Montag, 05. Dezember 2022

Tolle Idee! Was wurde daraus?
Inventur tropischer Zecken in Deutschland

2019 hatten Wissenschaftler der Universität Hohenheim die Bevölkerung aufgerufen, exotische Zeckenarten einzusenden. Über 8000 Exemplare der krankheitsübertragenden Blutsauger gingen seitdem per Post ein. Die Analyse der Parasiten zeigt: Manche Arten sind weiter verbreitet und manche gefährlicher als gedacht.

Von Volker Mrasek | 12.04.2022

Die tropische Zecke Hyalomma (links) ist bis zu dreimal so groß wie ihr europäischer Verwandter, der gemeine Holzbock (Weibchen rechts, Männchen unten).
Die tropische Zecke Hyalomma (links) ist bis zu dreimal so groß wie ihr europäischer Verwandter, der gemeine Holzbock (Weibchen rechts, Männchen unten). (Universität Hohenheim / Marco Drehmann)
Einmal raus aus dem Institut und rund ums Gebäude in den Garten: Katrin Fachet läuft auf einen Gitterkäfig zu. Eigentlich ein Kompostbehälter, sagt sie: „Moment, ich mache mal auf.“ Den Boden des Käfigs bedeckt braunes Tongranulat. Darauf zwei kleine Boxen aus Plexiglas, die an der Seite mit Gaze verkleidet sind, damit die Tiere darin auch atmen können: "Da sind Zecken drin, die aus dem Mittelmeerraum kommen. Diese kleinen braunen, schwarzen Kügelchen, das sind die Zecken, die ich untersuche“, erklärt Katrin Fachet. Willkommen im Fachbereich Parasitologie der Universität Hohenheim, wo es ganz normal ist, dass man sich Blutsauger hinterm Haus hält.

Ein Zentrum der Zeckenforschung in Deutschland

Ende 2021 lief hier ein mehr als dreijähriges Projekt aus, an dem Katrin Fachet mitwirkte. Genauso wie Alexander Lindau, auch er Biologe und Leiter des Projektes. Es hieß schlicht „Tropenzecken“. Das Besondere daran: Die Hohenheimer Forschenden riefen die Bevölkerung in ganz Deutschland dazu auf, ihnen Zecken zuzuschicken. Und zwar solche, die irgendwie befremdlich aussehen und ganz anders als der Gemeine Holzbock, den fast jeder kennt.
Katrin Fachets Kollege Alexander Lindau legt eine davon auf einen Objektträger. Mit einer Stereolupe schaut er sich das Exemplar dann genauer an, um die Art der rund drei Millimeter langen Zecke zu bestimmen: „Das ist eine Buntzecke auf jeden Fall, eine männliche." Das Tier ist schwarz-weiß bis braun-weiß gefärbt und auffällig bunt. "Deswegen heißt die Buntzecke auch Buntzecke“, ergänzt seine Kollegin Katrin Fachet.

Mehr Rücklauf als erwartet - und neue Einwanderer

Im Labor gab es nach dem Aufruf zum Mitmachen im Jahr 2019 alle Hände voll zu tun. Mehr, als sich die beiden vorgestellt hatten. Heute freuen sie sich, wieviel Aufmerksamkeit das Projekt in der Öffentlichkeit bekommen hat und wie viele Menschen mitgemacht haben. Katrin Fachet: "Es waren über 8.000 Zecken, die wir untersuchen konnten." Damit habe man anfangs nicht unbedingt gerechnet, sagt Alexander Lindau.
„Citizen Science“ – so nennt man solche Projekte mit Bürgerbeteiligung. Das Hohenheimer kam nach zwei Aufrufen der Universität ins Rollen. Die Medien berichteten bundesweit darüber, auch der Deutschlandfunk. Am Ende weiß man nun mehr über eine Zeckenart, die neu bei uns aufgetaucht ist: Sie hat gestreifte Beine, ist auffällig groß, bewegt sich schnell und hat Augen. Ihr Name: Hyalomma. Einen Trivialnamen hat diese Art nicht. Die Zecke stammt aus dem Mittelmeer-Raum, ist rund dreimal so groß wie der Gemeine Holzbock und saugt bevorzugt das Blut von Pferden und Nutztieren, erklärt Katrin Fachet: „Wir haben aus fast jedem Bundesland eine Hyalomma eingeschickt bekommen. Eigentlich von ganz Deutschland. Deswegen haben wir eine neue Verbreitungskarte erstellen können."

