Freitag, 09. Dezember 2022

Geschichte neu schreiben
David Graebers Vermächtnis über Herrschaft und Eigentum

Der Archäologe David Wengrow und der Anthropologe David Graeber sind der Auffassung, dass die Geschichtswissenschaft die falschen Schlüsse aus vielen Zeugnissen der Vergangenheit zieht. Mit ihrem Buch „Anfänge“ wollen sie damit beginnen, „eine neue Geschichte der Menschheit“ zu schreiben.

Von Nikolaus Nützel | 14.03.2022

David Wengrow (links) und David Graeber (rechts) haben eine "Neue Geschichte der Menschheit“ geschrieben.
David Wengrow (links) und David Graeber (rechts) haben eine "Neue Geschichte der Menschheit“ geschrieben. (Foto: Kalpesh Lathigra, Buchcover: Klett-Cotta Verlag)
Vorgeschichte ist sexy, man muss sie sich nur genau anschauen, davon ist David Wengrow fest überzeugt. Er lehrt Archäologie an der Universität London, und er erinnert sich gut daran, wie er vor mehr als zehn Jahren mit dem Anthropologen David Graeber darüber sprach, dass neue Ausgrabungen alte Gewissheiten in Frage gestellt haben. Etwa Ausgrabungen, die zeigen, dass es in frühen Städten lange Perioden gab, in denen sich die Einwohner ohne Könige oder Herrscher-Priester organisierten. Im Buch liest sich das so:
„Viele in den vergangenen vierzig oder fünfzig Jahren gewonnene Erkenntnisse haben die herkömmliche Sichtweise erschüttert. Heute wissen wir, dass es in manchen Gebieten Städte gab, die sich jahrhundertelang selbst verwalteten, ohne das geringste Anzeichen für Tempel und Paläste, die erst viel später gebaut wurden. In vielen frühen Städten findet sich schlicht keinerlei Hinweis auf eine Administration oder eine herrschende Schicht.“
Graeber, der 2020 kurz nach Fertigstellung des gemeinsamen Buch-Manuskripts im Alter von 59 Jahren starb, hatte als Dozent für Anthropologie an der amerikanischen Elite-Universität Yale und an der London School of Economics sicherlich tiefen Einblick in wissenschaftliche Debatten auf verschiedenen Feldern. 2011 hat er mit einem umfangreichen Rückblick auf 5.000 Jahre Geschichte des Schuldenmachens und Kreditgebens für Aufsehen gesorgt.  Aber Wengrow erinnert sich, dass Berichte über selbstorgansierte Städte, die ihm als Archäologen durchaus geläufig waren, den Anthropologen Graeber verblüffte Fragen stellen ließen. „Ernsthaft? 100 Jahre städtischen Lebens ohne einen König? Warum wusste ich das nicht?“, habe Graeber gestaunt.

Es geht auch ohne Herrscher

Es sei furchtbar wichtig, die Menschen darüber aufzuklären, dass Geschichte seit Jahrhunderten aus einer verzerrten Perspektive geschrieben werde – das haben sich Graeber und Wengrow zum gemeinsamen Anliegen gemacht. Mit einer geradezu überbordenden Detailfülle erzählen sie quer durch die Jahrhunderte und Jahrtausende und über alle Kontinente hinweg, wie Menschen ihr Zusammenleben, ihr Wirtschaften, ihre Regierungen organisierten. Oft stellen die Autoren das, was in der Geschichtswissenschaft als gesichert gilt, erst einmal in Frage. Denn ihrer Ansicht nach begehen auch Verfasser historischer Bestseller wie Jared Diamond oder Noah Yuval Harari einen Grundfehler: Sie beschrieben Entwicklungen früherer Jahrtausende so, als ob sie notwendigerweise dort enden mussten, wo wir heute stehen, sagt David Wengrow. Doch wenn man sich von diesem Gedanken verabschiedet, könne man zu neuen, faszinierenden Einschätzungen kommen, die bisherige Denkweisen über den Haufen werfen.
Es kann überraschen, dass Graeber und Wengrow zunächst einen Blick auf die Barockzeit werfen, um einen andere Einschätzung über die Anfänge der Menschheitsgeschichte zu entwickeln. Aber viele Fehleinschätzungen gehen ihrer Ansicht nach immer noch auf die Gedankenwelt des Franzosen Jean-Jacques Rousseau zurück. Wie man von Graeber und Wengrow erfährt, komponierte Rousseau Opern, bevor er seine „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ veröffentlichte, die bis heute als epochemachendes Werk der Geschichtsphilosophie gilt. Darin entwickelte Rousseau unter anderem die Vorstellung, irgendwann einmal habe jemand über ein Stück Land gesagt, es sei sein Privateigentum. Und damit sei eine Art Sündenfall der Weltgeschichte geschehen.

