Montag, 23. Mai 2022

Urbanes Leben
Wie Planer, Bürger und Politik mit Lärm in der Stadt umgehen

Permanente Geräusche durch Straßenverkehr oder Freizeitstätten können krank machen. Mehrere Millionen Menschen in Deutschland sind solchen Lärmverschmutzungen ausgesetzt. Was als Lärm gilt, ist subjektiv, aber auch in Dezibel definiert. Städte wie Hamburg kennen diese Konflikte - und suchen nach Lösungen.

Von Benjamin Dierks | 09.05.2022

Autobahn A40 beim Feierabendverkehr mit Blick Richtung Essener Stadtzentrum, Essen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
Rund achteinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind laut Umweltbundesamt allein an Hauptstraßen gesundheitsgefährdender Lärmverschmutzung ausgesetzt (picture alliance / Rupert Oberhäuser)
Der Panoramablick vom “Fliegenden Teppich” aus ist pure Hamburg-Idylle: Links ragt die Elbphilharmonie vor der Hafencity und der historischen Speicherstadt empor, davor die Landungsbrücken; die Schiffswerft Blohm & Voss liegt am Elbufer gegenüber und rechts die Fischauktionshalle. Doch mit der Idylle ist es hier seit einiger Zeit vorbei. Der “Fliegende Teppich” ist eine in Wellenform angelegte Rasenfläche. Auf einer Grasinsel daneben ragen große Palmen aus Metall in den Hamburger Himmel. Sie gehören zum “Park Fiction”, einem öffentlichen Park und Kunstprojekt in Hamburgs Vergnügungsviertel St. Pauli, der den Anwohnerinnen und Anwohnern eigentlich Ausgleich und Erholung bieten soll - nun aber für viel Ärger sorgt.

Beispiel Hamburg und der "Park Fiction"

Davon betroffen ist auch Sabine Stövesand. Sie blickt auf den Park, auf den ein paar letzte abendliche Sonnenstrahlen fallen. “Ich war lange Sozialarbeiterin auf Sankt Pauli und im Moment seit einer Weile bin ich Professorin für soziale Arbeit. Ich habe damals hier in der Stadtteilarbeit gearbeitet und mit einer Initiative zusammen diesen Park Fiction durchgesetzt und erkämpft und geplant. Und ich bin auch Anwohnerin.”

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Eigentlich wollte die Stadt hier in den 1990er-Jahren Wohnungen und Büros bauen. Die Anwohnerinnen und Anwohner aber protestierten und setzten sich für den Park ein, der seither ebenso zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden ist wie die Sehenswürdigkeiten ringsum - und immer mehr Publikum anzieht. Das ist ein Grund dafür, warum er für Sabine Stövesand mittlerweile nicht nur Grund zur Freude ist.
“Ein Problem, was einfach zugenommen hat, was damals in der Gründung nicht absehbar war, das ist der Lärm durch Bluetooth-Boxen, durch mobile Boxen. Also, dass hier Leute sind und dass Leute hier die Seele baumeln lassen, das war unsere Vorstellung. Und der Park ist ja in der Bebauungsplanänderung begründet worden als Ausgleichsfläche für die Kiez-geplagte Anwohner*innenschaft, das kann man nachlesen. Und seit Mitte der Neunziger hat sich einfach sehr viel verändert, auch die Art, wie Hamburg Touristen in die Stadt holt, das ganze Tourismus-Marketing. Ich wohne jetzt in einem Standort und nicht mehr in einem Stadtteil.”

