Mittwoch, 08. Februar 2023

Bedrohte Artenvielfalt
Worum es auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal geht

Vom 6. bis 19. Dezember 2022 kommen knapp 200 Staaten zur 15. UN-Weltnaturkonferenz in Montreal zusammen. Wie steht es um die Ziele und Erfolgsaussichten des Treffens? Ein Überblick.

19.12.2022

    Bedrohte Art: Bekassinen finden immer weniger ungestörte Brutplätze in Deutschland.
    Nur eine von Hunderttausenden bedrohten Arten weltweit: Bekassinen finden immer weniger ungestörte Brutplätze. (picture alliance / blickwinkel / AGAMI / S. Gatto)
    Update 19.12.2022: Nach rund zweiwöchigen Verhandlungen haben sich die Teilnehmer des Weltnaturgipfels im kanadischen Montreal auf eine Abschlusserklärung geeinigt. Darin setzen sich die rund 200 Staaten unter anderem das Ziel, mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen. Außerdem wollen die Staaten mehr Geld für den Schutz der Artenvielfalt ausgeben. Dafür sollen unter anderem reichere Länder ärmeren Ländern bis 2025 rund 20 Milliarden Dollar jährlich zukommen lassen.
    Bundesumweltministerin Steffi Lemke hatte den Entwurf zuvor als "mutig" bezeichnet. Viele Punkte würden in die richtige Richtung weisen, sagte die Grünen-Politikerin laut Nachrichtenagentur dpa. Während sich die Umweltstiftung WWF ebenfalls positiv zeigte, kritisierten Greenpeace und die Naturschutz-Stiftung WCS , dass der Entwurf nicht ambitioniert genug sei und viele Ziele zu weit in die Zukunft geplant seien.

    Was sind die zentralen Themen und Ziele der Weltnaturkonferenz?

    Als Hauptziel wird auf der 15. Vertragsparteienkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention (Convention on Biodiversity, kurz CBD) ein „Weltnaturvertrag“ angestrebt. Denn weltweit sind eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, warnt der Weltbiodiversitätsrat IPBES, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die 100- bis 1.000-mal schneller ist als die bisherige natürliche Wandlungsrate der Natur. Dabei hängt über die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts von der Natur und aus ihr bezogenen Werten ab, hat das Weltwirtschaftsforum Davos errechnet.
    So ist zum Beispiel die Zahl der Brutvögel in den deutschen Agrarlandschaften um ein Drittel zurückgegangen. Sogar ein Allerweltsvogel wie die Feldlerche wird jetzt auf der Roten Liste der gefährdeten Arten geführt. Der Verlust bei den Insekten fällt sogar noch viel höher aus.
    Allerdings fällt das bisher fast nur Fachleuten auf. Denn der Verlust vollzieht sich schleichend über mehrere Jahre hinweg. Und während es die von der Klimaerwärmung ausgelösten Extremereignisse wie Starkregen und Hochwasser immer sofort in die Nachrichten schaffen, ist der Artenverlust nur bei großen, spektakulären Veränderungen eine Meldung wert.

    UN-Biodiversitätskonvention gibt es seit 1992

    Die UN-Konvention zum Erhalt der Artenvielfalt wurde schon 1992 zusammen mit der UN-Klimarahmenkonvention auf dem Weltumweltgipfel in Rio de Janeiro verabschiedet. Florian Titze, Vertreter der Umweltorganisation WWF auf dem Gipfel, hofft für Montreal auf einen „Paris-Moment“. Er bezieht sich damit auf das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015: Damals bekannten sich erstmals alle Staaten der Erde verbindlich zu nationalen CO2-Reduktionszielen und in der Folge auch dazu, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu beschränken.

    Was sind die größten Treiber des Verlusts an Ökosystemen und der Artenvielfalt?

    Wissenschaftler benennen fünf unterschiedlich wirksame Treiber als Ursache für die Verluste:
    1. Umnutzung von Land
    2. Übernutzung von Ökosystemen und Arten etwa durch Rodungen oder Schmuggel mit bedrohten Tieren
    3. Klimaerwärmung
    4. Umweltverschmutzung, insbesondere durch den Eintrag von Plastik in Flüsse und Meere
    5. Verdrängung einheimischer Pflanzen und Tieren durch eingeschleppte, invasive Arten.
    Die Umnutzung von Land geht mit der Störung oder Vernichtung von Lebensräumen einher – etwa durch die Versiegelung von Böden durch Neubaugebiete, Flughäfen, Fabriken, Bodenzerstörung für den Rohstoffabbau oder für Wasserkraftwerke. Den größten Einfluss weist die Forschung der konventionellen, modernen Landwirtschaft zu mit ihrem intensiven Einsatz von synthetischem Dünger und Pestiziden.

    Warum ist es ein Problem, wenn Tierarten verschwinden?

