Diskriminierung und Hass
Die Facetten des Rassismus-Problems im spanischen Fußball

Real Madrids Vinicius Junior bricht bei einer Pressekonferenz beim Thema Rassismus in Tränen aus, in der 3. Liga wird ein Torwart von einem Fan beleidigt, stellt ihn zur Rede – und muss dafür mit Rot vom Platz. Warum kriegt Spaniens Fußballverband das Rassismus-Problem nicht in den Griff?

Von Julia Macher | 06.04.2024
Spieler des FC Barcelona und von Atletico Madrid posieren vor einem Anti-Rassismus-Banner.
Szenen wie diese gibt es häufig: Die Profis beider Fußballteams posieren vor einer Partie gemeinsam vor einem Anti-Rassismus-Banner, wenn es mal wieder einen Skandal gegeben hat. Und solche Rassismus-Vorfälle gibt es im spanischen Fußball immer wieder. (IMAGO / Goal Sports Images / IMAGO / Goal Sports Images)
Drei Tage ließ sich die Disziplinarkommission des spanischen Fußballverbands (RFEF) mit der Entscheidungsfindung Zeit. Dann kam sie zu einem Urteil, dass Spaniens Sport-Kommentatoren in seltener Einigkeit die Köpfe schütteln ließ. Der senegalesische Drittliga-Torwart Cheikh Sarr von Rayo Majadahonda war von einem Fan des Gegners Sestao River mehrfach rassistisch beleidgt worden. Sarr packte ihn am Schal, stellte ihn zur Rede – und musste mit Rot vom Platz.
Doch damit nicht genug: Wegen leichten Fehlverhaltens wurde er vom RFEF-Gericht nun für zwei Spiele gesperrt, seinem Verein werden als Strafe außerdem drei Punkte abgezogen, weil die Mannschaft sich nach dem Vorfall geweigert hatte, weiterzuspielen.

Kapitän Casado wertet Urteil als Täter-Opfer-Umkehr

Dies bezeichnete Majadahonda-Kapitän Jorge Casado im spanischen Radiosender Cadena Ser als himmelschreiende Ungerechtigkeit: "Der Täter kommt so gut wie heil raus und scheint davon sogar noch zu profitieren. Aber wir werden mit einem 0:3 bestraft und müssen zwei Spiele auf unseren Torwart verzichten. Das wirkt so, als ob Cheikh, das Opfer, der eigentliche Täter sei."
Die Sanktion für Sestao River, den Verein, dessen Anhänger den Torwart beleidigten: eine Geldstrafe von 6.001 Euro, zwei Spiele im leeren Stadion. Vergleichsweise wenig, findet auch der betroffene Torwart Cheikh Sarr, der sich für seinen Alleingang mehrfach entschuldigt hat.

"Dieser Rassismus ist einfach unerträglich und manche haben sich dann, so wie ich, nicht mehr unter Kontrolle. Ja, ich habe unüberlegt gehandelt – aber wenn man solche Vorkommnisse künftig verhindern will, muss man die Täter viel härter bestrafen als das Opfer.“

Fußballtorwart Cheikh Sarr

Fußballverband: Schiedsrichter hat Beleidigungen nicht mitgekriegt

Die Argumentation der Disziplinarkommission des spanischen Fußballverbands: Der Schiedsrichter habe von den Beleidigungen nichts bekommen. Der Torwart hätte ihn viel früher darauf aufmerksam machen müssen. Dann hätte das entsprechende Protokoll aktiviert werden können.
Es war nicht der einzige Fall am vergangenen Wochenende: Beim Auswärtsspiel des FC Sevilla in Getafe traf es den Argentinier Marcos Acuña und Coach Quique Sánchez Flores. Der eine wurde als „Affe“, der andere als „Gitano“, so lautet eine abschätzige Bezeichnung für Roma, beschimpft. Zwar traf die Sanktion beim Erstligaspiel tatsächlich den verantwortlichen Verein – Getafe muss 27.000 Euro Strafe zahlen und drei Spiele lang auf Zuschauer verzichten – aber der Eindruck bleibt: Der spanische Fußball hat ein Rassismusproblem.