Wenn Lärm und Ruhebedürfnis in Konflikt geraten

Lärm und das Bedürfnis nach Ruhe – es ist ein Konflikt, der Millionen in Deutschland belastet und vor allem Menschen an vielbefahrenen Straßen, an Bahntrassen oder Einflugschneisen betrifft – aber auch in lebhaften Stadtvierteln wie St. Pauli. Der Streit zwischen feierlustigen und lärmenden Besucherinnen und Besuchern auf der einen und den Bedürfnissen der Bevölkerung des Viertels auf der anderen Seite brandet hier seit Jahren immer wieder auf. Im Park Fiction spitzte er sich in diesem Jahr zu. Eine Anwohnerinitiative wandte sich an Medien und Politik. In Zeitungsartikeln wurde Park Fiction zu einem “Ort der Gewalt” erklärt. CDU und Grüne sprachen in einem gemeinsamen Antrag in der Bezirksversammlung von einem “Brennpunkt” mit “dauerhafter Beschallung der Nachbarn”.
“Schon vor Corona haben Nachbarn immer wieder gesagt: ‚Ich halte es nicht aus.‘ Und wenn Leute tagelang nicht pennen können, im Sommer nicht lüften können, weil es so laut ist, die drehen am Rad.” Sagt Anwohnerin Sabine Stövesand.
Nachbarschaftslärm rangiert in einer Umfrage des Umweltbundesamts von 2020 bei den Lärmquellen, durch die die Deutschen sich belästigt fühlen, an zweiter Stelle, gefolgt von Schienen- und Flugverkehr. Die größte Lärmbelästigung rührt vom Straßenverkehr.
Menschen draußen im Park am Wasser, man man blickt auf die Landungsbrücken.
Streit um Freizeitlärm aus dem Park Fiction auf St. Pauli in Hamburg. Vom Park blickt man auf die Landungsbrücken und die Docks der "Blohm&Voss"-Werft. (imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer)

"Lärm ist definiert als unerwünschter Schall“

Lärm gilt als Umweltgift. Rund achteinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind laut Umweltbundesamt allein an Hauptstraßen gesundheitsgefährdender Lärmverschmutzung ausgesetzt, 6,4 Millionen lautem Schienenverkehr und 850.000 Menschen Flugverkehrslärm. Das Amt erfasst in sogenannten Lärmkarten, wie stark ein Gebiet belastet ist. 
"Lärm ist definiert als unerwünschter Schall“, sagt der Arbeits- und Sozialmediziner Andreas Seidler von der Technischen Universität Dresden. „Lärm wirkt also belästigend auf den Körper. Das wiederum führt zu Stressreaktionen. Und diese Stressreaktionen gehen einher mit bestimmten Hormonausschüttungen, mit Veränderungen des autonomen Nervensystems, und können dann auf längere Sicht Herzkreislauferkrankungen bedingen.“
Lärm kann zu Herzinsuffizienz, Schlaganfall und Herzinfarkt führen. Kinder können Lernschwächen entwickeln. Auch psychische Erkrankungen drohen. Ein dauernder Schallpegel von 65 Dezibel allein kann ausreichen, um der Gesundheit zu schaden. Das wäre zum Beispiel eine dauerhaft laufende Nähmaschine. Wie belastend Lärm ist, hänge neben dem messbaren Schalldruck aber auch davon ab, wie sehr ein Mensch sich subjektiv gestört fühlt, sagt Andre Fiebig, Psychoakustiker an der Technischen Universität Berlin.
“Klar gibt es bestimmte Schädigungen, die sich einstellen, wenn man dauerhaft lauten Geräuschen ausgesetzt ist. Das heißt, das ist verhältnismäßig unabhängig davon, ob ich diese Geräusche als besonders angenehm oder störend empfinde. Dennoch muss man ganz klar sagen, dass man davon ausgeht, dass die individuelle Bewertung des Geräusches auch noch mal solche Erkrankungen modifizieren kann. Sprich, das Risiko steigt, wenn ich mich darüber ärgere, wenn ich mich aufrege, wenn es mich permanent daran erinnert, da ist ein Umweltstressor, den ich nicht beeinflussen kann. Dann geht man davon aus, dass die Wirkung noch stärker ist.”

Forscher klären: Wann werden Geräusche als Störung empfunden?

