Freitag, 12. April 2024

Vertrieb des Magazins "Compact"
"Das ist wie ein kleines Propagandaposter"

Aus dem Bahnhofshandel dürfte die rechtsextreme Zeitschrift "Compact" weitgehend verschwinden, nachdem einige Händler Verkaufsstopp angekündigt haben. Für das Magazin ein harter Schlag, denn gerade an den Kiosken dort hat es große Wirkung entfaltet.

Von Michael Borgers | 15.02.2024
Bei Protesten 2017 halten Demonstranten Plakate in die Höhe, die Titelbilder des Magazins "Compact" mit Kritik an Angela Merkel zeigen.
"Provokativ", "bunt", "krasse Schlagzeilen" - das zeichnet laut Soziologe Felix Schilk die Titel des Magazins "Compact" aus, die so auf Demos wirken - genau wie im Handel (picture alliance / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / dpa / Hendrik Schmidt)
Die Antwort von Jürgen Elsässer ließ nicht lange auf sich warten. "‘Correctiv‘ will Compact vernichten", erklärt der Chefredakteur und Gründer von "Compact" zu Beginn eines knapp halbstündigen Videos. Die Recherche-Plattform "Correctiv" hatte als Erstes darüber berichtet, dass das Handelsunternehmen Valora "Compact" aus den Regalen nehmen will. Eine Entscheidung, die Elsässer so einordnet: "Es geht um unsere Präsenz an den Kiosken in Deutschland. Darauf haben es die Antifa-Hetzer abgesehen."
Und seine Ehefrau, Stephanie Elsässer, ergänzt sogleich: "Ich hab mal geschaut, wann der ganz große Hammer fiel. Der fiel ja genau am 10. Dezember 2021, als Haldenwang das 'Compact'-Magazin als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hat."
Gemeint ist Thomas Haldenwang, Präsident des Verfassungsschutzes. Und in der Tat ist es bereits mehr als zwei Jahre her, dass der oberste Verfassungsschützer diese Einstufung vorgenommen hat. Allerdings: eine, die lange Zeit ohne wirkliche Folgen geblieben ist, zumindest, was den Verkauf von "Compact" anbelangt.
So stand beispielsweise Ende 2022, gut ein Jahr nach der Entscheidung des Verfassungsschutzes, die Handelskette Kaufland zum wiederholten Mal in der Kritik, das Magazin online zu verbreiten. Umso wichtiger schätzt Felix Schilk nun den von Valora und anderen Bahnhofsbuchhändlern verhängten Verkaufsstopp ein. "Ich glaub, das stößt eine Debatte an, die längst überfällig ist. Und da kann man so ein bisschen ausholen, indem man sich fragt, was ist eigentlich 'Compact'?"

"Ein sehr opportunistisches Medium"

Der Soziologe hat sich Mitte der 2010er-Jahre wissenschaftlich mit „Compact“ beschäftigt. Und bereits damals kam er zu dem Ergebnis: Das Magazin richtet sich seit seiner Gründung an ein rechtsextremes Spektrum. "Wenn man sich die Inhalte anguckt, dann findet man genug Belege von Geschichtsrevisionismus, krassen Antisemitismus bis hin zu rassistischen und muslimfeindlichen Äußerungen, flüchtlingsfeindlich auf jeden Fall auch."
Allerdings sei "Compact" auch inhaltlich sehr flexibel, so Schilk, der aktuell in Tübingen im Forschungsprojekt REDACT zu Handlungsoptionen gegen Verschwörungserzählungen und Desinformation in Europa forscht. "Und wenn man sich 'Compact' anguckt: Das ist vor allem ein sehr opportunistisches Medium, viel stärker als andere stärker ideologiegetriebene Medien. Das heißt, 'Compact' springt immer wieder auf Debatten auf und versucht, die zuzuspitzen, um zu instrumentalisieren. Eben egal zu welchem Thema – das ist so ein bisschen das Geschäftsmodell."

Sonderheft mit und über Martin Sellner

Und aktuell ist das eben die Debatte rund um die "Correctiv"-Recherche zu einem neurechten Geheimtreffen in Potsdam. Zu der passe dann eben auch eine Art Opfererzählung, die "Compact" seit Beginn an immer wieder verwende:
"Dass man immer Vorwürfe abstreitet, versucht, den Gegner anzugreifen oder den, der die Kritik formuliert, deren Reputation anzugreifen. Dass man sich immer wieder als Opfer von Kampagnen hinstellt, dass man dann versucht, irgendwelche fadenscheinigen Gründe zu finden. Dass die, die den Vorwurf erheben, unseriös sind, und weshalb sie von der Regierung finanziert werden, weshalb sie Teil einer großen Verschwörung sind."
Im Fall der "Correctiv"-Recherche lässt "Compact" dann etwa ausführlich, online wie gedruckt, einen der Protagonisten des Treffens, den rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner zu Wort kommen: "Wenn Ihr denn wissen wollt, wenn Ihr lesen wollt, was genau in Potsdam gesagt wurde, Wort für Wort, dann könnt Ihr zum ersten Mal abgedruckt im 'Compact'-Sonderheft das nachlesen." Ein Sonderheft, das bald auch in Kiosken oder in Supermärkten ausliegen kann.

Pressegroßhandel verweist auf neutralen Versorgungsauftrag

Kaufland erklärt auf Anfrage, man schließe auf dem eigenen Online-Marktplatz inzwischen den Verkauf von "Propagandamaterial und Material mit Kennzeichen verbotener und verfassungswidriger Organisationen" aus. Im stationären Handel erfolge der Vertrieb der Printmedien bundesweit über Pressegroßhändler, so Kaufland.
Und hier ist "Compact" Teil des Angebots, wie gerade der Gesamtverband Pressegroßhandel gegenüber dem Onlinemagazin Übermedien erklärte. "Es liegen keine Informationen vor, wonach einzelne Ausgabe des Magazins 'Compact' oder das Magazin als solches auf dem Index stehen oder durch die zuständigen Behörden verboten wurden", so Geschäftsführer Kai Albrecht in einer schriftlichen Stellungnahme – und verweist auf die Pressefreiheit und den daraus folgenden neutralen Versorgungsauftrag des Pressegroßhandels.

Wirkung auch dann, wenn "Compact" nicht gekauft wird

Auch wenn für „Compact“ das Internet immer wichtiger geworden sei im Laufe der Jahre und die meisten Hefte über Abos verkauft würden – der Vertrieb von Heften an Bahnhöfen oder in Supermärkten bleibe wichtig, betont Felix Schilk. "Wenn die irgendwo stehen in ganz, ganz vielen Supermärkten und Bahnhofskiosken, 'Compact' ist so gestaltet, dass die sehr sprechende Cover haben, das heißt, die springen einen an, die sind provokativ, die sind bunt, die haben krasse Schlagzeilen. Und das ist natürlich darauf angelegt, dass die im Buchhandel sofort Leute ansprechen und gegebenenfalls noch mal Stimmungen anfachen und dazu beitragen oder Leute neugierig machen, da mal reinzugucken."
Und genau so entfalte "Compact" Wirkung, auch wenn es nicht gekauft werde. "Das ist quasi wie ein kleines Propagandaposter, das irgendwo hängt. Wenn das jetzt in der ersten Reihe steht, dann wirkt das." Ein Effekt, der nicht zu unterschätzen sei.