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Gewalt rund um Fußballspiele
Spannungsfeld zwischen Polizei und Fans

Im Deutschlandfunk-Sportgespräch sprechen Vertreter von Fanprojekten mit Fananwälten und der Polizei darüber, was das Verhältnis zwischen Anhängern und Polizei verbessern könnte.

Michael Gabriel, Uwe Stahlmann und Waltraut Verleih im Gespräch mit Thorsten Poppe | 05.03.2023
Fußball-Bundesliga: Dortmund-Fans brennen beim Spiel gegen den FC Schalke am 17.09.2022 Pyrotechnik ab.
Dortmund-Fans brennen Pyrotechnik ab. (picture alliance / dpa / Revierfoto / Revierfoto)
Präventivmaßnahmen mit Leibesvisitationen bis in den Intimbereich, Pyrotechnik und das Werfen von harten Gegenständen - das Verhältnis zwischen Fans und Polizei ist auch nach der Pandemie zerrüttet.
Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung scheinen die Fanausschreitungen nach der Corona-Pandemie zugenommen zu haben. Das könne man nicht pauschalisieren, sagt Uwe Stahlmann, Leiter der Landesinformationsstelle für Sporteinsätze in Baden-Württemberg. Die Spiele verliefen meist friedlich und störungsfrei, es gebe aber vereinzelte Ausschreitungen und die hätten nach der Pandemie auch zugenommen, allerdings nicht übermäßig:
„Durch diese Coronaphasen kamen an ganz vielen Stellen neue Leute und das muss sich zuerst mal wieder finden. Ich glaube, das ist so ein Sichwiederfinden und so ein Austesten, was funktioniert und was funktioniert nicht." Stahlmann ist aber optimistisch, dass sich das Verhältnis zwischen den neuen Stellen bei der Polizei und neuen Fußballfans wieder einpendelt.
Auch Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, hat beobachtet, dass die gewalthaltigen Vorfälle nach der Corona-Pandemie zugenommen haben. Die Pandemie sei eine extreme Belastung gewesen mit vielen Veränderungen, das zeige sich auch im Fußballkontext:
„Wir beobachten eine Art Überschuss bei jungen Leuten aus der Fanszene. Am Beispiel des vermehrten Einsatzes von Pyrotechnik ist das zu erkennen. Aber auch, dass sich Gruppen, die vorher auch schon gewaltorientiert waren, das sich das durch Corona noch verstärkt hat.“

Wer ist mehr in der Pflicht - Fans oder Polizei?

Waltraut Verleih von der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte findet, dass präventive Maßnahmen in die allgemeine Handlungsfreiheit und die Persönlichkeitsrechte eingreifen würden. Da müsse man vorher besser abwägen. Das würde aber von Seiten der Polizei nicht stattfinden. Auch seien die von der Polizei so genannten konspirativen Anreisen, bei denen die Polizei keine Informationen über anreisende Gruppen, Fahrtzeiten und Verkehrsmittel hat, für sie nicht nachvollziehbar: "Ich halte diese konspirativen Anreisen für Legende.“
Für Uwe Stahlmann von der Landesinformationsstelle Sporteinsätze in Baden-Württemberg seien für die Vermeidung von Eskalationen präventive Maßnahmen allerdings unabdinglich:
"Ich finde es eine deeskalierende Vorgehensweise, wenn wir im Vorfeld Störungen vermeiden, als wenn wir nachher eingreifen müssen, weil wir viele Straftaten verfolgen müssen."
Dennoch liege mehr Handlungsverantwortung, um Veränderungen des Verhältnisses herbeizuführen, bei der Polizei, sagt Gabriel:
"Wenn wir das Verhältnis zwischen Fans und Polizei anschauen, dann glaube ich, dass die Möglichkeiten der Polizei größer sind. Durch ihre Einsatzstrategien können sie die Türen öffnen, sodass es aufseiten der Fans wieder mehr Vertrauen in polizeiliches Arbeiten gibt.“

Innovation: Stadionallianzen

Ein erster Schritt, um sich gegenseitig besser zu vertrauen, seien die Stadionallianzen, erklärt Stahlmann. Nachdem in Baden-Württemberg immer mehr Einsatzkräfte für die Fußballspiele benötigt worden waren, habe man versucht, die Gesamtabstimmung untereinander und den Informationsaustausch zwischen Polizei und Fanbeauftragten zu verbessern. Mit Erfolg: Innerhalb von sechs Jahren konnten die Straftaten und der Einsatz von Polizeikräften in Baden-Württemberg ungefähr halbiert werden.
Die Stadionallianzen waren für Stahlmann der Schlüssel zum Erfolg, da dadurch „tatsächlich Vertrauen geschaffen und miteinander Informationen ausgetauscht wurden, die es für alle Seiten einfacher machen zu agieren. Mein Satz lautet immer: Wenn ich das Risiko des anderen nicht abdecken muss, weil ich ihm vertraue, dann kann ich weniger Kräfte einsetzen.“
Auch Gabriel hält die Stadionallianzen für eine sinnvolle Innovation, da dadurch auch die Perspektiven aus der Fanarbeit eine stärkere Gewichtung bekommen. Dennoch: "Die Stadionallianzen sind sicher kein Heilmittel."
Sondern nach seiner Sicht nur ein Mosaikstein, damit die Zusammenarbeit und das Vertrauen verbessert werden und die Spannung zwischen Polizei und Fans herausgenommen wird.
Stadionallianzen gibt es bisher auch in Niedersachsen und seit dieser Saison auch in Bayern und in Hessen. Verleih hat von der positiven Wirkung in Hessen aber noch nichts gespürt:
„Die Polizeieinsätze werden massiver, die Gefahrenprävention fängt beim Nullpunkt an. Ich frage mich bei den Stadionallianzen: Schafft die Polizei eine Allianz, die es gar nicht bedürfte, wenn die Polizei sich in ihren Maßnahmen grundrechtsgerechter und angemessener verhalten würde? Schafft man einen Bedarf, den man hinterher bedient?"
Gabriel als Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte aber ist sich sicher, dass sich die Wirkung der neu entstandenen Stadionallianzen erst noch entfalten müsse.