Dienstag, 28. Juni 2022

Insektensterben
Dave Goulson: Warum wir die Insekten retten müssen

Ein Insektensterben in apokalyptischem Ausmaß beweisen Studien, an denen der britische Biologe Dave Goulson beteiligt war. Dabei läuft ohne Insekten nichts in der Natur, wie Goulson in seinem neuen Buch „Stumme Erde“ darlegt.

Von Brigitte Neumann | 21.03.2022

Ein Bombardierkäfer
Ein Bombardierkäfer (imago stock&people)
Dave Goulson ist ein charismatischer Entomologe, der es sogar vermag, eingefleischte Insektenfeinde in Insektenfreunde zu verwandeln. Er tut das, weil er es für dringend nötig hält, dass wir unseren Blick auf Asseln, Wespen und Ameisen – um ein paar weitgehend unbeliebte Arten zu nennen – grundlegend verändern. Betrachten wir sie mit Sympathie, denn: „Wir müssen die Insekten retten“, wie der Untertitel von Goulsons neuem Buch heißt, wenn wir weiter gut leben wollen.

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Wir könnten schon mal im eigenen Garten anfangen, wie der britische Insektenforscher zuletzt in seinem gut gelaunten Buch „Wildlife Gardening“ ausführte. Aber das rettet die Insekten nicht, schreibt er aktuell in „Stumme Erde“. Die giftfreien Habitate seien zu weit voneinander entfernt. Hier ein Garten, dort ein Biobauer, ein kleines Naturschutzgebiet und zwischendrin betonversiegelte Stadtlandschaften sowie Äcker, auf die im Durchschnitt 16 mal pro Vegetationsphase Pestizid ausgebracht würde, umgerechnet ein halbes Kilo pro Hektar.
Dave Goulson beschreibt in seinem Buch den Aufstieg und Niedergang der Insekten: "Stumme Erde. Warum wir die Insekten retten müssen"
Dave Goulson beschreibt in seinem Buch den Aufstieg und Niedergang der Insekten: "Stumme Erde. Warum wir die Insekten retten müssen" (Foto: © Dave Goulson/Hanser, Buchcover: Carl Hanser Verlag)

Ohne Insekten läuft nichts

Seit 1970 sei die Biomasse der Insekten um 75 Prozent zurückgegangen, schreibt Goulson und führt aus, wieso uns das beunruhigen sollte:
„Das Wohl der gesamten Menschheit ist bedroht, weil die Insekten unsere Nutzpflanzen bestäuben, Dung, Laub und Leichen kompostieren, den Boden gesund erhalten, Schädlinge in Schach halten und vieles, vieles mehr. Zahllose größere Tiere wie etwa Vögel, Fische und Frösche ernähren sich von Insekten. Wildblumen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Wenn es immer weniger Insekten gibt, gerät auf der Welt alles ins Stocken, denn ohne Insekten funktioniert einfach nichts.“
In immer mehr Regionen der Welt bleiben die Bestäuber aus. In Teilen Südwestchinas, Bengalens, Brasiliens würden Obstbäume inzwischen von Hand bestäubt, berichtet Dave Goulson. 87 Prozent aller Pflanzenarten seien auf Bestäubung angewiesen. Ohne Bestäuber sterben sie aus. Goulson bezeichnet dies als Katastrophe, denn als Folge würde die Nahrungspyramide zusammenbrechen. Deren Basis sind Pflanzen. Zwar würde die Menschheit nicht gleich verhungern, versichert der Insektenkundler, wir hätten dann eben nur noch die windbestäubten Getreidearten als Grundnahrungsmittel: Weizen, Hafer, Reis, Mais.