Zugvögel und Nutztiere bringen exotische Zecken ins Land

Laut Alexander Lindau werden die meisten der Zecken wahrscheinlich mit Zugvögeln eingeschleppt: "Wenn man so die großen Vogelzugrouten, die über Deutschland führen, zugrundelegt und das mit den Einsendungsherkünften in Übereinstimmung bringt, dann passt das sehr gut zusammen. Aber die Zecken werden teilweise auch eingeschleppt mit Pferden, die aus dem Mittelmeerraum nach Deutschland kommen. Wir haben schon Berichte gehabt von Einsendern, die uns die letzte Zecke, die sie an ihrem Pferd gefunden haben, geschickt haben. Und die 200, die davor an dem Pferd hingen, haben sie entsorgt.“

Hyalomma ist dreimal größer als der Gemeine Holzbock

Fest eingenistet hat sich die Riesenzecke bei uns noch nicht. Das weiß Alexander Lindau jetzt: „Was man mit relativ hoher Sicherheit sagen kann, ist, dass die erwachsenen Zecken bei uns in Deutschland den Winter überleben können und im nächsten Jahr wieder aktiv werden können. Die früheren Entwicklungsstadien der Zecken, die Larven und die Nymphen, können das der aktuellen Erkenntnis nach nicht.
200 Hyalomma-Exemplare gingen in Hohenheim ein – rund zehnmal mehr, als man davor gefunden hatte: Das Einbinden der Bürger habe sich also gelohnt, bilanziert Ute Mackenstedt, Professorin für Parasitologie an der Uni Hohenheim: „Weil man eben halt über die interessierte Bevölkerung einfach auch andere Daten bekommt, als eine einzelne Arbeitsgruppe sie überhaupt erheben könnte.“

"Das Einbinden der Bürger hat sich gelohnt"

Weitaus häufiger als die Riesenzecke Hylomma steckten aber zwei einheimische Zeckenarten in den zugestellten Umschlägen und Päckchen: Auwald- und Schafzecke – insgesamt über 5000-mal. Ganz so überraschend ist das nicht. Beide Arten zählen zu den Buntzecken, und auch sie sehen anders aus als der gewöhnliche Holzbock. So hatte das Tropenzecken-Projekt letztlich einen unerwarteten doppelten Nutzen, so Ute Mackenstedt: „Aufgrund der Ergebnisse dieses Citizen-Science-Projektes können wir sagen, dass die Auwaldzecke in ganz Deutschland sehr weit verbreitet ist, auch im Norden Deutschlands, was wir bisher nicht wussten. So dass man davon ausgehen kann, dass nach dem Gemeinen Holzbock diese Auwaldzecke die Zeckenart ist, die am zweithäufigsten vorkommt.“
Im Labor steckt Alexander Lindau jetzt Auwaldzecken in die Schwingmühle: „Die werden so jetzt für 30 Minuten geschüttelt, weil das Exoskelett der Zecken extrem robust ist und wir wirklich die gesamte Zecke homogenisieren wollen und nicht nur Teile.“ Homogenisieren – das bedeutet nichts anderes als Zermalmen, um mögliche Kranheitserreger in der Zecke nachweisen zu können, anhand ihres Erbmaterials. 

Die heimische Auwaldzecke kann wohl auch FSME übertragen

Auch in dieser Hinsicht war das Projekt erhellend. Hyalomma-Zecken befallen neben Pferden und Nutztieren gelegentlich auch Menschen und können ein Virus übertragen, das das gefährliche Krim-Kongo-Hämorrhagische Fieber auslöst. In Spanien sind solche Fälle aufgetreten. In Hohenheim wurde der Erreger aber beruhigenderweise in keiner der eingeschickten Riesenzecken nachgewiesen.
Die Rolle der einheimischen Auwaldzecke dagegen muss man jetzt wohl überdenken. Bisher galt sie nur als Problem für Hunde, weil sie die bevorzugt sticht und mit Parasiten infizieren kann. Wie der Gemeine Holzbock können Auwaldzecken aber auch Viren in sich tragen, die FSME verursachen, eine Form von Hirnhautentzündung. Das sei seit kurzem bekannt, sagt Ute Mackenstedt: „Und es gibt auch die nachvollziehbare Annahme, dass die Auwaldzecke diese FSME-Viren auch in einzelnen Fällen auf den Menschen übertragen hat.“
Umso besser, dass man die Verbreitung der Auwaldzecke in Deutschland nun genauer kennt. Dank des Citizen-Science-Projektes und der Sammelleidenschaft vieler tausend Laien im Lande.