Montag, 26. September 2022

Unabhängigkeit von Russland
Energie sparen gegen den Ukraine-Krieg

Durch effizientere Energienutzung und Maßnahmen wie autofreie Sonntage, Tempolimits und Pop-Up-Fahrradwege ließe sich die Abhängigkeit von russischem Erdgas und -öl umgehend reduzieren, sagte Klimaforscher Felix Creutzig im Dlf. Der Wissenschaftler sieht ein Einsparpotenzial von bis zu 60 Prozent.

28.03.2022

Berlin Mitte, die Friedrichstraße ist zwischen Leipziger Straße und Französische Straße für PKW gesperrt und nur für Fußgänger und Radfahrer passierbar
Der Ausbau von Fahrradwegen ist für Klimaforscher Felix Creutzig eine Möglichkeit, um die Abhängigkeit von Erdöl zu reduzieren (imago/Jürgen Ritter)
Deutschland überweist täglich hunderte Millionen Euro für Gas und Erdöl nach Russland. Die Bundesregierung will aber trotz des Angriffskriegs des Kremls in der Ukraine vorerst an den russischen Energieimporten festhalten. Denn diese zu kompensieren, etwa durch Flüssiggas aus den USA oder den Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen, ist laut Aussagen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck frühestens 2025 möglich.
Nach Ansicht von Klimaforscher Felix Creutzig könnte dies jedoch schneller gehen: durch Konsumverzicht und effizientere Energienutzung. „Und zwar sind das im Gebäude- und Gasbereich die Thermostat-Einstellungen, gerade im Winter natürlich. Aber auch die effizientere Nutzung von Elektrizität im Haushalt. Das kann zumindest 20 bis 30 Prozent der Gasimporte relativ einfach ersetzen", sagte Creutzig im Dlf.
Einsparpotenzial sieht der Wissenschaftler auch beim Mineralölverbrauch: "Indem wir energieeffizienter unsere Mobilität umsetzen." Als Beispiele nannte er E-Mobilität, aber auch den Ausbau von Fahrradwegen, autofreie Sonntage, Tempolimits oder auch den Verzicht auf Kurzstreckenflüge. "Maßnahmen, die relativ einfach umsetzbar sind", so Creutzig. Damit ließen sich bis zu 60 Prozent des aktuellen Bedarfs an russischem Erdöl reduzieren.
Darüber hinaus sprach sich Creutzig für den Verzicht auf Fleisch aus und plädierte dafür, sich häufiger vegetarisch oder vegan zu ernähren. Fleisch sollte zudem teurer werden, sein Preis die CO2-Emissionen, die zu seiner Produktion nötig sind abbilden - etwa durch eine "Stickstoff-Einsatz-Überschuss-Steuer".

Das Interview in voller Länge:

Sandra Pfister: Es ist jetzt 80 Jahre her, wirklich fast genau 80 Jahre bis auf einen Monat. Da steckte die Welt auch in einem Krieg. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt bat damals die Amerikaner im Radio eindringlich, abends das Licht auszumachen, auf der Straße langsamer zu fahren und deutlich weniger Fleisch zu essen. Sparen gegen Hitler. Ich war eigentlich mit Professor Felix Creutzig vom MCC verabredet, dem Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, zu einer ganz anderen Frage, nämlich zu der, ob wir angesichts unseres neuen Runs auf fossile Brennstoffe nicht langsam intensiver darüber reden müssen, CO2 aus der Luft zu filtern. Aber vorher war ihm noch mal ganz wichtig zu sagen: Wir haben schon einiges in der Hand, um uns unabhängiger zu machen von russischer Energie.
Felix Creutzig: Wir können von den Importen zum Großteil, aber nicht komplett unabhängig werden, und zwar sind das im Gebäude- und Gasbereich die Thermostat-Einstellungen, gerade im Winter natürlich, aber auch die effizientere Nutzung von Elektrizität im Haushalt. Das kann zumindest 20 bis 30 Prozent der Gasimporte relativ einfach ersetzen. Wir können gerade im Mineralölbereich, wo ja die ganzen Devisen an Russland gehen, am meisten einsparen, sicherlich 60 Prozent, indem wir energieeffizienter unsere Mobilität umsetzen, von Fahrradwegen, autofreie Sonntage, aber auch Verzicht auf Kurzstreckenflüge – Maßnahmen, die relativ einfach umsetzbar sind. Da können wir sehr schnell ungefähr 50, 60 Prozent unserer Abhängigkeit von russischen fossilen Treibstoffen reduzieren.

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Pfister: Da haben Sie noch nicht das große politische Rad gedreht, sondern das ist im Grunde genommen der Appell an jeden einzelnen von uns, sich an seine eigene Nase zu packen.