Der Rasenmäher des Nachbarn, das dauernde Tratschen, Tastaturgeklapper und Telefonieren im Großraumbüro oder eben die Bässe aus aufgedrehten Bluetooth-Boxen können also ebenso eine Lärmbelastung sein wie das Dröhnen der Turbinen in der Einflugschneise oder die quietschenden Bremsen eines Güterzuges. Die Klangforscherin Brigitte Schulte-Fortkamp, ebenfalls von der TU Berlin, versucht deshalb herauszufinden, wann Geräusche als Störung empfunden werden und wie die negativen Auswirkungen von Lärm minimiert werden können.   
“Da geht es darum, wie wird eine Umgebung wahrgenommen, welche eigenen Interessen kann man sozusagen in diese Umgebung hineinbringen, damit die Umgebung besser gestaltet wird? Das setzt an bei den Erwartungen und Erfahrungen von Menschen, die in ganz bestimmten Umgebung wohnen und an ihren Interessen, diese Umgebung entweder so zu erhalten oder umzugestalten. Das erfordert auch die Teilnahme oder Mitwirkung von - in Anführungszeichen -  Betroffenen aus solchen Bereichen. Dass man lernt, aus Erfahrungen Plätze, Räume und so weiter zu gestalten.”

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Park Fiction in Hamburgs Viertel St. Pauli ist eigentlich so ein Platz, an dem sich Anwohnerinnen und Anwohner, sozial Aktive und Beteiligte aus Kunst und Kultur eingebracht haben, um einen Ort nach ihren Vorstellungen zu gestalten - ein Vorzeigeprojekt für selbstorganisierte Bürgerbeteiligung. Nur scheint sich das Ergebnis dieser Bemühungen über die Jahre vom einstigen Idealbild vieler Beteiligter entfernt zu haben. Anwohnerin und Mitbegründerin Sabine Stövesand hat den Eindruck, dass es ihr immer schwerer fällt, auf die Entwicklung des Ortes einzuwirken. “Wir hatten ja die Vorstellung, wir regeln das miteinander, wir reden mit den Leuten.  Und ich bin dann auch immer - und andere auch - dann rausgegangen, haben gesagt, hey Leute, und dann hieß es, ey, zieh doch woanders hin.”

Klassischer Konflikt: die angeblich zu laute Musik

Wenn es in der Stadt um laut oder leise geht, prallen Interessen und Bedürfnisse aufeinander, die auf den ersten Blick kaum vereinbar scheinen. Das Bedürfnis nach Ruhe der einen gegen die Lust am Ausschweifen der anderen, Schutz von Anwohnern gegen das Interesse von Verkehrsteilnehmern, schnell durch die Stadt zu kommen, die Anforderungen einer wachsenden Stadt gegen die Wünsche der angestammten Bevölkerung. Um das Austarieren dieser Gegensätze kümmern sich Beratungsbüros für Städte und ihre Bauvorhaben. Wie in Hamburg das Lärmkontor, das sich dem Lärmschutz verschrieben hat.
Mirco Bachmeier ist der Geschäftsführer: “Das klassische Beispiel ist immer die Rockmusik. Also, Sie hören Rockmusik, finden das super in Ihrem Garten, und Ihr Nachbar sagt: Jetzt mach den Krach aus. Da merkt man eben die Unterschiede. Einer findet es gut, der andere nicht. Wir haben aber tatsächlich in unserer Arbeit Richtwerte. Die orientieren sich an verschiedensten Grundlagen aus der Lärmwirkungsforschung oder wurden mal so festgelegt. Und da ist der Wert für uns verbindlich. Da ist dann nicht die Frage, ist das jetzt eigentlich wirklich schlimm oder nicht?”

