Mittwoch, 28. September 2022

Dritter Teil des IPCC-Berichts
So lässt sich der Klimawandel abmildern

Der Weltklimarat IPCC hat den dritten und letzten Teil seines neuen Sachstandsberichts zum Klimawandel veröffentlicht. Das Fazit: Die Lage ist sehr ernst, aber das 1,5-Grad-Ziel ist noch zu erreichen - vorausgesetzt, die ganze Welt denkt jetzt in der Klimapolitik radikal um.

05.04.2022

    Hellisheidarvirkjun, Island:  Anlage der Firma Carbfix, die CO2 abscheidet und es in Erdschichten pumpt, um es dort einzulagern
    Speichermöglichkeit: eine Anlage in Island, die CO2 abscheidet und unter die Erdoberfläche pumpt (picture alliance/dpa/MAXPPP | Olivier Corsan)
    Der Weltklimarat IPCC hat am 4. April den dritten und letzten Teil seines Berichts zum Klimawandel veröffentlicht. Während der erste Teil, veröffentlicht im August 2021, sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels befasste, ging es im zweiten Teil vom 28. Februar 2022 um die konkreten Folgen des Klimawandels für verschiedene Ökosysteme und Regionen sowie nötige Anpassungsmaßnahmen. Der dritte Teil befasst sich abschließend mit Maßnahmen, mit denen sich der Klimawandel und seine Folgen abmildern lassen.

    Was ist der Weltklimarat (IPCC)?

    Hunderte klimawissenschaftliche Institute und Forschungseinrichtungen gibt es auf der Welt – der Weltklimarat IPCC gehört nicht dazu. Der IPCC ist vielmehr eine Arbeitsgruppe der internationalen Gemeinschaft – mit dem Auftrag, das aktuelle Wissen der Welt zur Klimaerwärmung zusammenzutragen und aufzubereiten.

    Dafür sichtet und bewertet er Forschungsergebnisse aus aller Welt, ohne selbst zu forschen. Etwa alle sechs Jahre werden die Erkenntnisse gebündelt in den Weltklimaberichten veröffentlicht. Die Zusammenfassungen dieser Berichte werden von allen 195 Mitgliedsstaaten des Weltklimarates zusammen mit den Forscherinnen und Forschern Zeile für Zeile geprüft und genehmigt: ein weltweit abgesegnetes Dokument also.

    Was sind die Kernaussagen des dritten Teils des IPCC-Berichts?

    Kurz gesagt: Die Lage ist sehr ernst, aber nicht hoffnungslos. Im Durchschnitt lag der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen zwischen 2010 und 2019 so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Allerdings habe sich die Wachstumsrate verlangsamt. Mit den richtigen Richtlinien, neuen Technologien und passender Infrastruktur könne man die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduzieren, heißt es – „ein erhebliches ungenutztes Potenzial“.
    Die Begrenzung der Erderhitzung auf maximal 1,5 Grad ist nach Ansicht des Weltklimarats aber nur noch zu erreichen, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen sofort und drastisch verringert wird. „Wir sind an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, können eine lebenswerte Zukunft sichern“, erklärte der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee: „Wir haben die Werkzeuge und das Wissen, um die Erwärmung zu begrenzen.“
    Es seien mittlerweile Klimaschutzmaßnahmen, gesetzliche Regulierungen und Marktmechanismen bekannt, die effektiv seien, so Lee. "Wenn diese entsprechend skaliert und breiter angewendet werden, können sie tiefgreifende Einsparungen von Emissionen unterstützen und Innovationen ankurbeln." So seien etwa die Kosten für Solar- und Windenergie seit 2010 um bis zu 85 Prozent gesunken, was den Ausbau erneuerbarer Energien angekurbelt habe.
    Als entscheidend für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels gilt das Umsteuern im Energiesektor. Dazu gehört, erheblich weniger fossile Energieträger zu nutzen, den Verkehr und andere Sektoren weitgehend zu elektrifizieren, die Energieeffizienz zu verbessern und alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff zu nutzen.

    Wo sieht der IPCC-Bericht Chancen CO2 einzusparen?

