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StartseiteInterview„Priorisierung wurde danach festgelegt, wo der Nutzen am höchsten ist“ 19.12.2020

Corona-Impfverordnung „Priorisierung wurde danach festgelegt, wo der Nutzen am höchsten ist“

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel, glaubt nicht, dass es mittel- und langfristig zu wenig Impfstoff geben wird. Im Dlf-Interview verteidigte der CDU-Politiker die von Gesundheitsminister Jens Spahn festgelegte Reihenfolge bei den Impfungen.

Erwin Rüddel im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Blick auf Behandlungsstationen im Impfzentrum Frankfurt. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
In einem ersten Schritt sollen zuerst die Hochrisikogruppen mit dem Wirkstoff versorgt werden (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Verordnung unterzeichnet, die den Rahmen für bald geplante Impfungen gegen das Coronavirus schafft. Festgelegt wird darin, dass Bund und Länder den zunächst nur begrenzt vorhandenen Impfstoff in einer festgelegten Reihenfolge einsetzen sollen. Als erstes sollen demnach über 80-Jährige, Bewohner und Personal in Pflegeheimen und ambulante Pflegekräfte sowie Gesundheitspersonal mit sehr hohem Infektionsrisiko - etwa in Intensivstationen, Notaufnahmen und Rettungsdiensten geimpft werden. Zur Gruppe 2 gehören dann über 70-Jährige und unter anderem Menschen mit Trisomie 21, Demenz oder einer geistigen Behinderung. Die von Spahn festgelegte Priorisierung bei der Impfreihenfolge ist jedoch nicht unumstritten.

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Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel, verteidigte im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, die Impfverordnung des Gesundheistministeriums. Die Reihenfolge bei der Priorisierung sei danach ausgesucht worden, wo der Nutzen am höchsten ist. "Und der Nutzen ist da am höchsten, wo der Tod und schwerste Erkrankungen vermieden werden. Und das sind nun mal die Menschen in Pflegeeinrichtungen und die, die diese Menschen direkt versorgen", sagte der CDU-Politiker.

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Rüddel betonte, dass Deutschland am 21. Dezember die erste reguläre Zulassung eines Impfstoffen bekommen werde – "keine Notzulassung, wie in allen anderen Ländern". Für den 6. Januar erwartet der Gesundheitsexperte die Zulassung des Moderna-Impfstoffs in der EU. "Und ich glaube, da kommen noch einige dazu."

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Rüddel zeigte sich daher zuversichtlich, das langfristig eine ausreichende Anzahl an Impfdosen zur Verfügung stehen wird: "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nach ein, zwei Monaten die vulnerabelste Risikogruppe geimpft haben und dass das dann noch vor Ostern deutlich in die Breite geht", so Rüddel. Er gehe davon aus, "dass wir bis zum Sommer das Gros der Menschen, die sich impfen lassen wollen, geimpft haben. Ich hoffe, dass es dann 60 Prozent sind und dass dann eine Herdenimmunität gegeben ist und der Fluch der Pandemie dann endlich beendet ist."


Das Interview in voller Länge: 

Stephanie Rohde: In den USA wird schon geimpft, nun ist mit Moderna ein weiterer Impfstoff zugelassen – ist es richtig, dass die EU weiterhin wartet?

Erwin Rüddel: Wir werden am Montag die erste Zulassung, die erste reguläre Zulassung bekommen, keine Notzulassung wie in allen anderen Ländern. Für uns ist sehr wichtig, dass wir Sicherheit und Vertrauen und Qualität schaffen, damit möglichst viele Menschen sich diese Impfchance nicht entgehen lassen. Andere sind vielleicht ein bisschen schneller, ich glaube, wir sind die Ersten mit einer regulären Zulassung.

