Hühner, Kohle, Kernkraftwerke
Gibt es ein ostdeutsches Anthropozän?

Dass man vom Klimawandel stets sagt, er sei vom Menschen gemacht, zeigt, wie sehr sich unser Handeln in den Planeten Erde eingeschrieben hat. Was bedeutet das konkret? Welche Spuren hat etwa die Energiepolitik der DDR hinterlassen?

Von Elisabeth Heyne und Alexander Wagner | 16.06.2024
Einer der weltweit größten Schaufelradbagger SRs 6300 im Vorschnitt vom Braunkohletagebau Welzow-Süd, dahinter das Kraftwerk Schwarze Pumpe
Bis in die 80er-Jahre existierten in der DDR 39 Tagebaue, für die insgesamt 137 Ortschaften ganz oder teilweise geräumt werden mussten, heute wird noch in sechs Tagebauen Kohle gefördert. (imago images / Rainer Weisflog )
Die meisten Analysen zum Anthropozän stützen sich auf westliche Kapitalismustheorien, aber es bleibt offen, welche lokal unterschiedlichen Ausprägungen sich hinter dem Großkonzept verbergen und welche Rolle dabei eigentlich Regionen einnehmen, die bis vor gut 30 Jahren noch gar nicht zu jenem „Westen“ gehörten.
Gerade Ostdeutschland bietet sich zur Erkundung anthropozäner Existenzweisen besonders an, weil es Schauplatz eines – für europäische Verhältnisse – Extrem-Extraktivismus war und ist, von Chemie- und Umweltkatastrophen bis zur postfossilen Transformation und dem politischen Systemwandel. Weil hier in kurzer Zeit und auf kleinem Raum ein rasanter ökologischer, politischer und gesellschaftlicher Wandel passiert ist, lässt sich daran Entscheidendes für die Mensch-Umwelt-Interaktionen der Gegenwart ablesen. Insbesondere lässt sich das ostdeutsche Anthropozän anhand einzelner Orte und ihrer Rohstoffextraktion und Stoffproduktion betrachten, das Ganze also nach Stoffen sortieren: Kohle, Uran, aber auch Erdöl und die Produktion exemplarischer synthetischer Materialien und Stoffe.  
Als Literaturwissenschaftlerin leitet Elisabeth Heyne am Naturkundemuseum das Projekt „Natur der Dinge – Eine partizipative Sammlung des Anthropozäns“. Sie promovierte mit einer Arbeit zu „Wissenschaften dies Imaginären. Sammeln, Sehen, Lesen und Experimentieren bei Roger Caillois und Elias Canetti“ (2020) und beschäftigt sich mit der Amazonassehnsucht, dem Sammeln imaginärer Objekte sowie mit der Verabeitung von Verletzbarkeit und Krankheit in der Gegenwartsliteratur.
Alexander Wagner forscht und lehrt an der Bergischen Universität Wuppertal u.a. zu ostdeutschen Körperkonzepten sowie zur Energiekultur und interessiert sich für die Grenzbereiche von Kunst und Wissenschaft. Er arbeitet als freier Kurator, z.B. für das Projekt „Ostschule“. Er hat Germanistik und Philosophie studiert und über die Kontinuitäten des deutschen Kolonialismus im Nationalsozialismus promoviert.

