Samstag, 24. September 2022

Neues Wahlrecht in Alaska zu den Midterms 2022
Nur die beliebtesten Politiker machen das Rennen

Im November sind "Midterm Elections" in den USA. Der US-Bundesstaat Alaska hat parteiunabhängige Vorwahlen und ein Rangwahlsystem eingeführt: Die Macht der Parteien wird dadurch geschwächt, Kompromisse und moderate Kandidaten sollen gefördert werden.

Von Doris Simon | 15.08.2022

Der größte US-Bundesstaat hat sich per Volksentscheid ein neues Wahlrecht gegeben. Damit sollen bei den Wahlen im August mehr Kandidaten eine Chance bekommen. Mancher hofft auf weniger Konfrontation in der Debatte, aber es gibt auch scharfe Kritik.
Alaska hat eine parteiunabhängige Vorwahl und ein Rangwahlsystem eingeführt: Die vier Bestplatzierten nehmen dann an den Wahlen im November teil. (pa/AP/Mark Thiessen)
Die wildesten Wahlen in den USA finden in diesem Jahr in Alaska statt. Im November 2020 hatten sich die Wähler im nördlichsten Bundesstaat zeitgleich mit der Präsidentschaftswahl knapp für ein neues Wahlrecht entschieden, per Volksentscheid. Das Ziel der Initiative „Alaskans for better elections“ war eindeutig: Alaskas Bürger sollten mehr Mitsprache im Auswahlverfahren der Kandidaten bekommen, das vorher allein bei der Parteibasis lag. Zugleich sollte der oder die Wahlsiegerin durch eine breitere Zustimmung als bisher legitimiert werden.
Fast 60 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Alaska bezeichnen sich als parteipolitisch nicht gebunden. Und seit der Aufnahme Alaskas in die Vereinigten Staaten waren die Vertreter des nördlichsten US-Bundesstaates viele Jahrzehnte bekannt als Politiker der Mitte. Wenn es ihnen im Sinne Alaskas angebracht schien, arbeiteten sie bei Gesetzen durchaus mit dem politischen Gegner zusammen. Mara Kimmel ist die Vorsitzende der „American Civil Liberties Union“, die sich den Schutz der Rechte aus der amerikanischen Verfassung auf die Fahnen geschrieben hat. Sie erinnert sich gern an diese Zeit:

„Wir haben uns aufeinander verlassen, unabhängig von unseren politischen Überzeugungen. Es herrschte ein Ethos der Unabhängigkeit und gleichzeitig ein Bewusstsein für unsere gegenseitige Abhängigkeit, dass wir einander brauchen. Mit dem Älterwerden unseres Bundessstaats haben wir uns leider in einer Weise verändert, die den Rest des Landes widerspiegelt. Wir sind parteiischer geworden. Wir haben uns stärker in unsere Ecken zurückgezogen.“

Kompromisse und moderate Kandidaten fördern

Das zugespitzte politische Klima in den USA hat auch in Alaska die Politik und den Umgang miteinander verändert: in getrennten Vorwahlen wählte die Parteibasis immer häufiger Kandidaten, die radikaler und seltener bereit waren, Kompromisse zu schließen, wenn diese für politische Lösungen erforderlich gewesen wären. Für moderate Kandidaten wurde es gleichzeitig immer schwieriger, es auf den Wahlzettel zu schaffen. Scott Kendall ist der Kopf hinter „ranked choice voting“, dem neuen Wahlrecht. Der Rechtsanwalt aus Anchorage entwarf den Vorschlag der Initiative „Alaskans for better elections“. Nach der Annahme per Volksentscheid, wählen Alaskas Bürger nun erstmals nach dem neuen Recht.

