Mittwoch, 05. Oktober 2022

Fischsterben in der Oder
Wasserökologe: Alle Indizien deuten auf Algenblüte als Ursache

Forscher haben endlich eine mögliche Ursache für das massenhafte Fischsterben in der Oder identifiziert: Eine Mikroalge, die Gifte produzieren kann. Bislang wurde diese Algenart in Deutschland aber kaum nachgewiesen, sagte Biologe Jan Köhler im Dlf.

Ralf Krauter im Gespräch mit Jan Köhler | 18.08.2022

Umweltkatastrophe am Fluss Oder
Eine Mikroalge aus der Gruppe Haptophyta gilt inzwischen als Hauptverdächtiger für das Fischmassensterben in der Oder (picture alliance/dpa)
Giftstoffe konnten bislang in den Wasserproben aus der Oder nicht nachgewiesen werden. Gefunden wurde nun jedoch eine hohe Konzentration von Zellen einer Mikroalge aus der Gruppe Haptophyta, so Jan Köhler vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Von dieser Algenart gebe es sehr viele verschieden Varietäten, die unterschiedliche Toxine produzieren könnten. Insbesondere aus den USA oder Skandinavien sei schon seit Jahrzehnten bekannt, dass diese Algen Fischsterben und auch das Sterben von Muscheln und Amphibien verursachen können, erläuterte Köhler in Forschung aktuell.
Ralf Krauter: Was ist das für ein Einzeller, der gerade im Fokus der Ermittlungen steht?
Jan Köhler: Es gibt auf jeden Fall eine Algenmassenentwicklung in der Oder - seit dem 8. August auf der Höhe von Frankfurt/Oder gefunden und sicherlich vorher schon im polnischen Teil, und jetzt bewegt diese sich sachte runter. Und von dieser Algenmassenentwicklung sind es ungefähr so ein Drittel bis die Hälfte biomassemäßig eine Art, die so aussieht wie eine Haptophyte namens Prymnesium parvum, die normalerweise im Brackwasser vorkommt.

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Das Problem dieser Art ist, dass es da wie so oft sehr viele verschiedene Varietäten gibt, die sich unterschiedlich verhalten, die unterschiedliche Toxine produzieren können und die auch unterschiedliche Umweltansprüche haben. Wir müssen jetzt erst mal genetisch charakterisieren, welche Variante wir tatsächlich in der Oder haben.

Von der Alge produzierte Toxine lösen Zellen auf

Krauter: Okay, aber fest steht, diese Art oder eine davon hat sich explosionsartig vermehrt und die produzieren tendenziell auch Toxine, die Fische verenden lassen könnten?
Köhler: Ja, also wir haben mindestens 100.000 Zellen von dieser Art pro Milliliter, also über 100 Millionen Zellen pro Liter im Moment im Oder-Wasser, und die sind bekannt dafür, diese Art, wenn wir die dann richtig bestimmt haben, dass sie verschiedene Toxine produzieren können. Die lösen also im Wesentlichen Zellen auf, zum Beispiel die Epithelzellen von Kiemen von Fischen, von Mollusken und so, und die können auch zur Auflösung von roten Blutkörperchen führen. Diese Art ist also schon verschiedentlich auf der Welt beschrieben worden mit diesen Schadensbildern.
Krauter: Ich hab gelesen, dass Prymnesium parvum den Beinamen Goldalge hat - weil die so ein bisschen golden schimmert?
Köhler: Ja, die haben halt wie so viele andere Arten bestimmte Pigmente - Carotine und so was - die dann halt diese bräunlich-gelbe Farbe hervorrufen.

