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StartseiteSprechstunde"Wir befürchten einen deutlichen Anstieg der Patientenzahl"16.02.2021

Intensivmediziner über Corona-Mutante"Wir befürchten einen deutlichen Anstieg der Patientenzahl"

Trotz sinkender Infektionszahlen wurde der Lockdown verlängert. Richtig so, findet der Intensivmediziner Christian Karagiannidis. Denn man müsse damit rechnen, dass wegen der britischen Mutante im zweiten Quartal die Patientenzahlen auf den Intensivstationen wieder deutlich steigen dürften, sagte er im Dlf.

Christian Karagiannidis im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Im Infektionszimmer für Covid-19-Patienten auf der Interdisziplinären internistischen Intensivtherapiestation (ITS) der Universitätsmedizin Rostock pflegt Uta Kautz einen Patienten im künstlichen Koma. Für die Mitarbeiter auf der Intensivstation ist nicht nur der psychische Druck groß, sondern auch die körperliche Belastung bei der Versorgung der Patienten. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Bernd Wüstneck)
Auch wenn die Zahl der Intensivpatienten deutlich gesunken ist, verharrt sie weiter auf sehr hohem Niveau. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Bernd Wüstneck)
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Die Lage auf den Intensivstationen sei trotz eines Rückgangs der Patienten mit einem schweren Covid-19-Verlauf weiterhin ernst. Außerdem könne noch nicht genau abgeschätzt werden, wie sich die britische Mutante genau auf das Infektionsgeschehen in Deutschland auswirken wird. Christian Karagiannidis, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters sowie Leiter des ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim, rechnet aber mit einem deutlichen Anstieg der belegten Intensivbetten im zweiten Quartal dieses Jahres.

Es werde zwar wahrscheinlich beim Rückgang der Infektionszahlen einen saisonalen Effekt im Frühjahr geben, der werde jedoch nicht allzu stark, sagte er im Deutschlandfunk. Aber eine wichtige Nachricht sei auch: Die Impfungen helfen gegen diese britische Mutante.

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Lennart Pyritz: Sind Sie aus intensivmedizinischer Sicht mit den Ergebnissen des Bund-Länder-Treffens zufrieden?

Christian Karagiannidis: Ja, wir sind wirklich zufrieden mit den Ergebnissen, weil es insbesondere jetzt nicht zu einer Wiedereröffnung gekommen ist auf noch einem relativ hohen Niveau in der Intensivmedizin. Wir haben immer noch über 3.000 Patienten mit einer COVID-19-Infektion auf den Intensivstationen liegen, in der Spitze waren es ja bis zu 6.000, und um das mal in Relation zu setzen: Die bisher stärkste Welle, die wir überhaupt hatten in der deutschen Intensivmedizin, war 2018 mit der Grippewelle, und da hatten wir in der Spitze auch ungefähr 3.000 Patienten. Das zeigt, wie stark wir im Moment auch noch belastet sind.

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Pyritz: Die Zahl der Patient*innen auf den Intensivstationen sinkt seit Januar kontinuierlich, können Sie schon festmachen, welche Maßnahmen in den vergangenen Wochen und Monaten tatsächlich dann einen entlastenden Effekt für die Intensivstationen gebracht haben?

Karagiannidis: Wir haben sehr ausführliche Berechnungen angestellt, auch mit Prognosemodellen, was jetzt wirklich was gebracht hat im Bezug auf die Intensivbettenbelegung, und mussten leider feststellen, dass dieser Lockdown light, den wir vor Weihnachten noch hatten – bis zum 16. Dezember ging der ja ungefähr –, dass der zwar das stark exponentielle Wachstum gebremst hat und wir nicht auf einen Schlag so viele Patienten auf der Intensivstation hatten, aber weiterhin dazu geführt hat, dass immer mehr dazugekommen sind und sich das Ganze nicht exponentiell fortgesetzt hätte. Erst dieser stärkere Lockdown, den wir dann seit dem 16. Dezember hatten, hat dann auch wirklich dazu geführt, dass die Zahlen runtergegangen sind.

Entspannung im Norden

Pyritz: Ist dieser Effekt eigentlich überall zu spüren, oder gibt es da nach wie vor Hotspots, an denen die Intensivstationen an der Grenze der Überlastung stehen?

