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StartseiteHintergrundSharing Economy in der Coronakrise14.06.2020

Teilen mit AbstandSharing Economy in der Coronakrise

Die Ökonomie des Teilens boomte - dann kam die Coronavirus-Pandemie. Kommerzielle Sharingfirmen wie Airbnb erleiden Gewinneinbrüche. Doch für kleinere, lokale Sharing-Anbieter kann die Krise auch eine Chance sein.

Von Sonja Ernst

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Frau im Auto mit Mundschutz und Desinfektionsmittel (picture alliance / Zoonar.com / Robert Kneschke)
Wegen der COVID-19-Pandemie gelten auch beim Carsharing besondere Regeln (picture alliance / Zoonar.com / Robert Kneschke)
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Die Eschs sind ein Paradebeispiel für die Sharing Economy, die Ökonomie des Teilens. Ihr eigenes Auto hat die Kölner Familie verkauft und nutzt seitdem Carsharing. Das heißt: Brauchen sie einen Pkw, leihen sie sich einen.

Dass man Autos, Wohnwagen bis hin zu Flugzeugen mit anderen teilt, genauso wie Wohnungen, Bohrmaschinen oder Kleidung, ist mittlerweile ein Milliardengeschäft und sollte weiter boomen. Doch dann kam die Corona-Pandemie.

Die traf auch das Carsharing: Nicht nur sind die Deutschen weniger unterwegs – zur Arbeit, in der Freizeit – auch lässt die Idee des Teilens seitdem so manchen zurückschrecken, denn wer will in Coronazeiten ein Auto mit Fremden teilen? Wer saß vorher am Lenkrad? Auch Familie Esch war erst zögerlich, aber sie blieb beim Teilen.

"Am Anfang war es wie dieses ganze Neue: Desinfizieren, Abstand halten, Hygieneregeln. Da hat man auch hier das Lenkrad desinfiziert. Wir hatten Feuchttücher dabei. Oder Spray hast du auch genommen und das abgewischt. Lenkrad. Knauf..."

"Ja, kurz abgewischt. Aber jetzt nicht alles detailliert. Klar, das war am Anfang komisch. So ein komisches Gefühl, was wir hatten. Mittlerweile ist es eigentlich total entspannt. Da haben wir keine Berührungsängste mehr."

"Wir haben es sogar öfters genutzt als vorher. Weil wir jetzt am Sonntag immer rausgefahren sind in den Wald. Mit der Straßenbahn rausfahren? Schwierig. Und daher schön das Auto geholt, bisschen sauber gemacht und in den Wald gefahren."

Carsharing Auto von ShareNow (Imago / Jürgen Ritter) (Imago / Jürgen Ritter)Sharenow stellt Betrieb in den USA und Teilen Europas ein
Unsicherheit in der Autobranche und teure Betriebskosten – so die Hauptgründe für den Rückzug des Carsharing-Betreibers Sharenow aus den USA und europäischen Großstädten. Das verwundert, denn laut Experten liegt Carsharing voll im Trend.

Doch die Eschs sind zurzeit die Ausnahme. Zuletzt hatte ihr Carsharing-Anbieter all seine Kunden per E-Mail um Spenden gebeten, und darum, die Autos wieder mehr zu nutzen.

Die Corona-Pandemie trifft die Wirtschaft hart, auch die Wirtschaft des Teilens. Droht der Sharing Economy also das Aus? Was macht die Pandemie mit der Idee des Teilens? Und warum wird jetzt in der Krise nicht mehr geteilt – natürlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln?

Ein Nischenphänomen mit Wachstumspotenzial

In den vergangenen zehn Jahren erlebte die Sharing Economy einen enormen Aufschwung. Plattformen im Internet haben das Leihen und Mieten viel einfacher gemacht; das Leben wurde digitaler, und per Smartphone lässt sich bequem auch mit Fremden teilen – überall auf der Welt. Zugleich veränderte sich die Bedeutung von Eigentum und viele Menschen wollen nachhaltiger konsumieren. Beste Voraussetzungen also für mehr Teilen.