„Im alten System hatten wir geschlossene Vorwahlen. Die Demokraten wählten die Demokraten, die Republikaner wählten die Republikaner. Und der Rest von uns, der nicht parteigebunden ist, musste aus diesen Möglichkeiten wählen. Der größte Teil dieser Reform besteht darin, dass alle an einer Vorwahl teilnehmen und die vier Erstplatzierten in die allgemeine Wahl gehen.“
Attorney Scott Kendall stands next to the State of Alaska certificate for the election reforms he helped author in a successful ballot initiative in Anchorage, Alaska, on Jan. 21, 2022. Alaska elections will be held for the first time this year under a voter-backed system that scraps party primaries and sends the top four vote-getters regardless of party to the general election, where ranked choice voting will be used to determine a winner. No other state conducts its elections with that same combination.
Der republikanische Anwalt Scott Kendall vor der Urkunde der Verfassungsinitiative für die Einführung eines Rangwahlsystems. Bei der parteiübergreifenden Vorwahl qualifizieren sich die vier Kandidaten mit den meisten Stimmen für die Wahl im November - per "Ranked Choice Voting". (pa/AP/Mark Thiessen)

Großer Wahltag in Alaska am 16. August

Am 16. August findet der erste Test statt für Alaskas neues Wahlrecht: mit Vorwahlen für politische Ämter von Gouverneur und Abgeordneten in der Landeshauptstadt bis hin zu Alaskas Sitz im US-Senat. Am selben Tag entscheiden Alaskas Wähler zudem in einer Sonderwahl, wer dem Republikaner Don Young ins US-Repräsentantenhaus nachfolgt, Young starb im Frühjahr nach 49 Jahren im Amt.

Mit dem neuen Wahlsystem kann jeder Alaskaner bei der Vorwahl antreten, ob parteipolitisch gebunden oder nicht. Für den freigewordenen Sitz im US-Repräsentantenhaus bewarben sich 50 Kandidatinnen und Kandidaten. Vier Bewerber kamen in die Endausscheidung, nachdem einer aus persönlichen Gründen zurückzog, stehen jetzt noch drei Kandidatinnen und Kandidaten auf dem Wahlzettel.

Rick Thoman freut sich auf den Wahltag - zum allerersten Mal, sagt der pensionierte  Meteorologe in einer kurzen Mittagspause auf dem Universitätscampus in Fairbanks:

„Mein ganzes Erwachsenenleben lang habe ich meist für das kleinere Übel gestimmt, oft gedacht, wen will ich absolut nicht gewählt sehen. Dies ist eine Chance, das zu ändern. Und jetzt muss ich mich nicht mehr nur für einen entscheiden. Ich kann die Sache mit der Rangliste machen, auf die ich sehr gespannt bin. Ich mache mir Sorgen, dass es für zu viele Leute zu verwirrend sein könnte und wir wieder zum alten System zurückkehren. Wir werden sehen, ob das passiert. Aber ich persönlich bin sehr begeistert. Ich denke, es ist ein großer Schritt nach vorn.“
U.S. House candidate Mary Peltola speaks with members of the audience at the conclusion of a U.S. House of Representatives candidate forum in Kenai, Alaska, on Aug. 3, 2022.
Kandidatin Mary Peltola spricht Anfang August mit Besuchern einer Veranstaltung zur Wahl zum US-Repräsentantenhaus in Kenai, Alaska. (pa/abaca/Marc Lester)

Alaskas Wähler nutzten ihre Chancen schon in den Vorwahlen

Schon in der Vorwahl für den Sitz im US-Abgeordnetenhaus wurde deutlich, dass Alaskas Wähler ihre Chancen nutzen und sich nichts vorschreiben lassen. Die meisten Stimmen bekam die frühere Gouverneurin Sarah Palin, die von Donald Trump unterstützt wird. Sehr zum Missfallen der republikanischen Partei in Alaska. Die wollte Nick Begich, einen konservativen Unternehmer, an erster Stelle sehen. Auch die dritte Kandidatin, die jetzt auf dem Wahlzettel steht, die Demokratin Mary Peltola, erhielt mehr Stimmen als der von ihrer Parteiführung favorisierte Bewerber.