Thermostat runterdrehen und autofreie Sonntage

Creutzig: Nein, so würde ich das nicht sehen. Zum Beispiel die italienische Regierung hat ja auch als politische Maßnahme umgesetzt, dass der Thermostat runterreguliert wird, und genauso sind Maßnahmen wie autofreier Sonntag ja auch politische Maßnahmen. Das heißt, als Appell ans Individuum würde ich das auf jeden Fall nicht sehen.
Pfister: Was genau hat die italienische Regierung da gemacht?
Creutzig: Die italienische Regierung – das weiß ich jetzt nicht ganz genau, aber es ist auf jeden Fall gesetzlich vorgeschrieben, dass die Raumtemperatur runterreguliert wird. Ich weiß nicht genau, wie das genau überprüft wird, oder überhaupt überprüfbar ist, aber es hat auf jeden Fall eine Wirkung.

"Effizienter mobil unterwegs sein, spart Strom"

Pfister: Beim Heizen würden Sie vor allem ansetzen? Danach hört es sich an?
Creutzig: Genau! Beim Heizen können wir ein, zwei Grad runterregeln. Das würde schon viel bringen, gerade in der aktuellen Lage. Tatsächlich ist der Transportbereich aber derjenige, wo wir sogar noch mehr einsparen können. Das ganze Öl, das brauchen wir wirklich nicht. Da gibt es relativ viele Optionen, wie wir effizienter unsere Mobilität erledigen können.
Pfister: Durch E-Mobilität?
Creutzig: E-Mobilität ist das, was wir auf jeden Fall brauchen in Perspektive 2030/2040, und das kommt ja auch erfreulicherweise. Was wir jetzt machen können ist, die Corona-Maßnahmen von Homeoffice weiterführen, dass wir autofreie Sonntage haben, dass wir ein Tempolimit einführen, dass wir Popup-Bicycle-Fahrradwege weiter ausbauen. Das sind alles Möglichkeiten, die wir jetzt ziehen können und die auch wirksam sind und unsere Ölabhängigkeit reduzieren.

"Müssen Emissionen schnell senken"

Pfister: Eine leicht umsetzbare, schnell umsetzbare Maßnahme wäre das Tempolimit. – Ich wollte mit Ihnen noch mal auf die CO2-Speicherung als Option kommen, die am Horizont erscheint – nicht als Ausrede, wohlgemerkt.
Creutzig: Das Problem ist, dass wir in jedem Fall unsere Emissionen ziemlich schnell senken müssen und dass die negativen Emissionen sowieso nur eine Möglichkeit ist, hinterher noch ein bisschen zusätzlich rauszukriegen, aber dass uns das nicht von der Verantwortung loslässt, jetzt alles zu machen und jetzt die Emissionen zu senken. Deswegen ist das derzeitige Emissions-Steigerungsprogramm durch zusätzliche Importe mit nichts mehr kompatibel. Und dann darauf zu setzen, dass das durch negative Emissionen kompensiert wird, das funktioniert nicht.
Pfister: Halten wir das schon mal fest: Wir dürfen uns da nicht auf die falsche Schiene bringen lassen. Negative Emissionen sind quasi unser Rettungsanker und die können wir in jedem Fall ausspielen, so hätten Sie das bitte gerne nicht gesehen?
Creutzig: Nee, genau so! Solch eine Aussage stimmt nicht. Das ist ein zusätzliches Instrument, um in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Lage noch ein bisschen zu verbessern.

Filter, die CO2 absorbieren

Pfister: Zweite Hälfte des Jahrhunderts – da sind wir schon bei einem kleinen Fingerzeig. Wovon wir reden ist, dass wir mit Hilfe von Technik irgendwelcher Art CO2 aus der Luft filtern könnten. Wie könnte das aussehen?
Creutzig: Das sind im Wesentlichen große Filter, fliegenfallenähnliche Geräte, wo Luft angesaugt wird, CO2 absorbiert wird und dann abgetrennt wird und am Ende unter der Erde verbuddelt wird in große Lager. Das ist eine Technologie, die funktioniert. Die ist auch sicher. Die kann auch überall auf der Welt eingesetzt werden. Das zentrale Problem, was wir derzeit haben, dass es in sehr großem Maßstab eingesetzt werden müsste und dass es auch sehr, sehr teuer ist.
Pfister: Auch energetisch teuer, oder?
Creutzig: Genau. Ein zentraler Punkt ist, dass die Energiekosten von, im Englischen sagt man, Direct Air Capture relativ hoch sind, und interessanterweise ist heute gerade ein Artikel in „Science“ rausgekommen, der nachweist, dass durch eine bestimmte Technik diese Energiekosten und damit auch die finanziellen Kosten beträchtlich gesenkt werden können.
Pfister: Solange wir zur Herstellung dieser Energie Kohle oder Öl brauchen, oder Erdgas verstromen müssen, hört sich diese Technik für mich erst mal wie Nonsens an. Können wir damit schon anfangen, solange nicht die komplette Gesellschaft auf erneuerbare Energien umgestellt ist?
Creutzig: Wir sollten jetzt auf jeden Fall anfangen, weil das ja auch eine forschungsintensive Technologie ist. Wenn wir jetzt ausprobieren, dann wissen wir, dass in 20, 30 Jahren das tatsächlich dann auch richtig funktioniert und auch kostengünstiger ist. Das heißt, die Frage ist nicht, fangen wir jetzt damit an oder nicht, sondern wir müssen jetzt damit anfangen, damit es in 20 bis 30 Jahren funktioniert. Und es lohnt sich, jetzt damit anzufangen, weil wir dadurch lernen, wie es auch günstiger wird und noch besser funktioniert.

