Donnerstag, 06. Oktober 2022

Gustav Mahler und die Frauen
Ein getriebener Macho

Fast 60 Frauen aus dem Leben des Komponisten Gustav Mahler porträtiert ein neues Buch. Mahler wird so als heiß liebender und auch als kühl kalkulierender Mann begreifbar, und mit ihm die Zeit, in der er lebte. Eine musikwissenschaftliche Arbeit mit Bedeutung für die Frauenforschung.

Von Torsten Möller | 12.09.2022

Eine in grün gehaltene Nachkolorierung eines historischen Fotos des gereiften Komponisten.
"Mahler ist ein großer Gegenstand für einen Psychologen" schreibt Autor Franz Wilnauer. (imago images / Leemage)
Das Buch heißt "Frauen um Mahler", nicht "Frauen mit Mahler". Der Mahler-Experte Franz Willnauer wirft einen sehr weiten Blick auf das Umfeld des Komponisten. Die Mutter kommt vor, es geht um die Schwestern, auch um Mahlers Verhältnisse zu Sängerinnen, die oft von triebhafter Natur, aber nicht immer erotisch aufgeladen waren. Fast 60 Frauen sind es, die mal länger, mal kürzer porträtiert sind. Lebendig beschreibt Franz Willnauer ihr Tun und Wirken – und natürlich auch die Verhältnisse, in denen sie zu Mahler standen. Je mehr man liest in diesem mehr als 400 seitigen Buch, desto mehr wird man sich methodischen und methodologischen Problemen bewusst. Mahler, der Mann also, der große Komponist und Dirigent steht im Zentrum.

Gustav Mahler - ein komplexer Fall

Verfehlt wäre es – davor warnt der Mahler-Forscher Franz Willnauer an vielen Stellen – Leben und Werk in Deckung zu bringen. Wenn sich überhaupt Parallelen zeigen, sind es abrupte Stimmungsschwankungen. In seinen Briefen zeigt sich Mahler wahlweise als völlig Verknallter, als einfühlsam-empathischer Mann, als Patriarch, als selbstbewusster Erfolgreicher, dann wieder als zweifelnd Leidender. Himmelhochjauchzend beginnt er in Hamburg als Chefdirigent des dortigen Stadttheaters ein Verhältnis zur gefeierten Sängerin Anna von Mildenburg. In einem Brief von 1895 schreibt er:
"In wenigen Stunden werde ich Dir in die lieben Augen blicken. Ich kann es kaum erwarten. Wird einmal der Tag kommen, wo ich es immer thun darf? (...) Sag mir heute in einem unbewachten Augenblick, ob Du mich lieb hast. Meine Geliebte, Du musst es mir noch oft sagen, bevor ich es zu voller Sicherheit weiß, Du 'Feind' vor dem ich so schnell kapituliert habe – und mich auf Gnade und Ungnade ergeben! Welches Glück für mich, dass es auf Gnade war. Ja? Ja? Sag mir´s! Meine Liebe! Auf Wiedersehen!"

Karriere oder Liebe

Himmelhochjauchzend, aber eben nicht zu Tode betrübt. Mahler macht weiter Karriere, geht von Hamburg als Kapellmeister an die Wiener Hofoper. Als seine einst so heißgeliebte Anna von Mildenburg dort auch den nächsten Schritt machen will, ist Schluss mit lustig. Cool und abgebrüht wechselt Mahler vom Du zum Sie. Dazu Franz Willnauer: "Auch die Mildenburg wurde ja von ihm mit der Aussage konfrontiert, dass dieses Verhältnis in dem Moment, wo er Hofoperndirektor würde, beendet sein müsste. Er könne sich ja nicht ein Verhältnis mit einer Sängerin leisten, wenn er dieses hohe Amt im österreichischen Kaiserhof hat."
Franz Willnauer sagt vieles klipp und klar: Mahler war ein oft kurzfristig erotisch aufgeladener Macho, der vom Beruf getrieben war.

Nicht nur musikgeschichtlich aufschlussreich

Das hervorragend lektorierte und bebilderte Buch hat viele Stärken. Der erfahrene Mahler-Forscher Willnauer bringt endlich das in Wissenschaft wie Romanen endlos überstrapazierte Verhältnis zur jungen Alma Mahler auf einen nüchternen Punkt. Auch stellt er das Verhältnis zu Nathalie Bauer Lechner gerecht dar und spart dabei nicht mit Kritik an männlichem Chauvinismus. In einem Rutsch ist Frauen um Mahler nicht zu lesen. Zu kleinteilig ist auf Dauer die Reihung von Affären, Bekanntschaften und beruflichen Kontakten. Aber Willnauer zeichnet mithilfe Mahlers ein Sittenporträt einer Zeit, die sicher nicht ganz überwunden ist, aber sich doch unterscheidet vom Heute. Am Ende heißt das zweierlei: Erstens ist das Buch nicht nur musikgeschichtlich relevant, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur Frauenforschung. Und Zweitens ist Mahler in all seiner Umtriebigkeit nur unter den Vorzeichen von damals zu sehen. Willnauer spricht jedenfalls auch von einer Flucht ins Private, zu der sich der Prominente veranlasst sah – eine Flucht, die letztlich, wie mit Alma, oft keine guten Wendungen nahm.
Der Autor des Buchs erklärt: "Man muss mal die Wiener Zeitungen dieser Jahre lesen. Es gibt fast keinen Tag, an dem der Mahler nicht in irgendeiner Zeitung vorkommt. Das heißt, dieses Leben war unter ständiger öffentlicher Beobachtung. Und die Beziehungen, der er aufbaut, sind sozusagen auch ein Gegenpol zu dem, was ihm gesellschaftlich abverlangt wird, zu verstehen. Das war sein eigentliches Leben. Er hat den Hofoperndirektor einfach nur gespielt. Aber der Mann mit diesen ganzen Problemen, mit diesen Sehnsüchten, mit diesen scheiternden, manchmal auch beglückenden Beziehungen, die er hatte – das war der eigentliche."
Frauen um Mahler
Franz Wilnauer
Schott Music
27,50€