Dopingverdacht im Schwimmen
Was den Fall China und das Verhalten der WADA sonderbar macht

Enthüllungen der ARD-Dopingredaktion weisen auf positive Dopingtests in Chinas Schwimm-Elite hin, die möglicherweise vertuscht wurden. Der Aufschrei ist groß, die chinesische Anti-Doping-Agentur (CHINADA) und die Welt-Anti-Doping-Agentur sind im Verteidigungsmodus. Der Überblick über einen bemerkenswerten Fall.

Von Julian Tilders | 23.04.2024
    Die chinesische Star-Schwimmerin Zhang Yufei hält stolz ihre Goldmedaillen bei den 19. Asienspielen im September 2023 in die Kamera.
    Auch sie wurde Anfang 2021 als eine von Schwimmerinnen und Schwimmern laut einem streng geheimen CHINADA-Bericht bei einem nationalen Wettkampf positiv auf das Herzmedikament Trimetazidin getestet: Zhang Yufei. Doch Konsequenzen gab es keine, nicht einmal eine eigene, unabhängige Untersuchung der WADA. (IMAGO / Xinhua / IMAGO / Du yu)
    Systematisches Doping hat im Weltsport eine unrühmliche Tradition. Im DDR-Staatsdoping wurde einst mit verbotenen Mitteln und Methoden gearbeitet, aber auch die Freiburger Sportmedizin in der Bundesrepublik und später im vereinten Deutschland war für das Doping von Athletinnen und Athleten aus mehreren Disziplinen verantwortlich. Groß war der internationale Aufschrei, als die ARD-Dopingredaktion um Investigativjournalist Hajo Seppelt 2014 das russische Staatsdoping-System aufdeckte.
    Zehn Jahre später gibt es neue Enthüllungen der ARD-Dopingredaktion in Zusammenarbeit mit der New York Times. Diesmal geht es um mutmaßliches Doping in China. Der Film "Die Akte China" berichtet über einen Massendoping-Verdacht und den fragwürdigen Umgang der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) damit.
    Was wissen wir bisher?
    Welche offenen Fragen gibt es?
    Wie argumentiert die WADA?
    Wo sind Bruchstellen der WADA- und CHINADA-Argumentation, was wird kritisiert?
    Was sagt China zu den Massendoping-Vorwürfen?
    Wie genau wirkt das Herzmittel Trimetazidin?

    Was wissen wir bisher?

    Nach Recherchen der ARD-Dopingredaktion und der New York Times sind für 23 chinesische Spitzenschwimmerinnen und -schwimmer Anfang 2021 bei einem nationalen Wettkampf in China positive Dopingtests auf das verbotene Herzmittel Trimetazidin folgenlos geblieben. Später starteten 13 der 23 positiv Getesten im Sommer 2021 bei den Olympischen Spielen und holten in Tokio unter anderem dreimal Gold und zweimal Silber.
    Die chinesische Anti-Doping-Agentur (CHINADA) nahm die Fälle Anfang 2021 auf. Die CHINADA lieferte in einem streng geheimen Bericht, der der ARD vorliegt, auch eine Erklärung für die positiven Dopingtests: In der Küche des Hotels der Schwimmerinnen und Schwimmer müsse es eine unverschuldete Lebensmittelverunreinigung – eine Massenkontamination des Essens – gegeben haben. Im Dunstabzug, in Gewürzcontainern und im Abfluss seien bei einer eigenen Untersuchung der Hotelküche gut zwei Monate später, inmitten der Corona-Pandemie, Spuren des Dopingmittels gefunden worden.
    Diese Untersuchung führte laut CHINADA-Bericht das Ministerium für Öffentliche Sicherheit durch – ein Arm der staatlichen Überwachung Chinas mit Geheimdienstbefugnissen. Die positiven Dopingproben wurden zwei Monate nach dem nationalen Wettkampf (noch regelkonform) ins WADA-Meldesystem eingetragen. Und die WADA schenkte dieser chinesischen Erklärung für die positiven Befunde Glauben. Sie leitete erst gar keine eigenen, unabhängigen Ermittlungen ein, machte die positiven Tests nicht öffentlich.
    Unter den 2021 positiv getesteten Sportlerinnen und Sportlern sind zahlreiche Schwimm-Stars: Zhang Yufei, die auch Mitglied des Nationalen Volkskongresses ist, wurde später Doppel-Olympiasiegerin, auch Wang Shuan und Yang Junxuan siegten später in Tokio. Und Qin Haiyang wurde zum Weltschwimmer des Jahres 2023.
    Zusätzlich brisant: Auch zu diesem Zeitpunkt noch minderjährige Athleten und Athletinnen wurden laut des geheimen Reports damals positiv getestet: Yu Yiting, Wang Yichun (beide damals 15 Jahre alt) und Chen Juner (16).

