Donnerstag, 11. August 2022

Hitze und Dürre
Bundesumweltministerin: Wir müssen uns an Extremwetter anpassen

Deutschland müsse sich langfristig darauf einstellen, dass Hitze- und Dürreperioden keine singulären Ereignisse mehr darstellten, sagte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) im Dlf. Deshalb arbeite die Bundesregierung derzeit an sogenannten Klimaanpassungsstrategien.

13.07.2022

Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz
Bundesumweltminsterin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) hat sich gegen Fracking in Deutschland ausgesprochen - angesichts der Dürre bräuchten wir eine sichere und saubere Wasserversorgung (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Trockene Sommer und regenarme Winter werden in Zukunft das Wetterbild in weiten Teilen Europas prägen, so das übereinstimmende Ergebnis der meisten wissenschaftlichen Studien.

Hitze- und Dürreperioden keine singulären Ereignisse mehr

Inzwischen gebe es in Deutschland durch die Folgen der Klimakrise so viele Hitzetage, dass das für die Natur und Menschen teilweise eine Bedrohung darstelle, sagte Bundesumweltministerin Steffi Lemke im Deutschlandfunk. Darauf müssten wir uns besser vorbereiten. "Gegen Dürre hilft jetzt kurzfristig Wasser zu sparen." Mittel- und langfristig müssten aber zum Beispiel Wälder und Auen renaturiert werden. Sie seien natürliche Wasserspeicher und könnten die Folgen von Dürren abmildern. Hier setze die Bundesregierung mit dem sogenannten Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz an, sagte Lemke.
Zudem habe das Umweltministerium damit begonnen, gemeinsam mit den Kommunen Klima-Anpassungspläne zu erarbeiten, die an die Gegebenheiten vor Ort angepasst seien. Parallel liefen weitere Maßnahmen für soziale Einrichtungen in den Kommunen, etwa für Verschattungen in Krankenhäusern und Kitas.

Künftig klüger bauen

Lemke brachte auch die Hoffnung zum Ausdruck, dass beim Wiederaufbau in den Flutgebieten „viele Häuser nicht an falschen Stellen“ errichtet würden. Grundsätzlich müssten Extremwetter-Ereignisse künftig auch bei Neubauten berücksichtigt werden: "Wir müssen hitzeangepasster bauen, klüger bauen, genauer hinschauen, wo gebaut werden kann und wie gebaut werden kann“, so Lemke.

Das Interview in voller Länge:
Stefan Heinlein: Hitze und Trockenheit, das gehört bekanntlich schon immer zum Sommer, auch in Deutschland. Warum sind heiße Tage dennoch kein Grund zur Freude?
Steffi Lemke: Früher waren sie sicher ein Grund zur Freude, als sich alle auf den Sommer gefreut haben, auf das schöne und warme Wetter. Aber inzwischen sind durch die Folgen der Klimakrise so viele wirkliche Hitzetage bei uns auch in Deutschland angekommen, dass das für die Natur und auch für uns Menschen teilweise eine Bedrohung darstellt, und darauf müssen wir uns besser vorbereiten.

Hitzetage stellen Bedrohung für Natur und Menschen dar

Heinlein: Was muss denn an Vorbereitungen getroffen werden?
Lemke: Wir müssen zwischen Dürre und Hitze an dieser Stelle etwas unterscheiden. Gegen Dürre hilft jetzt kurzfristig Wasser zu sparen. Das können viele Menschen, gerade die, die einen Garten haben, selber tun. Hitzeangepasstes Gießen, sparsames Gießen, das sind Kurzfristmaßnahmen. Aber mittel- und langfristig müssen wir über Renaturierung mehr Wasser in der Landschaft speichern, um unsere Natur, aber auch unsere Landwirtschaft auf Dürre-Ereignisse vorzubereiten. Hier setzt die Bundesregierung mit dem Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz an, mit dem wir alte Wälder, Moore, aber auch Auen, das heißt natürliche Ökosysteme, die viel Wasser aufnehmen können, stärken werden, auch um Vorsorge gegen Dürre-Ereignisse damit zu treffen.

