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StartseiteTag für TagDas jüdische Abendland26.07.2018

ReligionsgeschichteDas jüdische Abendland

Ein römischer Erlass aus dem Jahr 321 ist der älteste Beleg für jüdisches Leben nördlich der Alpen. Ein neuer Verein erinnert daran und will zeigen, "was die gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum sind", sagte Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, im Dlf.

Abraham Lehrer im Gespräch mit Monika Dittrich

Ein Mann hilft einem weiteren auf der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin seine Kippa aufzusetzen. (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)
Teilnehmer der Kundgebung "Berlin trägt Kippa" gegen Antisemitismus - da, wo heute Deutschland liegt, gab es schon vor 1.700 Jahren jüdisches Leben (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)
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Seit dem 4. Jahrhundert leben Juden auf dem Territorium, das heute Deutschland ist - mindestens. Die jüdische Gemeinde in Köln ist die erste, die außerhalb des Orients und des Mittelmeerraums urkundlich belegt ist: Aus dem Jahr 321 stammt ein Erlass des römischen Kaisers Konstantin, in dem er seinen Statthalter in "Colonia" anweist, Juden für Aufgaben in der städtischen Verwaltung zuzulassen.

Es ist der älteste schriftliche Beweis für jüdisches Leben nördlich der Alpen, und an dieses wichtige Datum will ein neuer Verein erinnern. Er heißt "321: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Mitgründer ist Abraham Lehrer, der außerdem Vorstand der Synagogen-Gemeinde in Köln ist und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk erläutert Abraham Lehrer, welche Bedeutung das Jahr 321 für die deutsche Geschichte hat und warum das Jubiläumsjahr 2021 genauso wirkmächtig werden soll wie das Reformationsjahr 2017.

Kaiser Konstantin (303-337) (picture-alliance / dpa / Mathias Michel)Der römische Kaiser Konstantin erlaubte Juden im Jahr 321, Aufgaben in der städtischen Verwaltung von Köln zu übernehmen (picture-alliance / dpa / Mathias Michel)

Das Interview im Wortlaut: 

Monika Dittrich: Wenn es um die Geschichte des Judentums in Deutschland geht, dann denken die meisten Menschen als erstes an Verfolgung und Vernichtung der Juden während der Nazi-Herrschaft. Klar: Der Holocaust mit Millionen Todesopfern ist in seiner Grausamkeit so einzigartig, dass er in der Erinnerung hervorsticht und auch hervorstechen muss. Doch soll darüber nicht vergessen werden, dass jüdisches Leben auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik uralt ist. Aus dem Jahr 321 stammt ein Erlass des römischen Kaisers Konstantin, in dem er seinen Statthalter in "Colonia" anweist, Juden für Aufgaben in der städtischen Verwaltung zuzulassen. Es ist der älteste schriftliche Beweis für jüdisches Leben in Köln, und nördlich der Alpen. Und an dieses wichtige Datum 321 - das sind bald 1700 Jahre - will ein neuer Verein erinnern. Abraham Lehrer hat diesen Verein mit ins Leben gerufen, und er ist jetzt bei uns im Studio. Guten Morgen!

Abraham Lehrer: Guten Morgen!

Dittrich: Und noch etwas sollte man zu Ihrer Person sagen: Sie sind auch Vorstand der Synagogen-Gemeinde in Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Abraham Lehrer wurde 1954 in New York geboren, seine Eltern hatten den Holocaust überlebt, und ließen sich dennoch im Jahr seiner Geburt ausgerechnet in Deutschland nieder. Lassen Sie uns mal anfangen mit dem neuen Verein, in dem sie sich engagieren. Das Jahr 321, an das Sie erinnern wollen, das ist so lange her – welche Bedeutung hat es denn überhaupt für die Deutschen und für Deutschland heutzutage?

"Was ist mit dem jüdisch-christlichen Fundament?"