    Welche offenen Fragen gibt es?

    Der Fall wirft viele Fragen auf. Etwa wird im CHINADA-Dokument zwar der wissenschaftlich durchaus haltbare Hergang einer Lebensmittelverunreinigung, die die positiven Dopingtests nach sich zog, erklärt. Doch nirgendwo wird erwähnt, wer das Herzmedikament Trimetazidin mit sich geführt und auf welchem Weg genau in die Hotelküche gebracht haben könnte. Ebenfalls völlig unklar bleibt, wie das Mittel dann in einem nächsten Schritt noch bei der Zubereitung überhaupt ins Essen (oder die Gewürzboxen) gelangen konnte.
    Die CHINADA schrieb in ihrem Bericht außerdem, die Konzentration des Mittels bei den positiven Dopingtests sei sehr gering gewesen, die Kontamination sei wohl auf Bruchteile einer Tablette zurückzuführen. Die ARD-Dopingredaktion ließ das in einem Experiment wissenschaftlich überprüfen. Die Experten kamen zum Schluss: Eine Abspaltung einzelner Partikel von einer Pille sei sehr unwahrscheinlich. Fritz Sörgel, Professor für Phamakologie in Heroldsberg, sagte dem Investigativteam um Hajo Seppelt: "Die niedrigen Konzentrationen (...) können eigentlich nur so entstanden sein, dass das Dopingmittel schon Wochen zuvor verabreicht wurde."
    Die Recherchen legen den Verdacht einer Vertuschung der Fälle nahe – unter Mitwissenschaft und dem Schweigen der WADA, die nicht adäquat auf den chinesischen Bericht reagiert und keine eigenen Ermittlungen eingeleitet habe.

    Wie argumentiert die WADA?

    Die Reaktion der WADA auf die Enthüllungen der ARD und der New York Times: erstmal Selbstverteidigung. Von Selbstkritik oder Aufklärungswille, wieso keine unabhängigen Ermittlungen aufgrund des Dopingverdachts durchgeführt wurden, gab es erstmal keine Spur. Die WADA bestätigte zwar die positiven Befunde. Doch Präsident Witold Banka verneinte in seiner ersten Reaktion mögliche Fehler seiner Organisation und betonte, das Vorgehen sei einwandfrei gewesen, die Analysedaten hätten keine eigenen Ermittlungen gerechtfertigt. Es gebe "keine glaubwürdigen Beweise für ein Fehlverhalten".
    Dennoch hat die WADA jetzt eine unabhängige Untersuchung des Falls angekündigt: Es wird der ehemalige Schweizer Staatsanwalt Eric Cottier als unabhängiger Staatsanwalt eingesetzt, der die Vorwürfe untersuchen soll. Dazu soll er Zugang zu allen Akten und Unterlagen bekommen und darf unabhängige Experten zu Rate ziehen. Erste Ergebnisse werden von ihm nach zwei Monaten erwartet. Zusätzlich will die WADA ein Compliance-Team nach China entsenden, um den aktuellen Stand des Anti-Doping-Programms des Landes dort zu untersuchen.
    Grundsätzlich gibt es durchaus enge Beziehungen zwischen China und der WADA. Vizepräsidentin Yang Yang ist Chinesin, war als aktive Sportlerin im Shorttrack für ihr Land erfolgreich. Darüber hinaus ist ein chinesischer Sportartikelhersteller Großsponsor der WADA und auch des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

    Wo sind Bruchstellen der WADA- und CHINADA-Argumentation, was wird kritisiert?