Entlastung durch Tempo-30-Zonen

Bachmeier und sein Büro werden etwa zu Rate gezogen, wenn Bauvorhaben auf Lärmschutz abgeklopft werden müssen, wenn geklärt werden muss, welche Auswirkung stadtplanerische Maßnahmen haben oder wenn die Politik Anwohner einer Hauptverkehrsstraße durch eine Tempo-30 Zone entlasten will. Oft zeigten aber auch die Zahlen, dass gegensätzliche Interessen kaum zu vereinbaren seien, sagt Bachmeier. “Ich habe jetzt gerade auf dem Tisch eine Planung einer Freizeitanlage, die an Feiertagen und Sonntagen nur 50 Dezibel verursachen darf am Boden.”
Höher darf die Belastung für die umliegenden Wohnbauten nicht sein. Derlei Grenzwerte für Lärm schreibt das Bundes-Immissionsschutzgesetz in mehreren Lärmschutzverordnungen vor. 50 Dezibel sind schon bei einem normalen Gespräch erreicht. Mit einer Anlage, die auch Rampen für Skateboardfahrer haben soll, ist diese Schallgrenze schnell erreicht. Bachmeier überlegt dann, ob er die Anlage umplanen kann, um den Druck für die Umgebung zu verringern. “Und da sitzt man natürlich auch daran und denkt, wenn wir dann keine Freizeitanlagen mehr bauen und den Jugendlichen und Kindern und wie auch immer da nichts mehr zur Verfügung stellen können oder irgendwo fernab, ob das das Konzept für die Zukunft für eine Stadtentwicklung ist, ist dann vielleicht auch fraglich.”
Was Bachmeier immer wieder klarmachen muss: Vollständig vor Lärm bewahren könne er Anwohnerinnen und Anwohner nicht, wenn ein Bau in ihrer Nachbarschaft umgesetzt werde. “Also es ist nicht so, dass du das nicht hören darfst. Es ist nur so, dass du einen bestimmten Wert nicht überschreiten darfst. Also wenn eine Anlage irgendwo installiert wird, dann wird man auch in Zukunft hören, dass da irgendeine Lüftung geht, aber eben nicht über diesen Wert, den die entsprechenden Vorschriften einfordern.”
Auf einer Straße im Zentrum von Paris gilt Tempo 30.
Paradebeispiel? In Paris gelten großflächige Tempo-30-Zonen. (Michael Evers/dpa)

Lärmquellen nehmen nicht ab, sondern zu

Besondere Herausforderung für Lärmschützer wie Bachmeier: Lärmquellen nehmen nicht ab, sondern eher zu in einer wachsenden Stadt. Der Ingenieur hat auf dem Schreibtisch vor sich einen Plan mit einem Ausschnitt Hamburgs ausgebreitet. In dem Gebiet soll ein komplett neues Wohnviertel entstehen. Die Straßen, die das Areal umgibt, hat Bachmeier rot markiert. "In dem Plan hier vor mir geht es tatsächlich um die Frage, welche Auswirkungen ein neuer Stadtteil auf die Verkehrszunahme im umliegenden Verkehrsnetz haben wird. Sie können nicht irgendwo einfach, ich sage mal, 100 neue Wohneinheiten generieren. Das wiederum generiert 300 neue Fahrten pro Tag, die fahren alle über eine Straße da rein und raus. Und früher war auf dieser Straße nichts. Da ist natürlich der Anwohner, der früher kein Verkehr hatte, mit 300 weiteren Fahrzeugen nicht sonderlich glücklich.”   
Grundsätzlich sieht Bachmeier eine Chance darin, dass die Stadt nachverdichtet wird, wie es im Stadtplaner-Deutsch heißt, dass also zum Beispiel Baulücken in der Innenstadt geschlossen oder niedrige Gebäude ersetzt oder aufgestockt werden. Auf der anderen Seite führt der Bedarf an neuen Wohnungen aber auch dazu, dass überall gebaut wird, wo noch ein freies Stück Land zu finden ist.
Die Folge: Auch an den bislang eher vernachlässigten und besonders vom Straßenlärm belasteten Ausfallstraßen der Stadt werde Wohnraum geplant, sagt Uwe Schacht, Lärmschutzexperte in der Hamburger Umweltbehörde: “Im Augenblick sind unsere Hauptverkehrsmagistralen vom Stadtbild her sehr heterogen. Da sind viele Gewerbebetriebe. Da zieht jeder weg, der es sich leisten kann. Und die Idee ist halt, diese Magistralen zu entwickeln, auch durch Gebäude, die eine lärmabgewandte Seite schaffen.” 

