Sonntag, 05. Dezember 2021

Maßnahmen gegen die 4. Corona-WelleWas Modellierer jetzt empfehlen

2G, Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen oder 3G in Bus und Bahn: Die Bundesregierung hat sich im Kampf gegen die vierte Corona-Welle auf schärfere Maßnahmen verständigt. Wissenschaftler halten die Schritte aber nicht für ausreichend. Sie fordern mehr.

01.12.2021

Coronavirus - 2G in der Innenstadt
Coronavirus - 2G in der Innenstadt (picture alliance/dpa)
Um die vierte Welle in der Corona-Pandemie zu brechen, haben sich Bund und Länder auf weitere Maßnahmen geeinigt: Dazu gehören eine Auffrischungs-Impfkampagne, Schwellenwerte zur Verschärfung von Maßnahmen oder eine einrichtungsbezogene Impfpflicht.
In einem eindringlichen Appell haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits nach den ersten Beratungen zum neuen Infektionsschutzgesetz schärfere Maßnahme gefordert, um die Corona-Pandemie in diesem Winter einzudämmen. Darin heißt es unter anderem: „Wir empfinden eine tiefe Enttäuschung über die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und über den wiederholt nachlässigen Umgang mit dem Wohlergehen der Menschen, die auf den Schutz des Staates angewiesen sind.“ Mit geringfügigen Anpassungen an einige aktuelle Entwicklungen seien bisherige Handlungsempfehlungen weiterhin gültig, so die Wissenschaftler.
Kommen wir ohne Lockdown durch die nächsten Wochen? Der Modellierer Thorsten Lehr im Gespräch
Unterzeichnet haben diesen Brief auch die Corona-Modellierer Michael Meyer-Hermann und Thorsten Lehr. Sie erstellen Modellrechnungen zum Verlauf der Corona-Pandemie und fürchten, dass sich die Zahlen mit einem Weiter-so schnell verdoppeln werden.
"Das Ende der epidemischen Lage ist ein fatales Signal", warnt Modellierer Meyer-Hermann im Deutschlandfunk
In einen anderen Strategiepapier empfehlen Wissenschaftler zudem eine Booster-Offensive, um die vierte Coronawelle zu brechen. Dazu gehört die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Das Boostern sei jedoch eine langfristige Strategie. "Zur Überbrückung wird es Maßnahmen brauchen", betonte die Wissenschaftlerin und verwies auf die Empfehlungen im Strategiepapier: Kontaktbeschränkungen, Testen, 2G, 3G, und möglicherweise auch einen "Not-Schutzschalter", eine Art Notfall-Shutdown für den Fall, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems droht.
„Lieber eine nicht optimale Entscheidung, aber dafür schnell“, sagte der Simulationsexperte Nikolas Popper im Deutschlandfunk
Impfen und Boostern
Besonders Personen mit Immunschwächen, ältere Menschen oder Menschen mit bestimmten Risikofaktoren sollten den Schutz mit einer 3. Impfung auffrischen lassen, empfehlen die Wissenschaftler um Viola Priesemann. Auch Beschäftigte im Gesundheitswesen und in Pflegeberufen zählten zu dieser Gruppe. Die Booster-Kampagne müsste jedoch deutlich schneller vorankommen als die Kampagne für Erst- und Zweitimpfungen im Sommer.
Die Maßnahme, die in der kommenden Zeit die höchste Priorität haben sollte, sei – einerseits – das schnelle Boostern, sagte Kai Nagel im Deutschlandfunk. Der Informatiker, der sich an der TU Berlin mit epidemiologischen Modellen befasst, weiß aber auch um die enorme Wirkung von noch ausstehenden Erstimpfungen.
Interview mit Modellierer Kai Nagel