"Vor der Corona-Pandemie hat man der Sharing Economy vorausgesagt, dass sie sehr boomen würde. Man konnte sehen – zum Beispiel im Bereich Unterkünfte – hat eine Plattform wie Airbnb einen Marktanteil von etwa acht Prozent an den Übernachtungen in Deutschland. Das ist noch nicht sehr hoch. Das gilt für andere Bereiche der Sharing Economy auch. Das ist im Prinzip noch ein Nischenphänomen gewesen, aber mit Wachstumspotential."

Rosa angemalte Häuser in Barcelona. (Unsplash / Annika Ibels) (Unsplash / Annika Ibels)

Leere Airbnb-Wohnungen in Barcelona - Chance für erschwinglichen Wohnraum?
In Barcelona gibt es unzählige Airbnb-Wohnungen. Das Unternehmen gilt vielen als mitverantwortlich für Gentrifizierung. Nun stehen die Ferienwohnungen leer, den Hosts fehlt das Einkommen. Regulär vermieten wollen sie trotzdem nicht.

Die Ökonomin Vera Demary vom Institut der Deutschen Wirtschaft, kurz IW, forscht zur Sharing Economy. Der Boom sollte auch durch neue und finanzstärkere Zielgruppen weiterbefördert werden, erzählt sie rückblickend. Neben einer zunächst recht jungen Kundschaft, fühlten sich vermehrt auch Ältere angesprochen: Familien und Geschäftsleute. Die großen Zugewinne gab es in zwei Bereichen, die besonders stark unter der Pandemie leiden.

"Das gilt insbesondere für den Tourismusbereich. Aber natürlich auch im Bereich Mobilität gab es Einschränkungen und Rückgänge der Nachfrage. Für die gesamte Sharing Economy war das so ein bisschen ein Realitätscheck."

Wie stark die Sharing Economy in Deutschland durch die Corona-Krise betroffen ist, darüber lasse sich keine pauschale Aussage treffen, so das Bundesministerium für Wirtschaft auf Nachfrage. Es liege auf der Hand, dass der Unterkunftssektor stark betroffen sei, wie die gesamte Tourismusbranche. Die Sharing Economy wird in der Krise nicht besonders beobachtet.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Airbnb: Stellenabbau statt Börsengang

Das wird deutlich an der Vermietungsplattform Airbnb. Das US-Unternehmen ist durch die Vermittlung privater Unterkünfte groß geworden und wurde zur ernsthaften Konkurrenz für Hotels. Der Marktwert von Airbnb wurde auf über 30 Milliarden US-Dollar geschätzt, also etwa 26,4 Millarden Euro. Das Unternehmen wollte an die Börse gehen, aber stattdessen werden jetzt Stellen gestrichen, und zwar jede vierte. Außerdem fehlen den Vermietern die Einnahmen – auch in Deutschland. Ein anderes Beispiel ist der US-amerikanische Fahrdienstvermittler Uber. Auch der verzeichnete im ersten Quartal des Jahres einen Milliardenverlust. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg das Defizit um 190 Prozent. Die Uber-Fahrer, die über eine App gebucht werden können, blieben und bleiben vermutlich erst einmal ohne Kundschaft.

Teilnehmer tragen ein Schild mit der Aufschrift "Work fair, have fun, make Tarifvertrag" bei einer Protest-Demonstration am Rande einer Preisverleihung an Amazon-Chef Jeff Bezos. (Dpa/Britta Pedersen) (Dpa/Britta Pedersen)Wirtschaft zwischen Markt und Moral
Der Glaube in die segensreiche Macht des Marktes ist nachhaltig erschüttert. Auch die Geschäftspolitik der Internetgiganten fördert nicht gerade Vertrauen in den Kapitalismus. Dabei gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, um die Folgen neoliberaler Reformen abzumildern.

Diese Abstürze stehen im Fokus der Berichterstattung, geht es in den Medien zurzeit um die Sharing Economy. Reinhard Loske hält das für falsch. Der Volkswirt ist Präsident der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues und dort auch Professor für Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung.