„Trinkwasserversorgung ist gegenwärtig gesichert“

Heinlein: Wasser sparen, Frau Lemke, das ist Ihr Appell an die Bürgerinnen und Bürger. Heißt das im Klartext, Autowaschen am Wochenende, Duschen jeden Tag oder ein Pool für die Kinder, das sind Dinge, die man in Zukunft nur noch mit schlechtem Gewissen machen kann?
Lemke: Die Trinkwasserversorgung ist bei uns gegenwärtig gesichert. Aber in verschiedenen Kommunen gibt es genau diese Appelle. Ich denke vor allem an solche Dinge wie großflächig den Garten tagsüber zu bewässern. Das ist etwas, was man jetzt definitiv nicht tun sollte. Ansonsten werden die Kommunen die entsprechenden Maßnahmen, die an die lokale Ebene angepassten Maßnahmen erlassen. Bei mir zuhause dürfen Sie beispielsweise zwischen 10 und 18 Uhr private Brunnen nicht mehr nutzen für die Gartenbewässerung. Das ist auf jeden Fall sinnvoll, weil es da keinen Sinn ergibt, die Gärten zu bewässern, weil zu viel Wasser verdunstet.

„Dürre- und Hitze-Ereignisse werden häufiger auftreten“

Heinlein: Die Bürger müssen Verzicht leisten in Zukunft nicht nur bei Öl und Gas, sondern auch beim Wasser?
Lemke: Ich würde davon sprechen, dass wir uns vernünftig verhalten müssen und an die Klimakrisenfolgen anpassen müssen. Das heißt, eine kluge und gezielte Reaktion vornehmen. Es muss niemand auf Trinkwasser verzichten und gegenwärtig muss man auch nicht aufs Duschen verzichten, weil es zu wenig Wasser gäbe. Aber wir müssen Vorsorge treffen, weil die Wissenschaft uns sagt, dass solche Dürre-Ereignisse, Hitze-Ereignisse häufiger auftreten werden und extremer werden.
Heinlein: Verhalten sich denn die Bürgerinnen und Bürger, Frau Lemke, aktuell unvernünftig? Ich habe mir in Vorbereitung unseres Gespräches ein paar Zahlen zurechtgelegt. 1991 haben die Bürger 144 Liter Wasser jeden Tag verbraucht. Aktuell sind es nur noch 123 Liter. Was ist denn Ihre Zielmarke? Wieviel Wasser müssen wir noch sparen?
Lemke: Es geht weniger darum, dass der einzelne Bürger seinen Durchschnittsverbrauch beim Wasser senkt. Es ist richtig, dass diese zurückgegangen sind in den letzten Jahren. Auch in der Industrie sind die Wasserverbräuche im Durchschnitt stabil. Aber wir brauchen Reaktionen und Anpassungen an solche extremen Ereignisse. Das heißt, da geht es nicht um den Durchschnittsverbrauch, sondern dass man sich in Extremsituationen so wie jetzt bei der Hitze angepasst verhält. Wir haben teilweise auch in Deutschland sehr niedrige Pegelstände in den Flüssen und das wirkt sich dann in Extremsituationen auf die Industrie, auf Transportwege aus. Deshalb geht es immer darum, in der jeweiligen Situation angepasst zu reagieren, an Hitze oder an Dürre.

Klima-Anpassungsprogramm gemeinsam mit Kommunen

Heinlein: Das ist das, was die Gesellschaft leisten kann, jeder einzelne. In Ihrem Ministerium, Frau Lemke, Sie haben es angedeutet, wird derzeit an einer nationalen Wasserstrategie gearbeitet. Wie weit sind Sie da? Haben Sie bereits genügend Daten und Fakten für den Neuentwurf einer solchen Strategie?
Lemke: Die Strategie ist in der Erarbeitung und wird bis Ende des Jahres vorliegen. Wir haben hier ja die Ebenen von den Dörfern und den Gemeinden über die Bundesländer bis zur Bundesregierung zusammenzubringen, um einerseits Dürrevorsorge zu treffen, das heißt aufzuklären, wie das Wasser am sinnvollsten verwendet werden kann, dass es Priorität für die Trinkwasserversorgung für die Menschen in jeder Situation geben muss. Das ist mir ein besonders wichtiges Anliegen. Zweitens haben wir aber auch mit dem Klima-Anpassungsprogramm im Umweltministerium begonnen, mit den Kommunen gemeinsam Klima-Anpassungspläne zu erarbeiten, die immer an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepasst sein müssen. Das heißt, es gibt viele Maßnahmen, die gegenwärtig schon laufen. Wir brauchen aber mehr Aufmerksamkeit und mehr Ressourcen dafür.