Das sei ein gutes System, findet Ron aus Anchorage, man müsse mit der Zeit sehen, wie gut es funktioniere. Ron ist Republikaner, solange er denken kann. Der Endfünziger hat in Skiressorts, auf dem Bau und mit Obdachlosen gearbeitet. Von Nick Begich hält er nichts. Sarah Palin ist Rons Kandidatin:

„Sarah Palin, die lässt sich nichts gefallen. Sie hat ihr ganzes Leben lang hier gelebt. Sie ist hart genug. Ich glaube, sie wird eine Menge Gutes tun, wenn sie ins Amt kommt. Und ich glaube, die Menschen werden sich zu Wort melden und sie dort hinbringen.“
Sarah Palin, a Republican seeking the sole U.S. House seat in Alaska, addresses supporters Thursday, June 2, 2022, in Anchorage, Alaska, during an event that featured former President Donald Trump whose voice was heard over loudspeakers in a church gym. Palin is one of 48 candidates seeking to replace the late U.S. Rep. Don Young who died in March. The top four vote-getters from the June 11 special primary advance to the special election for the seat in August, where ranked choice voting will be used
Die republikanische Kandidatin Sarah Palin peilt auch 2022 erneut einen Sitz im Kongress an. Sie ist eine von 48 Kandidaten, die den im März verstorbenen Parteikollegen Don Young beerben wollen. Bei der parteiübergreifenden Vorwahl und dem sogenannten "Ranked-Choice-Voting" werden ihr gute Chancen eingeräumt. (pa/AP/Mark Thiessen)

Mit den Zweitstimmen kommen Kandidaten auch ans Ziel

Das wird sich am 16. August in der Nachwahl für das US-Repräsentantenhaus zeigen. Dann können Alaskas Bürger mit ranked choice voting erstmals ihre persönliche Rangliste der Kandidaten auf dem Wahlzettel festlegen. Sie dürfen jedem Kandidaten nicht mehr als eine Stimme geben, und können so viele Stimmen verteilen, wie Kandidaten auf dem Wahlzettel stehen. Vergeben Wähler nur eine oder zwei Stimmen und nicht alle, ist das auch in Ordnung.

Im neuen Wahlrecht Alaskas hat nicht nur die Erststimme Gewicht, also die Stimme, die die Wähler ihrem Favoriten geben. Die Zweitstimmen werden relevanter. Denn: Der Wahlsieger muss mindestens 50 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen.
Die Stimmen für die anderen Kandidaten, also die Zweitstimmen auf diesen Wahlzetteln, gehen aber nicht verloren. Der Kandidat mit den jeweils wenigsten Erststimmen scheidet aus, aber die zweiten Stimmen, die dessen Wähler anderen Kandidaten gegeben haben, werden auf die angekreuzten Namen verteilt und zu deren Erst-Stimmen addiert. Der Vorgang wird so oft wiederholt, bis ein Bewerber die absolute Mehrheit hat. Es gewinnt also womöglich am Ende nicht der, der – relativ gesehen - zunächst die meisten Stimmen hatte. Eine gute Lösung, findet Francis, die in Anchorage im Bereich erneuerbarer Energien arbeitet.

„Wir hatten hier viele radikale Kandidaten, und früher hat vielleicht einer mit nur 30 Prozent der Wählerstimmen gewonnen. Die Ranglistenwahl wird das hoffentlich verhindern. Der Kandidat, der die zweite Wahl von Vielen ist, bekommt zwar nicht die Mehrheit der Erststimmen, aber er ist zumindest die zweite Wahl von allen. Ich bin davon begeistert! Einen Kandidaten ins Rennen zu schicken, der mehr Leute begeistert, auch wenn er nicht ihre erste Wahl ist.“
Kelly Tshibaka stands with President Donald Trump during a Save America rally in Anchorage, Alaska Saturday July 9 2022. Kelly, who is endorsed Trump, is running for Alaska's senate seat against incumbent Sen. Lisa Murkowski. (Credit Image: © Al Grillo/ZUMA Press Wire Service/ZUMAPRESS.com
Ex-Präsident Donald Trump unterstützt die republikanische Kandidatin Kelly Tshibaka (l.) - nicht ganz uneigennützig - gegen Alaskas US-Senatorin Lisa Murkowski, die als eine von sieben Republikanerinen mit den Demokraten im Impeachment-Prozess für eine Verurteilung Trumps gestimmt hatte. (pa/ZUMAPRESS/Al Grillo)