    Im Leben wird man auf einzelne Arten sicher verzichten können, sagt die Agraringenieurin Johanna Gundlach vom Bundesamt für Naturschutz. Es kommt jedoch auf das Gesamtzusammenspiel der Arten an, das wiederum in einer komplexen Wechselbeziehung zu dem jeweiligen Lebensraum für ein Gleichgewicht sorgt.
    Gundlach gibt ein Beispiel: Gibt es weniger Lerchen und andere Feldvögel, werden weniger für den Ackerbau schädliche Insekten gefressen. Fallen zudem nützliche Insekten aus, die wiederum schädliche Insekten in Schach halten, dann müssen eventuell mehr Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Diese Chemikalien wiederum können in die Gewässer gelangen und dort Pflanzen oder Tiere schädigen.
    Wenn Landwirte sich wie früher an strenge Fruchtfolgen halten, verzichten sie auf eine Maximierung ihrer Erträge, aber sie schonen die Fruchtbarkeit ihrer Böden. Bei Wiesen zum Beispiel gilt: Je seltener gemäht wird, je weniger gedüngt, desto magerer der Rasen, desto größer die Vielfalt. Auf einer extensiv bewirtschafteten Wiese finden sich 50 bis 100 Arten. Doch in den letzten Jahrzehnten wurden Wiesen mit Dünger in Kraftfutterweiden verwandelt, auf denen vielleicht noch zehn Arten leben. Viele Feuchtgebiete und Magerrasen wurden zu Hochleistungsäckern umgebrochen.
    Agraringenieurin Johanna Gundlach vom Bundesamt für Naturschutz steht auf einer Brache, auf der gezielt eine Blühmischung eingesät wurde. Hier soll unter anderem Kamille wachsen, aber auch Disteln, eine wichtige Nektar- und Nahrungsquelle für Insekten.
    Agaringenierin Gundlach auf einer Brachfläche, auf der insektenfreundlich eine Blühmischung ausgesät wurde (Deutschlandradio / Jule Reimer)
    Letzten Endes ist die Weltnaturkonferenz in Montreal also nicht eine Konferenz über den Erhalt des Afrikanischen Waldelefanten oder des Sibirischen Tigers, sondern sie ist eine Konferenz über den Erhalt von Ökosystemen beziehungsweise über die Notwendigkeit, sie wiederherzustellen. Der Chef der Weltnaturschutzunion IUCN Bruno Oberle vergleicht die Natur mit einem riesigen Netz: „Man kann einen Draht zerschneiden, man kann einen zweiten Draht zerschneiden, und das Netz funktioniert weiterhin. Und plötzlich - wenn man den x-ten Draht schneidet - dann hört es zu funktionieren auf.“
    Wenn unsere Ökosysteme ausfallen, die uns Essen, Trinkwasser und saubere Luft bereitstellen, dann bekommen wir ein Problem, und zwar ein großes. Ähnlich wie bei der Klimaerwärmung warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eindringlich vor Kipppunkten: So gibt es Warnungen, dass der Amazonas in näherer Zukunft austrocknen und in eine Savanne umkippen könnte, obwohl die abgeholzten Flächen im Vergleich zu der Gesamtausdehnung des Amazonasbeckens vielleicht ‚nur’ ein Fünftel ausmachen.

    Warum sind die 2010 international vereinbarten Aichi-Ziele nicht erreicht worden?

    Bereits 2010 verpflichteten sich die CBD-Vertragsstaaten in Japan auf die 20 Aichi-Ziele und darauf, den Verlusttrend bei Arten und Ökosystemen umzukehren. Seitdem haben Staaten weltweit zusätzlich eine Fläche so groß wie Russland unter Schutz gestellt. Um diese Gebiete herum jedoch ging die Zerstörung weiter, und mancher Nationalpark steht nur auf dem Papier. Denn die Vertragsstaaten haben damals versäumt, die Ziele mit klaren Indikatoren zu versehen. Ein Weltnaturabkommen müsse ein wirksames Monitoring beinhalten, systematische Berichterstattung sowie die Pflicht, auch Ziele nachzuschärfen, fordert IUCN-Chef Oberle.

    Welche Rolle spielt Deutschland auf der COP15?