Hamburg: Neue Wohnungen an Hauptverkehrsadern

Während bisher also kaum jemand an diesen Hauptverkehrsstraßen wohnen wollte, soll hier künftig ein Teil der Hamburger Wohnungsnot behoben werden. Das Problem des Straßenlärms aber bleibt. „Da hat unsere Landesplanung sich ein Magistralenkonzept überlegt, das dann aber doch überwiegend mit passiven Schallschutz arbeitet und damit Maßnahmen, wie sie den Lärm abschirmen von der Wohnseite.”  
Die Gebäude sollen auch selbst zu einer Art Schallschutzwand werden und damit auch die umliegenden Gebiete vom Straßenlärm abschirmen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der neuen Wohnbauten selbst sollen vorm Lärm geschützt werden, in dem sie zur Straßenseite vor allem Nutzräume wie Küchen, Bäder und Treppenhäuser haben. Auf der von der lärmenden Straße abgewandten Seite sollen Schlaf- und Wohnzimmer liegen. “Das ist aber alles natürlich sehr ambitioniert, und das ist auch ein Projekt, das über ein Jahrzehnt entwickelt wird. Aber so kann man also versuchen, mit dem bestehenden Lärm zu leben und trotzdem diese Flächen zu nutzen. Der Wohndruck, den wir hier in Hamburg haben, zwingt uns, zu solchen Mitteln zu greifen. Das einzige Problem dabei ist rechtlich gesehen unsere Umgebungslärmrichtlinie, die wir umsetzen. Die setzt eigentlich eher auf die Absenkung der Schallpegel, also es muss leiser werden. Aber damit kommen wir halt letztlich leider immer nur sehr langsam voran.”
Die Umgebungslärmrichtlinie der Europäischen Union verlangt von den Mitgliedstaaten unter anderem, dass sie durch Lärmkarten verdeutlichen, wie hoch die Lärmbelastung ist. Gebiete, in denen der Menschen und Umwelt vor Lärm geschützt sind, sollen möglichst so bleiben. An besonders lauten Orten, an denen der Lärm gesundheitsschädigend ist, muss der Pegel gesenkt werden. In Hamburg etwa sind mehr als 100.000 Menschen am Tage durch Straßenverkehr Lautstärken von über 65 Dezibel ausgesetzt. Nachts sind es sogar 130.000 Menschen, die von Lautstärken über 55 Dezibel betroffen sind. Das sind Grenzwerte des Umweltbundesamts, ab denen Lärm als gesundheitsgefährdend gilt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO setzt noch strengere Werte an. Ihr zufolge sollte es nachts nicht lauter als 45 Dezibel werden, was einem Ventilator entspricht oder einem Geschirrspüler, der am anderen Ende der Wohnung steht. 

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Hamburg: 100.000 Menschen sind Lärm von über 65 Dezibel ausgesetzt

