Dienstag, 24. Mai 2022

Verteilungskampf ums Grundwasser
Der große Durst

2,2 Milliarden Menschen weltweit, darunter 450 Millionen Kinder, haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Deutschland ist im globalen Vergleich mit üppigen Wasservorkommen gesegnet. Trotzdem wird Wasser auch hier zunehmend zur umkämpften Ressource - auch weil ein Drittel der Grundwasserkörper stark verschmutzt sind.

Von Tom Schimmeck | 26.12.2021

Tanklastwagen mit entsprechender Aufschrift übernehmen die Frischwasserversorgung von Haushalten in Dschuba/Südsudan
Aufgrund der fehlenden technischen Infrastruktur in der südsudanesischen Hauptstadt besorgen Tankwagen die Zulieferung von Frischwasser. (picture alliance / ZB / Matthias Tödt)
Kein sauberes Wasser, das können wir uns kaum vorstellen. Und dennoch: 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Rund 785 Millionen Menschen haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Trinkwasser. Betroffen sind vor allem Menschen oder Familien in den ärmeren Regionen der Welt – und dort vor allem in den ländlichen Gebieten.
Grafik zeigt Fakten über Wasser
Fakten über Wasser (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Dabei sind mehr als zwei Drittel der Erde von Wasser bedeckt, allerdings sind nur weniger als drei Prozent davon trinkbar. Und dieses Trinkwasser ist zudem sehr ungleich verteilt. Besonders in Afrika, Lateinamerika und Asien herrscht vielerorts dramatische Wasserknappheit. Schätzungsweise 3,6 Milliarden Menschen leben heute in Gebieten, die mindestens einen Monat pro Jahr extrem wasserarm sind. Laut einer aktuellen Untersuchung von UNICEF leben weltweit mehr als 1,42 Milliarden Menschen in Gebieten mit insgesamt hoher oder extrem hoher Wasserunsicherheit, darunter 450 Millionen Kinder.

Serie "Statistik & Story" – Statistiken und die Geschichten dahinter


Manuskript

„Da müssen wir einmal um den Teich rum. Dies ist hier ein Regenrückhaltebecken. Die Straßenabwässer, die jetzt hier in Hanstedt anfallen, die laufen hier zuerst in dieses Regenrückhaltebecken rein. Wir bezeichnen das als Dorfteich. Und dann fließen sie weiter in die Schmale Aue.“
Hanstedt, eine Gemeinde in der Lüneburger Heide. Gerhard Schierhorn steht auf einer Brücke, unter der die Schmale Aue hindurchplätschert. Es ist sein letzter Tag als Bürgermeister. Der rührige Mann ist auch Vorsitzender der IGN, der Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide, die sich seit über 40 Jahren für eine umweltverträgliche Wasserförderung stark macht. Vor allem die Stadt Hamburg bedient sich seit den 1980er-Jahren gern und reichlich am kühlen, sauberen Nass in den Tiefen der Heide.
Ein blaues Schild mit der Aufschrift "Wasserschutzgebiet" steht vor einem Feld, im Hintergrund sind einige Häuser zu sehen.
Ein blaues Schild mit der Aufschrift "Wasserschutzgebiet" steht vor einem Feld, im Hintergrund sind einige Häuser zu sehen. (picture-alliance/ dpa | Harry Melchert)
Über die Jahrzehnte hat Hamburg enorme Mengen Grundwasser abgepumpt, einige hundert Millionen Kubikmeter. Schierhorn spottet über die geschäftstüchtigen Hanseaten Wasserwerker, die dem Land für jeden hier abgepumpten Kubikmeter nur den sogenannten „Wasserpfennig“ zahlen – aktuell 15 Cent. „Das rechnet sich also für die Hamburger Kaufleute.“ Denn von ihren Hamburger Kunden nehmen sie 1,79 Euro – netto. Bei minimalen Kosten für Transport und Aufbereitung.
„Das Heidewasser ist eben klar, rein, sauber, man braucht es kaum aufbereiten, weil die Eiszeiten dafür gesorgt haben, dass wir in großen Tiefen hier, in 200 bis 300 Meter Tiefe, riesige Wasservorräte haben.“ Ein Spitzenprodukt der Natur. Kein Nitrat, keine Pestizide, kein Mikroplastik, keine Süßstoffe, keine Arzneimittelrückstände. „Nichts von alledem ist hier in der Nordheide zu finden.“

Wer verbraucht welches Wasser?