    Industrie
    Auf den Industriesektor entfällt nach Angaben des IPCC etwa ein Viertel der weltweiten Emissionen. Deswegen müssten Netto-Null-Emissionen das Ziel sein. Dazu müssten Materialien effizienter genutzt werden, Produkte wiederverwendet und recycelt und allgemein Abfälle minimiert werden. Es gebe da bereits vielversprechende Ansätze. So laufen beispielsweise Pilotprojekte, um Stahl, Baumaterialien oder bestimmte Chemikalien treibhausgasarm oder sogar treibhausgasfrei zu produzieren. Das Ziel der Netto-Null-Emissionen zu erreichen sei eine gewaltige Herausforderung, die nur gelingen könne, wenn Produktionsverfahren emissionsarm würden und die benötigte Energie und der nötige Wasserstoff emissionsfrei erzeugt würden.
    Städte
    Städte und Ballungsräume bieten nach Auffassung des IPCC noch viele Möglichkeiten, Emissionen zu reduzieren. Wenn Städte kompakter gebaut würden und somit die Entfernungen geringer würden, könnte der Energieverbrauch in Städten sinken. Zudem schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, schneller auf Elektromobilität umzustellen und das mit erneuerbaren Energien zu kombinieren. Auch bei Neubauten gebe es noch viel Potenzial. "Wir sehen Beispiele für Null-Energie- oder Null-Kohlenstoff-Gebäude in fast allen Klimazonen", sagte der Co-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe Jim Skea: „Die Maßnahmen in diesem Jahrzehnt sind entscheidend, um das Klimaschutzpotenzial von Gebäuden auszuschöpfen.“
    Land- und Forstwirtschaft
    Land- und Forstwirtschaft spielt laut IPCC nicht nur bei der Reduzierung von CO2-Emissionen eine große Rolle, sondern kann auch bei Bindung und Speicherung von CO2 von großer Bedeutung sein. Ein natürlicher, nicht-technologischer Ansatz dies zu erreichen, ist beispielsweise die Renaturierung von Mooren sowie das Aufforsten von Bäumen und Pflanzen. Beides bindet Treibhausgase und säubert somit die Atmosphäre. Allerdings können Land- und Forstwirtschaft nicht die verzögerte Emissionssenkung in anderen Bereichen kompensieren, so der Weltklimarat.
    Es geht auch um besseres Management in der Landwirtschaft, erklärt der Leitautor des dritten Teils des IPCC-Sachstandsberichts, Alexander Popp im Dlf. Er ist Leiter der Forschungsgruppe zum Landnutzungsmanagement am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Politik müsse in Deutschland etwa auf einen effizienteren Einsatz stickstoffhaltiger Dünger hinwirken; das durch landwirtschaftliche Düngung entstehende Lachgas macht laut dem Forscher den größten Teil der Lachgas-Emissionen in die Atmosphäre aus.
    Bei der Wiederaufforstung verschwundener Wälder und Wiedervernässung trockengelegter Moore müsse man das "Zusammenspiel mit anderen Nachhaltigkeitszielen" beachten. Bei solchen Vorhaben sei auch Biodiversität wichtig, schnell wachsende Plantagen seien keine Lösung. Zudem müsse man aufpassen, dass die Konkurrenz mit anderen Flächennutzungen nicht allzu groß werde - denn dadurch könnten die Nahrungsmittelpreise steigen.

    Was kann jeder Einzelne tun?

    Der Weltklimarat hat auch untersucht, welchen Einfluss es hat, weniger Fleisch zu essen oder sich klimafreundlicher fortzubewegen - und kommt zu dem Schluss: Der Lebensstil und das persönliche Verhalten haben einen entscheidenden Einfluss.
    Der Leitautor des dritten Teils des IPCC-Sachstandsberichts Alexander Popp sagte im Dlf, dass es bei der Ernährung neben tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Butter auch andere Proteinquellen gebe. Er schlug eine "Rückkehr zum Sonntagsbraten" vor, also dass die Menschen insgesamt weniger Fleisch essen.
    Durch Lebensstiländerungen, etwa bei Mobilität, Wohnen, Ernährung, sagt die Klimawissenschaftlerin Sabine Fuss im Deutschlandfunk, könnten viele Emissionen eingespart werden. So seien Änderungen im Lebensstil auf verschiedenen Ebenen möglich: von der Bildung von Fahrgemeinschaften, über Videokonferenzen statt Geschäftsreisen bis hin zur Verwendung von Spararmaturen an Wasserhähnen und Duschköpfen.
    Allerdings brauche es hier die richtigen Politikinstrumente, nicht die Abwälzung der Verantwortung auf den Einzelnen, betonen die Autoren des IPCC-Berichts.

