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Behandlung mit Nabelschnurblut
HIV-Patientin gilt nach Stammzelltherapie als geheilt

Zum dritten Mal ist offenbar eine Heilung von HIV gelungen. Die Patientin, die an einem aggressiven Blutkrebs litt, wurde mit eine Stammzelltransplantation behandelt. Das Verfahren ist nicht für einen breiten Einsatz geeignet, aber es weist die Richtung für künftige, weniger riskante Heilmethoden.

Von Martin Winkelheide | 18.02.2022
Das HI-Virus in einer Darstellung
Das HI-Virus in einer Darstellung (imago stock&people)
Eine HIV-Infektion lässt sich behandeln, aber nicht heilen. Bislang gab es zwei Ausnahmen von dieser Regel: den so genannten „Berliner Patienten“ sowie den „Londoner Patienten“. In beiden Fällen war die Heilung von HIV ein Nebeneffekt einer erfolgreichen Krebsbehandlung. Die Patienten hatten eine Stammzelltransplantation erhalten, mit Zellen, die unempfindlich sind für das HI-Virus. Auf einer Fachtagung in Denver ist nun ein dritter Fall einer Heilung von HIV vorgestellt worden. Auch die „New Yorker Patientin“ litt unter einem aggressiven Blutkrebs.


Wie erfolgte die Therapie?

Die Patientin hat zur Behandlung ihrer Blutkrebs-Erkrankung eine Stammzelltherapie bekommen. Das Ziel: Die neuen Stammzellen sollen ins Knochenmark wandern und dort ein neues blutbildendes System aufbauen. Und damit auch ein neues Immunsystem, das im Körper verbliebene Krebszellen zerstört.

Das Besondere bei dieser Patientin: die Ärzte haben ihr Zellen gegeben, die unempfindlich sind gegen HIV. Das Virus kommt in die Zellen nicht hinein, weil auf der Oberfläche der Zellen eine für das Virus wichtige Struktur verändert ist, der so genannte ccr5-Co-Rezeptor. Bildlich gesprochen ist die Türklinke an der Tür abmontiert, durch die das Virus normalerweise in die Zelle hereinkommt.     

Was ist anders als bei den vorangegangenen Therapieerfolgen?

Neu ist, dass die Patientin diesmal Stammzellen aus Nabelschnurblut bekommen hat. Normalerweise müssen Stammzellen sehr genau ausgesucht werden: Die Gewebemerkmale von Stammzellspender und -empfänger müssen sehr ähnlich sein. Bei Stammzellen aus Spender-Nabelschnurblut gibt es da mehr Spielraum. Die Zellen müssen nicht so strikt zueinander passen. Der Nachteil: Stammzellen aus Nabelschnurblut müssen im Körper noch zu Blutstammzellen heranreifen. Es dauert länger, bis sie das neue Immunsystem aufgebaut haben. Patienten sind länger anfällig für andere Krankheitserreger. Zur Überbrückung dieser Zeit hat die New Yorker Patientin daher zusätzlich noch Blut-Stammzellen einer nahen Verwandten transplantiert bekommen.   

Eignet sich der neue Therapieansatz für einen breiten Einsatz?

Nein. Sie eignet sich tatsächlich nur für Menschen mit einem lebensbedrohlichen Blutkrebs, die zusätzlich mit HIV infiziert sind. Im Vordergrund steht erst einmal, die Krebserkrankung zu überleben und diese hoffentlich zu heilen. Der Berliner Patient, Timothy Ray Brown, starb 2020 nach einem Rückfall an den Folgen seiner Krebserkrankung. Die Stammzelltransplantation selbst ist aufwändig und birgt hohe Risiken. 10 bis 15 von 100 so behandelten Krebs-Patienten überleben die Therapie nicht.

Und eine Stammzelltherapie ist keine Garantie für eine HIV-Heilung. Einige Patienten mussten trotzdem nach einer gewissen Zeit wieder AIDS-Medikamente nehmen, weil der Körper die Viren aus eigener Kraft nicht eliminieren konnte. Experten sagen: Für HIV-positive Menschen ohne Krebs ist diese Behandlung viel zu riskant. Es gibt bewährte und sichere Alternativen - die wirksamen HIV-Medikamente.  Sie garantieren ein gutes Leben und eine Lebenserwartung, die der von Menschen ohne HIV entspricht.

Was lässt sich aus dem neuen Erfolg für eine breitere Therapie lernen?

Ein Aspekt der Therapie lässt sich nutzen, um weniger riskante Heil-Verfahren zu entwickeln, das Immunsystem wetterfest zu machen. Das heißt, statt fremde Stammzellen zu transplantieren, die eigenen Immunzellen von HIV-Patienten nach und nach unempfindlich gegen HIV zu machen. Indem man Immunzellen oder Stammzellen aus dem Knochenmark verändert – also z.B. mit Hilfe der CRISPR-Cas-Methode die molekulare Türklinke abmontiert, die das HI-Virus braucht. Dann gibt man die Zellen zurück. Und weil sie vor HIV geschützt sind, setzen sie sich langfristig durch. So sieht zumindest das Konzept aus. Ob es realistisch und sicher ist, wird zurzeit erforscht.