Nationale Wasserstrategie soll bis Jahresende vorliegen

Heinlein: Sie sind bei dieser nationalen Wasserstrategie am Anfang? Das braucht noch einige Zeit, bis Sie da konkreter werden können?
Lemke: Wir werden sie bis zum Ende des Jahres vorlegen und es gibt Vorarbeiten der Vorgängerregierung, auf die ich jetzt aufbauen kann. Bis Ende des Jahres werden wir damit in die Diskussion in der Bundesregierung eingetreten sein. Parallel laufen aber bereits viele Maßnahmen. Es ist nicht so, dass wir warten, bis diese Wasserstrategie fertig ist, sondern wir machen bereits jetzt Klima-Anpassungsmaßnahmen für soziale Einrichtungen in den Kommunen, vor allem für Gruppen, die besonders von Hitze betroffen sind, zum Beispiel Klima-Anpassungsmaßnahmen in Krankenhäusern, in Kindertagesstätten als Verschattungsmaßnahmen.
Zweitens gibt es bereits jetzt einen Praxisleitfaden des Umweltbundesamtes, der deutlichmacht, wie wir gegen Hitze und Dürre in den Kommunen Vorsorge ganz praktisch treffen können. Es gibt die Schattenspender-Kampagne des Umweltbundesamtes. Es ist nicht so, dass wir warten, bis diese Wasserstrategie fertig ist, sondern es wird parallel selbstverständlich gearbeitet.

Häuser nicht an falschen Stellen in Flutgebieten errichten

Heinlein: Frau Lemke, wenn wir heute Morgen über die Folgen des Klimawandels reden, über Extremwetterlagen, dann müssen wir die Flutkatastrophe im Ahrtal in den Blick nehmen. In dieser Woche der erste Jahrestag. Klimaforscher bemängeln, dass beim Wiederaufbau nicht die richtigen klimafreundlichen Maßnahmen getroffen wurden. Wie zufrieden sind Sie als Bundesumweltministerin mit den Entscheidungen Ihrer Kollegen in den betroffenen Ländern?
Lemke: Ich glaube, dass es einerseits ein wirklich sehr sensibles Thema ist, weil Menschen gestorben sind, weil es eine wahnsinnig schlimme Katastrophe gewesen ist, die sehr viel Leid in die betroffenen Regionen gebracht hat. Sicherlich steht morgen das Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe im Vordergrund. Andererseits muss in den Kommunen, muss vor Ort entschieden werden, wie dort der Wiederaufbau organisiert wird, auch wo er genau organisiert wird, und dass die Kommunen hier sehr sensibel in den betroffenen Dörfern und Gemeinden mit den Menschen umgehen, das finde ich richtig, und ich hoffe sehr, dass nicht viele Häuser an falschen Stellen jetzt in den Flutgebieten errichtet werden, aber das betrifft wirklich nicht nur die von der Katastrophe im letzten Jahr betroffenen Gemeinden, sondern ganz grundsätzlich müssen wir uns besser vorbereiten, hitzeangepasster bauen, klüger bauen, genauer hinschauen, wo gebaut werden kann und wie gebaut werden kann.

Bessere Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen

Heinlein: Sie hoffen es, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Das klingt ein wenig hilflos.
Lemke: Nein, das ist nicht hilflos, sondern ich glaube, dass wirklich vor Ort entschieden werden muss, was nach einer solchen Katastrophe an welcher Stelle wiederaufgebaut werden kann. Das kann nicht die Bundesregierung entscheiden, das muss vor Ort mit den Betroffenen gemeinsam gemacht werden. Man kann jetzt nicht einfach am Reißtisch neue Dörfer oder neue Gemeinden bauen. Aber vor Ort danach zu schauen, angepasst zu bauen, sich auf potenzielle zukünftige Hochwasser-Ereignisse besser vorzubereiten, genau daran arbeiten wir mit den Ländern und den Kommunen seit mehreren Jahren und wir müssen das jetzt intensivieren.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.