    Deutschland wird durch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) in Montreal vertreten, verhandeln wird sie jedoch nicht. Die Federführung dafür liegt bei der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft gemeinsam mit Virginijus Sinkevičius, dem EU-Kommissar für Umwelt, Ozeane und Fischerei. Sinkevičius kann in den Verhandlungen auf allerhand bereits angenommene oder erfolgreich laufende Gesetzesvorhaben hinweisen. Die EU hat vor kurzem eine Biodiversitätsstrategie angenommen und kümmert sich um den Bodenschutz. Ein 2022 vorgestelltes „Nature Restoration Law“ wird neue, rechtsverbindliche Ziele zur Renaturierung von Meeren, Flüssen und Wäldern, von Ökosystemen in der Stadt und in der Landwirtschaft und zum Schutz von Bestäubern beinhalten. Und die EU will dazu beitragen, dass sich biodiversitätsschädliche Wirtschaftsströme verändern: Kurz vor Beginn der Weltnaturkonferenz haben sich Unterhändler von Europaparlament und EU-Staaten auf ein Importverbot für bestimmte Rohstoffe geeinigt, wenn für diese Wälder gerodet wurden.
    Aber Lemkes Anwesenheit und die der anderen Umweltminister der EU-Mitgliedsstaaten dort hat Gewicht. Deutschland unterstützt die Linie der EU, auf mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresgebiete in Europa Schutzzonen einzurichten, mit denen der Gesamtumfang der bestehenden Natura-2000-Gebiete erweitert wird. Positiv kam bei Umweltverbänden das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz mit seinem Budget von vier Milliarden Euro für die Wiederherstellung von Mooren, Meeren und Wäldern an. Und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nutzte die UN-Generalversammlung im September in New York für die Ankündigung, dass Deutschland seinen Beitrag zum Schutz der Biodiversität ab spätestens 2025 weltweit auf 1,5 Milliarden Euro pro Jahr aufzustocken.
    Die Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung ist hingegen ein wenig angegraut. Beschlossen wurde sie 2007. Ein Jahr später hatte Deutschland bei der 9. Weltnaturschutzkonferenz in Bonn den Vorsitz inne. Die jetzt geplante Neuauflage der Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS) soll entsprechend um „neue“ Themen wie die einer naturverträglichen Energiewende, des Insekten- oder des Meeresnaturschutzes ergänzt werden.

    Welche Einigungen würden die Weltnaturkonferenz zu einem Erfolg machen?

    Eine zentrale, auch von der EU mitgetragene Forderung lautet, überall in der Welt den Anteil der Schutzgebiete an Land und auf See auf jeweils 30 Prozent zu erhöhen. Derzeit sind es 17 Prozent der Land- und sieben Prozent der Meeresflächen. Das wäre auch zentral, um die Klimaerwärmung einzudämmen. Böden und Meere haben in den letzten zehn Jahren 55 Prozent der Treibhausgasemissionen aufgenommen, die Menschen in diesem Zeitraum verursacht haben. Sie haben also die Klimaerwärmung erheblich abgefedert. Mit der Wiedervernässung von Mooren und Feuchtgebieten soll diese Fähigkeit der Natur unter dem Label „naturbasierte Lösungen“ noch stärker genutzt werden. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass sich Klimaerwärmung und Ökosystem- und Artenverlust gegenseitig verstärken.
    Zu den weiteren Forderungen gehört, weltweit den Eintrag an Stickstoff in die Natur um die Hälfte zu reduzieren, den Einsatz von Pestiziden sogar um zwei Drittel und Plastikmüll zu eliminieren. Die Einführungsrate invasiver Arten sollte halbieren werden.
    Und es geht natürlich ums Geld. Klar ist: Die reicheren Staaten mit dem größeren ökologischen Fußabdruck sind in der Pflicht, die ärmeren Staaten zu unterstützen, in deren Zuständigkeit die meisten Hotspots der Biodiversität liegen. Bruno Oberle ärgert sich zudem über dreistellige Milliardensubventionen im Agrar-, Fischerei und Verkehrssektor, die letztlich die Artenvielfalt und Ökosysteme schädigen. Würden die konstruktiv umgeleitet, wäre schon viel für den Erhalt der Biodiversität getan.

    Wie sind die Erfolgsaussichten für die Weltnaturkonferenz?

    Die Weltnaturkonferenz COP15 ist unter schwierigen Bedingungen gestartet. Die Covid-19-Pandemie hat die Vorbereitung erschwert. Ein erster Konferenzteil im chinesischen Kunming 2021 fand online statt, weil das Gastgeberland China niemanden einreisen ließ, er brachte nur wohlklingende Empfehlungen, aber keine Beschlüsse. Wegen Pekings fortgesetzter Null-Covid-Politik wurde Teil zwei kurzfristig nach Montreal verlegt, Hauptsitz des Sekretariats der UN-Biodiversitätskonvention. Peking hat weiterhin die Präsidentschaft bei der Konferenz. Bei der Eröffnungsveranstaltung wurde deutlich, dass sich Peking und Ottawa offenbar drauf verständigt haben, dass auch Kanada als Gastland eine aktive Rolle bei der Konferenzleitung einnehmen wird.
    Die jüngste UN-Klimakonferenz im ägyptischen Sharm El Sheik hat gezeigt, dass der Erfolg einer solchen Konferenz auch stark von Geschick und Willen der Gastgeberregierung abhängen. Kanadas Umweltminister Steven Guilbeault bringt jedenfalls auch eine mehrjährige Erfahrung als führender Greenpeace-Aktivist mit. Der Textentwurf für ein Weltnaturabkommen war zur Eröffnungszeremonie immer noch gespickt mit vielen Klammern. Was Inger Anderson, Chefin des UN-Umweltprogramms, zu der leicht genervten Bemerkung veranlasste, die Zeit für Einwände sei vorbei, denn es ginge jetzt ums Eingemacht. Sprich: Jetzt müssen Kompromisse gesucht werden.
    Quellen: Jule Reimer, dpa