Freitag, 23. Februar 2024

Mögliche deutsche Bewerbung
DOSB tauscht sich mit Bevölkerung zu Olympischen Spielen aus

Olympia 2036 in Deutschland? Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) würde gerne eine Bewerbung ins Rennen schicken. Nach der gescheiterten Bewerbung von München soll aber vorher erfragt werden, ob und wie sich die Menschen überhaupt Olympische Spiele in Deutschland wünschen.

Von Alexander Moritz | 01.10.2023
Die Olympischen Ringe (Symbolfoto)
Finden die Olympischen Sommerspiele in Zukunft mal wieder in Deutschland statt? Bevor möglicherweise eine Bewerbung erstellt wird, will der Deutsche Olympische Sportbund sich aber erstmal mit der Bevölkerung austauschen. (imago images / GEPA pictures / GEPA pictures / Christian Walgram via www.imago-images.de)
"Deine Ideen, deine Spiele" – worum es genau geht, darüber lässt der Slogan die wenigen Menschen, die sich zufällig in den Veranstaltungsraum in der Leipziger Innenstadt verirren, erstmal im Unklaren. Mit Informationsständen wirbt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für eine mögliche Olympiabewerbung. Auf Wandtafeln kann man Wünsche und Anregungen schreiben.
"Wir haben jetzt noch gar kein Bewerbungskonzept, sondern wir sprechen jetzt erstmal mit der Bevölkerung. Wir hören uns an: Warum wollt ihr Olympische Spiele oder warum vielleicht auch nicht? Und das soll unsere Basis sein für ein konkretes Bewerbungskonzept", betont DOSB-Vizepräsidentin Kerstin Holze. "Wir gehen davon aus, dass die [Bewerbungen, d. Red.] voraussichtlich 2026 im Frühjahr vergeben werden."

DOSB möchte zuerst die Menschen ins Boot holen

Die Bewerbung soll weniger kompliziert laufen, verspricht der DOSB, soll billiger sein und ausschließlich vorhandene Sportstätten nutzen. Die Menschen sollen frühzeitig eingebunden werden. Etwa bei der Debatte darüber, ob Deutschland sich ausgerechnet 2036 um die Spiele bewerben sollte, also genau 100 Jahre nach den Olympischen Spielen in Nazi-Deutschland 1936.
Neben Leipzig soll es Dialogforen auch in vier weiteren Städten geben, der Verband sammelt auch online Anregungen. Die Ergebnisse sollen Anfang Dezember in ein Bewerbungskonzept einfließen. Knapp eine Million Euro kostet der Prozess.
"Früher haben wir erst Konzepte erstellt, sind dann an die Menschen rangegangen und haben gesagt: 'Hier ist unser Konzept, ist doch gut, oder?' Und diesmal wollen wir es genau andersrum – wir wollen, dass die Menschen dafür sorgen, dass das Bewerbungskonzept gut wird", erklärt Stephan Brause, Leiter der Stabsstelle Olympiabewerbung beim DOSB.

Dialog zu Olympiabewerbung ist ergebnisoffener Prozess

Denkbar wäre eine Bewerbung um die Sommerspiele 2036 oder 2040. Leipzig ist als kleinerer Austragungsort im Gespräch, gemeinsam mit Berlin oder München. Interesse gibt es auch in Hamburg oder Düsseldorf und weiteren Städten in Nordrhein-Westfalen. Brause begrüßt das:

Alle fünf Städte haben es schon mal versucht, Olympische Spiele in der Vergangenheit nach Deutschland zu holen und sind auf unterschiedlichen Ebenen gescheitert. Aber wir finden es gut, dass wir es diesmal mit fünf Städten gemeinsam machen. Es wird diesmal eben nicht heißen, wenn wir dann vielleicht in eine Konzeptphase kommen, Berlin oder Hamburg. Sondern vielleicht heißt es ja diesmal Berlin und Hamburg – und Leipzig.

Ergebnisoffen soll der Prozess sein, betont DOSB-Funktionär Brause: "Wenn rauskommt, wir wollen das nicht, dann ist ganz klar: Dann machen wir das auch nicht."

