Sonntag, 26. Juni 2022

Deutschland aus jüdischer Sicht
Historikerin Shulamit Volkov liefert neuartiges Geschichtsbuch

Seit mindestens 1700 Jahren leben Juden im Gebiet des heutigen Deutschland. Erstmals ist nun ein Geschichtsbuch über Deutschland aus jüdischer Perspektive erschienen. Die israelische Historikerin Shulamit Volkov hat es geschrieben.

Von Victoria Eglau | 02.05.2022

Shulamit Volkov: "Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart"
Die israelische Historikerin Shulamit Volkov schreibt die deutsche Geschichte aus jüdischer Sicht. (C.H.Beck Verlag)
Das hässliche Gesicht Deutschlands, das haben Juden im Laufe der Geschichte immer wieder und so deutlich zu sehen bekommen. Daher könne aus ihrer Perspektive deutsche Geschichte besser bzw. vollständiger verstanden werden – hofft die Historikerin Shulamit Volkov.
„Bisweilen verspürte man eine fortschrittliche Tendenz, das Versprechen einer besseren Zukunft. Dann wiederum wendete sich das Blatt, und die Atmosphäre wurde reaktionär, manchmal hasserfüllt, sogar gefährlich, und schließlich kam es zur Katastrophe. Gewiss, nicht nur Juden konnten diese Zwiespältigkeit spüren, doch über lange Zeiträume hatte sie auf Juden besondere Auswirkungen.“  
Volkovs Untersuchung umfasst den Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. „Aufklärung ohne Toleranz“ hat sie das erste Kapitel überschrieben. Gemeint ist jene Toleranz und Glaubensfreiheit, für die der Philosoph der Aufklärung Moses Mendelssohn so leidenschaftlich eintrat – in einer Zeit, in der Vorurteile gegenüber dem Judentum weit verbreitet waren. Mendelssohn sei daran verzweifelt, schreibt Volkov, dass es der Aufklärung nicht gelungen sei, die Menschen von der „Barbarei“ befreien, besonders vom tiefsitzenden Judenhass.

Durchdringender Antisemitismus

„Im Mittelalter wurden Juden zur ‚unnützen Last der Erde‘ erklärt, allein deshalb, weil sie keine Christen waren. […] Im Zeitalter der Aufklärung beschuldigte man die Juden, sie seien nicht reif für die Staatsbürgerschaft, sie könnten weder der Kunst noch der Wissenschaft angemessen dienen und nicht einmal einen nützlichen Beruf ausüben.“
Das Toleranzdefizit der Aufklärung, besonders hinsichtlich der Religion, sei bekannt, führt Shulamit Volkov aus. Die Frage der Toleranz gegenüber Juden verdeutliche das Problem aber schlaglichtartig – zwar vom Rand aus, aber mit einzigartiger Intensität, so die Historikerin:
„Die Vorurteile gegenüber Juden waren stärker als tolerante Ansichten, selbst bei entschiedenen Verteidigern der Aufklärung und Unterstützern der Rechte der Juden. Gewohnheitsmäßig wurde ständig wiederholt, was man seit Generationen als abstoßende Aspekte der Juden und des jüdischen Lebens angesehen hatte.“
Volkov, emeritierte Professorin der Universität Tel Aviv, hatte sich bereits 1990 in einer Essay-Sammlung mit Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt und dieses Phänomen einen „kulturellen Code“ der deutschen Geschichte genannt.

Die Pogrome während der Revolution 1848

In ihrem neuen Buch beschreibt sie die unterschiedlichen Spielarten von Antisemitismus, die Deutschlands Juden auf ihrem langen Weg zur vollständigen Gleichberechtigung erlitten. Dabei rüttelt sie auch am Denkmal der Deutschen Revolution von 1848/49 und behandelt ausführlich die Angriffe auf Juden während der gewalttätigen Bauernaufstände:
„Interessanterweise haben nicht nur Historiker den antijüdischen Aspekt dieses frühen Stadiums der Revolution wenig beachtet. Auch die Zeitgenossen, Christen wie Juden, hatten schnell Gründe parat, diese Gewaltausbrüche kleinzureden oder gar gänzlich auszublenden.  Die jüdische Wochenschrift ‘Der Orient‘ schrieb, die Pogrome seien ‚ein wildes Gewächs der Freiheit‘ oder nur ‚Ausbrüche des wütenden Pöbels‘.“
Auch für die deutschen Juden war die Märzrevolution, an der viele aktiv teilnahmen, ein Moment der Hoffnung. Artikel sechzehn der Paulskirchen-Verfassung legte gleiche bürgerliche und politische Rechte für alle fest, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit. Als die Revolution scheiterte, war das bitter für viele Deutsche – für die jüdische Minderheit bedeutete es große praktische Rückschritte.

Zickzack-Kurs der jüdischen Emanzipation

Shulamit Volkov spricht von einem Zickzack-Kurs bei der jüdischen Emanzipation, der parallel zum Zickzack-Kurs bei der Reform Deutschlands insgesamt verlaufen sei. Positive Momente der deutschen Geschichte seien meist auch positiv für die jüdischen Deutschen gewesen – etwa das Kaiserreich mit seiner weitgehenden Rechtsstaatlichkeit, in dem die Juden gesellschaftlich gut integriert waren und am blühenden kulturellen, akademischen und wissenschaftlichen Leben teilnahmen.
„Ihr Patriotismus schien belohnt zu werden, und Deutscher zu sein blieb für die meisten ein Grund für Stolz und Zufriedenheit.“
Aber auch im Kaiserreich gab es immer antisemitische Strömungen und während des Ersten Weltkriegs erstarkten diese – ungeachtet der Tatsache, dass rund 100.000 deutsche Juden in den Kampf zogen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bedeutete für die jüdischen Deutschen schließlich das schmerzhafte Erwachen aus dem Traum einer gemeinsamen Identität, schreibt Volkov. Sie betont allerdings auch, dass die deutsch-jüdische Geschichte keineswegs gradlinig oder unabwendbar zum Holocaust geführt habe.
„Über lange Zeitabschnitte konnte die jüdische Geschichte in Deutschland als Erfolgsgeschichte verstanden werden. Obwohl es immer wieder Antisemitismus gab, waren die erfolgreiche Integration der Juden, der ökonomische Aufstieg so vieler, ihr Anteil an der Modernisierung des Landes und die Bedeutung, die sie in verschiedenen Bereichen erlangten, eindrucksvoller und einflussreicher.“
Wer an deutscher und jüdischer Geschichte interessiert ist, findet in Shulamit Volkovs klar und verständlich geschriebenem Buch eine tiefschürfende Analyse und einen bereichernden neuen Blick auf eine Reihe historischer Ereignisse. Die jüdische Sicht ist nicht nur ihre eigene als auf Deutschland spezialisierte Historikerin, sondern Volkov porträtiert auch diverse deutsch-jüdische Persönlichkeiten oder lässt sie zu Wort kommen, unter ihnen Heinrich Heine, die Salonbesitzerin Rahel Varnhagen, der Politiker Walter Rathenau, der Reeder Albert Ballin oder die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim. Deutschland aus jüdischer Sicht ist ohne Zweifel ein wertvoller Beitrag zu einem besseren Verständnis der komplexen deutschen Geschichte.
Shulamit Volkov: "Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart", Übersetzung: Ulla Höber, C.H.Beck Verlag, 336 Seiten, 28 Euro.