"Wenn man in die Medien schaut, dann ist es in der Tat so, dass momentan Schlagzeilen dominieren, die sagen‚ die Coronakrise bringt den Absturz der Sharing Economy mit sich. Solche populären Titel wie 'Das Ende des Teilens' und so weiter. Aber das ist eine sehr oberflächliche Betrachtung. Wenn man über die Sharing Economy redet, dann muss man präzise sein."

Denn geteilt werde schon lange. Historisch gesehen sei das Teilen kein neues Phänomen. Aber Loske beobachtet innerhalb der Sharing Economy auch einen Trend zur Kommerzialisierung und Abwälzung sozialer Verantwortung.

"Der Kapitalismus ist ein intelligentes Biest. Der ist immer auf der Suche nach Innovationen, und der ist immer oder oft dazu in der Lage, soziale Innovationen in Business Cases zu transformieren. Und das ist vor allem in den beiden Bereichen Ride Sharing, also Mitfahrgelegenheiten und Appartment-Sharing, also Nutzung privater Räume für hotelähnliche Nutzungsformen gelungen. Dafür stehen die beiden Unternehmen Uber und Airbnb. Die haben quasi diese ursprünglich sozial inspirierten Ideen in Business Cases transformiert."

Soziale, ökologische oder wirtschaftliche Motive

Von diesen wachstumsorientierten Geschäftsszenarien unterscheidet der Nachhaltigkeitsexperte Formen des Sharings, die einen sozialen und ökologischen Anspruch haben. Das kann durchaus die Mitfahrgelegenheit sein, aber eben nicht als internationales Geschäftsmodell. Auch Coworking gehört dazu, das Teilen von Büroflächen, der Verleih von Maschinen oder auch Urban Gardening, das gemeinsame Gärtnern und Ernten in der Stadt. In diesen Formen des Teilens sieht Reinhard Loske die Gewinner der Krise.

"Man könnte fast sagen, die ursprünglichen Formen des Sharings, dass die durch die Erfahrungen, die in der Krise gemacht worden sind, einen Boom erfahren. Das glaube ich schon. Insofern könnte man sagen, dass die Coronakrise praktisch die Idee der Sharing Economy wieder zurückwirft auf ihre Ursprünge. Oder positiv ausgedrückt, zurück zu den Wurzeln führt. Insofern glaube ich nicht, dass es richtig ist, jetzt zu sagen, 'Coronakrise kills Sharing Economy'. Sondern Coronakrise schwächt den rein kommerziellen Teil der Sharing Economy und stärkt den sozial-ökologisch inspirierten Teil der Sharing Economy."

Freitagabend, vor dem Eingang des Kölner Hauptbahnhofs. Tabea trägt über ihrer Schulter eine große Tasche, neben ihr steht ein Einkaufstrolley. Was sie tut ist legal, dennoch will sie ihren vollen Namen lieber nicht im Radio hören.

"Im Rahmen von Foodsharing arbeite ich als Foodsaver und habe gerade in einer Bäckerei Lebensmittel gerettet. Also, jetzt habe ich um die 60 belegte Baguettes gerettet und um die 30 süßen Teilchen, und werde die Sachen jetzt weiterverteilen. Uns ist ganz wichtig, dass man nicht rettet für seinen Eigenbedarf, sondern es weitergibt und weiterverteilt. Und das wäre halt alles in der Tonne gelandet sonst."

Mitgründerin Leoni Beckmann bringt auf einem Lastenfahrrad überschüssige Lebensmittel ins Lebensmittelretter-Restaurant "Restlos glücklich" am 11.07.2016 in Berlin. Der Berliner Verein "Restlos glücklich e.V." hat Deutschlands erstes Not-for-Profit-Lokal eröffnet, in dem mit überschüssigen Lebensmitteln Menüs und Gerichte serviert werden. Foto: Jörg Carstensen/dpa | (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen) (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Lebensmittelretter in Berlin
In Deutschland wird im Schnitt pro Minute eine Lkw-Ladung Lebensmittel entsorgt. Das soll sich ändern – die Bundesregierung plant, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel zu halbieren. In Großstädten wie Berlin boomt die privat organisierte Lebensmittelrettung schon jetzt.