Karagiannidis: Ja, wir haben insbesondere bei den großen Krankenhäusern in der Republik, vor allen Dingen in den Universitätskliniken und den Maximalversorgern, eine enorm hohe Belastung. Viele dieser Kliniken haben eine eigene COVID-19-Intensivstation aufgebaut, oder sagen wir mal mindestens eine sogar, und das Pflegepersonal insbesondere, die ja den ganzen Tag isoliert an den Patienten sind, sind insbesondere in diesen Kliniken ganz besonders stark belastet. Wir haben aber auch Regionen in Deutschland, und das ist insbesondere im Norden der Fall, wo die Zahlen am Anfang nicht so hoch waren und wo sie jetzt auch schnell wieder runtergegangen sind, sodass man da langsam auch von ein bisschen mehr Entspannung sprechen kann.

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Pyritz: Für große Bedenken sorgt ja derzeit trotz der insgesamt sinkenden Fallzahlen die Virusvariante aus Großbritannien, die sich auch in Deutschland schnell ausbreitet. Macht sich diese Entwicklung, zumindest regional, auch auf den Intensivstationen bemerkbar?

Karagiannidis: Wir haben jetzt hier in Köln die Situation, dass wir quasi aus dem Nichts heraus letzte Woche plötzlich 20 Prozent aller Virusnachweise mit Mutanten hatten, und zwar insbesondere mit der britischen Mutante, aber auch mit der aus Südafrika. Wir wissen im Moment noch nicht, ob sich das wirklich auf den Intensivstationen jetzt so stark bemerkbar macht, weil die Prozentzahl insgesamt noch relativ gering ist. Wir befürchten aber, nach dem, was wir mit unseren Prognosemodellen berechnet haben, dass sich insbesondere die britische Mutante sehr schnell durchsetzen wird und dass wir dann wahrscheinlich im April, Mai, Juni noch mal einen deutlichen Anstieg der Patientenzahl bekommen werden.

Impfen hilft

Pyritz: Beobachten Sie aus Ihrer Einschätzung heraus im klinischen Alltag Unterschiede im Krankheitsverlauf bei Intensivpatient*innen, die mit einer der neuen Virusvarianten infiziert sind?

Karagiannidis: Nein, im Moment ist es, glaube ich, zu früh, das zu beurteilen. Wir hatten einzelne Berichte aus England, wo man den Eindruck hatte, dass die britische Mutante vielleicht einen etwas schwereren Verlauf nehmen könnte als der Wildtyp, so richtig bestätigt ist das aber in anderen Studien bisher nicht. In Deutschland ist insgesamt die Fallzahl noch zu klein, als dass wir sagen könnten, dass die jetzt vielleicht doch ein bisschen schwerer krank macht als der Wildtyp. Ich glaube, die wichtigste Nachricht für uns alle ist, die Impfung hilft gegen die britische Mutante, das ist das A und O, und Abstand und Maskenpflicht hilft gegen jegliche Art der Mutation. Deswegen sind wir, glaube ich, wenn wir das einhalten, weiterhin gut geschützt.

Pyritz: Wie lange sollte der Lockdown aus Sicht der DIVI auch im Hinblick auf diese Virusmutanten, über die wir jetzt gesprochen haben, fortgesetzt werden, um die Intensivstationen vor einer Überlastung zu schützen?

Karagiannidis: Ich glaube, diese Frage ist enorm schwierig. Wir haben die Situation, dass wenn wir jetzt wieder öffnen würden zum 7. März und wieder in diesen Lockdown light zurückgehen würden, nach unseren Berechnungen damit zu rechnen, dass wir wieder bei mindestens 6.000 Intensivpatienten landen werden. Das ist was, was die Intensivmedizin im Moment, glaube ich, kaum verkraften würde, weil das Personal ohnehin schon extrem belastet ist und eine dritte Welle, glaube ich, für viele eine Überforderung darstellen würde. Was wir noch nicht gut voraussehen können, ist der saisonale Effekt. Der ist bei dem Coronavirus wahrscheinlich nicht ganz so hoch wie bei anderen Viren, sodass wir vielleicht 10 oder 20 Prozent weiter runterkommen durch besseres Wetter, aber insgesamt auch nicht mehr. Für uns in der Intensivmedizin gilt jetzt ganz entscheidend, wir gucken im Prinzip jeden Tag auf den R-Wert, und egal, was passiert, wir müssen mit der neuen Mutante mit dem R-Wert unter oder um 1 bleiben, damit wir nicht wieder in ein exponentielles Wachstum kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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