    Die Hauptkritik an der WADA ist, dass keine unabhängige Untersuchung auf öffentlicher Bühne veranlasst, sondern einzig auf die Untersuchungsergebnisse einer staatlichen Behörde in China vertraut und der Fall daraufhin als erledigt verbucht wurde. Auf diese Kritik hat die WADA mit der Ankündigung einer unabhängigen Untersuchung jetzt reagiert.
    Erste Reaktionen aus der Sportwelt zum Einlenken der WADA fallen unterschiedlich aus: Während die australische Anti-Doping-Agentur die Untersuchung begrüßt und sich dadurch Klarheit erhofft, ist die USADA eher kritisch. USADA-Chef Travis Tygart zweifelt an der Unabhängigkeit der Untersuchung und fordert den Einsatz einer Kommission, an der auch Athletenvertreter beteiligt sind. Darüber hinaus sollte es Untersuchungen in China vor Ort geben, beispielsweise in dem Hotel, in der die angebliche Verunreinigung stattgefunden haben soll.
    Jurist Thomas Summerer, der Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportrecht, schätzte das alles gegenüber der ARD-Dopingredaktion so ein: "Es lag auf der Hand, dass ein Anti-Doping-Verstoß vorliegt. Und so hätte man diesen auch behandeln müssen seitens der chinesischen Anti-Doping-Agentur. Man hätte sofort eine vorläufige Sperre verhängen müssen. Man hätte außerdem sämtliche Wettkampfergebnisse, Preise, Medaillen, aberkennen müssen. Man hätte auch die Namen der Athleten und die Substanz, um die es geht, offenbaren müssen." Summerer zeigte sich verwundert darüber, dass "die WADA als höchstes Kontrollgremium im Weltsport" keinen Einspruch eingelegt hat, "damit mehr Licht ins Dunkel kommt".
    Vorläufige Suspendierungen durch die nationalen Anti-Doping-Organisationen sind bei positiven Dopingtests üblich, um den Wettbewerb zu schützen, die Belange der betroffenen Sportlerinnen und Sportler stehen dahinter in der Regel zurück. Im Sportrecht gilt bei Dopingverstößen eine umgekehrte Beweislast, in der Athletinnen und Athleten ihre Unschuld beweisen müssen – und nicht ihre Schuld nachgewiesen werden muss. Sie sind gemäß des Prinzips der "Strict Liability" dafür verantwortlich, was in ihren Körpern zu finden ist.
    Zwar gibt es Kritik an dieser strikten Umkehr der Beweislast. Schließlich zeigten 2021 schon Recherchen der ARD-Dopingredaktion zur Übertragung von Dopingsubstanzen über die Haut, dass tatsächlich Sportlerinnen und Sportler ungewollt und unverschuldet zu positiven Dopingproben kommen können. Und das "Strict Liability"-Prinzip entbinde Anti-Doping-Organisationen auch nicht davon, "einen vollen Beweis des Dopingverstoßes zu erbringen", wie die deutsche Anti-Doping-Agentur (NADA) damals betonte.
    Die CHINADA verzichtete allerdings entgegen der gängigen Praxis auf die vorläufige Suspendierung der chinesischen Schwimmerinnen und Schwimmer. Denn konterkariert wird ihre Nicht-Suspendierung durch einen anderen Fall: den von Kamila Walijewa. Die damals 15-jährige russische Eiskunstläuferin wurde im Dezember 2021 ebenfalls positiv auf das Herzmittel Trimetazidin getestet, was erst nach der Team-Goldmedaille im Februar 2022 herauskam. Die russische RUSADA suspendierte sie vorläufig.
    Später wurde der positive Test auch durch eine Kontamination gerechtfertigt, Walijewa habe laut ihrer Anwälte angeblich aus demselben Glas getrunken, wie ihr herzkranker und mit Trimetazidin behandelter Großvater. Die russische RUSADA wollte Anfang 2023 keine Sperre gegen Walijewa verhängen, weil eben keine "Schuld und Fahrlässigkeit" festgestellt worden war. Die WADA reagierte mit Unverständnis, ging vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Berufung. Und Walijewa wurde rückwirkend ab Dezember 2021 für vier Jahre gesperrt.
    Die belasteten chinesischen Schwimmerinnen und Schwimmer mussten sich hingegen nun gar nicht erst verantworten. Sie traten bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio in den Schwimmwettkämpfen an und holten auch Medaillen.
    "Ich finde das schon ganz schön assozial, dass die Sportler trotzdem an den Start gehen durften bei den Spielen oder immer noch starten dürfen. Und es gibt ja auch immer noch keine Aussicht, dass sie gesperrt werden in Paris", so Ole Braunschweigt, Teamsprecher der deutschen Schwimm-Mannschaft während der Deutschen Schwimmmeisterschaft in Berlin.
    Ein weiterer Anhaltspunkt für Kritik ist die Erklärung der positiven Dopingtests der chinesischen Schwimmerinnen und Schwimmer durch eine unverschuldete Massenkontamination. In der ARD-Doku sagte Travis Tygart, Chef der US-amerikanischen USADA: "Das Wort Massenkontamination gibt es gar nicht im Regelwerk. Dieser Begriff existiert dort gar nicht. Im WADA-Code ist nirgendwo von Massenkontamination die Rede – und schon gar nicht davon, dass sowas nicht verfolgt wird."