Verzicht auf Fleischkonsum kann Naturschutz unterstützen

Pfister: Ein Punkt, der immer wieder genannt wird, ist Aufforstung, weil Aufforstung auch nicht mit großer Technik verbunden ist und weil das auch nicht viel Energie erfordert. Wo ist Ihr K-Wert, Ihre Einschränkung, wenn es um Aufforstung geht?
Creutzig: Das Allerwichtigste bei der Aufforstung ist zu bedenken, dass wir nicht nur eine Klimakrise haben, sondern auch ein menschengemachtes Artensterben, was durch dramatische Kipppunkte auch auf uns fallen wird. Das bedeutet nichts anderes, dass wir tatsächlich Mischwälder aufforsten sollten und nicht Monokulturen, weil die haben geringere CO2-Absorbationen pro Jahr, sind aber langfristig stabiler und der Biodiversität zuträglicher.
Pfister: Auf jeden Fall Mischkulturen. – Wie ist es mit der Fläche, weil da konkurrieren ja ganz viele Industrien, Landwirtschaft, Waldbefürworter jetzt um Fläche? Was ist da der beste Einsatz von Fläche, klimaschutztechnisch?
Creutzig: Genau. Wir brauchen die Fläche. Wir brauchen die für Aufforstung. Wir brauchen die vor allen Dingen auch für Nahrungsmittelproduktion und wir brauchen sie für andere Naturschutzgebiete. Da wo es möglich ist, global Fläche einzusparen, das ist Tierfutter. Große Teile der landwirtschaftlichen Fläche der Welt geht auf Tierfutter zurück. Das heißt, wir haben einen sehr, sehr großen Landfußabdruck von Fleischprodukten, besonders von Rind- und Milchfleischprodukten, und hier gibt es die Möglichkeit, einfach zu sagen, wir können vielleicht unseren Fleischkonsum um ein Drittel senken – nicht durch Verbote, sondern durch Anreize, dass es möglich ist, sehr viel einfacher gutes, pflanzenbasiertes Nahrungsmittel zu essen. Das bedeutet, dass wir tatsächlich ein Großteil der landwirtschaftlichen Fläche einsparen und das zum Beispiel für Nahrungsmittel verwenden und für etwa Naturschutz, Aufforstung und ähnliche Maßnahmen.

Stickstoff-Steuer auf Fleisch erheben

Pfister: Wie könnte da die politische Lenkungswirkung aussehen? Indem man Fleisch teurer macht, was es ja jetzt automatisch wird?
Creutzig: Fleisch wird gerade noch nicht teurer. Das müsste passieren, indem zum Beispiel eine Stickstoff-Einsatz-Überschuss-Steuer eingeführt wird, der Stickstoff für Nahrungsmittelproduktion und vor allen Dingen für Tierfutterproduktion. Da sind die CO2-Emissionen drin und da würde gleichzeitig übermäßiger Düngereinsatz reguliert als auch die CO2-Emissionen oder die CO2-Äquivalent-Emissionen, die in die Fleischproduktion reingehen. Das wäre eine sinnvolle Maßnahme, hier in eine zielgerechte Steuerung reinzugehen.
Die andere Maßnahme ist auf der Konsumentenseite und da wissen wir, dass ein gewisser Effekt ansteht, wenn man auf eine Speisekarte guckt. Das erste Gericht, was man sieht, da denkt man sofort dran. Deswegen ist es ein gutes Mittel, einfach die Speisekarte so zu gestalten, dass die pflanzenbasierten Gerichte zuerst erwähnt werden. Das bedeutet, dass systematisch dann eher auch die pflanzenbasierten veganen Gerichte, die hoffentlich auch sehr lecker sein sollten – und die gibt es ja auch -, gewählt werden.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.