„Wasser ist die Grundlage allen Lebens. Es ist überlebenswichtig – für uns Menschen und für die Natur…“ Per Video erklärt das Bundesumweltministerium die neue „nationale Wasserstrategie“. Es geht um die Auswirkungen des Klimawandels – mehr Trockenheit und Hitze, aber auch Unwetter, der Hochwasserschutz, die Aufrechterhaltung der Binnenschifffahrt oder der Zustand der oft überalterten Trinkwasser- und Kanalnetze.
Grafik zeigt Wasserversorgung in Deutschland
Öffentliche Wasserversorgung in Deutschland - wer verbraucht wie viel? (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
„Die mengenmäßig wichtigsten anthropogenen Wassernutzungen in Deutschland sind die Wasserentnahmen des verarbeitenden Gewerbes, der öffentlichen Wasserversorgung, der Energieversorgung, des Bergbaus und der Landwirtschaft,“ heißt es in den „Fachinformationen zur Nationalen Wasserstrategie“ des Umweltbundesamtes vom Juni 2021. „Diese Nutzergruppen haben im Jahr 2016 zusammen rund 24 Milliarden Kubikmeter Wasser aus den Grund- und Oberflächengewässern entnommen; circa fünf Milliarden Kubikmeter hiervon als Wasser für die öffentliche Wasserversorgung.“
Wir trinken vor allem Grundwasser. Neben den Menschen sind der Bergbau, die Energieversorger, das verarbeitende Gewerbe und die Landwirtschaft durstig. Wobei – das ist die gute Nachricht – der Verbrauch tendenziell rückläufig ist. Die Industrie hat bessere Wasserkreisläufe geschaffen, auch in den Haushalten wird weniger gezapft.

Die Energiewende wird Wasser einsparen

„1991 verbrauchte jeder Deutsche pro Tag noch 144 Liter Wasser, 2016 waren es noch 123 Liter.“ Gegenwärtig nutzt allein die Energieversorgung mehr als die Hälfte des in Deutschland entnommenen Wassers, meist zu Kühlzwecken. Die Prognose: Der Ausstieg aus Kohle- und Atomstrom wird den Wasserverbrauch rapide senken.
„Durch den Umbau des Energiesystems wird eine deutliche Reduzierung der Kühlwasserentnahmen um 50 bis 60 Prozent bis 2030 und 70 bis 85 Prozent bis 2050 erwartet.“ Im globalen Vergleich ist Deutschland eine hydroklimatische Insel der Seligen. Wasser ist reichlich da: "Auf 188 Milliarden Kubikmetern pro Jahr beläuft sich in Deutschland das potenzielle Wasserdargebot.“
So der Fachbegriff für die Menge des theoretisch nutzbaren Grund- und Oberflächenwassers. In die Berechnung fließen der Niederschlag, die Verdunstung, die Grundwasserbildung, die Zuflüsse nach und die Abflüsse aus Deutschland ein. Je nach Witterung schwankt dieses Dargebot beträchtlich. Im Hitzejahr 2018 etwa fielen die erneuerbaren Wasserressourcen deutlich niedriger aus.

Nur zweieinhalb Prozent der globalen Wasservorräte sind Süßwasser

Aber wie kann es auf dem blauen Planeten Erde Wassermangel geben? Zunächst, weil es sich nur bei 2,5 Prozent der globalen Wasservorräte um Süßwasser handelt. Von dem wiederum der Großteil unzugänglich ist – das Eis der Gletscher und der Antarktis. Nur gut ein Prozent des Süßwassers bilden Oberflächengewässer wie Flüsse und Seen. Die restlichen 30 Prozent sind Grundwasser – die wichtigste Wasserquelle der Menschheit.
„Zwischen 1900 und 2010 wuchs die Weltbevölkerung um das 4,4-fache. Ihr Wasserverbrauch stieg nach Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen in diesem Zeitraum um mehr als das Siebenfache.“
Zudem ist das Dargebot auf der Welt bekanntlich höchst ungleich verteilt. In Finnland ist es weit höher als in Spanien. Laut Weltwasserbericht 2018 der Vereinten Nationen haben nahezu alle Länder zwischen dem 10. und 40. nördlichen Breitengrad ein Wasserproblem. Die Erderhitzung wird die Lage weiter verschärfen.
Im Zeitraum der Jahre von 2010 bis 2019 (Stand Oktober) wurden durch das Pacific Institute insgesamt 466 Wasserkonflikte erfasst. Die meisten Konflikte gab es in Asien und Ozeanien (288).
Im Zeitraum der Jahre von 2010 bis 2019 (Stand Oktober) wurden durch das Pacific Institute insgesamt 466 Wasserkonflikte erfasst. Die meisten Konflikte gab es in Asien und Ozeanien (288). (Statista / Pacific Institute)