An der deutsch-deutschen Grenze, am westlichen Rand Sachsen-Anhalts, liegt Morsleben, ein Dorf mit ungefähr 300 Menschen. Es befindet sich im ehemaligen „Sperrgebiet“, jenem fünf Kilometer breiten, bis zum Ende der DDR streng kontrollierten Streifen vor der Grenze zur Bundesrepublik. Eine Grenze, die als „Eiserner Vorhang“ nicht nur Deutschland teilte, sondern zwei Weltsysteme voneinander trennte. Keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt von der heutigen Gedenkstätte Marienborn, einem der wichtigsten ehemaligen Grenzübergänge, liegt ein weit weniger bekannter Ort, tief in der Erde verborgen. Seine Geschichte aber strahlt weit in Vergangenheit und Zukunft aus: das einzige zugelassene Endlager für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle aus der Atomstromproduktion der DDR. Das ehemalige Salzbergwerk, das als Endlager genutzt wird, befindet sich heute wieder mitten in Deutschland. Das Gestein aber, in das seine Stollen gegraben wurden, gehört auch fast 35 Jahre nach Öffnung der hinter dem kleinen Wäldchen gelegenen Grenze immer noch zum „Osten“. Dieser Osten als Region und „politische Himmelsrichtung“ hat in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit in gesellschaftlichen, literarischen und wissenschaftlichen Debatten erhalten: Es wird über die Frage diskutiert, wie man vom „Osten“ und der untergegangenen DDR erzählen kann, was erinnert werden muss, was lange vergessen wurde und wer endlich seine und ihre Geschichten erzählen sollte. 2021 diagnostizierte der Soziologe Steffen Mau eine „Artikulationsschwäche des Ostens“: Im „gesamtdeutschen Resonanzraum“, sagt Mau, seien „die hörbaren Stimmen zu leise und zu begrenzt“, so könne kein neues politisches Bewusstsein entstehen, in dem der „Osten“ und seine Menschen zu gleichberechtigt Sprechenden würden. Der „Westen“ ist immer noch präsenter, lauter, hörbarer.
Und das gilt selbst für die Beschreibung unserer Gegenwart, in der die gesamte Erde durch den Einfluss menschlicher Aktivitäten verändert ist. Derart stark, dass versucht wird, ein neues geologisches Zeitalter nach dem Menschen zu benennen, das sogenannte „Anthropozän“. Die Theorien zu jenem angeblichen Zeitalter des Menschen allerdings werden bisher vor allem vom „Westen“ gemacht. Jedenfalls wenn es darum geht, wessen Narrativ am meisten Verbreitung findet, am stärksten wahrgenommen wird, am lautesten auf den großen Podien vertreten wird oder durch Plenarsäle hallt. Hinzu kommt, dass es vor allem die relativ wohlhabenden Länder in Europa und Nordamerika sind, auf die sich weltpolitische Entscheidungsfindungsprozesse noch immer konzentrieren. Und es sind diese Länder und ihre kapitalistischen Produktionssysteme, die auch in der historischen Perspektive im Fokus stehen, wenn es um die Frage geht, wie dieses neue Zeitalter überhaupt entstanden ist.
Mit den industriellen Gesellschaften des 16. Jahrhunderts kommt das Interesse an den fossilen Brennstoffen in großem Stil in die Welt: Stoffe, die über viele, teils Millionen Jahre hinweg auf der Erde entstanden sind, werden in ein paar Sekunden verbrannt. Sie bilden die energetische Basis für alle sogenannten „modernen“ Gesellschaften auf der Erde. Das dabei freigesetzte CO2 aber verändert die Atmosphäre des Planeten auf unbestimmte Zeit maßgeblich. Und nicht nur das: Menschen entdecken neue Elemente, verändern sie und hinterlassen damit mutmaßlich unlöschbare Spuren im Erdsystem. All dies nehmen Expertinnen und Experten zum Anlass, um unsere Gegenwart als ein neues Zeitalter zu beschreiben, in dem menschliche Akteure zum entscheidenden geologischen Faktor auf der Erde geworden sind: eben jenes „Anthropozän“. Um einen neuen geochronologischen Zeitabschnitt einzuführen, bedarf es eines sogenannten ‚Golden Spikes‘, einer untrüglichen Referenz in den Sedimentschichten der Erde. Die Mitglieder der Anthropocene Working Group schlugen dafür 2023 den Anstieg von Plutoniumteilchen vor, der sich seit den ersten Atombombentests und Abwürfen von Atombomben in New Mexico, Hiroshima, Nagasaki, in der Nähe des Bikini-Atolls oder bei Semipalatinsk weltweit in Bodenablagerungen nachweisen lässt. Dieser Vorschlag wurde im März 2023 von der Internationalen Kommission für Stratigraphie abgelehnt. Völlig unabhängig von Begriffen und den Entscheidungen von Fachkommissionen aber haben die Konsequenzen menschlicher Eingriffe ins Erdsystem längst katastrophale Ausmaße angenommen: Fluten, Überschwemmungen, Dürreperioden, Kontamination von Böden und Wasser oder massives Artensterben und die Gefährdung ganzer Ökosysteme. Die Orte, wo auf der Erde diese Folgen bereits deutlich spürbar sind und wo sie konkrete lebensbedrohliche Konsequenzen haben, sind ganz andere Orte als die, wo dagegen über das Anthropozän auf wissenschaftlicher Ebene diskutiert wird.