Nach derzeitiger Datenlage hätten drei Auffrischungsimpfungen ähnliche Präventionswirkung wie eine Person, die erstgeimpft wird. „Da sieht man, dass der Hebel für die Erstimpfung relativ groß ist. Von daher gesehen ist es auch von zentraler Wichtigkeit, dass dies noch mehr Personen als bisher wahrnehmen.“
Kontaktbeschränkungen
Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig glaubt nicht, dass 2G, 3G sowie 2Gplus-Regelungen ausreichen, um den exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen zu stoppen. Es werde Kontaktbeschränkungen geben müssen, etwa Eingriffe in Veranstaltungen und vielleicht auch in private Treffen.
Unter anderem auf Basis von Mobilfunkdaten hat der Modellierer Kai Nagel auch das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung untersucht. „Da war jetzt schon zu sehen, dass die Vorsicht der Leute weniger ist – verglichen mit letztem Jahr.“ So hätten offenbar viele Menschen mit vollständigem Impfstatus angenommen, dass sie von den Maßnahmen weitgehend ausgenommen seien. „Wir sehen jetzt aber doch, dass es da eine Reaktion gibt.“ Bereits 20 bis 30 Prozent Mobilitätsrückgang habe enorme Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen, erläuterte Nagel.
2G und 3G-Veranstaltungen: Sinnvoll aber nicht ausreichend
Corona-Modellierer Thosten Lehr meint, dass 2G-Regelungen vor allem für diejenigen gut sind, die Veranstaltungen besuchen, „weil sie sind dann letztendlich auf einer geschützten sicheren Veranstaltung.“ Bei 3G würden zudem die ungeimpften Getesteten besser geschützt.  Die Frage werde aber sein, welche Auswirkungen 2G oder 3G auf die Inzidenzen haben werde. „Da habe ich ganz große Sorge, dass es einen ausreichenden Effekt hat“. Die Beispiele aus Sachsen und Österreich zeigten, dass sich trotz der Regelungen nicht viel verändere. Das habe auch damit zu tun, dass nicht ausreichend kontrolliert werde oder Leute sich an anderen Orten infizierten, wo kein 2G bestehe.
2G-Regelung
Gilt diese Regel, kann an einer Veranstaltung nur teilnehmen oder ein Restaurant oder ein Stadion nur betreten, wer geimpft oder genesen ist. Ausnahmen gibt es für Kinder und Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Sie dürfen etwa teilnehmen, wenn sie PCR-getestet sind und eine ärztliche Bescheinigung vorweisen können. Eine Erweiterung der 2G-Regel ist 2G plus: Nur Geimpfte und Genesene sind zugelassen, die zusätzlich einen aktuellen negativen (Schnell-)Test nachweisen können.
3G-Regelung
Gilt dies etwa bei einer Veranstaltung, dürfen (vollständig) Geimpfte und Genesene (ohne typische Symptome) sowie negativ Getestete teilnehmen. Zulässig ist ein Antigen-Schnelltest, der maximal 24 Stunden alt ist, oder ein PCR-Test, der höchstens 48 Stunden zurückliegt. Eine Erweiterung der 3G-Regel ist 3G plus: Geimpfte, Genesene und per PCR negativ getestete Menschen sind zugelassen.
Hygienemaßnahmen in Bildungseinrichtungen
Klar ist für die Wissenschaftler, das Kitas und Schulen nach Möglichkeit offen gelassen werden. „Es gibt ganz viele Maßnahmen, die man an die Hand nehmen sollte, bevor man auch nur darüber nachdenkt, die Schulen zu schließen“, sagt Modelliererin Priesemann. Dabei seien Hygienemaßnahmen wie gute Lüftung, der Einsatz von Luftreinigern, eine inzidenzabhängige Maskenpflicht, AHA-Regeln, sowie Tests und Kohortierung wirksam.
Letzte Möglichkeit: Kurzzeit-Shutdown
Sollte durch empfohlene Einzelmaßnahmen nicht die gewünschte Reduktion der Fallzahlen eintreten, empfehlen die Wissenschaftler einen Kurzzeit-Shutdown. „Uns ist es da extrem wichtig, wieder zu betonen: Wenn man alles so weit wie möglich zumacht, ist der Effekt ungleich größer, als wenn man nur einen halbherzigen Not-Schutzschalter macht.“ Schulschließungen sollten dabei aber nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden.
Physikerin Viola Priesemann im Dlf: Auch ein Notfall-Shutdown darf nicht ausgeschlossen werden
Welche Schlüsse sollte die Politik ziehen?
Modelliererin Viola Priesemann betont, dass es der Gruppe der Wissenschaftler darum gehe, einzelne Maßnahmen zu bewerten. „Ob die dann rechtlich oder politisch umgesetzt wird, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir wollen aufzeigen, was die Wirksamkeit dieser Maßnahmen wäre.“