Lehrer: Es ist eine Möglichkeit zu verdeutlichen, was sind die gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum. Was ist denn mit dem vielbeschworenen jüdisch-christlichen Fundament in Europa – was wir hier in Deutschland haben? Und insofern bin ich Prof. Jürgen Röttgers sehr dankbar, der anlässlich einer Laudatio für eine Kollegin, für den Landesverband Rheinland, nachgerechnet und gesagt hat: Im Jahr 2021 sind es 1700 Jahre. Und das ist eine Gelegenheit, diesen Fakt unter ein besonderes Augenmerk zu stellen und der jüdischen, aber natürlich vor allen Dingen auch der nicht-jüdischen Gemeinschaft in Deutschland etwas zu geben, etwas zu verdeutlichen, nämlich: Was ist mit dem jüdischen Leben heute, was ist mit dem jüdischen Leben in den vergangenen Jahrhunderten in Deutschland, in Köln gewesen.

Dittrich: Bei der Gründung dieses Vereins wurde ein Vergleich zum 500. Reformationsjubiläum gezogen, das nicht nur die Protestanten 2017 sehr ausgiebig gewürdigt haben. Wie wollen Sie das schaffen, das Jahr 321 in ähnlicher Weise ins öffentliche Bewusstsein zu holen - also auch, wie Sie gerade gesagt haben, der nicht-jüdischen Community?

Lehrer: Für uns gibt es viele gute Beispiele, was die evangelische Kirche im Zug des Reformationsjubiläums organisiert, begangen, gefeiert hat, wo wir sagen, das können wir in ähnlicher Form für die jüdische Gemeinde, für die Synagogengemeinde in Köln übernehmen. Und werden versuchen, auch eigene Ideen zu realisieren und die Dinge wirklich zu präsentieren, die den Menschen zeigen können: Was für eine Bedeutung hat das jüdische Leben heute in Deutschland? Was für eine Bedeutung hat das jüdische Leben in den vergangenen Jahren in Deutschland gehabt?

"Treffen auf lokaler Ebene"

Dittrich: Was haben Sie sich denn abgeguckt bei den Protestanten?

Lehrer: Vor allen Dingen viele Treffen auf lokaler Ebene, die zentrale Festakte auch Bundesebene, auch Landesebene sind ganz wichtig, es sind wunderbare Signale. Aber für die tatsächliche Arbeit, für die Überzeugungsarbeit, die beim einzelnen Bürger geleistet werden kann, sind die kleinen Veranstaltungen vor Ort – also in Köln, in München, in Hamburg – ganz ganz wesentlich. Und da wollen wir der evangelischen Kirche nacheifern, dass wir sagen, wir brauchen ein breit aufgestelltes Programm, was den Menschen vor Ort und nicht nur über Fernsehübertragung des Festaktes etwas bringt.  

(Zentralrat der Juden/Thomas Lohnes)Abraham Lehrer (Zentralrat der Juden/Thomas Lohnes)

Dittrich: Aus dem Jahr 321 stammt also dieser erste schriftliche Beweis für jüdisches Leben in Köln, vermutlich gab es dann wohl schon viel früher Juden in Köln. Wie hatte sich das Judentum überhaupt hierhin ausgebreitet – aus dem Orient und dem Mittelmeerraum?

Lehrer: Soweit wir wissen sind die Juden damals mit den Römern parallel mitgewandert, hinterhergewandert und auch sehr früh schon in den Kölner Raum und nach Colonia Claudia Ara Agrippinensis gekommen. Und so wie sie beschrieben haben: Es ist richtig, wir gehen davon aus, dass etwa schon vierzig, fünfzig Jahre vorher die ersten jüdischen Menschen in Köln angekommen sind und sich hier niedergelassen haben. Damals aber noch am Rande der Stadt oder außerhalb der Stadtmauern Möglichkeit gefunden haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

"Jüdisches Leben in nicht-jüdischer Umwelt"

Dittrich: Wenn Kaiser Konstantin nun wollte, dass Juden im Staatsdienst tätig sind, wie es in diesem Erlass heißt – was sagt das über ihre Stellung in der Gesellschaft?

