holprig.

Von Dagmar Röhrlich | 21.12.2022

Die erste Seite aus Lieutenant Pelham Aldrichs Tagebuch zeigt das Segelschiff HMS Challenger. Aldrich diente auf der Challenger von 1872 bis 1875.
Die erste Seite aus Lieutenant Pelham Aldrichs Tagebuch zeigt das Segelschiff HMS Challenger. Aldrich diente auf der Challenger von 1872 bis 1875. (imago / United Archives International)
"Endlich ist es soweit: Die letzte Kiste mit wissenschaftlicher Ausrüstung ist an Bord, das letzte Lebewohl gesagt, ein Schlepper dreht unseren Bug: Volle Kraft voraus – hurra, wir sind auf Weltreise."

Die Entdeckung der Tiefsee

Leutnant George Granville Campbell war froh, dass es endlich losging. Am 21. Dezember 1872 lief die HMS Challenger aus Portsmouth aus. Ihre Aufgabe: die Erforschung der Tiefsee.

"Vor ungefähr 150 Jahren gab es erhebliche Zweifel, ob in der Tiefsee überhaupt Leben möglich ist. Tatsächlich postulierte Professor Edward Forbes von der Universität Edinburgh anhand von Proben, die er zusammen mit seinen Studenten im Mittelmeer entnommen hatte, dass es unterhalb von 500 Metern kein Leben mehr gibt."
Porträtzeichnung des schottischen Forschers und "Challenger"-Expeditionsleiters Sir Charles Wyville Thomson
Der schottische Forscher und "Challenger"-Expeditionsleiter Sir Charles Wyville Thomson (picture alliance/Mary Evans Picture Library)
Doch die Hinweise darauf, dass es anders sein könnte, mehrten sich, erzählt Monty Priede, emeritierter Meeresforscher von der Universität Aberdeen:
"Es wurden eine Reihe von Expeditionen in den Nordostatlantik organisiert, um die Tiefsee zu untersuchen. Und überall, wo sie suchten, fanden sie Tiere verschiedener Art. Dies führte zu der großen Challenger-Expedition, die dreieinhalb Jahre lang um die Welt reiste und im Grunde eine grobe Tiefenkarte der Ozeanbecken erstellte. Man entdeckte, dass die durchschnittliche Tiefe etwa 4.000 Meter beträgt und dass man überall, wo man hinschaut, Lebensformen findet."

Vom Kriegsschiff zum Forschungsschiff

Die HMS Challenger war ein ehemaliges Kriegsschiff und musste für die Expedition erst umgebaut werden. 20 der 22 Kanonen waren entfernt und ersetzt worden durch Laboratorien. An Deck standen unterschiedlichste, speziell für den Tiefseeeinsatz entwickelte Geräte für Probenentnahmen und Messungen. Noch nie war eine wissenschaftliche Expedition so teuer gewesen und so gut ausgerüstet worden. Doch ihr Start war holprig. Der schwere Sturm während der ersten Etappe nach Lissabon setzte allen an Bord zu. Campbell schrieb:

"Schiff rollt wie verrückt – Schlaf minimal – Wissenschaftler seekrank – irgendwas zu essen? – Geschirr zerbricht – ein absolutes Elend."

Bis heute beeindruckende Forschungsergebnisse

In der Tiefsee trawlen, loten, Temperatur messen, Wasserproben nehmen oder Dredschen, also mit einem Stahlrahmen und einem Sack Proben vom Meeresboden kratzen – das bedeutete viele Stunden eintöniger Knochenarbeit für die Besatzung.
Doch die wissenschaftlichen Ergebnisse, die auf der rund 70.000 Seemeilen langen Fahrt durch fast alle Weltmeere gewonnen wurden, sind bis heute beeindruckend: die Fülle an Daten über die Tiefe der Ozeane, über Strömungen, Temperaturen und Wasserchemie. Als die HMS Challenger am 24. Mai 1876 zurückkehrte, waren ihre Lagerräume zum Bersten voll mit gesammelten Tieren und Pflanzen. Der Chefwissenschaftler der Challenger Expedition Charles Wyville Thomson notierte:

"563 Kisten, darin 2.270 große Glasbehälter mit Exemplaren in Alkohol, 1.749 kleinere verkorkte Flaschen, 1.860 Glasröhrchen und 176 Zinndosen, alle mit Exemplaren in Alkohol. 180 Zinnbüchsen mit getrockneten Exemplaren und 22 Fässer mit Exemplaren in Salzlake."

Es sollte Jahrzehnte dauern, ehe das Material ausgewertet war. 4.717 neue Arten wurden entdeckt – und für die damalige Zeit eine ganz wichtige Erkenntnis – das Rätsel um "Bathybius haeckelii" wurde gelöst, das einfachste mögliche Lebewesen, dessen Existenz der Evolutionstheoretiker Ernst Haeckel vorhergesagt hatte.
Bei früheren Expeditionen glaubte man, diesen Urschleim im Tiefseeschlamm gefunden zu haben. Doch nun konnte man keine frischen Exemplare dieses Urschleims entdecken. Es war der Chemiker John Young Buchanan, der schließlich nach endlosen Stunden über dem Mikroskop den Grund fand: „Bathybius haeckelii“ war ein Artefakt, ausgelöst durch den Alkohol, den man zur Konservierung auf den Schlamm schüttete: Das Bindeglied zwischen „Ding und Sein“ war nichts anderes als ein Gel aus fein verteilten Gipsteilchen.
Die Challenger-Expedition markiert den Beginn der modernen Ozeanforschung – und sie inspirierte viele weitere Entdeckungsreisen in den folgenden Jahren –  allen voran die deutsche Valdivia-Expedition von 1898.