“Das ist natürlich auch ein soziales Problem, weil wir wissen ja, dass viele nicht sehr teure Wohnungen in Bereichen liegen, die stark schall- und lärmbelastet sind. Und da gibt es kaum Maßnahmen, hier Veränderungen durchzuführen.“ Sagt die Lärmforscherin Brigitte Schulte-Fortkamp von der TU Berlin. Um den Lärmpegel an lauten Hauptverkehrsstraßen zu senken, hat Hamburg an mehreren Abschnitten – wie auch andere Großstädte in Deutschland wie Frankfurt oder Berlin – zumindest nachts Tempo 30 eingeführt. Das senkt den Lärm um rund 3 Dezibel. Das klingt nicht nach viel, vermindert den gesundheitsschädlichen Schalldruck aber immerhin um die Hälfte - allerdings nicht die wahrgenommene Lautstärke. Um sie zu halbieren, müsste die Lärmbelastung um rund 10 Dezibel sinken.
Lucas Schäfer von der Umweltorganisation BUND findet, dass das Hamburger Engagement gegen den Lärm nicht ausreicht. "Die letzte Lärmkartierung liegt schon über fünf Jahre zurück. Und schon die war unvollständig. Also hier fehlt einfach in Hamburg eine Sensibilisierung mit dem Thema und eben auch eine Gewährleistung, dass diejenigen, die sich darum kümmern, entsprechend ausgestattet werden, um ihre Arbeit zu machen.”
Die Stadt Paris zeigt, dass es auch ambitionierter geht. Dort wurde auf fast allen Straßen Tempo 30 eingeführt. Auch in Deutschland gibt es eine Städteinitiative, die sich beim Bund dafür stark macht, dass die Kommunen Geschwindigkeitsbegrenzungen auch auf Bundesstraßen eigenständiger einführen können. Unter den Initiatoren sind Aachen, Freiburg, Hannover oder Leipzig. Auch Berlin hat sich angeschlossen. Hamburg gehört nicht dazu und verweist darauf, dass in Wohngebieten bereits weitgehend Tempo 30 gelte.

"Wir brauchen einen Ort, wo es lauter werden kann"

Auch in den Straßen um den “Park Fiction” in St. Pauli gilt Tempo 30. Selbst Spielstraßen gibt es. Aber das hiesige Lärmproblem lässt sich so nicht bewältigen. Unterstützerinnen und Unterstützer des Areals haben sich im Park Fiction Komitee organisiert. Nabila Attar ist eine von ihnen. Sie glaubt, dass Park Fiction nicht das eigentliche Problem ist. In ihren Augen ist die Belastung in den Wohnstraßen von St. Pauli Folge verfehlter Stadtplanung, Tourismusförderung und dem Kultursterben auf einer immer stärker vom Kommerz bestimmten Reeperbahn. “Das hat auch was mit den steigenden Gewerbemieten zu tun. Und dieser ganze Druck ist in die Anwohnerstraßen gegangen. Und das, was hier dann im Park davon ankommt, ist eben auch Teil dieser Wirkung. Vor drei Jahren wurde heiß diskutiert an der Ecke Wohlwillstraße über Lärmbelastung. Und jetzt hat man den Park auserkoren. Aber es wird irgendwie davon ausgegangen, dass der Park Urheber ist, was halt nicht richtig ist.”  
Der Künstler Christoph Schäfer, Mitbegründer von Park Fiction und ebenfalls im Komitee engagiert, hofft darauf, dass sich das Problem mit dem Lärm im Park “im Viertel” lösen lässt, wie er sagt, so wie einst, als der Ort geschaffen wurde. “Und dabei kam damals zum Beispiel auch schon raus: Wir brauchen einen Ort, wo es lauter werden kann. Und das ist jetzt der Ort, über den sich beschwert wird. Da muss man gucken, wie kriegt man so eine Vielstimmigkeit rein in Verfahren, statt, dass nur die Anwohner im allerengsten Sinne über das komplette Schicksal einer Stadt entscheiden und auch über öffentliche Räume, die von sehr viel mehr Leuten genutzt werden.”
Eine Idee, die dem Künstler Schäfer und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern vorschwebt: Park Fiction auf die Elbpromenade auszuweiten, die bisher weitgehend verwaist ist. Die liegt noch hundert Meter weiter weg von den Wohnhäusern. Anwohnerin Sabine Stövesand ist allerdings skeptisch. „Meine Befürchtung ist, dass die Stadt das dann weiterhin vermarkten will. Und dass das dieser Touristifizierung und diesem Halligalli am Hafenrand eher Vorschub leistet.“
Und damit, so Stövesands Sorge, wäre es mit der ersehnten Ruhe in ihrem Stadtviertel endgültig vorbei.