Selbstverwirklichung und ein höheres Maß an Eigenverantwortung

Dass ausgerechnet Alaskas Bürger für ein neues Wahlrecht gestimmt haben, das ihnen mehr Wahlmöglichkeiten einräumt, liegt nicht nur an der großen Zahl parteipolitisch ungebundener Wähler. Der zweitjüngste und größte US-Bundesstaat bietet grandiose Natur und viele Ressourcen, die dem Einzelnen ein großes Maß an Selbstverwirklichung ermöglichen. Das Leben in Alaska fordere aber zugleich ein höheres Maß an Eigenverantwortung, erläutert Ashley, die lange in Australien gelebt hat:

„Du wirst im Schnee stecken bleiben. Du musst dich selbst befreien oder jemanden anrufen. Mitten im Winter wird der Strom ausfallen. Also braucht man einen Holzofen. Du musst das Holz fällen und stapeln. Wenn man in einer Großstadt lebt, hält man Dinge wie Strom und Wasser für selbstverständlich. Viele Menschen in Alaska leben in Trockenhütten. Sie haben kein fließendes Wasser. Sie haben ein Plumpsklo. Das ist eine Lebensweise, die viele Leute nicht kennen. Ich glaube, das macht die Menschen in Alaska unabhängig.“

Und das ist den meisten Menschen hier im Nordwesten der USA wichtiger. Ron kam vor drei Jahrzehnten aus Arizona nach Anchorage. Er will nie wieder irgendwo anders leben als in Alaska.

„Die Leute gehen mit Äxten durch die Straßen, mit Messern. Du kannst in eine Bar gehen und die Leute haben Waffen im Halfter. Dies ist ein ziemlich freier Staat. Für mich ist Freiheit das Recht, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.“

Trotz Einschränkung ist die Briefwahl in Alaska erlaubt

Weil Alaska so groß ist und viele Menschen weit weg vom nächsten Wahllokal leben, erlaubt der Bundesstaat seinen Bürgern die Stimmabgabe per Briefwahl. Das ist im Jahr 2022 eher ungewöhnlich in einem republikanisch regierten US-Bundesstaat: Seit Donald Trumps Lüge, ihm sei 2020 durch Wahlbetrug der Sieg in der Präsidentschaftswahl gestohlen worden, ist vielerorts in den Vereinigten Staaten die Briefwahl drastisch eingeschränkt worden.

Alaska bringt Charaktere hervor, die vieles sind, aber so gut wie nie stromlinienförmig. Gart, der mit seinem Wassertaxi Menschen und Waren über die Katchemak Bay südlich von Anchorage transportiert, erzählt von seinem Nachbarn:

„Der ist ein sehr liberaler Typ, politisch weit links, und gleichzeitig ein Waffennarr, einer, der dauernd auf dem Schießstand ist. Oder diese wirklich konservativen Fischer, die sich sehr für Umweltschutz engagieren, weil da ihr Lebensunterhalt dranhängt und die gegen den Erzabbau flussaufwärts sind, wo ihre Fischgründe sind.“