Lehrer: Es ist wieder ein Zeichen für eine beginnende positive Phase von jüdischem Leben in einer nicht-jüdischen Umwelt. Wir wissen aber auch, dass danach wieder Zeiten gekommen sind, Phasen gekommen sind, wo die Juden Köln verlassen mussten, aus der Stadt verwiesen wurden. Aber dieses Dekret von Kaiser Konstantin ist, glaube ich, der Startschuss für die erste wirklich belegte positive Phase, die jüdisches Leben hier in Köln hatte.

Dittrich: Wir wollen jetzt hier keinen Wettbewerb der Religionsgemeinschaften veranstalten – aber vermutlich bedeutet das ja, dass die Juden auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet ansässig waren, bevor es Christen gab in dieser Region, oder?

Lehrer: Ob bei dieser Wanderung, die ich gerade angesprochen habe, ob dort nur Juden gewandert sind oder ob da auch Christen mitgewandert sind, da muss ich passen. Da muss man, glaube ich, wirklich einen Historiker befragen. Ich würde es nicht ausschließen, aber ich würde auch nicht ausschließen, dass es nur die jüdischen Menschen waren, die sich damals auf den Weg gemacht haben.

Dittrich: Sie haben eben von dem Startschuss für eine positive Zeit für die Juden gesprochen. Kurze Zeit später, unter dem römischen Kaiser Theodosius wurde das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Was bedeutet das für die Juden damals?

Lehrer: Es war der Startschuss zur Verfolgung, zur Ausgrenzung, und – wie es zur damaligen Zeit üblich war – der Versuch, durch Kraft und Gewalt Menschen auf den Weg zu bringen, den man für den einzig richtigen gehalten hat. Die Juden damals haben zum Teil wahrscheinlich nachgegeben und zum großen Teil nicht nachgegeben. Es ist der, wenn Sie so wollen, gegenteilige Pol, nämlich der Startschuss zu einer ersten wirklich organisierten Einwirkung, Drangsalierung von jüdischem Leben, von Juden in Köln gewesen.

"Viele blühende Phasen"

Dittrich: Wenn wir diese 1700 Jahre mal im Schnelldurchlauf anschauen: Was war denn die beste Phase für jüdisches Leben?

Lehrer: Also ich glaube, da verlangen Sie im Moment zu viel von mir. Es gab viele blühende Phasen, vor allen Dingen im Mittelalter, wo jüdisches Leben, wo jüdische Kultur, wo jüdisches Wissen über Deutschland, über die Region des Rheinlandes hinaus Weltwirkung gezeigt hat. Wenn wir an die sogenannten SCHUM-Städte denken, da war ein blühendes jüdisches Leben, das noch heute Wirkung hat, im Judentum. Ich glaube aber auch außerhalb des Judentums.

Aber es gibt auch im 18./19. Jahrhundert - gab es immer wieder Phasen, wo sich jüdisches Leben wunderbar entwickelt hat. Wenn wir an die Zeit vor 1933 denken: So viele jüdische Einrichtungen wie Köln besessen hat, Religionsschulen, Armenküchen, -speisen, das jüdische Krankenhaus, was es alles Mögliche gab, belegt, ist heute schwer nachzuvollziehen. Wir haben bei uns in unserem Gebäude in der Roonstraße eine Karte, die mit Punkten markiert, wo es jüdische Einrichtungen vor 1933 gab. Wenn Besucher sich diese Karte anschauen, sind die immer ganz erstaunt, wie viel das ist. Und das sind nur die Einrichtungen, die dort vermerkt sind, die eine gewisse Größe hatten. Also wenn jemand fast privat armen Menschen geholfen hat, ob Gemeindemitgliedern oder Nicht-Gemeindesmitgliedern, dann ist das bei uns auf der Karte gar nicht so in Erscheinung getreten, weil sie in unseren Unterlagen nicht vermerkt sind.