Es lassen sich aber auch je nach Region lokale gesellschaftliche und politische Weltzugriffe unterscheiden, von denen aus die Krisen der Gegenwart - und der Weg dahin - je anders wahrgenommen und erzählt werden. So spielt auch Ostdeutschland bisher in den Debatten um das Anthropozän kaum eine Rolle. Und auch die DDR, jener Teil Deutschlands, der bis vor gut 30 Jahren noch nicht zum sogenannten „Westen“ gehörte, ist bisher kaum als Ereignisraum für den menschlichen Einfluss auf den Planeten Erde ausgemacht worden. Dabei war das kleine Land an der West-Ost-Systemgrenze von einem extremen Rohstoffhunger auf engstem Raum geprägt, der in einer ökologischen Katastrophe mündete: vergiftete Flüsse, kontaminierte Böden, massive Luftverschmutzung und sterbende Wälder.
Heute soll Ostdeutschland nach einem Systemwechsel, der in der Landschaft und ihrer Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen hat, mit künstlichen Seenlandschaften, Gewerbeansiedlungen für erneuerbare Energien und gravierenden demographischen Veränderungen zum Modell einer postfossilen Transformation werden. Gleichzeitig prägen eklatanter Wassermangel und Waldbrände als Folge des Braunkohleabbaus, des Anbaus von Monokulturen sowie des Klimawandels die Region sichtbar. Weil hier in kurzer Zeit und auf kleinem Raum ein rasanter ökologischer, politischer und gesellschaftlicher Wandel passiert ist und weiter passiert, lässt sich am „Osten“ Entscheidendes für die Mensch-Umwelt-Interaktionen der Gegenwart ablesen. Dabei bleibt wichtig zu betonen, dass sich die ostdeutschen Verhältnisse keineswegs mit denen in Regionen vergleichen lassen, die existenziell von ökologischen Krisen betroffen sind. Bei aller Dringlichkeit der auch hier spürbaren Folgen menschengemachter Umweltveränderungen und politischer Radikalisierung besteht auch im Osten der BRD auf absehbare Zeit nicht annähernd das gleiche wirtschaftliche und politische Eskalationspotenzial wie in anderen Teilen der Welt. Gibt es also, trotz allem, so etwas wie ein „ostdeutsches Anthropozän“?
Wir nähern uns der Beantwortung dieser Frage über zwei verschiedene für die DDR und Ostdeutschland auf unterschiedliche Weise bedeutsame Energiequellen an: den Hinterlassenschaften der Atomkraft und der Braunkohle. Und über zwei Orte, die dafür exemplarisch stehen. Ausgehend von einer solch lokalen Perspektive und den Geschichten, die sich im ostdeutschen Boden auflesen lassen, öffnet sich der Blick auf größere Zusammenhänge.
So auch im kleinen ehemaligen Grenzort Morsleben: Als vor ungefähr 260 Millionen Jahren durch Verdunstungen des Zechsteinmeers die Salzvorkommen im Nordwesten der heutigen Magdeburger Börde entstanden, gab es auf der Erde gerade einmal ein paar Ursaurier. Vor gut 130 Jahren begannen Menschen damit, dieses Salz aus der Erde zu holen: Steinsalz zur Verwendung als Speisesalz und Kalisalze zur Düngemittelherstellung, um den Ertrag ihrer Felder zu steigern. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden in den Morslebener Stollen Häftlinge aus Außenlagern der KZs Neuengamme und Ravensbrück, in dem vor allem Frauen inhaftiert waren, dazu gezwungen, Bauteile von Messerschmitt-Flugzeugen und V2-Raketen zu produzieren.
