Dienstag, 27. September 2022

Josef Reichholf über Wald und Klimawandel
Öffentliches Gut und Wirtschaftsraum

Der Wald muss für alles herhalten: als Klimaretter und grüne Kulisse, Erholungsgebiet und Holzlieferant. Der Ökologie-Experte Josef Reichholf unternimmt in seinem neuen Buch „Waldnatur“ Streifzüge durch den bedrohten Lebensraum und erklärt, wie wir den Wald trotz Klimawandels retten könnten.

Von Christina Janssen | 11.07.2022

Ein Portrait des Autors Josef H. Reichholf und das Cover von "Waldnatur. Ein bedrohter Lebensraum für Tiere und Pflanzen" vor Moosboden
Wald muss wachsen dürfen - Josef Reichholf setzt sich für den bedrohten Lebensraum ein (Buchcover oekom Verlag / Autorenportrait @ Miki Sakamoto)
Die Erfahrung haben vermutlich einige schon gemacht – allerdings ohne den Vorgang recht zu würdigen: die Attacke eines Schmetterlings beim Waldspaziergang. Es ist eines der schönen und kuriosen Details, mit denen Josef Reichholf seine Walderkundungen eröffnet.
„Der bräunliche, gelblich gefleckte Falter fliegt mir fast in die Nase. Kein Zweifel, er versucht mich zu vertreiben. Die Männchen des Waldbrettspiels wählen eine Strecke von ein paar Dutzend Metern als Revier. Sie fliegen in diesem in einem bis eineinhalb Meter Höhe und vertreiben andere Falter daraus. Zwischendurch, wenn die Luft noch kühl ist auch längere Zeit, sitzen sie auf einem Ästchen und halten Wache.“
Wer sich trotz des wagemutigen Angreifers tiefer in den Wald hinein wagt, erfährt Erstaunliches und Wissenswertes: zum Beispiel, dass eine Buche Sonnenbrand und Schnee Flöhe bekommen kann, wie der Sauerstoff überhaupt in die Erdatmosphäre kam, weshalb ein Waldbrand auch gut sein kann und warum es in Mitteleuropa keinen echten Urwald gibt. Er habe kein Lehrbuch schreiben wollen, sondern ein ganz persönliches, betont Josef Reichholf. Über weite Strecken gelingt ihm das auch. 

Wald ist oft eigentlich Forst

„Mitunter weiß ich nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Zählungen habe ich vor, Bestandsaufnahmen, um langjährige Entwicklungen verfolgen zu können. Aber dann singt plötzlich, früher als sonst, schon ein Fitis. Ich muss ihm zuhören, obwohl ich unzählige Male Fitisse singen hörte, muss dem Flug eines Zitronenfalters folgen, weil sein Gelb meinen Blick anzieht, wie das Liedchen des Fitis das Ohr.“
Eine schöne, schlichte Sprache schreibt der Autor; das Wissen nimmt man beim Lesen en passant mit. Doch ganz ohne Belehrung geht es natürlich nicht. Nach einem literarischen „Intro“ legt Reichholf mit Kapiteln zum Ökosystem Wald, zur Physiologie des Baumes, zu Blattstrukturen und Photosynthese die Basis für die kommenden Kapitel. Dabei schaut er zunächst auf das Ökosystem Wald insgesamt, dann auf die mikroskopisch kleinen Vorgänge, die ihn am Leben erhalten. Eine Welt voller Wunder – von der 5000 Jahre alten Borstenkiefer bis zu den winzigen Schneeflöhen, die bei Glatteisauf auf den Forststraßen ausrutschen.
Reichholfs Buch quillt geradezu über von Wissen. 30 Jahre lang lehrte er als Honorarprofessor an der TU München Gewässerökologie und Naturschutz. Zentrum seiner Betrachtung ist die Unterscheidung von Wald und Forst. Ein Forst, so Reichholf, sei nichts Anderes als eine „Produktionsstätte für Holz“. Dabei sei Wald doch so viel mehr:
„Neubildungsraum von Grundwasser, Quell von Oberflächenwasser, Mitgestalter des Regionalklimas, Luftfilter, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Rückzugsraum für gefährdete Arten, Erholungsraum für Menschen, Forschungsraum zur Vertiefung der Naturkenntnis und CO2-Speicher.“