Dittrich: Wenn ich das jetzt richtig verstanden hab, geht es dem Verein ja vor allem darum, diese positive Entwicklungen im Lauf der Jahrhunderte zu zeigen. Wie kommt das an in der jüdischen Community? Sind damit alle einverstanden, dass man so einen Fokus auf das Positive legt in dem Fall?

Lehrer: Ich glaube, ja. Weil ich einfach davon ausgehe, dass die vor allen Dingen junge Menschen sagen, das Erinnern an die Shoah, an die Geschehnisse während der Zeit von 1933 bis '45 ist etwas, was immanent wichtig ist, was nicht in Vergessenheit geraten darf. Da stimmen alle überein. Aber, wenn wir die letzten Jahrzehnte uns anschauen, lag vielleicht eher eine Betonung auf diesem Erinnern, auf diesem Mahnen. Und die jüngere Generation sagt eher: Lass uns das zeigen, was wir heute an jüdischem Leben haben, was wir heute an Positivem für diesen Staat, für diese Gesellschaft aufweisen können.

Wenn ich dran erinnern darf: Der Vorgänger von Dr. Schuster im Zentralrat der Juden war Dr. Dieter Graumann und er ist damals angetreten und hat gesagt, ich möchte der deutschen Gesellschaft, dem deutschen Staat zeigen, wie sich wieder blühendes jüdisches Leben in Deutschland entwickelt, entwickelt hat. Und schon damals vor fast zehn Jahren, war dieser Wunsch, war diese Bewegung, die Shoah keinesfalls zu vergessen, aber vielleicht neue Schwerpunkte zu setzen, war damals schon gegeben.

Gepackte Koffer

Dittrich: Hier ist der Deutschlandfunk mit der Sendung "Tag für Tag" und zu Gast ist heute Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Herr Lehrer, kommen wir mal von der großen jüdischen Geschichte zur Geschichte Ihrer jüdischen Familie: Sie kamen 1954 in New York zur Welt. Ihre Mutter hatte das Vernichtungslager Auschwitz überlebt, Ihr Vater überstand die Arbeitslager der Nationalsozialisten. Dennoch sind Ihre Eltern mit ihren Kindern, und Sie selbst waren damals erst ein ganz kleines Baby, in das Land der Täter, also nach Deutschland, zurückgekehrt. Warum haben die das gemacht?

Lehrer: Sie sind nicht absichtlich in das Land der Täter zurückgekehrt, sondern auf dem Weg von Europa, von Deutschland nach Amerika, haben sie damals Freunde in Köln besucht, um sich zu verabschieden. Und haben dann gesagt, auf ihrem Weg zurück von Amerika nach Europa, auf dem Weg nach Holland, in die Niederlande: Da machen wir einen Stopp in Köln, besuchen wieder unsere Freunde. Und dieses befreundete Ehepaar hat meinen Eltern ein, wie heißt es so schön, Angebot unterbreitet, das man nicht ablehnen konnte, nicht ablehnen sollte. Und so sind meine Eltern in Köln hängengeblieben, so bin ich in Köln groß geworden. Sie haben recht, ich war sechs Wochen alt, als ich nach Köln kam. Es war dieser berühmte Zufall und ursprünglich der Gedanke, der hinter den gepackten Koffern steht, der für meine Eltern für die damalige Zeit absolut zutreffend ist.

Dittrich: Wie muss man sich denn eine Kindheit als jüdischer Junge vorstellen in der Bundesrepublik der 50er und 60er-Jahre – Sie haben die gepackten Koffer gerade angesprochen?