Seit acht Jahren holt Tabea in Geschäften Lebensmittel ab, die noch genießbar sind, aber nicht mehr verkäuflich, und verteilt sie dann weiter. Seit Corona unter strengeren Auflagen: Beim Abholen der Lebensmittel in der Bäckerei oder im Supermarkt gilt jetzt Masken- und Handschuhpflicht. Die Foodsharer müssen vorher Fieber messen, und sie dürfen Lebensmittel nur noch einzeln abholen, nicht mehr in kleinen Gruppen.

"Wenn nur erhöhte Temperatur, dürfen wir nicht retten. Aber die Hauptsache ist: Wir dürfen retten."

Tabea ist froh, dass es überhaupt weitergeht. Die Lebensmittelaufsichtsbehörde hat es erlaubt – und der Bedarf ist da.

"Die Nachfrage ist gewachsen. Ganz viele Leute sind in Kurzarbeit oder haben einen Minijob gehabt und haben jetzt gar nichts mehr. Da ist der Hunger durchaus größer. Die Nachfrage ist stetig gestiegen seit Corona. Auf jeden Fall. Man könnte eigentlich zehnmal so viel retten und es würde immer noch ohne Probleme verteilt werden können."

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Teil-Erfahrungen durch Corona

Es wird weiterhin geteilt – trotz Corona. Und möglicherweise wird das Teilen von manchen erst jetzt neu erlernt, sagt Maike Gossen. Sie arbeitet am Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin zu den Themen nachhaltiger Konsum und Sharing Economy.

"Vielleicht haben jetzt Menschen in der Zeit, in der die Konsumeinschränkungen beispielsweise auch galten, vielleicht sind da mehr Menschen auch aufmerksam geworden auf Alternativen im Konsum. Wozu eben auch Sharing gehört."

Diese Erfahrung in Coronazeiten hat Maike Gossen auch privat gemacht.

"Wir haben uns hier in unserer Hausgemeinschaft um den Garten gekümmert. Haben Hochbeete gebaut. Dafür brauchten wir Werkzeug, das wir nicht hatten. Und so etwas dann beispielsweise über Nachbarschaftsnetzwerke sich zu leihen, eben auch in Zeiten, in denen es einfach nicht verfügbar ist, weil Geschäfte geschlossen haben. In diesen Experimenten mit anderen Konsumformen, in denen wir feststellen, dass wenn das Angebot nicht frei verfügbar ist, wie gewohnt, wenn wir damit beginnen zu experimentieren und gute Erfahrungen machen, dann liegt darin die Chance, dieses Verhalten in eine Zeit nach Corona zu übertragen."

Dieses Leihen und Teilen kann jede und jeder selbst organisieren oder eine Online-Plattform nutzen, wie zum Beispiel "Nebenan.de". Dort kann für jeden Stadtteil oder jedes Dorf ein digitales soziales Netzwerk entstehen. Die Plattform zählt 1,6 Millionen Nutzer und Nutzerinnen deutschlandweit. Seit Beginn der Corona-Krise hätten sich die wöchentlichen Neuanmeldungen zeitweise verfünffacht, heißt es auf Nachfrage. Auch im Berliner Schillerkiez wurde über die Nachbarschaftsplattform in den vergangenen Wochen verschenkt, verliehen, getauscht:

"Hallo, kann jemand mir zwei Paddel ausleihen?"
"Kann ich. Alupaddel. Ein Boot hast du?"

"Hallo liebe Nachbarn, hat zufällig jemand von euch eine Schlagbohrmaschine, die ich mir für einen Tag ausleihen könnte?
"Ich habe eine Schlagbohrmaschine, die ich leihen kann."

"Hallo, ich habe hier noch einen Riesenstapel Prospekthüllen übrig, die ich nicht mehr brauche. Ich tausche gerne gegen ein Päckchen Zucker."

