DemenzerkrankungenStudie geht von dreifachem Anstieg bis 2050 aus

2050 werden fast dreimal so viele Menschen an einer Demenz leiden wie heute. Der Anstieg wird in den USA und Europa schwächer ausfallen, aber in Afrika und im Nahen Osten dramatisch sein. Entscheidend ist die Alterung der Gesellschaften. Bildung und eine gesunde Lebensführung senken das Demenzrisiko.

Von Volkart Wildermuth | 07.01.2022

Eine Bewohnerin des Altenheims Maria Eich spielt auf einer Pflegestation das Spiel "Memory" und legt Kartenpaare zusammen.
Eine Bewohnerin des Altenheims Maria Eich spielt auf einer Pflegestation das Spiel "Memory" und legt Kartenpaare zusammen (picture alliance/dpa | Sven Hoppe)
2019 haben weltweit um die 57 Millionen Menschen an einer Demenz gelitten, 2050 werden es nach einer Studie, die im Wissenschaftsjournal The Lancet veröffentlicht wurde, 153 Millionen sein.

Wie kommen die Forscher zu ihrer Prognose für das Jahr 2050?

Das Alter ist der entscheidende Risikofaktor für die Entstehung von Demenzen. In der Studie wird die demographische Entwicklung für 204 Länder und Regionen der Welt für 2050 hochgerechnet. Darüber hinaus haben die Autorinnen den Einfluss bekannter Risikofaktoren für Demenzen abgeschätzt. Ein höherer Bildungsabschluss geht zum Beispiel mit einer geringeren Alzheimerwahrscheinlichkeit einher. Umgekehrt schädigt Rauchen die Gefäße, das spürt ganz besonders das Gehirn. Auch Übergewicht und hohe Blutzuckerspiegel sind schlecht für die Nerven. Und wenn man das alles in einem mathematischen Modell durchrechnet, dann ergibt sich dieser Anstieg auf fast das Dreifache.

Wie unterscheiden sich die Prognosen für unterschiedliche Weltregionen?

Da gibt es dramatische Unterschiede. In den USA, einigen Asiatischen Ländern und in Europa ist der Anstieg vergleichsweise gering. In Deutschland ist zum Beispiel mit einem Anstieg um 65 Prozent zu rechnen, von derzeit 1,7 Millionen Demenzkranken auf 2,8. Bei uns leben bereits viele alte Menschen und entsprechend viele Demenzkranke.
In Afrika und im Nahen Osten ist die Gesellschaft im Schnitt viel jünger, es gibt daher aktuell weniger Demenzen, aber dafür dürfte die künftige Entwicklung dort viel dramatischer verlaufen. In einigen arabischen Ländern könnten sich die Demenzzahlen mehr als verzehnfachen.
Demenz in der arabischen Welt - Wie man mit alten Menschen umgeht
In Äthiopien, dem Sudan oder Äquatorial Guinea werden die Probleme vier bis fünf Mal so groß sein, wie heute. Die verbesserten Lebensverhältnisse in vielen Weltregionen erhöhen eben leider auch die Häufigkeit von Demenzen.

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Verändert sich auch das individuelle Risiko für Demenz?

Der Anstieg der Demenzzahlen ist ein gesellschaftliches Phänomen. Für den oder die Einzelne ändert sich wenig. Ein Artikel des Alzheimer-Kohorten-Konsortiums aus dem Jahr 2020 kommt sogar zu einer optimistischen Einschätzung. Danach ist das individuelle Alzheimerrisiko in Europa und den USA seit Ende der Achtziger jedes Jahrzehnt um etwa 13 Prozent gesunken.
Die Gründe dafür sind vielfältig: Es wird weniger geraucht, Blutzucker und Blutdruck sind besser unter Kontrolle. Dazu kommt eine Entwicklung zu höheren Bildungsabschlüssen. Letztere gibt es inzwischen übrigens auch global. Die Prognose der Studie geht davon aus, dass das im Jahr 2050 die Zahl der Demenzkranken um gut sechs Millionen reduziert.
Leider geht weltweit der Trend eher zu mehr Rauchern und wegen einer besseren Ernährungslage auch zu mehr Übergewicht und höheren Blutzuckerspiegeln. Diese Risikofaktoren werden zu zusätzlich fast sieben Millionen Demenzen führen. Unterm Strich bewegt sich wenig.
Trotzdem sind die Risikofaktoren ganz entscheidend. Denn anders als die Altersstruktur einer Gesellschaft können sie beeinflusst werden, von jedem und jeder Einzelnen und von der Politik. Es gab schon 2020 einen Lancet-Report zur Demenzvorbeugung und dort wurden geschätzt, dass sich vier von zehn Demenzfällen verhindern lassen.

Wie kann man einer Demenz vorbeugen?

Generell gesund leben, sich viel bewegen. Im Alter lieber frühe als später ein Hörgerät nutzen, Kontakt zu Freunden halten. Kopfverletzungen sind problematisch, deshalb gibt es für Jugendliche in den USA kein Kopfballtraining mehr. Schwieriger ist es schon, einer Depression vorzubeugen. Der Faktor Luftverschmutzung ist dann ein gesellschaftliches Problem. Genauso wie die soziale Ungleichheit. Ärmere Menschen sind mehr Risikofaktoren ausgesetzt. Hier ist die Politik gefordert. Vor allem sollten sich die Regierungen auf die Folge deutlich steigender Demenzzahlen einstellen, etwas was die Auslastung der Krankenhäuser oder die benötigten Heimplätze betrifft und auch die Ausbildung und Bezahlung des Pflegepersonals.