Lehrer: Es war eine Jugend, die sehr behütet war. Ich habe eine katholische Grundschule besucht, weil meine Eltern gesagt haben, der Katholizismus oder die katholische Schule wird eher mir mehr Geborgenheit und Schutz vor – ich nenne es jetzt mal antisemitischen Vorfällen geben als eine normale Grundschule. Meine Eltern haben sehr darauf geachtet, mit wem ich Kontakt habe, zu wem ich nach Hause gegangen bin. Und erst als ich so zehn, elf, also, als ich aufs Gymnasium kam, hat diese Fürsorge nachgelassen. Und natürlich auch das Bestreben des jungen Ebi Lehrer selbstständig zu werden, hat dazu geführt, dass die Eltern da ein bisschen zurückgedrängt wurden.

"Deutscher Jude"

Dittrich:  Wenn Sie heute Vorträge halten, zum Beispiel in Schulen, dann sagen Sie häufig, dass Sie sich als deutscher Jude sehen und nicht als Jude in Deutschland. Was bedeutet das? Was ist der Unterschied?

Lehrer: Für meinen Vater - seligen Angedenkens - war bis zu seinem Tod er ein Jude in Deutschland. Und so hat er mich und meine Schwester großgezogen. Und es hat ein Prozess eingesetzt bei mir, der mit dem Ergebnis geendet hat: Ich bin hier groß geworden, das ist meine Heimat. Auch wenn ich weiß, dass wenn die deutsche Nationalmannschaft gespielt hat, mein Vater sich das Spiel angeschaut hat und mitgefiebert hat, hätte er nie gesagt, dass er wirklich ein Anhänger der deutschen Fußballnationalmannschaft ist. Oder dass er für Deutschland fiebert oder wünscht, dass sie gewinnen. Als ich mir das bewusst gemacht habe, habe ich gesagt: Also das bedeutet für mich, ich bin nicht ein Jude in Deutschland, sondern ich bin ein deutscher Jude. Für unseren Sohn, für unsere Kinder ist das etwas, was sich viel automatischer, viel selbstständiger ergeben hat. Die fühlen sich hundert Prozent, von Anfang an als jüdische Deutsche.

Dittrich:   Nun erleben wird seit einiger Zeit wieder mehr Antisemitismus in Deutschland. Wir berichten häufig darüber, über Angriffe auf Juden, auf Synagogen, auf jüdische Friedhöfe. Was meinen Sie, woran das liegt?

Lehrer: Ich glaube, wir haben alle – und da nehme ich die jüdische Gemeinschaft nicht von aus – uns einem trügerischen Schluss hingegeben und solchen Warnsignalen wie diese Untersuchungen, die schon vor zwanzig [Jahren] oder noch längerer Zeit von zwanzig oder noch mehr Prozent mit antisemitischen Einstellungen in unserer Gesellschaft gesprochen haben - dass wir dem nicht gefolgt sind, dass wir die nicht aufmerksam genug uns angeschaut oder untersucht haben. Wir haben heute einfach den Fakt, dass wahrscheinlich diese zwanzig Prozent sich ganz offen dazu bekennen.

Dittrich: Zum Antisemitismus.

Lehrer: Zu ihrem Antisemitismus. Wir haben schon seit einigen Jahren bemerkt und auch angemerkt, dass die antisemitischen Zuschriften, die antisemitischen Anrufe, die zum Beispiel bei der Gemeinde eingehen und auch bei einzelnen Gemeindemitgliedern, nicht mehr unter falschem Namen mit einer – wie heißt es so schön – Fake-Adresse geschieht, sondern, wenn sie dort hingehen, dann ist das der Mann, die Frau, die den Brief, die Postkarte geschickt hat oder den Anruf getätigt hat. Das lässt sich wirklich zuordnen. Und die Dinge, die dort gesagt werden, sind viel grenzwertiger formuliert. Also dieses Rumtänzeln auf der Grenze, ist es schon strafrechtlich, ist es noch nicht strafrechtlich, das nutzen die Menschen viel mehr aus. Da haben wir alle miteinander geschlafen und nicht ernst - nicht streng genug hingeschaut. Wir müssen jetzt versuchen, das wieder grade zu biegen.