Pro Kopf 1.144 Dollar Dividende aus Öl- und Gassteuern

Und dann der „Permanent Fund“: Jedes Jahr schüttet der Staatsfonds, gespeist aus Öl-und Gassteuern, eine Dividende an jeden aus, der ein Jahr auf dem Gebiet des Bundesstaates gelebt hat. Im letzten Jahr gab es pro Kopf 1144 Dollar. Das alles sei schon recht widersprüchlich, räumt Mara Kimmel von der „Civil Liberties Union“ ein:

„Wir sind eine Art sozialistische Libertäre, denen es wurscht ist, wie man Dinge woanders macht. Aber wir wollen unbedingt jedes Jahr unseren Scheck vom Permanenten Fonds. Es ist eine ziemlich interessante Mischung von Persönlichkeiten, die wir jeder in uns vereinen.“

Genau das will das neue Wahlrecht besser abbilden. Gart hat von „ranked choice voting“ gehört, er geht immer zur Wahl. Aber was das neue Wahlrecht für ihn genau bedeutet, weiß er nicht:

„Ich habe das noch nicht verstanden. Ich habe ein Flugblatt auf meinem Schreibtisch. Es liegt da, und ich muss es lesen und herausfinden, was zum Kuckuck ich tun soll.“

Kritiker an der Ranglistenwahl

Suzanne Downing schüttelt den Kopf auf die Frage nach Alaskas neuem Wahlsystem: Sie findet es mit Blick auf diesen großen Bundesstaat mit seiner geringen Bevölkerungsdichte unverständlich, unnötig, einfach furchtbar, so wie viele Leser und Autoren ihrer Webseite „MustreadAlaska“.

„Konservative, mit denen ich gesprochen habe - und ich bin in diesem Milieu zuhause- sind mit diesem Wahlrecht, diesem Ranglistensystem, nicht so glücklich. Sie halten es für kompliziert, und sie haben Recht.“

Es sei zudem völlig sinnlos, glaubt die einflussreiche Konservative: In 19 Wahlkreisen für Alaskas Repräsentantenhaus gebe es nur zwei Bewerber, in neun weiteren sogar nur einen einzigen Kandidaten.

„Auf dem Land ist es von vornherein schwer, Kandidaten aufzustellen. Daher ist diese ganze Ranglistenwahl für den größten Teil Alaskas lächerlich, und sie wird bei fast keiner Entscheidung Wirkung zeigen, außer für die Sitze in Washington und für das Amt des Gouverneurs von Alaska.“
Brochures are displayed at the Alaska Division of Elections office in Anchorage, Alaska, detailing changes to elections this year on Jan. 21, 2022. Alaska elections will be held for the first time this year under a voter-backed system that scraps party primaries and sends the top four vote-getters regardless of party to the general election, where ranked choice voting will be used to determine a winner. No other state conducts its elections with that same combination.
Alaska führt ein neues Wahlsystem ein: In einem Wahllokal in Anchorage werden die Veränderungen detailliert erklärt. Erstmals können Wähler bis zu vier Stimmen vergeben - viele hoffen auf bessere Chancen für moderate Kandidaten. wer die meisten auf sich vereint. (pa/AP/Mark Thiessen)

Republikaner besetzen seit Jahren Mehrheit der politischen Ämter

Für Suzanne Downing richtet sich das neue Wahlrecht ganz klar gegen Alaskas Republikaner, die seit Jahren die Mehrheit der politischen Ämter besetzen. Denn nun kann auch jemand gewinnen, der nicht die meisten Erststimmen erhält. Wenn sie oder er viele Zweitstimmen bekommen von Wählern anderer Kandidaten, die dann ausscheiden, werden diese wie Erststimmen gezählt. Suzanne Downing findet, damit würden Alaskas Wahlen und Wähler ausgetrickst:

„Dies ist ein Weg, das System so zu manipulieren, dass die Mehrheit nicht unbedingt gewinnen kann. Und es sieht so aus, als ob dies bei einigen der Entscheidungen der Fall sein könnte.“

Suzanne Downing, die Herausgeberin der Internet-Seite „MustreadAlaska“ fürchtet, dass republikanische Wähler das System, wie sie es nennt, nicht durchschauen.