Monokulturen und Erntemaschinen schaden dem Forst

All dies spiele im Forst, der 90 Prozent unserer Wälder ausmache, keine oder kaum eine Rolle, bedauert Reichholf. Er sagt: Nicht der Klimawandel ist das entscheidende Problem, sondern die Art und Weise, wie in den Forsten gewirtschaftet wird. Monokulturen schnellwachsender Fichten oder Kiefern werden an für diese Arten ungeeigneten Standorten gepflanzt, das macht sie anfällig für Insektenplagen, Trockenheit und Sturmwurf. Im Forst dürfen Bäume nicht altern, sobald sie „hiebreif“ sind, werden sie geerntet. Für die gigantischen Erntemaschinen, sogenannte Harvester, werden Schneisen kreuz und quer in den Wald geschlagen. Wildtiere wie Reh, Hirsch, Wildschwein, Fuchs, Marder oder Wiesel werden als Schädlinge betrachtet und bejagt. Am Beispiel Fuchs und Maus beschreibt Reichholf, wie dadurch ein gefährliches Ungleichgewicht entstehen kann:
„Die starke Ausdünnung des Fuchsbestandes, das Fehlen der Wildkatze und der Mangel an Bruthöhlen für Waldkäuze Strix aluco begünstigen die Mäuse, speziell die Rötelmäuse Clethrionomys glareolus.“
Mit direkten und sehr unangenehmen Folgen für den Menschen.
„Die Rötelmäuse tragen und verbreiten gefährliche Hanta-Viren. Und sie beherbergen die kleinen Larven der Zecken.“
Man bekämpft eine vermeintliche Plage (in diesem Fall den Fuchs) und erschafft dadurch eine neue – in Form von Zecken und all den Krankheiten, die sie übertragen. Eines der zahlreichen Beispiele, die verdeutlichen, warum der Lebensraum Wald geschützt, nicht genutzt gehört.

Öffentliches Gut und Wirtschaftsraum

Allerdings erliegt Reichholf in diesem Buch nicht der Versuchung, einseitig zu argumentieren. Er hat auch die Interessen der Holzwirtschaft im Blick. Natürlich, das weiß auch der Naturforscher, werden wir Holz als Rohstoff immer benötigen. Doch überließe man zumindest einen Teil der Wälder mehr sich selbst, und ja:  ließe sie auch mal brennen, dann wäre viel gewonnen: ein artenreicher, robuster Mischwald, der sich dynamisch entwickelt, sich an Hitze und Trockenheit besser anpassen und wieder ein Lebensraum für Hirsch, Fuchs und Luchs sein könnte.
„Öffentlicher Wald sollte öffentlichen Interessen dienen, nicht allein den holzwirtschaftlichen. Die Forderung ist daher sehr wohl angebracht, Staatswald grundsätzlich aus der Nutzung zu nehmen. Er sollte einfach weiter wachsen dürfen als Beitrag der Gesamtbevölkerung des betreffenden Landes gegen die Klimaerwärmung. […] Die Gesellschaft als Besitzer dieser öffentlichen Wälder kann und sollte dies auch mit Nachdruck fordern.“
Mit „Waldnatur“ hat Josef Reichholf nach „Flussnatur“ den zweiten Band seiner Natur-Trilogie vorgelegt. Auf rund 300 Seiten breitet er einen kostbaren Wissensschatz aus, ein Crashkurs in Ökologie. Das Buch bereichert die Debatte um Argumente, die nicht jedem gefallen dürften. Doch als dringender Appell an die gemeinsame Verantwortung aller sollten sie gehört werden. Auf Teil 3, die „Stadtnatur“, dürfen wir gespannt sein.
Josef H. Reichholf: „Waldnatur. Ein bedrohter Lebensraum für Tiere und Pflanzen“, Oekom Verlag, 320 Seiten. 24 Euro.