Donnerstag, 06. Oktober 2022

Buch über Afghanistan
Journalistin Waslat Hasrat-Nazimi: Hört den Frauen mehr zu

Vor einem Jahr gelangten die Taliban in Afghanistan wieder an die Macht. Vor allem für die Frauen hat sich dadurch das Leben verändert. Die afghanisch-stämmige Journalistin Waslat Hasrat-Nazimi nimmt das in den Fokus.

Von Michael Meyer | 08.08.2022

Das Buchcover von Waslat Hasrat-Nazimi: "Die Löwinnen von Afghanistan. Der lange Kampf um Selbstbestimmung“ neben einem Foto von Mullah Abdul Ghani Baradar und anderen Taliban
„‘Ich habe Angst, Baba‘, sagte ich leise. Vorsichtig schaute ich zu meinem Vater auf. Er musterte mich nur kurz und konzentrierte sich dann sofort wieder auf den holprigen Weg vor uns. Auf dem Arm trug er meine kleine Schwester, die tief und fest schlief und gar nicht mitbekam, welche gefährliche Reise wir gerade mitten in der Nacht unternahmen. Ich hingegen war hellwach und umklammerte die Hand meines Vaters. ‚Nein, hab‘ keine Angst‘, versuchte er mich zu beschwichtigen. ‘Weißt du nicht mehr? Wir haben vor nichts Angst, nur vor Gott.‘“
So beginnt Waslat Hasrat-Nazimi das erste Kapitel ihres Buches „Die Löwinnen von Afghanistan“. Die Flucht, die die Autorin beschreibt, ereignete sich vor dreißig Jahren, nachdem die russische Armee aus Afghanistan abgezogen war und die Mudschaheddin die Macht übernahmen – was Jahre später in die Herrschaft der Taliban münden sollte. Der Familie Hasrat–Nazimis gelang es unter einem Vorwand, über Usbekistan und die grüne Grenze schließlich nach Deutschland zu kommen.  Aus einem temporären Aufenthalt wurden Jahrzehnte.

Ein unverstellter Blick aufs Land

Das Buch ist aus dieser sehr persönlichen Sicht geschrieben, es ist gewissermaßen auch ein Abriss der Geschichte Afghanistans.  Die Autorin betont, dass sie ihre westliche, moderne Sicht auf die Lage in Afghanistan zwar nicht leugnen könne, aber sie wolle sich mit unverstelltem Blick gerade mit der Situation der Frauen in diesem Land befassen. Das gelingt ihr. Hasrat-Nazimi arbeitet dabei nicht mit Porträts einzelner Frauen, sondern beschreibt deren Selbstverständnis und ihren Kampf in thematisch gegliederten Kapiteln. Darunter leidet das Buch hier und da allerdings ein wenig, denn manche Aktivistinnen bleiben etwas blass – man würde gerne mehr erfahren.
Eine der im Titel erwähnten „Löwinnen“ ist ihre eigene Mutter, die sich Anfang der 90er-Jahre als Nachrichtensprecherin im staatlichen Fernsehen weigerte, einen Hijab zu tragen. Trotz großer Solidarität ihrer Kolleginnen wurde es ihrer Mutter nur kurzzeitig erlaubt, ohne Verhüllung zu lesen. Die Protestaktion, die sich in ähnlicher Weise an einem Tag im Mai dieses Jahres wiederholen sollte, war schon damals ein Akt großen Mutes, so schreibt die Autorin:
„Auch wenn dieser Sieg meiner Mutter nur von kurzer Dauer war, bewundere ich sie bis heute für ihre Tatkraft und ihre Courage. […] Immer wenn ich das Gefühl habe, nicht zu wissen, ob sich der Einsatz für die Werte, die ich vertrete, lohnt, denke ich an das, was meine Mutter im Alter von nur 28 Jahren erreicht hatte. Ich glaube, dass nicht mal ihr damals wirklich bewusst war, was ihre Rebellion in einem patriarchalen Land wie Afghanistan bedeutete. Nicht nur, dass sie mit einer Kündigung hätte rechnen müssen – eine solche Aktion hätte sie durchaus auch ihr Leben kosten können.“