    Was sagt China zu den Massendoping-Vorwürfen?

    Bisher sehr wenig. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums bezeichnete die Berichte über gedopte Schwimmer schlicht als „Fake News“. Es steht auch mit Blick auf das russische Staatsdoping-System die Frage im Raum, ob der chinesische Staat involviert ist oder nicht.
    Und die CHINADA erklärte gegenüber der ARD-Dopingredaktion: "Keiner der Athleten in dem Fall, nach dem Sie sich erkundigen, hat einen Dopingverstoß begangen. Gemäß den Bestimmungen des Welt-Anti-Doping-Codes darf die Anti-Doping-Organisation, wenn festgestellt wird, dass der Athlet oder eine andere Person keinen Doping-Verstoß begangen hat, die Entscheidung und die zugrunde liegenden Tatsachen nur dann veröffentlichen, wenn die Zustimmung des Athleten oder eines anderen Beteiligten dazu vorliegt."

    Wie genau wirkt das Herzmittel Trimetazidin?

    Trimetazidin ist ein Medikament für Herzkranke, das in den 1960er Jahren in Frankreich auf den Markt gebracht wurde. Es basiert auf einem Eingriff in den Zellstoffwechsel, Energiereserven können besser genutzt werden, was die Ausdauer und den Blutfluss steigern und Erschöpfung mindern kann. Trimetazidin wurde schon in verschiedenen Sportarten als Dopingmittel genutzt, ist für ausdauer- und kraftlastige Disziplinen besonders geeignet. In einigen europäischen Ländern, auch in Deutschland, ist Trimetazidin wegen der Nebenrisiken nicht mehr zugelassen – in China ist es verschreibungspflichtig.
    Abgesehen von Eiskunstläuferin Walijewa wurde auch schon bei der Bobfahrerin Nadeschda Sergejewa bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang Trimetazidin entdeckt. Und auch in China trat es schon als Dopingmittel auf: Schwimm-Star Sun Yang wurde 2014 mit dem Mittel erwischt und drei Monate gesperrt. 2018 gab es erneut Ärger für Yang in Sachen Doping, er wurde nach dem Prozessende 2020 als Wiederholungstäter für acht Jahre gesperrt.