Deutschlands Bewerbungen keine Erfolgsgeschichte

Die deutschen Olympiabewerbungen sind alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Die letzten Spiele in München 1972 sind über 50 Jahre her. Auch, weil die Bevölkerung nicht immer begeistert von einer Bewerbung war. Zuletzt hatten Bürgerentscheide in Hamburg und München eine Bewerbung gestoppt.
Diesmal soll es besser laufen. "Ich würde sagen: Ja, wir haben eine größere Sportbegeisterung. Und wir müssen jetzt gucken, wie wir aus dieser Sportbegeisterung eine gemeinsame Vision machen", glaubt DOSB-Vizepräsidentin Kerstin Holze.
Ob sich eine Stadt tatsächlich bewirbt, soll am Ende die Bevölkerung entscheiden. Wie genau, ist aber unklar. Einen erneuten Bürgerentscheid würde der DOSB vermutlich gerne vermeiden. Holze erklärt: "Das ist tatsächlich im Moment noch offen, das steht nicht fest. Klar ist nur: Wir brachen ein eindeutiges Votum, weil wir werden ohne das nicht in den Bewerbungsprozess gehen."
DOSB-Vizepräsidentin Kerstin Holze sitzt bei einer Talkrunde auf der Bühne.
Der Deutsche Olympische Sportbund und Vizepräsidentin Kerstin Holze, hier bei einer Talkrunde auf der Bühne, peilen eine mögliche deutsche Bewerbung für die Olympischen Spiele an. Zuerst sollen aber die Menschen ins Boot geholt und Anregungen gesammelt sowie Meinungen eingeholt werden. (IMAGO / Sven Simon / IMAGO / Malte Ossowski / SVEN SIMON)

Aufgeschlossene Stimmung bei Dialog in Leipzig

In Leipzig ist die Stimmung aufgeschlossen. Unter Besuchern der Dialogveranstaltung gibt es folgende Stimmen: "Gerade Großsportveranstaltungen können viel Begeisterung in einem Land auslösen. Was Deutschland zurzeit vielleicht so ein bisschen fehlt. Ich glaube, das ist eine große Chance für die Gesellschaft."
Und: "Dass man sagt, keine neuen Sportstätten bauen, sondern die Sportstätten, die existieren, ein bisschen aufhübschen, wenn es sein muss, zu benutzen, ist schon die Idee, die ich auf jeden Fall gut finde." Ein weiterer Besucher erklärt: "Ich finde gerade das dezentrale System interessant. Und wenn man das richtig aufzieht, bin ich sehr dafür."
Als Co-Ausrichter könnte auch Leipzig eine Chance haben. Die Stadt war mit ihrer Bewerbung vor 20 Jahren gescheitert. Das IOC hatte die Infrastruktur der 500.000-Einwohner-Stadt als nicht ausreichend eingeschätzt.
Ein Teilnehmer des Forums sagt: "Ich kenne die vorhergehende Kampagne, die dann nichts geworden ist. Und ich hoffe sehr für Leipzig, dass doch mal wieder internationale Wettbewerbe hier stattfinden, weil das tut Leipzig garantiert sehr gut."

Andrang bei Dialogveranstaltung nicht sehr hoch

Wirklich viele Leute zieht die Veranstaltung aber nicht an. Zu Beginn sitzen gerade mal 40 Personen im Publikum. Eine echte Diskussion kommt – trotz aller Beteuerungen der Veranstalter – nicht auf.
Wenn der DOSB die Debatte um Olympia wirklich in die Breite der Bevölkerung tragen will, muss er mehr tun, sagt auch der mehrmalige Bahnrad-Olympiasieger und CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann. Und ist trotzdem optimistisch:

Solche Foren hat man beispielsweise in Hamburg und München bei den gescheiterten Bewerbungen versäumt. Das hat man sicherlich aufgenommen in der Analyse – was hat man alles falsch gemacht? Da war das erstmal ein guter Start. Aber es muss halt noch viel, viel mehr raus in die Vereine, in die Bevölkerung.

Er könnte sich auch Olympische Winterspiele vorstellen. Die Debatte steht also noch ganz am Anfang.