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Nachbarschaftshilfe hat neue Konjunktur

"Nebenan.de" wurde und wird in der Coronakrise häufig auch zur Plattform für Nachbarschaftshilfe. Wer kann den Einkauf im Supermarkt übernehmen, den Gang zur Apotheke? Die Plattform schaltete eine telefonische Hotline, damit auch Menschen ohne Internetzugang Hilfe suchen oder bieten können. Auch diese wechselseitige Unterstützung zählt zur Sharing Economy.

Der Blick auf die verschiedenen Formen der Sharing Economy hilft zu verstehen, wie sich die Coronakrise auswirkt. Das Teilen verliert und gewinnt – mit vielen Ausdifferenzierungen. Denn die Pandemie sorgt nicht nur bei den großen kommerzialisierten Plattformen wie Airbnb und Uber für Unsicherheit. Betroffen sind zum Beispiel auch kleinere Carsharing-Anbieter.

Der Bundesverband Carsharing vertritt 171 deutsche Carsharing-Anbieter. Alle arbeiten stationsbasiert. Das heißt, der Pkw wird an einem bestimmten Parkplatz abgeholt und dort oder an einem anderen festen Ort wieder abgestellt. Viele der Mitglieder sind kleine Vereine, auch Genossenschaften. Vielen geht es um Nachhaltigkeit durchs Teilen – nicht um Wachstum.

Doch auch diese Anbieter sind von der Krise bedroht, sagt der Bundesverband auf Nachfrage. Es gäbe viel Solidarität von den Kunden und Kundinnen. Zum Beispiel können sie virtuell Autos mieten – quasi als Spende. Doch das reicht nicht. Und selbst, wenn die Mobilität jetzt nach den Lockerungen in den einzelnen Bundesländern wieder steigt, wird sich zeigen, ob alle Anbieter die Pandemie durchstehen.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Vera Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft glaubt, dass die Krise den Markt bereinigen wird:

"Ich glaube, dass die großen Anbieter die Krise überleben. Und ich glaube, dass die Krise für viele kleinere Anbieter möglicherweise bedeutet, dass sie aus dem Markt ausscheiden."

Schlankere Geschäftsmodelle könnten besser davonkommen

Über dieses Ausscheiden entscheidet mit, wie stark die jeweilige Branche von der Pandemie betroffen ist. Dafür entscheidend ist auch, wie schnell in die Branchen eine Art Alltag – verbunden mit den Kontakt- und Hygieneregeln – zurückkehrt.

Zurzeit nimmt die Mobilität wieder zu, auch das Verreisen ist wieder Thema. Ab dem 15. Juni will die Bundesregierung für rund 30 europäische Staaten die weltweite Reisewarnung aufheben, die wegen der aktuellen Pandemie gilt. Vera Demary sieht deshalb zum Beispiel für Airbnb gute Chancen, die Krise zu überleben, gerade weil das Unternehmen Teil der Sharing Economy ist.

"Ich glaube, dass Airbnb besser durch die Krise kommen wird als beispielsweise Hotels. Weil der Vorteil des Geschäftsmodells darin besteht, dass die Unterkünfte selber nicht von Airbnb unterhalten werden müssen. Das heißt, dass der Kostenblock, den Airbnb selber trägt während der Krise und während der Reisebeschränkungen, ein ganz anderer ist als der, den beispielsweise Hotels tragen müssen. Und gerade wenn Hotels in der Krise vielleicht nicht den langen Atem haben und die Krise nicht überstehen, wird Airbnb nach der Krise wieder da sein. Und die einzelnen Gastgeber werden wieder anbieten."

Wie sich die Coronakrise auf das Reiseverhalten der Menschen auswirkt, das ist noch Spekulation. Airbnb ist überzeugt, dass sich die Reisebranche von dieser Krise erholen wird, heißt es auf Nachfrage. Und, dass das Reisen lokaler werde.

Zwei Radfahrer auf der Via Augusta, hinten die Sonnenspitze in den Tiroler Alpen (imago/imagebroker) (imago/imagebroker)
Fernreisen bekommen in Zeiten des Klimawandels langsam ein Geschmäckle. Abgesehen davon, dass sie oft nicht die Abwechslung bieten, die sie versprechen. Aushelfen könnte ein Reisen mit mehr Konzentration und Langsamkeit – zu Hause.

