Samstag, 28. Mai 2022

Vor 50 Jahren
Als Großbritannien Ja zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sagte

Auch das hat es einmal gegeben: Aus nationalem Interesse warb der britische Premier Edward Heath mit Verve für die europäische Idee – und führte sein Land 1972 in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Viele Beobachter hielten diesen Schritt für unwiderruflich.

Bert-Oliver Manig | 22.01.2022

Der britische Premierminister Edward Heath (Mitte) am 22. Januar 197 2 in Brüssel nach seiner historischen Unterzeichnung des Vertrages über Großbritanniens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
Der britische Premierminister Edward Heath (Mitte) am 22. Januar 197 2 in Brüssel bei der historischen Unterzeichnung des Vertrags über Großbritanniens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (picture-alliance / dpa)
Der britische Premierminister Edward Heath war ein überzeugter Europäer. Am 22. Januar 1972 stand er auf dem Gipfel seiner politischen Karriere. An diesem Tag unterzeichnete er in Brüssel den Vertrag über den Beitritt des Vereinigten Königreiches zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der Vorläuferorganisation der EU. Das bedeutete: Am 1. Januar 1973 wurde Großbritannien Teil des größten Binnenmarkts der Welt. Heath sah darin nicht nur eine Chance für die stagnierende Wirtschaft seines Landes, sondern auch einen entscheidenden Fortschritt für die politische Einigung Europas:
"Heute beginnt eine weitere Stufe beim Aufbau eines neuen und größeren Vereinigten Europa. Dies ist die Aufgabe, vor der unsere Generation auf unserem Kontinent nun steht.

Lange hohen Preis für die Souveränität bezahlt

Solche Sätze war man von britischen Politikern nicht gewohnt. Auf der Insel hatte es lange zum guten Ton gehört, sich vom „Kontinent“ abzugrenzen. Daher hatte Großbritannien bei der Gründung der EWG 1957 auch abseits gestanden und seine Souveränität hochgehalten. Der Preis dafür waren Wohlstandseinbußen und schwindender politischer Einfluss, wie Heath seinen Landsleuten vor Augen führte, um ihnen zugleich eine bessere Zukunft in Aussicht zu stellen:
"Können Sie ernsthaft leugnen, dass es in den vergangenen Jahren Momente gegeben hat, in denen Sie das Gefühl hatten, dass unser Land in jeder Hinsicht zurückgefallen ist? Wir haben Besseres verdient. Wir haben der Welt viel gegeben und wir haben noch viel mehr zu geben. Seit 25 Jahren suchen wir nach einem Mittel, wieder in Schwung zu kommen. Jetzt ist es da. Wir haben die Chance zu neuer Größe. Nun müssen wir sie ergreifen!"

Die Lebensmittelpreise stiegen

Doch auch der unbegrenzte Zugang zum europäischen Markt hatte seinen Preis: So musste man in Zukunft die Subventionen der europäischen Landwirtschaft mitfinanzieren, obwohl man sich durch die gemeinsamen Außenzölle gleichzeitig höhere Lebensmittelpreise einhandelte und die Handelsbeziehungen zu den früheren Kolonien geschwächt wurden.
Umso bemerkenswerter war die Leistung des Regierungschefs, im Unterhaus eine klare Mehrheit für den EWG-Beitritt zu gewinnen. Nur wenige Tories verweigerten Heath die Gefolgschaft, während ein größerer Teil der oppositionellen Labour Party für den Beitritt stimmte. Die "Neue Zürcher Zeitung" rühmte Heath als brillanten Staatsmann und hielt seinen Erfolg für unumkehrbar:
„Gegen das Votum des Parlaments, das hier in weiser Abschließung gegen den Jahrmarkt der elektronischen Massenkommunikation auch die Souveränität und Unabhängigkeit der Urteilsbildung demonstriert hat, vermögen weniger schlüssige Meinungsumfragen und Stimmungssondagen in breiteren Schichten politisch nicht mehr aufzukommen.“

Buhrufe und Stinkbomben

Doch die Distanziertheit der Bevölkerung war ein Problem. Schon das Festival „Fanfare für Europa“, das Regierung und Parlament anlässlich des EWG-Beitritts mit großem Aufwand veranstalteten, machte das sichtbar: Bei der Eröffnung des Veranstaltungsreigens wurden Queen Elisabeth II. und der Premier vor der Royal Opera von Nationalisten mit Buhrufen und Stinkbomben empfangen. Viel bedenklicher war, dass die Opposition durch Abwesenheit glänzte und Gemeinden in den Labour-Hochburgen Nord- und Mittelenglands sich sogar weigerten, am Festival teilzunehmen. Im Presseecho klangen Vorbehalte vor allem gegenüber Frankreich durch, das jahrelang einen britischen Beitritt zur EWG blockiert hatte.

Bis die Wähler aus Nord- und Mittelengland nicht mehr mitspielten

Auch auf der anderen Seite des Kanals gab es Misstrauen, das sich bestätigt fühlen konnte, als die Briten nach der Abwahl Edward Heaths 1974 auf der europäischen Bühne die Dauerrolle des nörgelnden Bremsers übernahmen. Eine zunehmend europafeindliche Einstellung der britischen Presse, die immer mehr unter den Einfluss des australischen Pressemagnaten Rupert Murdoch geriet, war dabei ein wichtiger Faktor. 2016 stimmten die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Den Ausschlag gaben die Wähler aus Nord- und Mittelengland, wo man schon 1972 nicht von Großbritanniens europäischer Mission überzeugt war.