Donnerstag, 26. Januar 2023

Polarlichter-Schauspiel vor 85 Jahren
Spektakuläres Weltraumwetter über ganz Europa

Im Norden Skandinaviens leuchtet der Himmel fast allabendlich in grünen und roten Farben. Ganz selten ist das Polar- oder Nordlicht auch in unseren Breiten zu sehen. So im Januar 1938 bei einer spektakulären Polarlicht-Erscheinung über ganz Europa.

Von Dirk Lorenzen | 25.01.2023

Ein Polarlicht leuchtet am Nachthimmel des  06. März 2016 nahe Lietzen im Landkreis Märkisch-Oderland, Brandenburg
Ein Polarlicht im März 2016 nahe Lietzen in Brandenburg. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
„In den Abendstunden gab es eine Nordlichterscheinung, über die Meldungen unter anderem aus den österreichischen Bundesländern, dem Deutschen Reich, aus Frankreich und Griechenland vorliegen. Sie trat überall zuerst mit einem roten Schein auf, der dazu führte, dass vielerorts die Feuerwehr alarmiert wurde.“

Faszination und Furcht angesichts der himmlischen Lichtershow

So berichteten die „Oberösterreichischen Nachrichten“ über das spektakuläre Himmelsleuchten am 25. Januar 1938. In ganz Europa zog es viele Menschen ins Freie, um das seltene Naturschauspiel zu bewundern. Viele waren fasziniert, manche aber auch verängstigt und fürchteten, das rote Leuchten stamme von einem Großfeuer.
„Der Himmel war im Nu in flammende Röte getaucht und leuchtete in einer prächtigen Farbensinfonie. Lichtkegel, wie aus vielen Scheinwerfern ausgestrahlt, sorgten für ein seltene Himmelspracht.“

Wie winzige Sonnenteilchen ein großes Spektakel veranstalten

In jener Winternacht waren nicht nur die Sterne am Firmament zu sehen, sondern dazu noch farbige Wolken mit senkrecht verlaufenen Strahlen. Das Nord- oder Polarlicht war mal ganz unbeweglich, mal flatterte es wie eine Gardine vor offenem Fenster.
“Wenn dann so der Schnee knistert und am Himmel leuchten diese grünen und roten Lichter, das ist einfach faszinierend.“, sagt Claudia Hinz, Vorsitzende des Arbeitskreises Meteore, begeistert sich für atmosphärische Phänomene. Das betörende nächtliche Leuchten geht auf winzige geladene Teilchen unserer Sonne zurück, ein Plasma aus Protonen und Elektronen:
„Die Sonne sendet ja immer wieder Plasma ins Weltall. Das sind eine Million Tonnen pro Sekunde. Normalerweise wird das von unserem Magnetfeld abgeleitet, also abgefangen. Da wo die Magnetfeldlinien die Erdoberfläche berühren – das ist bei uns an den Polen – sieht man das Polarlicht fast immer.“
Polarlicht in Fuhrmann, Perseus und Kassiopeia im April 2013 über Alaska
Polarlicht in Fuhrmann, Perseus und Kassiopeia im April 2013 über Alaska (LCDR Gary Barone/NOAA)
Nur in den Polargebieten geraten die Teilchen bis in die oberen Atmosphärenschichten und regen dort die Sauerstoff- und Stickstoffteilchen zum Leuchten an. Wie hell das Polarlicht ist, hängt unter anderem davon ab, wie viele aktive Gebiete – Sonnenflecken – es auf der Oberfläche der Sonne gibt. Im Januar 1938 befand sich die Sonne im Maximum ihres elfjährigen Aktivitätszyklus‘ und zeigte besonders große Flecken.
„Die Fleckengruppe erreichte eine Längenausdehnung von etwa 150.000 km und gehört zu den sechs größten, die in den letzten 60 Jahren beobachtet worden sind. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist, die am 24. Januar beobachtete Eruption die Ursache des großen Nordlichts.“

Wann Nordlichter über dem Mittelmeer zu sehen sind

So der Schweizer Sonnenphysiker Max Waldmeiet. Über Jahrzehnte erforschte er das auffallende Nordlicht und dessen Ursache: Pustet die Sonne nicht nur den üblichen Wind ins All, sondern tobt nach einer Explosion auf ihrer Oberfläche geradezu ein Teilchensturm, dann ist das nächtliche Leuchten extrem hell und nicht nur in Nordskandinavien zu sehen, sondern auch in Deutschland oder sogar im Mittelmeerraum.
 „Aus mehreren Städten des Peleponnes und Mazedoniens wird gemeldet, dass dort der Nordlichtschein etwa eine Stunde lang beobachtet werden konnte.“
So ein Sonnensturm führt nicht nur zu brillanten Nordlichtern. Die geladenen Teilchen von der Sonne haben auch negative Folgen: Manchmal verursachen sie Kurzschlüsse in Stromnetzen oder legen Satelliten lahm. Daher gibt es inzwischen eine Art Vorhersage für das Weltraumwetter, also ob mit Teilchenflaute oder -sturm zu rechnen ist. Dafür haben mehrere Satelliten unsere Sonne rund um die Uhr im Blick – davon profitieren auch Polarlichtfans wie Claudia Hinz:
„Wenn so ein großer Ausbruch zur Erde gerichtet ist, dann dauert es zwei Tage, ehe das Plasma unsere Erdatmosphäre erreicht. Es ist in gewisser Weise möglich, eine höhere Polarlicht-Wahrscheinlichkeit vorherzusagen.“
Die Sonne steht derzeit wieder kurz vor einem Maximum ihrer Aktivität. Die Chance auf Polarlichter in Mitteleuropa steigt und der nächtliche Blick an den Nordhimmel kann sich lohnen – auch wenn das rötliche Leuchten nur ganz selten so spektakulär wird wie im Januar 1938.