Die westliche Darstellung muslimischer Frauen

Hasrat-Nazimi problematisiert in ihrem Buch auch die Sichtweise des Westens auf Afghanistan, auf die Länder des Orients allgemein. Durch eine allzu klischeehafte Sichtweise auf Frauen, die stets nur als Opfer des Patriarchats dargestellt würden, verfestigten sich im Westen Narrative. Und die würden den Frauen keineswegs helfen, so die Autorin. Die bildliche Darstellung, stets verhüllt und mit ängstlichen Blicken, tue ihr übriges. 
„Solche einseitigen, vereinfachten und platten Klischees, die nicht mal ansatzweise nuanciert oder differenziert die Realität in Ländern wiedergeben, die dem sogenannten Orient zugeschrieben werden, entwerfen ein ‚Wir-gegen-sie‘-Gefühl, das vor allem von Populistinnen und Populisten mit Kusshand aufgenommen wird und rassistische Narrative fördert. Ob das gezeichnete Bild der Wahrheit entspricht, ist oft nur nebensächlich.“
Die Autorin plädiert für eine differenziertere Sichtweise, die vor allem dadurch zustande kommen soll, dass man den Frauen selbst mehr zuhört. Was sind ihre Bedürfnisse? Ihre spezifischen Anliegen? Diese mögen zuweilen von westlichen Vorstellungen abweichen. Zugespitzt formuliert:  Einige Frauen betrachten sich nicht primär durch das Tragen einer Burka oder eines Hijab diskriminiert, sondern vor allem durch den Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe im Beruf, in der Politik, an Unis oder Schulen.  Und dennoch: Die Mehrheit der Frauen leide unter dem streng-religiösen Regiment der Taliban, schreibt Hasrat-Nazimi, und manche begehrten dagegen auf:
„Als das Taliban-Ministerium der Tugenden und Laster, das zuvor das Frauenministerium gewesen war, Anfang Januar 2022 Flyer in ganz Kabul mit Empfehlungen für eine korrekte Bekleidung für Frauen – die blaue Burka und den schwarzen Niqab – bepflasterte, begann die Stimmung überzukochen. Für viele Frauen in Afghanistan waren dies keine ‚Empfehlungen‘, sondern eine unausgesprochene Warnung. Sie fühlten sich an den Burkazwang in den 1990er-Jahren erinnert. Viele afghanische Frauen tragen heute freiwillig eine Burka, damit sie nicht so wie damals Schikanen der Religionspolizei der Taliban ertragen müssen.“

Es braucht ein neues Geschlechterverhältnis

Doch wie kann man den Frauen in Afghanistan von außen helfen? Das ist nur bedingt möglich, schreibt die Autorin, Werte wie Selbstbestimmung und Freiheit müssten in Afghanistan selbst verhandelt und erkämpft werden. Aktivistinnen wie Tafsir Sia Posh und Sotooda Forotan, die auch schon die direkte Konfrontation mit den Taliban gesucht haben, seien wichtige Stimmen. Auch sei es unerlässlich, die Kontakte ins Land nicht abreißen zu lassen, und gerade zivilgesellschaftliche Institutionen, vor allem Bildungseinrichtungen zu stärken. Und: Vor allem müsste das Geschlechterverhältnis neu ausgehandelt werden:  
„Toxische Männlichkeit ist ein treibender Faktor in der Konfliktsituation in Afghanistan, wenn es um die Zunahme von Gewalt gegen Frauen und die Verfestigung ungleicher Strukturen geht – und zwar im Allgemeinen wie im Besonderen. Alle Geschlechter leiden darunter.“
Waslat Hasrat-Nazimi: "Die Löwinnen von Afghanistan. Der lange Kampf um Selbstbestimmung“, Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 18 Euro.