Dienstag, 16. August 2022

Dürre in den USA
Wassermangel im Colorado erreicht alarmierendes Ausmaß

Viele Großstädte in den USA hängen am Tropf des Flusses Colorado. Fallen seine Talsperren trocken, wird in Los Angeles, San Diego, Denver und Phoenix das Wasser knapp. Die anhaltende Dürre macht dieses Szenario immer wahrscheinlicher. Experten fordern deshalb, den Wasserverbrauch zu drosseln.

Von Volker Mrasek | 22.07.2022

Ein Schild warnt vor niedrigen Wasserstände an einer Bootsanlegestelle am Lake Mead am Colorado River, Nevada, USA.
Die Wasserstände am Lake Mead, dem größten Wasserreservoir am Colorado River, sind auf ein Rekordtief gesunken. (picture alliance / Associated Press /| John Locher)
In der Vergangenheit hat der Colorado immer wieder mal mehr oder mal weniger Wasser geführt. Doch was früher war, sei nicht länger ein geeigneter Gradmesser für die Zukunft, warnt der US-Wasserwirtschaftsingenieur Kevin Wheeler: “Seit dem Jahr 2000 sehen wir, dass der Abfluss zurückgeht, ausgelöst durch die 'Dürre des Jahrtausends', wie wir sie heute nennen. Jahr für Jahr warten wir darauf, dass sie endet, doch in den ganzen 23 Jahren hat sie das nie getan. Wenn überhaupt, dann scheint es noch schlimmer zu werden. Nach den Saisonvorhersagen werden wir auch diesmal wieder ein ziemlich trockenes Jahr bekommen.“

Ein Großteil des Schmelzwassers erreicht den Colorado nicht mehr

Der Colorado ist über 2.300 Kilometer lang. Sein Lebenselixier ist das Schmelzwasser von den hohen Gipfeln der Rocky Mountains. Dort habe es im vergangenen Jahr soviel geschneit wie sonst üblich, sagt Kevin Wheller. “Aber nur 30 Prozent des Schmelzwassers flossen in den Colorado. Das hat mit den gestiegenen Temperaturen zu tun. Das meiste Schmelzwasser versickert in den ausgedorrten Böden, oder es verdunstet.“ 

Notorischer Wassermangel gefährdet die Stromversorgung

Inzwischen führt der Colorado ein Fünftel weniger Wasser als noch im Jahr 2000. Die zwei großen Stauseen am Fluss, Lake Mead und Lake Powell, waren damals fast voll. Jetzt ist das völlig anders - und zweieinhalb Millionen Menschen in der Region müssen um ihre Stromversorgung bangen: “Die Wasserstände sind außergewöhnlich niedrig und beide Staudämme nur noch zu 25 Prozent gefüllt. Sinken die Spiegel weiter, können die Wasserkraftwerke dort ihre Turbinen nicht mehr sicher betreiben und müssen sie abschalten. In diesem Moment ist abrupt Schluss mit der Stromerzeugung. Im Lake Powell ist die Situation besonders bedenklich.“ 

Der Klimawandel verschärft das Problem

Kevin Wheeler arbeitet heute an der Universität Oxford in England. Aber er hat lange am Colorado gelebt und kennt ihn gut. Zusammen mit fünf anderen Fachleuten legt der Ingenieur jetzt ein Konzept vor, wie man den schwindenden Fluss ab sofort nachhaltiger nutzen könnte. Die Zeiten seien vorbei, in denen man wissenschaftliche Ratschläge ignoriert und sich etwas vorgemacht habe. Mit der Rückkehr zu normalen Abflüssen könne man nicht mehr rechnen. Der Klimawandel werde den Wassermangel eher noch verschärfen:

 “Wir haben kalkuliert, wie stark die Wassernutzung am Colorado reduziert werden muss, damit die Pegel in den Staudämmen nicht noch weiter absinken. Wir kommen da auf 2,5 bis 3,8 Milliarden Kubikmeter pro Jahr – in einem Flusssystem, das uns im Moment 15 bis 17 Milliarden Kubikmeter Wasser liefert.“

Der Wasserverbrauch müsste stark verringert werden

Die Zahlen entsprechen einer Reduzierung in der Größenordnung von 15 bis 20 Prozent. Kein Pappenstiel, räumt Kevin Wheeler ein, doch drastische Einsparungen seien inzwischen unerlässlich und auch möglich: “Es kann sicher Effizienzsteigerungen geben. Das meiste Wasser am Colorado verbraucht die Landwirtschaft, für die Beregnung ihrer Felder. Sie könnte bessere Sprinkleranlagen einsetzen, aus denen nicht mehr so viel Wasser verdunstet wie bisher. In den Städten ist es Tradition, dass alle ihre Rasenflächen bewässern. Aber das Ausmaß der Dürre ist so stark, dass sich jeder irgendwie einschränken muss.“  
Pikanterweise liefert die Wasserkrise der US-Bevölkerung gute Argumente, ihren Fleischkonsum einzuschränken. Denn auf den meisten bewässerten Feldern am Colorado wachsen laut Wheeler Futterpflanzen für Rinder: “Letztlich ist unsere Ernährungsweise also einer der Hauptgründe dafür, das der Fluss schrumpft. Ich bin kein Vegetarier. Und ich liebe Hamburger! Aber mir ist klar geworden, dass es viel bringt, wenn man weniger Fleisch isst.“
 
Vor dem US-Kongress plädierten jüngst auch Fachvertreter des Innenministeriums dafür, die Wassernutzung am Colorado stark einzuschränken. Wird das Sparkonzept aus der Wissenschaft also auf offene Ohren in der Politik stoßen? Die Chancen dafür stehen diesmal vielleicht gar nicht so schlecht.