Fanforscher Viñas: Rassismus-Problem "in Gesellschaft verankert"

Und der Verband tut offensichtlich zu wenig. Carles Viñas forscht an der Universität Barcelona zu Fußball und Fankultur. Er sagt: "Die Tragweite des Problems ist dem Verband einfach nicht bewusst. Es fehlt der Wille, das Problem Rassismus tatsächlich anzugehen, Fälle werden systematisch heruntergespielt. Häufig wird versucht, das Problem auf rechtsradikale Gruppen zu schieben. Aber es ist sehr viel umfassender, weil es in der Gesellschaft verankert ist."
Viñas erinnert dabei an die Affäre Luis Aragonés. Der damalige Nationaltrainer hatte den französischen Nationalstürmer Thierry Henry gegenüber einem seiner Spieler rassistisch beschimpft. Der Verband hatte das Problem zunächst heruntergespielt: Der Coach habe nun mal ein eher loses Mundwerk, sei aber kein Rassist.

Hemmschwelle für Spielabbruch ist in Spanien hoch

Zwanzig Jahre ist der Fall her. Geändert habe sich seitdem wenig. Zwar sehen inzwischen sowohl das spanische Sportgesetz wie auch die Statuten der Liga Anti-Rassismus-Protokolle vor, doch in der Praxis versagen sie, sagt Viñas. Aber: "Sie werden nicht entschlossen genug umgesetzt. Ein Schiedsrichter hat das Recht, ein Spiel zu unterbrechen, wenn es zu rassistischen oder beleidigenden Äußerungen gekommen ist. Aber das einzige Mal als diese Regel angewandt wurde, war als der Ukrainer Roman Zozulya von Albacete von Vallecas-Fans als Nazi bezeichnet wurde. Aber bei den vielen rassistischen Beleidigungen hat man die Spiele immer nur unterbrochen.
Tatsächlich liegt die Hemmschwelle für den Spielabbruch in der dicht getakteten spanischen Liga hoch: Laut dem 2007 etablierten Protokoll müssen dazu beide Mannschaftskapitäne sowie die Sicherheitskräfte konsultiert werden. Formal werden rassistische Beleidigungen ähnlich schwer gewertet wie das Werfen mit Gegenständen oder das Anzünden von Feuerwerk.
Aber das hilft wenig, wenn in der Praxis die Diagnose versagt und der Schiedsrichter wie in Sestao angeblich nichts mitbekommt. Spezifische Antirassismus-Schulungen für Schiedsrichter gibt es in Spanien nicht. Auch das sei symptomatisch für das mangelnde Problembewusstsein, erklärt Viñas: "Disziplinarverfahren allein reichen nicht aus. Sie müssen begleitet werden von Bildungsmaßnahmen – in allen Bereichen der Gesellschaft. Dazu sollten auch die Klubs auch engmaschiger überwacht werden. Telefon-Hotlines wie in Deutschland, über die Fans rassistische Vorkommnisse anzeigen können, gibt es hier nicht – weil das Bewusstsein für die Notwendigkeit noch fehlt."

Spanische Justiz langsam in der Strafverfolgung

Der Brasilianer Vinicius Junior von Real Madrid lässt die Beleidigungen gegen sich systematisch strafrechtlich verfolgen. 18 Anzeigen haben er und sein Klub Real Madrid seit Oktober 2021 gestellt. Bis zu vier Jahre Haft gibt es nach spanischem Recht für Hassdelikte wie rassistische Beleidigungen. Doch die spanische Justiz ist langsam: 2020 brachte die Liga erstmals einen Fall von Rassismus im Fußballstadion vor Gericht. Bilbao-Stürmer Inaki Williams war damals von einem Zuschauer schwer beleidigt worden. Doch die Anhörung hat immer noch nicht begonnen.
Immerhin: Nach den Ereignissen vom letzten Wochenende haben Trainer, Spieler und Schiedsrichter aus verschiedenen Verbänden eine grundlegende Überarbeitung der spanischen Anti-Rassismus-Protokolle gefordert.