Nach dem Krieg, in den 50er Jahren, bot das alte Bergwerk einen Ausweg für Versorgungsprobleme in der DDR. Als man versuchte, die Produktion von Fleisch zu steigern und dabei mit Platzmangel und hohen Energiekosten kämpfte, erwiesen sich die relativ konstant warmen Temperaturen unter Tage als ambivalenter Glücksfall. Und so mästeten ab 1958 Facharbeiterinnen und Facharbeiter für Tierproduktion, wo zuvor Salz abgebaut und Vergeltungswaffen hergestellt wurden, unterirdisch tausende Hähnchen, aus denen über Tage der berühmte Goldbroiler wurde. Die Dunkelheit der Stollen hatte dabei außerdem den Vorteil, dass den Tieren durch künstliche Beleuchtung kürzere Tag‑Nacht-Rhythmen vorgetäuscht werden konnten, um ihr Wachstum zu manipulieren: Die Hähnchen wuchsen im Zeitraffer. Berichte über die Mastanlage im ehemaligen Salzbergwerk erzählen von großen technischen und hygienischen Schwierigkeiten, die mit der Tierhaltung unter diesen Bedingungen verbunden waren. Von sehr hoher Luftfeuchtigkeit ist die Rede, bis hin zu von der Decke tropfendem „Broilerschweiß“, der sich mit dem Salz des Stollens verband und bei den Tieren zu permanenten Schleimhautreizungen führte. Es gab Probleme mit der Belüftung und die Entsorgung des anfallenden Mülls war mit hohem Aufwand verbunden.
Parallel zur Broilermast wurde in die stillgelegten Teile des Bergwerks erstmalig Giftmüll eingelagert. Eine fiktive Bohrung durch die Gesteinsschichten Morslebens mit allen auch historischen Ablagerungen, auch den zwischenzeitlich weggeräumten, würde einen spannenden Längsschnitt ergeben: Neben radioaktiven Resten frisst der Bohrer sich durch eine dicke Schicht von Hühnerknochen, die ebenfalls von der Existenz des Menschen und seinen exzessiv gesteigerten Produktionspraktiken zeugen. Nicht ohne Grund nennen einige Theoretikerinnen und Theoretiker das Anthropozän auch „Chicken Age“. Kein anderer Vogel und kein domestiziertes Tier bevölkert die Erde in größerer Zahl als das Zuchthuhn. Seine Hinterlassenschaften würden sich in den Sedimentschichten Morslebens gleich neben Atommüll und Kalisalz finden lassen. Erst 1984 wurde die Geflügelmast im Morslebener „Schacht Marie“ nach 26 Jahren eingestellt. Und auch wenn die Anlagen auf der Erdoberfläche noch einige Jahre für die Schlachtung von Federvieh genutzt wurden, funktionierte man den Schacht darunter bereits zur Deponie für atomaren Sondermüll um.
Ab 1986 dann verfügt das kleinere Deutschland, im Gegensatz zur BRD, über ein zugelassenes Endlager für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle aus der Atomstromproduktion der beiden in Betrieb genommenen Kernkraftwerke der DDR in Rheinsberg und Lubmin und anderen Einrichtungen wie dem Forschungsreaktor in Dresden-Rossendorf. Die Kraftwerke wurden 1990 aus Sicherheitsbedenken abgeschaltet. Die ostdeutsche Atomwirtschaft hörte damit aber nicht auf zu existieren. Mit der sogenannten „Wiedervereinigung“ fiel der Bundesrepublik nicht nur eine gute Million zugelassener Trabant-PKWs mit äußerst bedenklichen Abgaswerten und eine sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft zur Förderung von Uranerz, die Wismut, zu, außerdem bot sich ihr jetzt unverhofft eine Lösung für eines der drängendsten energiepolitischen Probleme des ausgehenden 20. Jahrhunderts: Ein Endlager mit Dauerbetriebsgenehmigung auf dem Territorium des Beitrittsgebiets. Darüber dürfte sich nicht nur der damals gerade gewählte niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder gefreut haben. In dessen Bundesland nämlich wurde um die für Westdeutschland verheißungsvollsten Endlagerkandidaten, unter anderem der „Schacht Konrad“ bei Salzgitter, bereits jahrelang heftig gestritten. Eine Lösung für die bestehenden Zwischenlager für den sich ansammelnden schwach- und mittelradioaktiven Müll musste dringend gefunden werden. Wolfram König, von 1994 bis 98 Staatssekretär im Umweltministerium des Landes Sachsen-Anhalt und späterer Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, war für die Genehmigung des Endlagers in Morsleben zuständig, als man dort 1994 nach einer Unterbrechung wieder damit begann, schwachradioaktive Abfälle in den ehemaligen Salzstock einzulagern. Jetzt aber handelte es sich ausschließlich um Atommüll aus Westdeutschland, von dem insgesamt mehr eingelagert wurde als jemals zu DDR-Zeiten. Nach umfassenden Sicherheitsprüfungen entschied König 1996 aufgrund der fehlenden Langzeitsicherheit, also zum Beispiel was das Risiko von in den Stollen eindringendem Wasser angeht, Morsleben als „nicht sicher“ einzustufen und untersagte den Weiterbetrieb.