"Auf einen langen Zeitraum einstellen"

Dittrich: Wie denn? Wie kann man das geradebiegen?

Lehrer: Es ist ein schweres Thema. Die Unzufriedenheit der Menschen mit der Politik, mit den gängigen Parteien ist natürlich etwas, was nicht von heute auf morgen geradezubiegen ist. Aber, ich glaube, das ist der wichtigste Ansatz, dass die Parteien wieder Vertrauen zurückgewinnen, was sie früher hatte. Und damit dann auch erreicht wird, dass man den populistischen Menschen, den populistischen, ich will ungern Politiker sagen - aber dass man denen das Wasser abgräbt, dass man ihnen die Anhängerschaft wieder abgräbt und die Menschen wieder vernünftige Parteien wählen und nicht den Populisten auf den Leim gehen. Das ist, glaube ich, die schwierigste Aufgabe, ist nicht innerhalb von drei Tagen zu erreichen, nicht innerhalb von drei Monaten und ich glaube auch nicht innerhalb von drei Jahren. Wir müssen uns da auf einen langen Zeitraum einstellen und wir müssen vor allem auch die entsprechenden Konzepte gemeinsam entwickeln und anwenden.

Dittrich: Nun erleben wir auf der anderen Seite gerade aus diesem rechten und neurechten Milieu immer wieder den Begriff vom christlich-jüdischen oder jüdisch-christlichen Abendland. Gerade aus diesem Milieu bezieht man sich auf diesen Begriff. Wie kommt das bei Ihnen an?

Lehrer: Es hängt immer davon ab, in welchem Zusammenhang dieser Begriff verwendet wird. Es hängt natürlich auch ein bisschen an der Person, die diesen Begriff verwendet. Aber vor allem ist es der Kontext, der entscheidend ist. Wenn es nur darum geht, pro forma zu sagen, ich bin doch brav, ich bin doch sauber, dann finden wir das eher abstoßend, als dass wir das wirklich positiv aufnehmen. Wenn es darum geht, ich komme nochmal ganz kurz auf den Verein zurück, zu sagen, wir wissen, dass wir Gemeinsamkeiten haben, dass die jüdische Gemeinschaft einen Anteil an der Entwicklung dieses Landes, an der deutschen Kultur hat, dann ist das etwas, was wir herausstellen müssen. Was wir den Menschen verdeutlichen müssen.

"Dieses wunderbare Deutschland"

Dittrich: Welche sind das denn? Wenn Sie jetzt gerade beim Verdeutlichen sind. Welche sind die Gemeinsamkeiten? Was ist das Jüdische im Abendland?

Lehrer: Na gut, ich nehme ein Beispiel: Heinrich Heine ist doch etwas, was glaube ich deutsche Kultur sehr bereichert hat. Und dass er aus einem jüdischen Ursprung, aus einem jüdischen Milieu kommt - und so können sie viele andere Protagonisten oder Menschen wählen und auflisten, die in ihrer Zeit Deutschland mitverändert haben, gestaltet haben. Es muss nicht immer der aktive Politiker sein. Ich glaube, da gibt es genügend positive Beispiele, um den Menschen vor Augen zu führen: Die jüdische Gemeinschaft, jüdische Menschen haben ihren wirklichen Anteil an der Entwicklung, an dem, was wir heute dieses wunderbare Deutschland nennen.

Dittrich: Und das ist das, was Sie als christlich-jüdisches Abendland verstehen würden?

Lehrer: Ja. Es ist das gemeinsam gestaltete, das gemeinsam entwickelte Leben in dieser Gesellschaft, in diesem Staat.

Dittrich: Heute Morgen live im Deutschlandfunk: Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Mitinitiator eines neu gegründeten Vereins "321: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Lehrer!

Lehrer: Danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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