Irreführende Theorie des Eigentums

Doch diese von Rousseau selbst nur als Gedankenspiel gemeinte Vorstellung, dass die Idee vom Privateigentum mal irgendwo entstanden sei, und sich dann sozusagen wie ein Virus über die gesamte Welt verbreitete, sei nicht nur naiv, sondern auch fatal irreführend, finden Graeber und Wengrow - denn dahinter stehe eine falsche Frage an die Geschichte:
„Die angemessene Frage lautet also eher nicht, wann das Privateigentum entstand, sondern wie es dazu kam, dass es bei so vielen anderen menschlichen Angelegenheiten zum Ordnungsprinzip wurde.“
Um zu erklären, wie die Menschheit dahin gekommen ist, wo sie heute steht, springen Graeber und Wengrow von der Barockzeit und den Gedanken Rousseaus zehntausende und hunderttausende Jahre zurück, in Zeiten, aus denen etwa Knochenflöten und Tonfiguren etwas über menschliches Zusammenleben erzählen, das ganz anders war als heutige Gesellschaften. Die Autoren belegen, dass auf allen Kontinenten Menschen immer wieder neue Formen des Wirtschaftens und der sozialen Organisation ausprobiert haben. Sie hüten sich dabei davor, etwa das Leben in Südamerika vor 3.000 Jahren oder in Asien vor 10.000 Jahren als paradiesisches Idyll darzustellen. Aber sie pochen darauf, dass es ein elementarer Denkfehler sei, zu glauben, die Menschheitsgeschichte entwickele sich zielgerichtet und linear, alternativlos sozusagen.
„Wenn etwas schrecklich schiefging in der Menschheitsgeschichte – und angesichts des heutigen Zustands der Welt ist dies kaum zu bestreiten –, dann vielleicht genau zu dem Zeitpunkt, als die Menschen die Freiheit verloren, andere Formen sozialer Existenz zu entwerfen.“
Es hat eine gewisse Ironie, dass der deutsche Verlag bei der Veröffentlichung dieses letztlich sehr kapitalismuskritischen Buches sich dem Zeitdruck des modernen Kapitalismus unterworfen hat – mit der Folge, dass drei Übersetzer die Übertragung vorgenommen haben, was der Qualität der Gesamt-Übersetzung nicht unbedingt gut tut. Gleichzeitig hat man sich offensichtlich keine Zeit für ein wirklich gründliches Sprach-Lektorat und Korrektorat genommen. Trotzdem bietet auch die deutsche Übersetzung die Möglichkeit, einen ganz anderen Blick auf die Vergangenheit und auch auf die Gegenwart der Menschen zu gewinnen. Einen Blick, der die Ketten abwirft, die nach Ansicht des Archäologen David Wengrow lange Zeit die Geschichtswissenschaft allzu oft gefesselt haben.
David Wengrow, David Graeber: „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Übersetzung: Helmut Dierlamm, Andreas Thomsen und Henning Dedekind, Klett-Cotta Verlag, 672 Seiten, 28 Euro.