Diese fachliche Entscheidung allerdings musste durch eine Weisung des Bundesumweltministeriums unter der damaligen Ministerin Angela Merkel wieder zurückgezogen werden. Der Betrieb sollte weiter gehen. Und so wurde das Lager im Zuge dessen sogar noch erweitert. Und zwar über den in der DDR bereits genehmigten Bereich hinaus. 1998 gelang es schließlich durch Klagen von Umweltverbänden, vor allem gegen jenen erweiterten und nichtgenehmigten Bereich, die Einlagerung zu stoppen. Formal allerdings gilt in Morsleben bis heute die atomare Betriebsgenehmigung der DDR und so lebt hier neben dem strahlenden Müll juristisch ein Stück des untergegangenen Staats weiter.
Die in vielen Punkten, vor allem was den Bevölkerungs- und Umweltschutz betrifft, wesentlich laxere Gesetzgebung der DDR bot also die Möglichkeit, Atommüll aus den Kraftwerken der BRD erst einmal recht unkompliziert und wortwörtlich „billig“ zu entsorgen und sich damit auch der Altlast verschleppter politischer Entscheidungen zu entledigen. Das von der Atomenergie mitgeprägte Anthropozän sieht bereits anders aus, je nachdem, ob wir uns zwei Kilometer rechts oder links der innerdeutschen Grenze befinden. Morsleben ist dabei einer der Orte, an dem sich die anthropozänen Geschichten der Ausbeutung von Natur und Menschen quer durch verschiedene politische Systeme verdichten. Und es ist auch einer, der eine andere Geschichte erzählen kann als die von einem ganz und gar heruntergewirtschafteten Ostdeutschland, das von der umweltbewussten bundesdeutschen Politik auf Vordermann gebracht wird. Die BRD glänzt dabei als Staat, in dem sich die Grünen längst als politische Kraft etabliert haben und für ein in der Mitte der Gesellschaft ankommendes Nachhaltigkeitsbewusstsein stehen, das es alljährlich bis unter den lamettafreien Weihnachtsbaum von Loriots Familie Hoppenstedt schafft.
Es scheint also sinnvoll zu sein, eine ostdeutsche Perspektive in die Diskussionen um das sogenannte „Anthropozän“ einzubringen. Mit ‚ostdeutsch‘ meinen wir zunächst den Raum der ehemaligen DDR und der späteren fünf sogenannten „Neuen Bundesländer“. Folgt man der Anthropocene Working Group, lassen sich der Beginn des Anthropozän sowie der DDR beide ungefähr auf die Mitte des 20. Jahrhunderts datieren: Die eine wird am 7. Oktober 1949 gegründet, das andere beginnt - das beweisen die überall auffindbaren Plutoniumteilchen - um 1950. Gleichzeitig steigt ab den 1950er Jahren die Zahl der Investitionen, der Verbrauch an Wasser, die Produktion von Papier, die Menge gebauter Staudämme, installierter Telefone und gemästeter Hähnchen wie auch die Zahl der Menschen auf der Erde sprunghaft an. Dieses exponentielle Wachstum geht mit einem ähnlich rasanten Anstieg von CO2 in der Atmosphäre, der Ozeanversauerung und anderer erdsystemischer Faktoren einher.
