Freitag, 09. Dezember 2022

Gegen die Sprachlosigkeit
Ece Temelkuran beschreibt Wege in eine bessere Gegenwart

Die türkische Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran hat erneut ein gesellschaftskritisches, aber sehr konstruktives Buch veröffentlicht. Angesichts der aktuellen und drohenden Krisen möchte sie die allgemeine gesellschaftliche Lähmung auflösen.

Von Luise Sammann | 20.06.2022

Ein Portrait der Autorin Ece Temelkuran und das das Buchcover "Wille & Würde"
Die türkische Autorin Ece Temelkuran schreibt gegen die gesellschaftliche Lähmung an (Buchcover Hoffmann & Campe / Autorenportrait © Joanna Paciorek )
Wenn die türkische Autorin Ece Temelkuran an die vielen Vorträge und Lesungen denkt, die sie nach dem Erscheinen ihres letzten Buches überall auf der Welt hielt, dann fällt ihr vor allem das tiefe Schweigen ein, das danach jedes Mal im Saal herrschte. „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist“ erschien in Deutschland im Jahr 2019.
„Ich habe in dem Buch geschrieben, dass Faschismus und Rechtspopulismus keine Besonderheiten meines Heimatlandes, der Türkei, sind, sondern dass sie auch Westeuropa über kurz oder lang erreichen und das hiesige System zerstören werden. Wo immer ich das erklärte, herrschte danach ratloses Schweigen. Irgendwann kam dann die Frage: Aber welche Hoffnung gibt es dann noch?“
Diese Frage, so Ece Temelkuran, nervte sie. Sie erweckte den Anschein, als ob die Menschen keinerlei Einfluss mehr auf den Lauf der Welt hätten. Als ob es nur die zwei Möglichkeiten gäbe, stumpf und zunehmend sinnlos vor sich hinzuleben, oder aber gleich die große Revolution anzetteln zu müssen. Wem beides nicht zusage, der versinke zunehmend in einer allumfassenden Lähmung. Einem Gefühl, in dem alles nur noch fremdgesteuert, schlecht und unveränderbar erscheine.

In neuen Kategorien denken

Genau dagegen schreibt Temelkuran nun in ihrem neuen Buch auf knapp 200 Seiten an. Dabei reiht sich „Wille und Würde“ allerdings nicht in die zahllosen Anklageschriften der letzten Jahre ein. Denn allein „die ständige Bekundung von Wut“ ändere rein gar nichts an der Realität, so die Autorin. Im Gegenteil mache sie uns „zum idealen Publikum des Faschismus – erschöpft vor Empörung, ohne etwas erreicht zu haben.“
“Während der Arbeit an diesem Buch habe ich gemerkt, dass es Gefühle gibt, die gerade im Kampf gegen den um sich greifenden Faschismus schlicht überschätzt werden. Hoffnungsvoll sein zum Beispiel. Oder wütend sein. Diese Gefühle bringen uns nicht weiter. Wir brauchen neue Kategorien!”
Temelkurans neues Buch ist eine Suche nach genau diesen Kategorien. Weniger eine Gebrauchsanweisung, wie der Untertitel “10 Wege in eine bessere Gegenwart” fälschlicher Weise vermuten lässt. Gemeinsam mit ihrer Leserschaft begibt sich die Autorin auf die Suche nach Wegen aus der um sich greifenden Lähmung unserer Zeit – aber auch nach, Zitat, “unanfechtbaren Wörtern, um die wir uns bei den Verhandlungen mit unserer Gegenwart einmütig scharen können”. Denn eins ist für die Autorin klar: “Das Wort Demokratie reicht dafür nicht mehr aus”.