Aktuelle Trockenheit begünstigt Algenwachstum

Krauter: Wenn das die Ursache ist, wäre ja die Gretchenfrage: Wie kam es zu dieser plötzlichen Algenblüte? Sie haben gesagt, das ist eine Art, die eigentlich im Brackwasser gedeiht, die braucht also viel Salz im Wasser.
Köhler: Ja, nach Literaturangaben kann die in so zwischen drei und 30 Promille Salzgehalt leben, das Meer hat 35 Promille, also da ist eine sehr, sehr breite Spanne offensichtlich, die scheint sehr salztolerant zu sein. Vielleicht ist es eher so, dass die Konkurrenzarten von ihr dann halt mit höheren Salzgehalten nicht gut leben können, und das Problem scheint eben auch zu sein, wenn diese Art unter Stress gerät sozusagen – durch veränderte Umweltbedingungen, durch Einleitung von einem Nährstoff zum Beispiel oder von veränderten Salzgehalten –, dass sie dann eben doch insbesondere Toxine produziert.
Krauter: Wäre denn denkbar, dass diese Algenblüte allein unter natürlichen Bedingungen aufgetreten ist – wegen sommerlicher Hitze zum Beispiel und Wassermangel –, oder muss da tatsächlich auch irgendwie in Polen im Oberlauf der Oder irgendwas ins Wasser geleitet worden sein?
Köhler: Na ja, die braucht natürlich vor allem Nährstoffe erst mal, insbesondere Stickstoff und Phosphor - der muss ausreichend vorhanden sein, der kommt also dann überwiegend aus dem Abwasser, vielleicht auch aus der Landwirtschaft. Dann braucht sie natürlich viel Licht – das hat sie jetzt dadurch, dass wir eben Niedrigwasser haben in der Oder, dadurch ist ja die Wassertiefe gering. Und dann braucht sie vor allem Zeit zum Wachstum, und diese Zeit bekommt sie insbesondere in den Staustufen auf der polnischen Seite. Aber eben natürlich auch dadurch, dass die Oder im Moment sehr, sehr langsam fließt.
Das ist ja da immer ein exponentielles Wachstum bei solchen Mikroorganismen. Wenn die drei Tage Zeit hat, um in der Oder zu wachsen, dann kann eine Zeile sich vielleicht verachtfachen, wenn die jeden Tag sich verdoppelt. Und wenn sie zehn Tage hat, dann vertausendfacht sich die Biomasse. Das ist eben sehr, sehr stark abhängig davon, wie viel Zeit man ihr gibt, und die Zeit hat sie jetzt insbesondere durch die Eingriffe des Menschen, durch Stauhaltung.

Alge in Deutschland bislang kaum bekannt

Krauter: Mal angenommen, der Verdacht würde sich erhärten: Überrascht Sie das, dass diese Alge in diesem Umfang für ein Fischsterben sorgt?
Köhler: Wir haben die hier noch nie gehabt, mir sind auch aus Deutschland kaum bis jetzt Befunde bekannt. Aber in anderen Ländern der Welt, insbesondere in den USA oder in Skandinavien, ist die schon seit Jahrzehnten bekannt, Fischsterben und auch das Sterben von Muscheln und Amphibien hervorzurufen.
Krauter: Sie haben vorhin schon erwähnt, da laufen jetzt noch weitere Tests, genetische Analysen, um die Art eben genau dingfest zu machen. Was wäre denn nötig, um wirklich den rauchenden Colt zu finden?
Köhler: Im Moment werden jetzt gerade Toxinanalysen gemacht, die sind natürlich am allerwichtigsten. Dann wissen wir, ob es tatsächlich dieses spezifische Toxin dieser Alge ist, das da in der Oder vorkommt, und von diesen Toxinen weiß man eigentlich, wie es dann wirkt. Außerdem wird natürlich noch geschaut, welche Stämme von dieser Art dort vorkommen, weil die auch unterschiedlich toxisch sind, und dann wird man sicherlich Toxizitätstests machen mit dieser Alge und dann schauen, ob die dann tatsächlich dieses Fischsterben hervorgerufen haben kann. Aber bis jetzt deuten alle Indizien darauf.

Nährstoffeintrag verhindern - Wass fließen lassen

Krauter: Wenn sich der Verdacht bestätigt, wie könnten wir denn künftig verhindern, dass so was wieder passiert?
Köhler: Ja, das ist eben tatsächlich schwierig. Prinzipiell sind ja Mikroorganismen überall, die werden ja durch den Wind und durch Wasservögel und so weiter überall hin verteilt. Normalerweise fallen sie halt nicht auf, weil es nur sehr wenige sind, und man muss halt die Bedingungen verhindern, unter denen die sich dann massenhaft entwickeln können, wo sie dann wirklich ganz stark wachsen.
Sicherlich gehört erhöhter Salzgehalt dazu, genügend viel Nährstoffe braucht sie. Da müssten sicherlich Kläranlagen dann verbessert werden, man muss weniger Stickstoff insbesondere aus der Landwirtschaft in den Fluss reinbringen, man muss sicherlich diese Salzeinleitung im polnischen Teil verhindern, und dann würde es natürlich immer helfen, wenn der Fluss frei fließen könnte und dadurch dann die Verweilzeiten geringer werden und der nicht überall aufgestaut wäre.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.