Rohde: Sie sagen, möglichst viele Menschen sollen sich diese Impfchance nicht entgehen lassen, gleichzeitig gibt es Berichte vom "Spiegel", dass die EU und auch die Bundesregierung viel mehr Impfstoff hätte kaufen können, also statt den 200 Millionen Dosen hätte man offenbar 500 Millionen gleich in der ersten Runde bestellen können. Warum hat die Bundesregierung nicht dafür gesorgt, dass mehr bestellt wird?

Rüddel: Ich sag jetzt mal, der Bericht ist geschrieben worden über das, was im Sommer entschieden worden ist, also im Nachhinein. Man hat als Grundlage genommen Risikostreuung. Letztendlich hat man mit sechs Unternehmen Verträge abgeschlossen. Man wusste zur damaligen Zeit nicht: Wie wird sich der Preis entwickeln, wie wird sich die Wirkung oder auch die Nebenwirkung entwickeln, und wie schnell ist die jeweilige Firma auf dem Markt und mit welchen Mengen? Man ist hingegangen und hat überlegt, wie man Risiken streuen kann, und das war die Entscheidung.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Rohde: Genau, aber jetzt, Sie sprechen von Impfchance, und die Frage ist ja schon, gibt es diese Impfchance überhaupt oder muss die Bundesregierung eingestehen, dass es viel zu wenig Impfstoff geben wird mittelfristig und langfristig?

Rüddel: Das glaube ich nicht. Wir werden in dieser Priorisierung die Impfchance einräumen und ermöglichen, und ich bin sehr zuversichtlich, dass sich die Dinge wesentlich positiver, also was Mengen angeht, entwickeln werden. Wir haben jetzt am Montag die Zulassung hoffentlich von dem Impfstoff von Biontech, am 6. Januar wird auch bei uns in der EU, wenn alles gut läuft, der Moderna-Impfstoff zugelassen, dann gibt es noch Astrazeneca. Ich war vor einigen Monaten bei der Eröffnung der Produktionsanlage bei Sanofi, da wird produziert oder wurde produziert, Sanofi ist ein bisschen – da hat es jetzt ein paar Probleme gegeben, das wird jetzt etwas länger dauern. Aber man müsste sich ja jetzt nur vorstellen, wir hätten auf Sanofi gesetzt, dann würden wir erst wahrscheinlich im Herbst mit dem Impfen anfangen. Curevac – also ich glaube, da kommen auch noch einige dazu …

Richtige Entscheidungen beim Ankauf von Impfstoffen

Rohde: Genau, aber man kann sich ja schon fragen, Entschuldigung, warum jetzt darauf gehofft wird, dass andere Impfstoffentwickler – Sie haben es gerade genannt, AstraZeneca und Sanofi – es schaffen, wenn man schon bei den großen Unternehmen richtig viel hätte einkaufen können, die ja die klinischen Studien erfolgreich beendet haben.

Rüddel: Zum damaligen Zeitpunkt hatten die die Studien nicht beendet, und man konnte nicht abschätzen, wie sich die Wirkung entwickelt. Hätten wir uns auf Biontech allein verlassen, hätten wir jetzt Glück gehabt, es hätte sich aber auch anders entwickeln können, dass die Wirkung vielleicht nur die Hälfte von dem ist, was sich bei anderen Impfstoffentwicklern dargestellt hätte. Ich sage jetzt mal, es war Vorsicht geboten bei der Zulassung, jetzt Qualität, und im Sommer, als die Entscheidung getroffen werden musste, in Unsicherheit, da hat man einfach gesagt, wir setzen auf viele Pferde, und eins wird schon durchkommen oder mehrere werden durchkommen.