Die einflussreiche Konservative hält nichts von Palin, so wie die meisten Bürger in Alaska. Downing unterstützt den Geschäftsmann und Wunschkandidaten der Parteispitze, Nick Begich, einen Republikaner eher klassischen Typs. Sehr klug und sehr konservativ, schwärmt sie. Downing fürchtet, dass Wähler wie Ron die Möglichkeiten des neuen Wahlrechts nicht nutzen und nicht taktisch wählen – mit Zweitstimme für den Republikaner Begich:

„Sie wollen dieses Spiel nicht spielen. Sie wollen wählen, wen sie wählen wollen. Und genau das werden sie auch tun. Sie werden für Palin stimmen und wieder gehen.“

Kritik am früheren Wahlsysten

Suzanne Downing sieht auch einen sehr persönlichen Grund für das neue Wahlrecht: Scott Kendall, der Initiator des Volksentscheids, habe alles getan, damit seine alte Chefin, Alaskas US-Senatorin Lisa Murkowski, im November eine Chance auf Wiederwahl habe. Kendall selbst streitet nicht ab, dass es ihm bei der Kampagne für bessere Wahlen auch um die populäre US-Senatorin ging. Die moderate Republikanerin Murkowski hat für Bidens Infrastrukturpaket und für Trumps Amtsenthebung gestimmt, sie hätte in einer rein republikanischen Senats-Vorwahl keine Chance gehabt. Das sei Teil des Problems, sagt Scott Kendall: Das bisherige Wahlsystem habe Politiker bestraft, die nach Ausgleich und Lösungen suchten.

„In diesem Bundesstaat gibt es immer wieder sehr beliebte Amtsinhaber, die in einer knappen Vorwahl verlieren, bei der sie von fünf oder 6 Prozent ihrer Wählerschaft abgewählt werden, obwohl sie bei der gesamten Wählerschaft recht beliebt sind.“

Im alten System habe man einen Anreiz, nichts zu erreichen und auf die anderen zu zeigen, wenn sie versagten.

„Auf diese Weise wird man für immer wiedergewählt. Man würde nie etwas zustande bringen, aber man wird für immer wiedergewählt. Aber wenn man über den Tellerrand schaut und etwas erreicht, wie Senatorin Murkowski, dann wird man in Vorwahlen abgeschossen.“

Scott Kendall, der früher Republikaner war und sich jetzt als Unabhängigen bezeichnet, sieht es so: US-Bundesstaaten würden nur deshalb als republikanisch rot oder demokratisch blau gelten, weil Amerikaner nie eine echte Wahl hätten.

„Immer nur diese Entscheidung zwischen zwei Optionen. Was wäre, wenn sie ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten zur Auswahl hätten und sich für Erwachsene entscheiden und Leute wählen könnten, die einfach ihre Arbeit erledigen?“
Sen. Lisa Murkowski, R-Alaska, speaks during a hearing on Capitol Hill in Washington, on June 17, 2021. Murkowski continues to have a substantial cash advantage over her opponent backed by former President Donald Trump, who has vowed revenge on the incumbent Alaska Republican. Murkowski brought in more than $1.5 million in the three-month period ending March 31, 2022, according to Federal Election Commission filings. The quarterly reports were due Friday, April 15. Murkowski ended the quarter with $5.2 million cash on hand with no debt. (Evelyn Hockstein/Pool Photo via AP, File)
Die republikanische Senatsfraktion unterstützt nicht die Trump-Favoritin für Alaska, sondern die amtierende Senatorin Lisa Murkowski. Diese hatte für ein Impeachment gegen Trump gestimmt. (pa/AP/Evelyn Hockstein)

