Gesundheitsvorsorge
Wie die Politik Übergewicht wirksam bekämpfen könnte

Millionen Menschen in Deutschland haben Übergewicht. Das ist mit gesundheitlichen Risiken für Betroffene und hohen Kosten für das Gesundheitssystem verbunden. Mit welchen Maßnahmen könnte die Politik gegensteuern?

    Die Grafik zeigt einen Mann an einem Tisch, der einen Burger ablehnt und stattdessen gesundes Essen verzehrt.
    Salat statt Burger: Wie schafft es eine Gesellschaft, sich gesünder zu ernähren? (picture alliance / Zoonar / Dzianis Vasilyeu)
    Jedes sechste Kind sowie über die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer in Deutschland sind übergewichtig. Zwischen 2003 und 2023 stieg der Anteil fettleibiger Menschen in Deutschland laut Robert-Koch-Institut von zwölf auf knapp 20 Prozent - über alle Alters-, Geschlechts- und Bildungsgruppen hinweg.
    Dafür gibt es vielfältige Gründe, unter anderem begünstigt Armut Adipositas. So sind armutsgefährdete Kinder und Jugendliche mehr als dreimal so häufig von Übergewicht betroffen wie Gleichaltrige aus Familien mit mittlerem oder hohem Einkommen.
    Viele Menschen greifen inzwischen lieber zu Fertigprodukten, statt selbst zu kochen. Einige haben nie gelernt, mit frischen Zutaten umzugehen. Fast die Hälfte der nach 1980 Geborenen nimmt sich weniger als zehn Minuten Zeit, um ihr Essen zuzubereiten. Zudem sind ungesunde Lebensmittel häufig günstiger als gesunde Alternativen. Insgesamt sind die Lebensmittelpreise seit 2019 um 40 Prozent gestiegen.
    Übergewicht ist mit Gesundheitsrisiken verbunden und kostet den Staat schätzungsweise rund 60 Milliarden Euro im Jahr. Was also tun, um die „Adipositas-Epidemie“, wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina den aktuellen Zustand bezeichnet, aufzuhalten?

    Maßnahmen gegen Übergewicht

    Aufklärung über gesunde Ernährung

    Die Ernährungsstrategie des Bundes umfasst knapp 90 Maßnahmen, darunter den Nutri-Score, der auf Verpackungen über den Nährstoffgehalt eines Produktes informiert, oder auch Empfehlungen zum Kantinen- und Schulessen. Vorschriften oder Verbote stehen nicht in dem Konzept von 2024.
    Die jährlichen Gesundheitsausgaben liegen bei 538 Milliarden Euro. Nur ein Bruchteil davon werde zur Prävention und Gesundheitsförderung eingesetzt, kritisiert Ulrike Pernack, Gesundheitsreferentin beim Verband der Ersatzkassen.
    Gefördert werden zwar 117.000 zertifizierte Gesundheitskurse, die über gesunde Ernährung und Lebensweise aufklären, doch gerade einkommensschwache Menschen nähmen solche Angebote kaum wahr.
    Um diese Familien dennoch zu erreichen, kooperieren die Krankenkassen mit sozialen Einrichtungen. Ernährungsbildung sollte zudem in Schulen und Kitas ein fester Bestandteil sein, fordert Ulrike Pernack.

    Steuererhöhung für ungesunde Lebensmittel

    Für manche Lebensmittel sollen ab 2028 höhere Steuern fällig werden. Die Bundesregierung plant eine Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke. Obwohl sich die Bundesärztekammer, die Weltgesundheitsorganisation und Verbraucherverbände seit Jahren dafür aussprechen, war der Weg zur politischen Einigung lang. 
    Die Lebensmittel- und Zuckerindustrie bewertete die Einführung einer Zuckersteuer als Bevormundung der Bevölkerung und bemängelte, dass wissenschaftliche Beweise fehlten. Sie warnte vor wirtschaftlichem Schaden und verwies auf die freiwillige Selbstverpflichtung.

    Eine Zuckersteuer verbessert die Gesundheit

    Dass eine Zuckersteuer die Gesundheit der Bevölkerung verbessern kann, zeigt das Vereinigte Königreich. Dort wurde 2018 eine Zuckersteuer auf Softdrinks eingeführt. Seitdem habe sich die Zuckermenge, die Kinder über Limonaden zu sich nehmen, erheblich reduziert, sagt der Arzt und Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen (Grüne).

    Es geht nicht um eine Bevormundungspolitik oder (darum), Menschen die Limonade wegzunehmen. Wir sehen an den wissenschaftlichen Daten der Evaluation, dass das gerade bei jungen Menschen, bei jungen Frauen und Mädchen in Bezug auf Übergewicht zu einer erheblichen Verbesserung der Gesundheit beigetragen hat.

    Arzt und Grünen-Politiker Janosch Dahmen

    Mehrwertsteuersenkung für gesunde Lebensmittel

    Immer wieder werden Forderungen laut, die Mehrwertsteuer für Obst, Gemüse und weitere Grundnahrungsmittel zu senken oder ganz abzuschaffen. Das könnte es sozial schwächeren Menschen erleichtern, sich gesund zu ernähren. Gewerkschaften, Forschende sowie Vertreter von Union, SPD und Grünen sprachen sich in der Vergangenheit dafür aus.
    Allerdings hat es diese Maßnahme nicht in das jüngsten Reformpaket der Bundesregierung geschafft. Zudem ist unklar, ob eine Mehrwertsteuersenkung - zum Beispiel auf Obst und Gemüse - an die Kunden in vollem Umfang weitergegeben würde.

    Werbeverbote für Süßes und Fast-Food

    2023 legte der damalige Bundesernährungsminister Cem Özdemir einen Gesetzentwurf für ein TV-Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel vor. Zudem sollte Werbung für stark fett-, zucker- oder salzhaltige Lebensmittel auf Social Media und auf Plakatwänden in der Nähe von Kitas und Schulen eingeschränkt werden. 
    Kritik daran kam aus der Lebensmittel- und Werbeindustrie. Sie sprach von Überregulierung und bezweifelte, dass Werbeverbote einen positiven Effekt hätten. Die Lobbygruppen setzten sich durch: Bis heute ist der Entwurf nicht Gesetz geworden.

    Abnehmspritze als Kassenleistung

    Die so genannte Abnehmspritze wurde ursprünglich für Diabetiker entwickelt. Ihr Wirkstoff verstärkt das Sättigungsgefühl. Allerdings muss sie in der Regel ein Leben lang einmal pro Woche angewendet werden. Wer sie nutzt, muss sie selbst bezahlen. Die jährlichen Kosten liegen bei mehreren tausend Euro.
    Für Menschen mit geringem Einkommen sind Abnehmspritzen daher keine Lösung. Hinzu kommen Nebenwirkungen wie Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden. Auch langfristige Risiken sind bislang kaum erforscht.
    Dennoch fordert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine Gesetzesänderung, damit die Kosten für moderne Medikamente wie die Abnehmspritze von den Krankenkassen übernommen werden können.

    Autorin des Hörfunkbeitrags: Anja Nehls 
    Online-Text: Kristina Reymann-Schneider 
    Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen