Freitag, 02. Dezember 2022

Unempfindliche Erreger
Antibiotikaresistenzen zwischen Stall und Klinik

Der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Ausnahme: die Geflügelhaltung. Nach wie vor entstehen im Stall resistente Erreger. Ob die zum medizinischen Problem werden, hängt auch von den Bakterien ab.

Von Volkart Wildermuth | 17.11.2022

Massentierhaltung in einer Putenfarm in Nordhessen, Deutschland. Unzählige Puten auf engstem Raum quetschen sich hinter einen Zaun und schauen in die selbe Richtung.
Gerade die Massentierhaltung von Geflügel kann zur Ausbildung von Antibiotikaresistenzen bei Bakterien führen. (imago / blickwinkel)
Schon seit 2008 versucht die Deutsche Antibiotika Resistenzstrategie die Anwendung von Antibiotika auf das wirklich notwendige Maß zu begrenzen. In der Medizin führte das kaum zu Reduktionen, auch weil die Gesellschaft älter und damit anfälliger für Infektionen wird.

Dagegen gibt es gute Nachrichten aus dem Stall, so Bernd-Alois Tenhagen vom Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR: „Wir haben in Deutschland die Situation, dass wir seit 2011, als wir diese Werte das erste Mal erhoben haben, wie viel eigentlich verbraucht wird, eine Reduktion von 65 % der Menge der Antibiotika in der Tierhaltung haben.“

Laut dem Europäische JIACRA-Report werden inzwischen weniger Antibiotika in der Landwirtschaft als in der Klinik eingesetzt. Das liegt unter andrem daran, dass die Betriebe mit dem höchsten Verbrauch an Antibiotika Maßnahmenpläne zu deren Reduktion vorlegen müssen.

Problemzone: Geflügelhaltung

Gerade bei Schweinen hat die Strategie gegriffen. Allerdings: „Nicht ganz so erfolgreich sind wir beim Geflügel. Beim Hähnchen haben wir eigentlich kaum größere Fortschritte erzielt.“

Das liegt wahrscheinlich mit an der Massentierhaltung. Wenn einige Hähnchen erkranken wird der ganze Bestand mit Antibiotika behandelt, damit sich die Infektion nicht ausbreitet. So entstehen Resistenzen im Stall, die dann auch den Supermarkt erreichen, wie Stichproben belegen.

Annemarie Käsbohrer leitet am BfR das Nationale Referenzlabor für Antibiotikaresistenz:
„Wir sehen natürlich, dass wir häufiger eine Verschleppung von resistenten Bakterien im Bereich Geflügel sehen im Vergleich zu, wir sagen dazu Rotfleisch, Rind und Schwein. Das liegt ganz häufig auch am Schlachtprozess, dass einfach wir bestimmte Maßnahmen weniger gut einsetzen können.“

Es kommt auf die Art der Bakterien an

Auf rund 40 Prozent des Hähnchenfleischs aus dem Supermarkt lassen sich Escherichia coli nachweisen, die gegen Penicilline und ähnliche Antibiotika resistent sind. Daten aus Europa zeigen klar: wo viele Antibiotika im Stall eingesetzt werden, finden sich auch viele resistente Kolibakterien auf den Tieren.

Aber erstaunlicherweise führt das nicht zu einer höheren Resistenzrate dieser Bakterien im Menschen, so Bernd-Alois Tenhagen: „Also wir sehen da leichte Unterschiede zwischen den verschiedenen Substanzklassen, aber im Wesentlichen ist diese Beziehung relativ schwach ausgeprägt.“

Das liegt vielleicht daran, dass E. coli ein normaler Darmbewohner des Menschen ist, der Einfluss der Landwirtschaft wird da sozusagen verdünnt. Bei der in Europa häufigsten Ursache bakterieller Durchfälle, Camphylobacter jejuni, ist das anders, so Bernd-Alois Tenhagen. Dieser Erreger stammt in den allermeisten Fällen aus dem Stall und bringt eventuelle Resistenzen von dort in die Klinik mit: „Da gibt es ganz klar die Beziehungen dann in den Ländern, wo wir eine hohe Resistenzrate bei den Tieren sehen, das ist dann vorwiegend beim Geflügel, dass wir auch entsprechend hohe Resistenzraten beim Menschen sehen.“

Überraschende Infektionsketten

Über Genanalysen an den Bakterien lässt sich ein genaueres Bild der Infektionsketten zeichnen. In Berlin hat Guido Correia Carreira, ebenfalls vom BfR, Daten aus den Niederlanden vorgestellt. Danach gehen nur knapp 20 Prozent der Infektionen mit resistenten E. coli direkt auf Lebensmittel zurück, vor allem auf Fisch und Hühnchen, weitere acht Prozent auf Haustiere. Beim Großteil der Erkrankungen, bei 60 Prozent, ist ein anderer Mensch die Infektionsquelle.

Das klingt, als ob Tiere hier kaum eine Rolle spielen. Allerdings enden Infektionsketten unter Menschen schnell, eigentlich sollten die Erreger also nach und nach verschwinden, aber das tun sie nicht, so Guido Correia Carreira: „Das hieße also für diese resistenten Keime, dass nicht nur der Mensch allein das Maß sein muss. Sondern es scheint so, dass auch noch andere Quellen eben resistente Keime eintragen. Und da ist entweder Lebensmittel, Tiere als mögliche Eintragsquelle, die dann eben überhaupt das Ganze erklären können, warum wir so viel bei Menschen haben.“

Tierarzneimittelgesetz soll angepasst werden

Über den Stall werden also immer wieder aufs Neue resistente Erreger in die Gesellschaft eingespeist. Zusätzlich können Resistenzen auch zwischen Bakterienarten ausgetauscht werden, denn sie sind nicht immer fest in deren Erbgut verankert. Annemarie Käsbohrer: „Diese Mobilität von Resistenzmechanismen ist bedeutend, weil nicht unbedingt der Keim, auf dem dieses mobile Element, ich sage mal zum Beispiel in der Umwelt oder beim Nutztier ist, das genau der gleiche Keim den Menschen krank machen muss.“

Eigentlich harmlose Bakterien können Resistenzen an für den Menschen gefährliche Erreger weitergeben. Das spielt offenbar bei der Resistenz gegen das Reserveantibiotikum Colistin eine Rolle.

Es gibt einen Resistenzwettlauf zwischen Human- und Veterinärmedizin und den Bakterien. Deshalb muss der Antibiotikaeinsatz weiter optimiert werden, im Krankenhaus und eben auch im Stall. In den nächsten Wochen wir es eine Anpassung des Tierarzneimittelgesetzes geben, die erstmals Milchkühe und Legehennen miteinbezieht und einen besonderen Fokus auf Reserveantibiotika wie Colistin, Fluorchinolone und moderne Cephalosporine legt.