Eine Bewegung wird fortgesetzt

Stattdessen schlägt Temelkuran die titelgebenden Begriffe Wille und Würde vor. Beides Grundvoraussetzungen, so glaubt sie, damit der „Marsch der Machtlosen“ – der längst begonnen habe – zum Erfolg führt. Vor allem in Krisen zeige sich sein Potenzial: Bei den Gezi-Protesten in ihrer Heimat Türkei. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Oder auch bei den Protesten nach dem rassistischen Mord an George Floyd. Alles Orte und Szenen, die Temelkuran mit eigenen Augen begleitet hat und in ihrem Buch in zahllosen reportagigen Szenen beschreibt.
„Als in europäischen Städten Solidaritätsdemos starteten, hatte man das Gefühl, ein langer Spaziergang würde nach acht Jahren Pause endlich fortgesetzt. Auch wenn der Spaziergang durch den Gezi-Park – und davor über Kairos Tahrir-Platz – ins Stocken geraten war, besaß er noch genug Schwung, um von Minneapolis bis zum Trafalgar Square und zum Ausruf desselben Worts zu führen: Würde.“
Würde, Wille, Wut… Ece Temelkuran tastet die zentralen Begriffe ihres Buches von allen Seiten ab, wiegt, testet und vergleicht sie. Die Würde etwa grenzt sie klar von der Ehre ab. Einem ihrer Meinung nach problematischen Begriff, der zu Polarisierung, Gewalt und Wut führe und Menschen voneinander trenne. Das Bedürfnis nach Würde dagegen verbinde Menschen – und sei damit in seiner Wirkung nicht zu überschätzen. Denn, so die Autorin: 
„All die menschenfreundlichen Wörter, über die ich in diesem Buch nachgedacht habe, und die ich vor dem Sturm der Gegenwart retten will, werden nichts ausrichten können, wenn wir es nicht miteinander machen.“

Worte und ihre Konsequenzen

Ece Temelkuran weiß, dass ihre Gedanken vielen im Kampf gegen Faschismus und Populismus zu wenig radikal erscheinen mögen. Doch die Genauigkeit, mit der sie ihre Worte aus- und untersucht ist weder Feigheit noch Zufall geschuldet. Sie, die die Türkei nach dem Putschversuch 2016 aus Angst vor Erdogans Rachefeldzug gegen Regimekritiker aller Art verließ und seitdem u.a. in Zagreb lebte, weiß, wovon sie spricht.
„In letzter Zeit höre ich viele ‘Wir brauchen eine Revolution‘ sagen. Oder ‘Wir brauchen einen Systemwechsel‘. Die Nonchalance, mit der solche Begriffe geäußert werden, macht mich jedes Mal baff. Wissen die Leute nicht, was diese Wörter bedeuten? Ich habe nichts gegen diese Wörter an sich, aber die Schrecken, die das Wort ‚Revolution‘ heraufbeschwört, das Chaos, das man mit dem Wort ‚Systemwechsel‘ assoziiert – man muss bereit sein, sich auch das schwer erträgliche Vokabular anzusehen, das diesen Wörtern folgt, wenn sie die Bühne betreten. Denn es existieren nahezu keine Wörter, die den unglaublichen Schmerz und die Verluste wieder gutmachen können, die sie mit sich bringen.“
Ece Temelkuran springt in ihren Beschreibungen zwischen Istanbul und Kairo, Zagreb, Brüssel und Palästina hin und her. Manchem mag das zu viel sein – langweilig jedenfalls wird es beim Lesen nicht. Das liegt auch und vor allem an ihrem fast schon trotzigen und zugleich erfrischenden Grundton. Vieles von dem, was in „Wille und Würde“ beschrieben wird, hätte die Autorin zu einer verzweifelten, zynischen Person werden lassen können, die sich nur noch abwendet. Genau das aber tut sie nicht. Denn „das Enttäuschtsein über die Menschheit“, so schreibt sie, sei „eine wirklich banale Reaktion. Ein Liebeskummer, der keinerlei Anstrengung abverlangt“.
Ece Temelkuran: „Wille und Würde. Zehn Wege in eine bessere Gegenwart“, Hoffmann und Campe, aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger, 192 Seiten, 22 Euro.