Insekten lieben lernen

Aber eigentlich will Goulson gar keine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen, nach dem Motto: „Was bringen uns Insekten?“ Das seien für ihn bloß Zahlen, die er „Politikern um die Ohren hauen“ könne, wie er schreibt. Er will seine Leser in Erstaunen versetzen, sie sollen sich von der Schönheit und den teils bizarren Rollen, die die Evolution einigen Insekten zugeteilt hat, verblüffen lassen. So beginne die Liebe zur Natur. Deshalb habe er dieses Buch geschrieben, heißt es im Vorwort von „Stumme Erde“.
Jedem der fünf Kapitel über das Insektensterben, seine Ursachen und Folgen, stellt Dave Goulson deshalb das Portrait einer außergewöhnlichen Insektenart voran. So macht Teil zwei mit einer kurzen Sequenz über den harmlos aussehenden, auch hierzulande häufigen Bombardierkäfer auf, der eine ausgefeilte Verteidigungstechnik hat.
„(An seinem) Hinterleibsende befindet sich ein Reservoir aus Wasserstoffperoxid und Hydrochinon. Im Fall eines Angriffs entlässt der Käfer diese Substanzen in eine dickwandige Explosionskammer. Dort kommt es mithilfe von Katalysatoren zu einer heftigen chemischen Reaktion, wodurch mit einem Knall ein etwa 100 Grad heißes, ätzendes Gasgemisch auf den Angreifer zuschießt. (…) Ich habe mir einmal die Fingerkuppen verbrannt, als ich versehentlich nach einem dieser Käfer griff.“
Die vorangegangenen Bücher von Dave Goulson enthielten fast ausschließlich kleine, sogar poetisch verfasste Geschichten über das Zusammenleben von Insekten und Menschen. In „Stumme Erde“ sind sie rar. Wer von ihm die Liebe zu Insekten lernen will, sollte deshalb erst alle seine anderen Bücher lesen und dann das aktuelle. Denn „Stumme Erde“ handelt vom möglichen Ende der Welt, wie wir sie kennen.
Nirgendwo sonst erhält man derart kompakte Informationen über die Zusammenhänge zwischen Agrochemie, Landwirtschaft und Wissenschaft. Goulson beziffert den Verlust fruchtbaren Bodens pro Jahr durch Überdüngung, Verdichtung, Klimawandel. Er beziffert den Verlust an Wildblumen, deren Existenz für Insekten lebenswichtig ist. Er beziffert die Verluste durch zunehmende Ernteausfälle, weil Bestäuber fehlen. Er macht klar, dass es dringend ist. Und wendet sich im letzten Kapitel „Was wir alle tun können“ an die, die ihr Verhalten verändern müssten: an Konsumenten, Lehrer, Gärtner, Politiker und mit diesen Worten an Landwirte:  
„Machen Sie sich bewusst, dass es ein Problem gibt. Arbeiten Sie gemeinsam mit staatlichen Institutionen, Umweltschutzorganisationen und Endverbrauchern an dessen Lösung. Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Wie in vielen anderen Lebensbereichen wird es im 21. Jahrhundert auch in der Landwirtschaft einen massiven Wandel geben müssen. Ein ‚Weiter-so‘ ist keine Option.“

Auf allen Kanälen: Krieg

Das klingt nicht nur wie eine Schelte. Das ist eine. Dave Goulsons flehentlich-wütendes Plädoyer für die Rettung der Insekten wird bei Erscheinen in Deutschland übertönt vom Krieg Russlands, in dessen Folge die Preise für Dünger, Sprit, Weizen und Mais weiter ansteigen. In Afrika droht eine Hungersnot und Deutsche Bauernverbände (aber nicht nur sie) glauben, es sei nun „nicht die richtige Zeit für Bienen-Biotope“, wie die FAZ (am 8.3.) in ihrem Wirtschaftsteil titelte. Jetzt soll offenbar aus der Erde rausgeholt werden, was noch geht. „Stumme Erde“ von Dave Goulson ist ein wichtiges Buch, denn es zeigt sehr eindringlich, dass die Rettung der Insekten ein Fundamentalanliegen der Landwirtschaft und von uns allen sein muss, das nicht mehr auf später verschoben werden kann. 
Dave Goulson: „Stumme Erde. Warum wir die Insekten retten müssen“, übersetzt aus dem Englischen von Sabine Hübner, Hanser Verlag, 368 Seiten, 25 Euro.