Ich glaube, es sind in den jeweiligen Situationen die richtigen Entscheidungen getroffen worden. Die hätten besser sein können, wenn man mehr gewusst hätte, aber zum damaligen Zeitpunkt wusste man nicht mehr. Ich bin der festen Überzeugung, so wie es der Minister gesagt hat, dass wir nach ein, zwei Monaten die vulnerabelste Risikogruppe geimpft haben und dass das dann noch vor Ostern deutlich in die Breite geht und dass wir bis zum Sommer das Gros der Menschen, die sich impfen lassen wollen, geimpft haben. Ich hoffe, dass das dann 60 Prozent sind und dass dann eine Herdenimmunität gegeben ist und dass dann endlich der Fluch der Pandemie beendet ist.

Rohde: Da sagt jetzt der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, dass diese Hoffnung, dass eben 60 Prozent der Bevölkerung bis dahin geimpft werden, auch bedeutet, dass bis dahin der Impfstoff von Astrazeneca zugelassen ist. Der allerdings hat nur eine Wirksamkeit vermutlich von 60 bis 70 Prozent. Ist das nicht alles ein bisschen riskant, auf so einen Impfstoff zu setzen, der dann möglicherweise auch gar nicht so wirksam ist?

Rüddel: Zweifel kann man immer schüren, die gibt es auch immer, und wenn man in der Situation ist, dass man entscheiden muss, dann muss ich auch unter gewisser Unsicherheit entscheiden. Ich kann nicht immer auf Sicherheit warten, dann bin ich sozusagen der Letzte und brauche eventuell gar keine Entscheidung mehr zu treffen. Die Entwicklung wird so sein, jetzt zuerst in den Pflegeeinrichtungen, dann wird es Anfang Januar losgehen in den Impfzentren. Je mehr Impfstoff wir bekommen, desto mehr kann auch in den Arztpraxen geimpft werden, dezentral. Das halte ich für den besten Weg, weil hier auch Menschen aufeinandertreffen, die sich kennen – Arzt und Patient. In einigen Wochen, vielleicht in zwei Monaten, zweieinhalb Monaten, werden wir mehrere Impfstoffe zur Verfügung haben, sodass auch im Arzt-Patient-Gespräch nicht über einen Impfstoff und über das Impfen mit dem Impfstoff geredet wird, sondern dass man da eine größere Auswahl hat.

Größter Nutzen der Impfung bestimmt Reihenfolge der Priorisierung

Rohde: Ja, aber Herr Rüddel, können Sie versprechen, dass es keine Engpässe geben wird?

Rüddel: Versprechen kann ich das nicht, aber wir werden alles, alles dransetzen, dass es die ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gibt. Das heißt, im Moment – deshalb haben wir ja die Impfverordnung und die Priorisierung – haben wir Engpässe, und die werden immer kleiner werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir im Mai, Juni unter vielen Impfchancen letztendlich auch unterschiedliche Impfstoffe mit unterschiedlichen Wirkungen, auch Nebenwirkungen … Wir werden auch vom ersten Tag an begleiten, wie sich ein Impfstoff im Körper entwickelt. Hier wird es Apps geben, hier wird es natürlich die Rückmeldungen aus den Impfteams geben, sodass man immer mehr weiß und immer mehr Sicherheit und Orientierung den Menschen beim Impfen geben kann.

Rohde: Herr Rüddel, Sie haben es gerade auch schon angesprochen, wer jetzt geimpft wird, also diese Impfpläne von Jens Spahn. Da beklagen sich die Hausärztinnen und Hausärzte unter anderem, die sagen, wir haben direkten Kontakt zu hochinfektiösen Personen und werden nicht vorrangig geimpft. Hat Jens Spahn falsche Prioritäten gesetzt?

Rüddel: Man muss immer Kompromisse machen, und wir werden Lösungen finden.

Rohde: Aber Kompromisse machen bei denjenigen, die an der vordersten Front kämpfen.

Rüddel: Die Reihenfolge bei der Priorisierung ist danach ausgesucht worden, wo der Nutzen am höchsten ist, und der Nutzen am höchsten ist da, wo der Tod und schwerste Erkrankung vermieden wird. Das sind nun mal die Menschen in Pflegeeinrichtungen und die, die diese Menschen direkt versorgen.

