Montag, 08. August 2022

Tausende Kraniche sterben
Biologe: Schwere Ausbrüche von Vogelgrippe häufen sich

Tausende Kraniche sterben derzeit an Vogelgrippe auf ihrem Weg von Europa nach Afrika. Thomas Mettenleiter vom Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit zeigt sich von der Häufung schwerer Ausbrüche in den vergangenen Jahren besorgt. Eine Gefahr für Menschen bestehe in den allermeisten Fällen aber nicht.

Thomas Mettenleiter im Gespräch mit Monika Seynsche | 07.01.2022

Kraniche brechen Richtung Süden auf, von Fischland-Darß-Zings im Oktober 2021
Kraniche brechen Richtung Süden auf, von Fischland-Darß-Zings im Oktober 2021 - viele verenden anschließend im israelischen Hula-Tal (imago / HärtelPRESS)
Jedes Jahr im Winter versammeln sich hunderttausende Kranichen in den Feuchtgebieten des israelischen Hula-Tals. Sie machen dort Station auf ihrem Weg von Europa nach Afrika. In diesem Jahr sind schon tausende Kranichen im Hula-Tal an der Vogelgrippe gestorben. Die wütet zurzeit in Israel und in Europa, stärker noch als beim vergangenen schweren Ausbruch 2020.

Gefahr für Menschen sei gering

Für die Überwachung der Tierkrankheit ist in Deutschland das Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit zuständig. Dessen Präsident, Thomas Mettenleiter, sagte im Deutschlandfunk, dass sich schwere Ausbrüche in den vergangenen Jahren häuften. Gründe sind, dass sich der Erreger an den Wildvogel angepasst hat und, anders als früher, in unseren Breiten auch „übersommert“. Die Gefahr für Menschen, sich mit dem Virus zu infizieren, sei aber gering.

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Monika Seynsche: Wie sieht der aktuelle Vogelgrippeausbruch in Europa aus?
Thomas Mettenleiter: Wir sehen momentan doch ein massives Geschehen, das konzentriert sich im Wesentlichen auf den nördlichen Bereich von Europa, aber auch auf den Osten, aber wir haben auch Ausbruchssituationen in Norditalien und im Südwesten Frankreichs. Insgesamt müssen wir leider konstatieren, dass wir eine Situation haben, die der vom vorletzten Jahr, also Ende 2020, nur noch mal deutlich überlegen ist, wir haben deutlich mehr Fälle. Wir haben gegenwärtig etwa doppelt so viele Fälle im Nutzgeflügel als in der vorherigen Epizootie, die ja auch schon wieder deutlich schwerer war als die vorherige.

Schwere Ausbrüche - vor zehn Jahren noch ungewöhnlich

Seynsche: Sie haben es gerade gesagt, wir hatten gerade erst einen schweren Ausbruch, jetzt schon wieder einen, ist das nicht ungewöhnlich, zwei schwere Ausbrüche direkt nacheinander?
Mettenleiter: Das wäre früher, vor zehn oder 15 Jahren, ungewöhnlich gewesen. In der Zwischenzeit kommt das leider häufiger vor. Das hat unter anderem damit zu tun, dass sich der Erreger eben an den Wildvogel angepasst hat, das heißt nicht nur wie früher, dass die geringpathogenen Viren in das Nutzgeflügel eingetragen wurden und sich dort erst zu diesen schweren Vogelgrippeviren entwickelt haben, sondern dass die Vogelgrippeviren selbst in dieser schwer krankmachenden Form sich schon dem Wildvogel angepasst haben – und damit natürlich sehr viel schneller auch Zugang bekommen zu uns. Und das ist das, was wir leider in den letzten Jahren häufiger sehen, 2014/15, 2016/17, 2021 und jetzt 2021/22.

"Übersommern des Erregers" könnte weitere schwere Ausbrüche verursachen

Seynsche: Was erwarten Sie denn für die kommenden Monate des Winters?
Mettenleiter: Na ja, das lässt sich schwer voraussehen, wenn wir das, was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, extrapolieren, also davon in die Zukunft ableiten, dann wird uns diese Epizootie sicherlich noch eine Weile beschäftigen. Die spannende Frage ist, ob es so wie im letzten Jahr zu einem Übersommern des Erregers bei uns in Europa kommt, also nicht, wie wir es früher hatten, keine Fälle im Sommer, sondern eben dass der Erreger hierbleibt. Das ist möglicherweise eine der Begründungen, dass es eben in diesem Jahr so früh, so massiv zu den Ausbrüchen kommt.

Schwerwiegende Epizootien auch bei Wildvögeln

Seynsche: Jetzt erreichen uns seit einigen Tagen ja auch Meldungen aus Israel, dass dort Tausende von Kranichen gestorben sind. Ist das ungewöhnlich? Es hat ja dort auch die Geflügelpest gegeben, aber dass so massiv Wildtiere daran sterben, ist das ungewöhnlich?
Mettenleiter: Das kommt immer wieder vor, da gibt es historische Fälle, 1961 bei Seeschwalben in Südafrika zum Beispiel, das war der erste Fall, wo wir wirklich gesehen haben, dass es zu einem massiven Ausbruchsgeschehen auch bei Wildvögeln kommen kann. Wir hatten dann 2020 Nonnengänse bei H5N1, 2006 waren es die Schwäne, im Jahr darauf waren es Schwarzhalstaucher, am Anfang des letzten Jahres waren es Knutts im Wattenmeer. Das passiert schon immer wieder mal, dass es zu solchen schwerwiegenden Epizootien eben auch bei Wildvögeln kommen kann.

Keine akute Gefährdungssituation für Menschen

Seynsche: Was bedeutet es denn für den Menschen, wenn wir jetzt davon ausgehen, dass die Vogelgrippe, Sie sagten es, hier wahrscheinlich auch übersommert, der Erreger einfach hierbleibt, er immer gefährlicher ist – zumindest für die Tiere –, was bedeutet das für mögliche Gefahren für die Menschen?
Mettenleiter: Grundsätzlich müssen wir davon ausgehen, dass solche Vogelgrippeviren, also die hochpathogenen aviären Influenzaviren, wie wir das nennen, dass die eine Grundgefährdung für den Menschen immer darstellen. Es ist aber so, dass bei den Viren, die die Ausbrüche im letzten Jahr und in diesem Jahr jetzt verursacht haben, nur sehr, sehr vereinzelt Berichte von Infektionen von Menschen bekannt geworden sind. Das war bei H5N8 im vorletzten Jahr in Russland, jetzt ist ein erster Fall berichtet worden, ohne dass genau klar ist, welcher Typ das ist, aus England. Aber in jedem Fall gab es dort sehr, sehr enge Kontakte zu den infizierten Vögeln. Das heißt also, ja, das kann grundsätzlich passieren, aber es wird von allen Experten im Moment nicht als eine akute Gefährdungssituation angesehen. Bei uns bleibt immer der Hinweis auf die normale Hygiene, man sollte eben tote Tiere, tote Vögel draußen nicht mit bloßen Händen anfassen, sondern die normalen hygienischen Maßnahmen einhalten.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.