Peltolas Credo: Ausgleichende Politik für Alaska in Washington

Die Demokratin Mary Peltola bewirbt sich wie die Republikaner Sarah Palin und Nick Begich um den Sitz Alaskas im US-Repräsentantenhaus. Sie ist die am wenigsten bekannte Politikerin unter den dreien, aber manche sehen in der Demokratin vom Stamm der Yup´ik die heimliche Favoritin, die stark von Zweitstimmen profitieren könnte. Zehn Jahre lang hat sie ihre Heimat Bethel im Westen Alaskas als Abgeordnete vertreten, die Region ist nur mit dem Flugzeug oder über den Kuskokwim-Fluss zu erreichen. Off the road heißt das in Alaska, und es bedeutet: mehr Armut und Bildungsarmut, weniger Entwicklungsmöglichkeiten, oft Versorgungsprobleme.

„Damals war ich acht Jahre lang Vorsitzende einer Koalition von zehn der 40 Abgeordneten des Repräsentantenhauses, und wir nannten uns die „Busch-Fraktion“, die Abgeordneten des Off-Road-Systems. Wir waren fünf Republikaner und fünf Demokraten und haben uns dafür eingesetzt, dass nicht nur unsere Bezirke versorgt wurden und unsere Investitionsprojekte. Wir haben uns wirklich für den gesamten Bundesstaat eingesetzt, weil wir sehr gut verstanden, wie sehr wir als Bürger Alaskas alle miteinander verbunden sind.“

Konsequenzen des Zweitstimmen-Prinzips

Das Klima in Alaskas Politik sei feindlicher geworden in den letzten Jahren, sagt die Demokratin. Peltola hat den Ruf, sich ihre Politikerkollegen eher zu Freunden als zu Feinden zu machen und hat gute Beziehungen in die republikanische Partei. Sarah Palin kennt sie noch aus der Zeit, als beide kleine Kinder hatten. Das neue Wahlrecht sieht die demokratische Kandidatin auch als Wegbereiter eines neuen Umgangs der Politiker in Alaska untereinander, insbesondere in den Debatten vor der Wahl: Die seien nicht mehr so bösartig.  

„Ich will sicherstellen, dass ich die Zweitstimmen von Sarah Palin oder Nick Begich bekomme. Und Begich und Palin werben umgekehrt um die Zweitstimmen meiner Wähler. Das macht es viel weniger attraktiv, den Gegner anzugreifen, was ich sehr schätze.“
Jul 9, 2022 - Anchorage, Alaska, USA - Former Alaska Governor and Vice President candidate Sarah Palin stands with President Donald Trump during a Save America rally. Palin, who is endorsed by President Donald Trump, is running for Alaska's congressional seat left vacant by the death of Congressman Don Young. (Credit Image: © Al Grillo/ZUMA Press Wire Service/ZUMAPRESS.com
Ex-Gouverneurin und Vize-Präsidentschaftskandidaton Sarah Palin mit Ex-Präsident Donald Trump am 9. Juli 2022 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Anchorage. (pa/ZUMAPRESS/Al Grillo)

Rangwahlsystem auf Probe

Jetzt also geht das neue Wahlsystem in den ersten Testlauf, mit Vorwahlen für politische Ämter und der Nachbesetzung für das US-Repräsentantenhaus. Nach einer Frist könnte das Parlament von Alaska das Ranglisten-Wahlsystem bereits im nächsten Frühjahr wieder abschaffen. Die demokratische Kandidatin Peltola hofft, dass die Wählerinnen und Wähler zufrieden sind mit ihren neuen Wahlmöglichkeiten und dies auch den frischgebackenen Abgeordneten klarmachen. Alles, was wegführe von der giftigen politischen Konfrontation sei gut, sagt Mary Peltola. Die Menschen hier wollten Lösungen und Fortschritte sehen:

"Ich glaube, dass es in Alaska einen Hunger nach Führungspersönlichkeiten gibt, die sich nicht gegenseitig zerfleischen und niedermachen, sondern sich um politische Maßnahmen und Lösungen bemühen und einfach für die Menschen in Alaska arbeiten."