Welt im Wasserstress

Das Wasser auf der Erde bewegt sich in einem Kreislauf, es kann nicht aufgebraucht werden wie zum Beispiel fossile Brennstoffe. Dennoch ist die nachhaltig nutzbare Menge Wasser begrenzt. Grundwasser speist Flüsse und Bäche, Quellen, Oasen, Ufervegetation und wichtige damit verbundene Ökosysteme. Es verhindert das Eindringen von Meerwasser und die Landabsenkung. Ziel Nr. 6 der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung lautet:
„Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung bis 2030.“
Das Erreichen dieses Ziels liegt aktuell in sehr weiter Ferne. Petteri Taalas, Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie WMO: „Laut unserer Schwesterorganisation FAO leiden bereits zwei Milliarden Einwohner unseres Planeten unter großem Wasserstress. Es mangelt an Trinkwasser und auch an Wasser für die Landwirtschaft.“
Ein im Oktober 2021 veröffentlichter Bericht der WMO zeigt, dass auch im Bereich Wasser die Extremereignisse zunehmen. In  den letzten 20 Jahren gab es viel mehr Überflutungen. „Und zugleich sehen wir, dass die Zahl und Dauer der Dürren ansteigen.“
Zwei Bauern stehen vor einem toten Kamel, aufgenommen im Juni 2017, während einer Nahrungsmittelverteilung in Yaa Sharbana im Norden Kenias
Dürre im Norden Kenias: nicht nur die Menschen, auch die Tiere sind betroffen. (picture alliance / Helmut Fohringer / APA / picturedesk.com)
Starkregen und Fluten können das paradoxe Ergebnis haben, dass das Grundwasser weiter abnimmt. Weil das Wasser schnell abfließt, statt in den Boden zu sickern. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung UFZ zeigt etwa im Osten Deutschlands trotz eines regenreichen Jahres immer noch enorme Wasserdefizite in tieferen Schichten. Im Norden Sachsen-Anhalts etwa.

Millionen von Brunnen könnten versiegen

Im April 2021 präsentieren Forscherinnen und Forscher der University of California Santa Barbara eine globale Bestandsaufnahme der Grundwasserversorgung. Analysiert wurden Daten über ungefähr 39 Millionen Brunnen in 40 Ländern. Der Befund: „Millionen von Brunnen auf der ganzen Welt könnten bereits bei einem moderaten Rückgang des Grundwasserspiegels versiegen.“
Anschauliche Folgen fanden sich ganz in der Nähe: Den Wasser-Raubbau im kalifornischen San Joaquin Valley. Der Kampf ums Grundwasser ist hier längst offen ausgebrochen. Auf der einen Seite mächtige Farmer und ihre Versorger, auf der anderen ärmere Kommunen, denen buchstäblich das Wasser abgegraben wird. Schon jetzt fallen im dürregeplagten Kalifornien Jahr für Jahr viele Brunnen trocken.