Dieser Gesamtprozess, der als „Große Beschleunigung“ bezeichnet wird, weist darauf hin, dass die Industriegesellschaften auf der Erde vom Gebrauch der natürlichen Ressourcen zu deren Verbrauch übergegangen sind. Zeitgleich vollzieht sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch eine politische Neuordnung Europas. Dadurch gestaltet sich auch jene „große Beschleunigung“ vor und hinter dem „Eisernen Vorhang“ unterschiedlich: Im Westen Deutschlands spricht man angesichts des Wiederaufbaus und der schnell aufblühenden Konsumkultur bald vom „Wirtschaftswunder“. Eine ganze Generation, die Baby Boomer, deren Eltern das Land mit Hilfe der USA, Großbritanniens und Frankreichs wieder aufbauen, verdankt diesem ihren späteren Wohlstand. Aber auch die sowjetische Besatzungszone ist von wirtschaftlichem Aufschwung und einer Erholung der Geburtenzahlen nach dem Kriegsende geprägt. DDR und BRD entwickeln sich in diesen Jahren zum Teil ähnlich, in vielen Punkten aber auch sehr verschieden. Gerade die ökonomische Situation beider Gebiete weist bald deutliche Unterschiede auf. Während im Westen der Aufbau zügig voranschreitet und sich Zerstörungen durch den Krieg in vielen Fällen rasch beheben lassen, wird im Osten ebenfalls aufgebaut, aber zugleich auch massiv demontiert. Die spätere DDR erbringt im Vergleich zur BRD und vor allem relativ zur Wirtschaftsleistung beider Staaten deutlich mehr Reparationsleistungen. Je nach Schätzungen fällt auf den „Osten“ sogar nahezu die gesamte Last deutscher Reparationsleistungen, die von der sowjetischen Besatzungszone aus vor allem in die Sowjetunion gehen, deren Bevölkerung durch die deutschen Überfälle im Krieg zugleich so hohe Verluste erlitt wie kein anderes Land.
Die deutsche Teilung hat auch erheblichen Einfluss auf die rohstofflichen Bedingungen des neu entstandenen sozialistischen Staates. Und so lässt sich neben der Spur des atomaren Restmülls auch etwa die der Kohle als Energieressource verfolgen, um vom „ostdeutschen Anthropozän“ zu erzählen: Die geologischen Beschaffenheiten in der DDR führen sehr schnell zu der Entscheidung, voll auf die Braunkohle als Energieträger zu setzen. Abgeschnitten von den großen Steinkohlevorkommen in Ruhrgebiet und Saarland und mit dem Ziel der Rohstoffautarkie erfolgte 1952 der offizielle Beschluss zum Aufbau der landeseigenen Energieversorgung, die sich vor allem auf die beachtlichen Braunkohlevorkommen im südlichen Teil des Landes stützen sollte. Das kleine Land an der Grenze zwischen Warschauer Pakt und NATO wurde daraufhin im Lauf seines knapp 40jährigen Bestehens zum mit Abstand größten Braunkohleproduzenten der Welt. Die Sowjetunion auf Platz zwei förderte nur etwa die Hälfte der Menge an Braunkohle wie die DDR. Die Förderung des Rohstoffs war mit extrem hohem Aufwand verbunden und wurde ohne Rücksicht auf die Umwelt, aber auch viele Bürgerinnen und Bürger des Landes vorangetrieben. Und auch wenn nicht alle Projekte realisiert wurden, existierten bis in die 80er Jahre in der DDR 39 Tagebaue, für die insgesamt 137 Ortschaften ganz oder teilweise geräumt werden mussten, bis zu 300 hätten es den Planungen nach werden sollen.
Während die Dörfer abgetragen werden, wird in den Städten viel gebaut. Riesige Neubaukomplexe entstehen um die Großbetriebe, in denen Tag und Nacht die Erde aufgerissen und Strom fabriziert wird. Wohl kaum eine Gesellschaft ließe sich treffender und mit besserer Begründung als von einer „fossilen Mentalität“ geprägt beschreiben als die der DDR. Im Imaginären der DDR steht dafür kein Ort so sehr wie „Schwarze Pumpe“ im Lausitzer Revier. 1955 wurde die Errichtung des VEB Gaskombinats Schwarze Pumpe beschlossen und im gleichen Jahr wurde mit dem Bau begonnen: Es wurde das größte Braunkohleveredelungswerk Europas. Und in kein anderes Projekt investierte die DDR mehr Geld.