    Wovor warnt der zweite Teil des IPCC-Berichts?

    Die Klimaerwärmung wird nach Ansicht des Weltklimarats IPCC größere Folgen haben als bisher angenommen. Zu den bereits eingetretenen Folgen gehören Hitzewellen, aber auch eine Häufung extremer Wetterereignisse wie Starkregen und Stürme sowie der Anstieg des Meeresspiegels. Sie würden schlimmer, je wärmer es wird. Auch Dürren und Waldbrände würden laut IPCC als Folge stärkerer Hitze auf allen Kontinenten zunehmen.  
    In den kommenden zwei Jahrzehnten kämen bei einer Erwärmung um etwa 1,5 Grad große Risiken auf die Menschheit zu. Wenn die Erwärmung die 1,5 Grad zeitweise überschreite, wären die Folgen noch schlimmer und zum Teil nicht mehr rückgängig zu machen.

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    Auf welche Weise könnte der Klimawandel den Mensch direkt treffen?

    Das Ausmaß der genannten Wetterextreme sei in früheren Berichten noch unterschätzt worden und ihre Auswirkungen auf Menschen und Ökosysteme schwerwiegender als gedacht, heißt es im IPCC-Bericht. Die Klimaerwärmung betreffe auch die menschliche Gesundheit massiv: Durch Hitzewellen würden oft viele tausend Menschen sterben, Infektionskrankheiten könnten sich schneller ausbreiten. Die Versorgung mit Lebensmitteln werde weniger sicher. Auch die seelische Gesundheit vieler Menschen sei stärker gefährdet.
    Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit lebt in Regionen, die durch die Erwärmung stark gefährdet wären. Besonders gefährdet sind nach Ansicht des IPCC Länder, in denen die Klimaerwärmung auf verbreitete Armut, fragile Regierungen und eine wenig entwickelte Wirtschaft trifft. Dies sei in vielen Ländern Zentralafrikas der Fall, aber auch in Teilen Südostasiens und Lateinamerikas. Die Folgen der Erwärmung wären schlimmer, wenn Zerstörung von Naturressourcen wie Urwäldern dazu kämen.

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    Mit welchen Auswirkungen muss Europa rechnen?

    Für Europa hebt der IPCC-Bericht Risiken durch Überflutung von Küstenregionen, Stress und Sterblichkeit aufgrund von Hitzewellen, Wasserknappheit, Missernten und die Zerstörung von Ökosystemen an Land und im Wasser hervor. In Europa gehe die Erwärmung schneller voran als anderswo, die Anpassungsmöglichkeiten seien hier jedoch größer.
    Aufräumarbeiten in Rech im Ahrtal nach der Flutkatastrophe vom Juli 2021
    Aufräumarbeiten in Rech im Ahrtal nach der Flutkatastrophe vom Juli 2021 (picture alliance/ Zoonar)

    Warum ist die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze so wichtig?

    Die Vereinten Nationen hatten 2021 ihr Ziel bekräftigt, die Erderwärmung im Vergleich zum späten 19. Jahrhundert auf 1,5 Grad zu begrenzen, um katastrophale Folgen des Klimawandels zu verhindern. Schon bei einer Erwärmung um zwei Grad würde eine klimaverträgliche Entwicklung in manchen Regionen unmöglich, etwa weil in heißen und feuchten Regionen ein längerer Aufenthalt im Freien die Gesundheit zu stark belasten würde.
    Eine weitere Verzögerung des gemeinsamen Handelns würde dafür sorgen, dass sich das Zeitfenster für eine mögliche Anpassung schnell schließe, so Hans-Otto Pörtner, der Vorsitzende der Co-Vorsitzende der Arbeitsgruppe 2 des IPCC.
    Quellen: Georg Ehring, IPCC