Mittwoch, 17. August 2022

Wildkatzen-Art in Deutschland
Forscher: Genetische Vielfalt von Luchsen geht verloren

Der Bestand an Luchsen in Deutschland ist langfristig nicht gesichert, denn die genetische Vielfalt der Art nimmt ab. Luchs-Populationen müssten vernetzt werden, damit es zu einem Austausch im Genpool kommen könne, sagte Wissenschaftler Carsten Nowak im Dlf – beispielsweise durch weitere Ansiedlungen der Raubkatzen.

Casten Nowak im Gespräch mit Monika Seynsche | 14.07.2022

Eurasischer Luchs (Lynx lynx) mit zwei Jungtieren
Durch weitere Luchs-Populationen in Deutschland könnte Inzucht eingedämmt und genetischer Austausch gefördert werden (picture alliance / Imagebroker)
Luchse (Lynx lynx) leben in Deutschland hauptsächlich im Bayerischen Wald, im Harz oder Pfälzer Wald, wo sie gezielt wieder angesiedelt wurden. Doch der Bestand der Tiere mit den charakteristischen Pinselohren stagniert und könnte sogar gefährdet sein – denn die genetische Vielfalt der Art nimmt stetig ab.
Carsten Nowak ist Leiter einer Studie zur Zukunft von Luchsen des Senckenberg Forschungsinstituts. Da es in den jeweiligen Gebieten nicht viele Luchse gebe, entstünde bei der Fortpflanzung Inzucht, erklärte Nowak im Deutschlandfunk. Langfristig könne dies dazu führen, dass eine Population nicht mehr lebensfähig sei.
Das Problem entstehe auch dadurch, dass die Lebensräume der Luchse weit von einander entfernt lägen und durch Infrastruktur und Straßen abgetrennt seien. Dadurch würden die Tierpopulationen isoliert und könnten sich nicht austauschen.
Um dies zu verhindern, müssten die Luchs-Populationen in verschiedenen Gebieten miteinander vernetzt werden, sagte Nowak. Dazu könnten durch weitere Auswilderung von Luchsen sogenannte Trittsteine geschaffen werden. So könnte der Austausch zwischen den Tieren gefördert und genetische Vielfalt gesichert werden.

Das Interview in voller Länge:
Monika Seynsche: Hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?
Carsten Nowak: Es ist eigentlich gar nicht überraschend, dass die abnimmt, denn bei Wiederansiedlungen, so auch beim Luchs, ist es so, dass man eine begrenzte Anzahl an Tieren nimmt, die an einem anderen Ort aussetzt und die sich dann sozusagen sich selbst überlässt. Die können sich dann natürlich nur miteinander fortpflanzen. Bei den Luchsen in Deutschland ist es so, dass die im Bayerischen Wald zum Beispiel oder im Harz ausgesetzt wurden, und die benachbarten Populationen sind so weit weg, die leben also in Isolation voneinander. Das führt dazu, dass der Genpool, also die verschiedenen Varianten in der DNA in dieser kleinen Population sich nicht austauschen und sich nicht erweitern können. Ganz langsam geht genetische Vielfalt in solchen kleinen Populationen verloren, und die genetische Vielfalt wird also immer enger in diesen Populationen.
Ein Luchs beobachtet im Tierpark Wismar die Besucher.
Luchse in Deutschland leben isoliert voneinander – dadurch entsteht Inzucht (picture alliance / dpa-Zentralbild)
Seynsche: Welche Gefahren entstehen denn dadurch, dass die genetische Vielfalt abnimmt?
Nowak: Die größte Gefahr ist die Inzucht, weil in so kleinen Populationen ist es nicht zu vermeiden, dass sich Tiere mit verwandten anderen Tieren paaren, die Verwandtschaft nimmt auch immer weiter zu in jeder Generation. Das kann negative Konsequenzen haben, denn es reichern sich schädliche Merkmale, schädliche genetische Merkmale, Erbkrankheiten und so weiter, in der Population an und können immer häufiger werden. Langfristig kann das dazu führen, dass eine Population gar nicht mehr lebensfähig ist.

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Luchsbestände „langfristig miteinander vernetzen“

Seynsche: Das Auswilderungsprogramm der Luchse galt ja bislang als sehr erfolgreich. Bedeutet diese abnehmende genetische Variation, diese abnehmende genetische Vielfalt jetzt, dass es vielleicht doch in Gefahr ist, dass es scheitern könnte?
Nowak: Man muss die genetische Vielfalt auf jeden Fall im Auge behalten, das tun die Expertinnen und Experten auch. Es ist bekannt, dass diese isolierten Luchsvorkommen genetisch nicht besonders vielfältig sind, das bedeutet aber nicht, dass diese Populationen jetzt zum Aussterben verdammt sind. Die Luchse im Harz beispielsweise, die breiten sich trotz sinkender genetischer Diversität weiter aus, das ist also eine Erfolgsgeschichte. Was wichtig ist, ist, dass man diese Bestände langfristig miteinander vernetzt, sodass es irgendwann zum Austausch kommt. Sonst könnten tatsächlich negative Folgen drohen, und da hat man auch schon negative Erfahrungen aus anderen Regionen Europas gemacht.
Zwei spielende junge Luchse
Neuer Nachwuchs: Weitere Luchs-Auswilderungen könnten den Genpool der Art auffrischen (picture alliance / Bildagentur-online )

Brückenköpfe für Luchs-Populationen schaffen

Seynsche: Wie könnten sich solche Populationen denn vernetzen lassen? Sie sagten, die Tiere leben unter anderem im Bayerischen Wald und im Harz, das sind relativ weit voneinander entfernte Gebiete, mit sehr viel Infrastruktur dazwischen.
Nowak: Genau, und Luchse wurden auch im Pfälzer Wald ausgesetzt. Was wichtig ist, ist, dass man sogenannte Trittsteine schafft, dass man also noch weitere Luchse auswildert, noch weitere Populationen schafft, die beispielsweise zwischen den jetzigen etablierten Luchspopulationen liegen, sodass es zu einem Austausch kommen kann. In einigen Bundesländern plant man aktuell weitere Auswilderungen oder diskutiert das, wie beispielsweise in Thüringen, im Thüringer Wald, der auch sehr gut geeignet wäre. So könnten dann Brückenköpfe entstehen, die zu einer gewissen Vernetzung führen. Beim Luchs ist die Ampel für uns auf Gelb sozusagen, aber noch nicht auf Rot, wir wissen aber, wir müssen vernetzen, sonst ist es irgendwann auf Rot, und das ist auch in einigen Teilpopulationen in Europa schon der Fall. Wir sind da aber generell auf einem guten Weg, aber um der Verantwortung für diese streng geschützte wundervolle Art gerecht zu werden, müssen wir tatsächlich noch einige weitere Wiederansiedlungen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands vornehmen. Das Gute ist, dass es gar nicht so wahnsinnig viel Vernetzung braucht – wir Wissenschaftler nennen das Genfluss, also dass sich genetisches Material von einer Population zur anderen bewegt. Die grobe Faustregel ist: Ein einziges Tier, was pro Jahr oder pro Luchsgeneration sozusagen von einer Population in die andere kommt und sich fortpflanzt, reicht aus, um die genetische Diversität langfristig zu erhalten.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.