Zwar reicht der Braunkohleabbau im Lausitzer Revier bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, aber erst mit der so stark auf diesen Rohstoff ausgerichteten Energiepolitik der DDR gelang eine derart forcierte Ausbeutung des Bodens. Damit einher ging eine umfassende gesellschaftliche Ausrichtung auf die Braunkohle als wichtigste Energiequelle. Was sich auch in der zeitgenössischen Kunst abgelagert hat. Die Kohle prägte eben die Biografien der Menschen, kollektive Imaginationen und die Ideologie des Staates. Am Rande der Tagebaue von Schwarze Pumpe werden sozialistische Wohnkomplexe aus dem Boden gestampft: Ab 1957 wird aus der Kleinstadt Hoyerswerda ein Wohnort für über 70.000 Menschen, wo den Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Kombinat moderne Wohnungen mit Fernheizung und eigenem Bad zur Verfügung standen. Zudem gab es eine umfassende soziale Infrastruktur mit Kindergarten, Schule und Kaufhalle in jedem Wohnkomplex. Die neue Stadt für den „neuen sozialistischen Menschen“, der die Mammutaufgabe der Energieunabhängigkeit des Landes umzusetzen hatte. Der Braunkohleabbau wird in Liedern besungen, auf monumentalen Wandbildern dargestellt und ein staatliches Kulturprogramm, der Bitterfelder Weg, ruft die Losung „Greif zur Feder, Kumpel!“ aus. Die im Lauf von 20 Millionen Jahren zu Kohle verpressten und transformierten Sumpfwälder des Lausitzer Braunkohlereviers werden von den Eimerkettenbaggern in den Tagebauen mit Hochdruck und im Dauerbetrieb in kürzester Zeit abgefressen, in die meist in unmittelbarer Nähe gelegenen Kraftwerke gefahren und dort verbrannt. Dabei werden gigantische Mengen CO2 und Schwefeldioxid ausgestoßen. Eine gesamte Gesellschaft wird von der Kohle geprägt. Diese Kultur der Kohle soll auch dabei helfen, so etwas wie eine fossile Mentalität zu formen und vom Aufbruch in eine neue Zeit zu träumen. Brigitte Reimann schwärmt 1959 in ihrem Tagebuch vom Gaskombinat Schwarze Pumpe und der neuen Wohnstadt Hoyerswerda:
„H. ist überwältigend, das Kombinat von einer Großartigkeit, daß ich den ganzen Tag wie besoffen herumlief. Beschreibungen will ich mir hier versagen - H. und das Kombinat werden noch oft genug - falls dies literarisch überhaupt zu bewältigen ist - in Erzählungen oder sogar einem Roman auftauchen. [...] ich war bezaubert von den bunten Wohnblöcken [...]. Eine schöne, moderne Stadt wächst hier, und man [kann] ihr beim Wachsen zusehen. Eine optimistische Landschaft - vielleicht kann ich hier innerlich gesund werden.“
Diese neue Romantik weicht bald der Einsicht, wie hoch der Preis der Kohle wirklich ist: Durch die Schwefeldioxidbelastung, die durch die Verarbeitung der Braunkohle und aufgrund fehlender Filteranlagen entsteht, kommt es zu extremem Waldsterben. Die Gewässer und Atemwege sind verschmutzt, Landschaften sind umgepflügt, der Schnee ist schwarz. Der abtretende realsozialistische Staat hinterlässt ein schweres umweltpolitisches Erbe und zahlreiche ökologische Katastrophen. Im 1990 vom zuständigen Ministerium veröffentlichten „Umweltbericht der DDR“, dem ersten und einzigen Bericht der DDR zu den bis dahin geheim gehaltenen Umweltdaten, bescheinigt sich das kleine Land selbst die höchste Staub- und Schwefeldioxidbelastung in ganz Europa. Die schon immer wichtige politische Dimension von ökologischen Fragen wird gerade in den letzten Jahren der DDR und den ersten Jahren nach ihrem Ende besonders deutlich. Dementsprechend spielten die Aktivistinnen und Aktivisten der DDR‑Umweltbewegung am Runden Tisch und auch für das Ende der DDR eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nach 89/90 ging es mit der Braunkohle und der Atomkraft im Osten Deutschlands rasant bergab. Bereits zehn Jahre später waren neun von zehn Arbeitsplätzen in den großen ostdeutschen Braunkohlerevieren verschwunden. Heute wird in Ostdeutschland noch in sechs Tagebauen Kohle gefördert. Die Reviere haben sich unterdessen in riesige Sanierungslandschaften verwandelt.