Die Betriebswirtin Dominika Wruk vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim erforscht, welche Potenziale genossenschaftliche Modelle und neue Technologien für die Sharing Economy haben. Wie der Nachhaltigkeitsforscher Reinhard Loske glaubt auch sie, dass die Krise die sozialen und ökologischen Ziele der Sharing Economy wieder stärken kann. Und dass die Pandemie eine Chance sein kann für lokale und kleinere Anbieter – auch als Gegenmodell zu den international agierenden Sharing-Plattformen:

"Eine kleinere, lokalere Community, die vielleicht weniger anonym ist, steigert die Bereitschaft, doch mal das eigene Auto mit Menschen zu teilen. Mittelständische Unternehmen sind häufig auch lokal verankert, haben engere Beziehungen zu ihren lokalen Kundinnen und Kunden. Und das kann zur Folge haben, dass zum Beispiel die Verpflichtung zu Hygiene-Konzepten stärker ist. Oder vielleicht sogar der Wille, das Unternehmen finanziell zu unterstützen, das lokale Steuern zahlt, lokal Arbeitsplätze schafft."

Solch ein Unternehmen könnte eine Genossenschaft sein, die Kunden und Kundinnen zu Miteigentümern macht. Das Interesse wächst dann vermutlich, dass die Firma die Krise übersteht. Denn sind die sogenannten Sharer auch Eigentümer, ist es wahrscheinlicher, dass unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln weiter geteilt wird – das Auto, die Büroräume, die Maschinen.

Bildnummer: 56341157 Datum: 19.11.2011 Copyright: imago/Sven Lambert Date : 14.11.2011 Architektur , Gebäude , Strassen , 1913 / 1914 denkmalgeschützt Gartenstadt Falkenberg in Treptow Akazienhof usw. , Haus , Architekt Bruno Taut , Berliner Bau und Wohnungsgenossenschaft , Siedlung Tuschkastensiedlung Gesellschaft Immobilien Wohnhaus Fotostory Wohnsiedlung Wohnpark xdp x0x 2011 quer 56341157 Date 19 11 2011 Copyright Imago Sven Lambert Date 14 11 2011 Architecture Building Roads 1913 1914 monument Garden City Falkenberg in Treptow ETC House Architect Bruno Taut Berlin Construction and Housing Cooperative Settlement Tuschkastensiedlung Society Real estate House Photo Story Neighbourhood Wohnpark XDP x0x 2011 horizontal (imago / Sven Lambert) (imago / Sven Lambert)Unternehmensziel: solidarisch und nachhaltig wirtschaften
Im 19. Jahrhundert entstand die Genossenschaft – im Agrar-, Banken-, Wohnungs- und Kultursektor. Menschen zahlen anteilig Geld für ein gemeinsames Projekt. Wo sich der Staat zurückzieht, scheint heute mehr denn je bürgerschaftliches Engagement in dieser Rechtsform gefragt zu sein.

Krisen sind Zeiten für Innovation

Das Eigentumsmodell kann Firmen der Sharing Economy krisenfester machen, aber es ist kein Allheilmittel gegen die Pandemie, beobachtet Dominika Wruk. Aber sie setzt auch auf das Innovationspotenzial der Sharing Economy:

"Ich würde schon erwarten, dass jetzt neue innovative Konzepte entstehen werden. Man darf auch nicht vergessen, dass viele der jetzt großen Plattformen wie Airbnb und Uber ja auch im Zuge einer Krise, der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 entstanden sind. Damals waren ja auch viele Menschen auf der Suche nach neuen Einkommensmöglichkeiten oder eben nach neuen Geschäftsmodellen. Natürlich ist die Krise jetzt anders gelagert, aber ich denke auch, sie wird kreative Konzepte hervorbringen."

Die Krise ist auch eine Chance für die Sharing Economy. Die Kritik an stark kommerzialisierten Plattformen war schon vor Corona immer lauter geworden. Das kann die Suche nach Formen des Teilens begünstigen, die eher lokal sind und weniger wachstumsorientiert. Das Teilen wird weitergehen. In der Krise hat es nie aufgehört.

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