Rohde: Ja, genau, aber in diesen Pflegeeinrichtungen, vor allen Dingen in Altenheimen, da wird jetzt schon gesagt, die Pläne sind völlig realitätsfremd, weil zwei Drittel der Heimbewohnerinnen und -bewohner dort demenzkrank sind und die Dokumente überhaupt nicht unterschreiben können für diese Impfung. Also hat Jens Spahn da einfach an der Praxis vorbei gearbeitet?

Rüddel: Nein, wenn die die Dokumente nicht unterschreiben können, dann haben die Angehörige oder Betreuer, die das für sie machen können. Ich kenne es aus meinem Umfeld, dass bereits seit etwa einer Woche in Rheinland-Pfalz diese Unterlagen versendet worden sind. Ich sag jetzt mal, man kennt immer die Reaktionen aus einer gewissen Szene, und wir erinnern uns ja noch sehr deutlich, als es um die Masken ging, die drei Masken und die zwölf Masken im nächsten Jahr, FFP2, über Apotheken. Am Anfang hatten die Apotheker große Sorgen, und im Moment nehme ich nicht wahr, dass es hier größere Probleme gibt, weil auch entsprechende Regelungen in Apotheken getroffen worden sind, dass diese Mehrarbeit auch entsprechend finanziell abgefedert wird und es organisatorische Hilfestellungen gibt.

Ich bin der felsenfesten Überzeugung, wenn wir in den Arztpraxen impfen können – und das wird nicht am 1. Januar sein, sondern das wird nach meiner Einschätzung eher in Richtung März gehen, Ende Februar, März –, dann werden wir für die niedergelassenen Ärzte Regelungen haben, mit denen die zufrieden sind. Ich habe das mit meinem Hausarzt besprochen, und der hat diese Probleme nicht gesehen, sondern der hat gesagt, dann machen wir Sonderschichten, dann werden wir Wochenenden durcharbeiten, damit wir möglichst viele Menschen geimpft bekommen. Es wird immer Menschen geben, die Situationen kritisieren, ich habe das Gefühl …

Rohde: Genau, Herr Rüddel, aber ich würde da gerne noch mal bei bleiben.

Rüddel: … , dass die meisten das positiv sehen, sich nur nicht so laut melden.

Auch pflegende Angehörige werden schnell geimpft

Rohde: Ich würde da gerne noch mal bei bleiben, weil Sie auch gesagt haben, diejenigen, die jetzt wirklich schwere Verläufe haben oder besonders gefährdet sind, die müssen geschützt werden, aber wie sinnvoll ist das, wenn man dann die pflegenden Angehörigen nicht impft. Das ist doch ein lückenhafter Schutz letztlich im Umfeld von genau den Alten und Kranken, die geschützt werden sollen.

Rüddel: Diese pflegenden Angehörigen sind auch sehr früh dabei. Vor den pflegenden Angehörigen sind es die pflegenden Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen, die in häusliche Umgebung fahren. Also zuerst die stationären, dann die ambulanten Pflegebedürftigen und dann zuerst die Menschen, die sie pflegen, weil ein Aufenthalt in der Häuslichkeit von den Experten als nicht so gefährlich gesehen wird wie der Aufenthalt von Pflegebedürftigen in einer Gemeinschaft. Das ist alles nach einem mathematischen Modell festgelegt worden. Da, wo die Sterblichkeit am höchsten war und ist, die werden zuerst geimpft. Das, was jetzt als Verordnung vorliegt, ist sozusagen mathematisch hinterlegt nach dem Nutzen und nach Ethik, und beim Nutzen ist die Vermeidung von schwerster Erkrankung und Tod der Standard gewesen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Anmerkung der Redaktion: Das Hauptbild des Beitrags wurde gegen das Bild eines Frankfurter Impfzentrums ausgetauscht.

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