Grundwasser und Konzerne

„In der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie steht ganz klar, dass Wasser keine übliche Handelsware ist, sondern ein ererbtes Produkt, das geschützt und verteidigt werden muss. Und dann kann es unseres Erachtens nicht sein, dass hier dieses wertvolle Tiefengrundwasser, noch dazu zu einem Spottpreis, einem internationalen Konzern zum Verkauf überlassen wird“, sagt Karsten Riggert, Aktivist der Initiative „Unser Wasser“ im Städtchen Lüneburg.
Die Bürgerinitiative hat mit einem speziellen Problem zu kämpfen: Der Weltkonzern Coca-Cola pumpt hier aus zwei Brunnen bis zu 350.000 Kubikmeter Grundwasser pro Jahr ab.
Man stelle am Standort Lüneburg seit über 40 Jahren Getränke her, lässt Coca-Cola per E-Mail wissen, mit etwa 170 Mitarbeitenden. Es ist einer von bundesweit 14 Produktionsstandorten des Konzerns. Hinter dem Zaun sieht man Werkshallen und hoch aufgetürmte Berge von Getränkekisten. Eine Fahne, die für die Wassermarke Vio wirbt, quietscht im Herbstwind.
Coca Cola Werk in Lüneburg
Das Coca-Cola-Werk in Lüneburg (Deutschlandradio/Tom Schimmeck)
Der Verbraucher greife begierig zu, heißt es in der E-Mail: "Deshalb planen wir, einen wasserrechtlichen Antrag für die Entnahme von Wasser an einem zusätzlichen dritten Brunnen im Landkreis Lüneburg einzureichen. Dieser ist wichtig, damit wir bei Nachfragespitzen im Sommer eine stabilere Wasserversorgung haben und auch zukünftig weiter wachsen können.“ Coca-Cola plant, seinen Grundwasserkonsum zu verdoppeln. „Coca-Cola erschließt einen dritten Brunnen in Lüneburg“, verkündet ein Firmenvideo.
„Bis zum Ende des letzten Jahres zahlte Coca-Cola für einen Kubikmeter 9 Cent.“ Also 0,009 Cent pro Liter, rechnet Marianne Temmesfeld von „Unser Wasser“ vor. „Ab Januar 2021 18 Cent pro Kubikmeter. Verkauft hat Coca-Cola das Wasser für das etwa 9000-fache. Wobei das natürlich jetzt Rohdaten sind und man ehrlicherweise sagen muss: Selbst wenn es nur 4.500-mal so viel ist, ist es ein gigantischer Profit, den Coca-Cola hier macht. Wobei man noch so nebenbei sagen muss, dass die Gewinne ja bisher nicht hier versteuert wurden, sondern wer weiß auf welchen winzigen Inseln in irgendwelchen Meeren der Welt.“
In einem Firmenvideo des Konzerns heißt es: „Uns bei Coca-Cola ist es ein Anliegen, mit allen Interessierten sachlich zu diskutieren und transparent über die Aspekte des Brunnenbaus zu informieren. Wir freuen uns auf den Austausch.“ Vor das Mikrofon allerdings möchte Coca-Cola nicht treten. „Leider können wir aktuell – auch aufgrund extrem dünner Personaldecke und gerade startendem Weihnachtsgeschäft – Tonaufnahmen bei uns nicht möglich machen.“

Wasseraktivisten vernetzen sich

Warum Lüneburg? Karsten Riggert: „Ja, weil das Wasser hier besonders köstlich ist, etwas Besseres gibt es nicht. Das ist ein Schatz, der ist tausende von Jahren alt, anthropogen völlig unbelastet – da finden sie keinerlei Röntgenkontrastmittel oder Pflanzenschutzmittel drin. Dieses Wasser könnte man als Säuglingsnahrung verwenden. Also, es ist sozusagen die Crème de la Crème der Gewässer.“
Karsten Rigger und Marianne Temmesfeld
Karsten Rigger und Marianne Temmesfeld (Deutschlandradio/ Tom Schimmeck)
Die Aktivisten von „Unser Wasser“ haben sich mit Initiativen in Frankreich vernetzt, die gegen Grundwasserentnahmen von Konzernen wie Nestlé und Danone angehen. Nestlé pumpt sein Vittel-Wasser in den Vogesen aus der Tiefe. Danone, Eigentümer der Weltmarke Volvic, befüllt in 15 Produktionslinien im Département Puy-de-Dôme bis zu 7 Millionen Flaschen pro Tag. Wasser ist ein Milliardengeschäft.
Die französische Nationalversammlung setzte im Februar 2021 eine „Untersuchungskommission zur Kontrolle der Wasserressourcen durch Privatinteressen und deren Folgen“ ein. Dort kamen Firmenvertreter zu Wort, aber auch Experten, die über Besitzverhältnisse und Eingriffsmöglichkeiten der Öffentlichkeit sprachen. Etwa die Rechtsprofessorin Aurore Chaigneau von der Universität Paris-Nanterre, die transparentere Strukturen und eine Rückkehr des Staates beim Management des Gemeingutes Wasser verlangt:
„In Vittel wurde die Vertragsgestaltung von einer Tochtergesellschaft des Mineralwasserabfüllers entwickelt. Sie hat ihre eigene wirtschaftliche und finanzielle Logik, aber vor allem ist es ihr gelungen, mit Unterstützung der Muttergesellschaft eine sehr starke Kontrolle über das Territorium zu erlangen.“

