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Nächste Sendung: 31.05.2020 09:30 Uhr

Essay und Diskurs
Natur, Kultur, Geschlecht (1/2)
Der Feminismus und die kleinen Unterschiede
Von Barbara Sichtermann
(Teil 2 am 7.6.2020)

Gleichheit zu postulieren, das ist ein Grundpfeiler eines modernen Feminismus. Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden hierbei allein auf Erziehung und Kultur zurückgeführt. Aber was, wenn sie doch auf die Natur zurückgehen? Spätestens seit den 1970er-Jahren ist der Feminismus auf die Kategorie der Natur nicht gut zu sprechen: Einen naturgegebenen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu behaupten, das gilt als gestrig oder zumindest als erklärungsbedürftig. Denn Körper, Identität und Geschlecht haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als immer formbarer erwiesen. Künstliche Befruchtung, Klone, Cyborgs haben die Grenzen des Denkbaren verschoben. Das dritte Geschlecht stellt die binäre Ordnung an sich infrage und legt nahe, man könne seine sexuelle Identität frei wählen. Oder sind Transpersonen und Menschen mit uneindeutigem Geschlecht gerade der Beweis dafür, dass die Natur mit Macht in den Gender-Diskurs zurückkehrt? Die Medizin zum Beispiel hat erkannt, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf Medikamente reagieren und differenziert mittlerweile nach Geschlecht - unterstützt gerade von feministischer Seite, die doch eigentlich kein essenzielles So-Sein der Geschlechter anerkennen mag. Und manche Theoretikerinnen wie Carol Pinker bezweifeln angesichts der großen Unterschiede im Verhalten von Jungen und Mädchen, hier sei ausschließlich die Erziehung im Spiel. Vielleicht gibt es ihn also doch: den natürlichen Unterschied der Geschlechter, ein Fundament, auf dem dann im zweiten Schritt kulturelle Unterschiede errichtet werden? Dann aber ist zu fragen: Wie genau sieht dieses Fundament aus? Wie lässt sich diese Natur in allen Gender-Fragen anerkennen und trotzdem für den Feminismus streiten?

Barbara Sichtermann, geboren 1943, ist seit 1978 freie Publizistin und Romanautorin. Sie arbeitet regelmäßig für verschiedene Zeitungen und für den Rundfunk über die Themen Feminismus, Kunst und Pädagogik und ist Jurorin des Grimme-Preises.
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