Die Entwicklung der ostdeutschen Umweltproblematik vor und nach 1989/90, der Umgang mit den Hinterlassenschaften der DDR, die vielen Renaturierungen, aufgeforsteten Wälder und dekontaminierten Industriebrachen seit ihrem Ende - all das wird meist als große Aufräumaktion erzählt. Die DDR erscheint dabei oft als Land, das mit seiner rücksichtslosen Rohstoffpolitik im Kampf um Energiesouveränität den Schutz von Umwelt und Bevölkerung immer hintenanstellte; die Bundesrepublik dagegen brilliert mit ihrer relativ umweltbewussten Politik, vor allem härteren Bestimmungen, einer offenen und kritischen Medienlandschaft und einer intakten Zivilgesellschaft. Eine Erzählung, bei der die massive erneute Deindustrialisierung des Ostens, das Wirken der Treuhand AG, die Privatisierungen des industriellen Sektors, aber auch von Wohnraum und öffentlicher Infrastruktur noch gar nicht erwähnt wurden. Und eine Erzählung, in der bisher auch der Blick auf die mittlerweile deutlich größeren Umweltschäden fehlt, die der Klimawandel beispielsweise in den gesamtdeutschen Wäldern und ihren Fichtenmonokulturen anrichtet. Jenseits einfacher Oppositionen lassen sich andere, differenziertere Geschichten finden. Sie liegen verstreut, an einzelnen Orten und in Biografien, und setzen sich nur Stück für Stück zusammen.
Für das Nachdenken über ein Ostdeutsches Anthropozän ist es nicht entscheidend, ob eine wissenschaftliche Kommission ein solches „Zeitalter des Menschen“ endgültig anerkennt und in eine Reihe stellt mit Holozän und Pleistozän. Vielmehr geht es darum, für die Krisen unserer Gegenwart und die drohenden Katastrophen der Zukunft neue Vorstellungen von kollektiver, globaler Verantwortung zu entwickeln. Neben einer globalen oder an Nationalstaaten orientierten Perspektive sollten auch kleinteiligere und lokalere Umgangsformen mit ökologischem und gesellschaftlichem Wandel und deren vielfältiger Verbindung in den Blick kommen. Ostdeutschland wäre ein solcher Raum, eine Region mit 13 Millionen Menschen, unendlich vielen Geschichten und einem ausgeprägten Wissen über die potenzielle Endlichkeit von Rohstoffen und einem politischen System.
In vier Jahrzehnten DDR-Geschichte wurde das Land unter immensen Anstrengungen aufgerissen, umgegraben, zerwühlt und ausgekohlt; dabei kamen Braunkohle, Uranerz, Masthähnchen, radioaktiver Abfall und Geschichten aus Gruben, Stollen, Schächten und Köpfen, landeten in Öfen, Reaktoren, Grillrosten, anderen Gruben und anderen Köpfen. Dieser Transfer hat bis heute nicht aufgehört. Tagebaulöcher wurden geflutet und zu Seen, auf deren Grund die abgetragenen Flöze letzte versteinerte Baumwurzeln aus der Urzeit festhalten, und auf deren Oberfläche Sportpaddler, zugezogene Kormorane und Nilgänse schwimmen. In einem Zwischenraum, nur der Erinnerung zugänglich, liegen die abgetragenen Dörfer, die der jetzt mit Wasser gefüllten Grube weichen mussten und nach denen heute in der nahegelegenen stark geschrumpften Kreisstadt immer noch eine Straße benannt ist, zumindest wenn die Wohnblöcke darin nicht inzwischen schon wieder abgerissen wurden. Dorthin wurden die Bewohnerinnen und Bewohner der zerstörten Ortschaft einst umgesiedelt, ein Mosaik an der Hauswand war häufig das Einzige, was in der Stadt noch von den lokalen Bräuchen gezeugt hat.