Deutschland hat ein Nitratproblem

Rundfunkbericht 1953: „Das Grundwasser ist hier leider verunreinigt, weil man jahrzehntelang den Abbrand, Abfälle, Schwefelsäure, Ferrit und alles möglich abgekippt hat.“ Ein Bericht von 1953 aus Karlsruhe. Auch in Deutschland sind Verknappung und Verschmutzung des Grundwassers schon seit Jahrzehnten ein Thema. „Wir müssen vermuten, dass es zurückzuführen ist auf eine relativ starke Düngung der landwirtschaftlich genutzten Flächen.“
Die Grafik erläutert den Entstehungsprozess von Nitrat
Die Grafik erläutert den Entstehungsprozess von Nitrat (picture-alliance / dpa-infografik)
Anfang der 80er wuchs das grüne Bewusstsein. Man fand Phenol, chlorierte Kohlenwasserstoffe, Herbizide, Pestizide und immer mehr Nitrat im Grundwasser. Seit 1981 schreibt eine EU-Richtlinie vor, den Nitratgehalt von 90 auf 50 Milligramm pro Liter abzusenken. Das ist in Deutschland vielerorts bis heute nicht erreicht. Im Sommer 2021 rügte die EU-Kommission erneut die deutsche Düngeverordnung.
Die EU überwacht Qualität und Menge der Oberflächengewässer und des Grundwassers heute an über 130.000 Messstellen. Das Gros ist in gutem Zustand. Doch vor allem die industrielle Landwirtschaft schädigt das Grundwasser.
Auch Trockenheit gab es schon früher. Etwa im hessischen Ried, einst eine Sumpflandschaft. Bereits in den 1970er-Jahren sorgten dort fallende Grundwasserstände für Forstschäden und staubige Äcker. Weil die Region große Teile des Rhein-Main-Gebietes mit Trinkwasser versorgt.
„Wer zu viel Wasser an einer Stelle fördert, der senkt den Grundwasserspiegel flächendeckend ab“, sagt Gerhard Schierhorn, der Wasserexperte aus dem Heidedorf Hanstedt. „Und genau das ist in der Nordheide passiert: Auf ungefähr 700 Quadratkilometern hat sich der Grundwasserspiegel um zehn Zentimeter bis zu einem, bis zu zwei Metern abgesenkt. Das ist nicht überall problematisch. Aber da, wo die Landschaftsökosysteme, die Vegetation sich auf hohe Grundwasserstände eingestellt hat, da ist eine Grundwasserabsenkung immer kritisch.“
IGN Vorsitzender Gerhard Schierhorn
IGN Vorsitzender Gerhard Schierhorn (Deutschlandradio/Tom Schimmeck)
Moore fallen trocken, Flüsse führen kein Wasser mehr. Ihre Zuläufe rund um Hanstedt sind plötzlich verschwunden. „Das bedeutet, dass durch diese Kumulationswirkung von Klimawandel und Grundwasserentnahme viele Zuläufe, viele kleine Bäche, jetzt dauerhaft trocken sind.“

Ein Drittel der Grundwasserkörper in Deutschland sind stark belastet

Doch warum können Behörden das Abpumpen des Gemeinguts Wasser nicht einfach untersagen? „Die Genehmigung von Grundwasserentnahmen ist sozusagen gar nicht verhinderbar. Jeder, der einen Bedarf an Wasser hat, so wie hier die Stadt Hamburg, der kann einen Antrag stellen. Der muss nur nachweisen, dass der Bedarf da ist.“
Selbst im Grundwasserparadies Deutschland spitzen sich also die Verhältnisse zu. Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung konstatiert: „Mindestens ein Drittel der Grundwasserkörper in Deutschland sind heutzutage so belastet, dass sie nur mit großem Aufwand, wenn überhaupt, zu Trinkwasser genutzt werden können.“
Auf der Forderungsliste der Experten zur Rettung des Grundwassers stehen: Das Entsiegeln von Flächen, die Renaturierung von Bächen, nachhaltigere Anbaumethoden, eine bessere Regelung der Wassernutzung, eine effizientere Ausfilterung von Chemikalien. Und: Viel mehr Forschung.