Samstag, 26. November 2022

Klimawandel und Migration
Ein Plädoyer für mehr Verantwortung der Industriestaaten und den "Klimapass"

In Folge der Erderwärmung werden immer mehr Menschen ihre Heimat verlieren. Bislang sind Klimaflüchtende rechtlich kaum abgesichert. Die Klimaforscherin Kira Vinke nimmt in ihrem Buch „Sturmnomaden“ die Industriestaaten in die Pflicht.

Von Anne-Kathrin Weber | 17.10.2022

Kira Vinke und ihr Sachbuch "Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt"
In "Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt" nimmt Kira Vinke die westlichen Industriestaaten als Verantwortliche der Erderwärmung in die Pflicht. (Buchcover: dtv, Hintergrund: Gerda Bergs)
Khulna ist die drittgrößte Stadt in Bangladesch. Einer, der in den Slums am Rande der Stadt lebt, ist der ehemalige Fischer Abir:
„Abir ist 30 Jahre alt. Die harte körperliche Arbeit hat ihn ausgezehrt. […] Der Sturm ‚Aila‘ zerstörte seine kleine Hütte und das umliegende Land, das er bewirtschaftete. Alles haben die Fluten mitgerissen. Daraufhin zog er in Richtung Khulna und hauste die ersten Monate irgendwo am Rande eines Flusses. Dann kam er in einem Slum unter. Weil er die Miete für die ärmliche Bleibe nicht bezahlen konnte, zog er in das nächste Elendsviertel.“
Mit ihrem Buch „Sturmnomaden“ möchte die Klimaforscherin Kira Vinke all jenen eine Stimme verleihen, die – wie der Bangladescher Abir – aufgrund der Folgen der Klimakrise gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, und oft tagtäglich ums Überleben kämpfen. Und das nicht nur in Bangladesch, sondern beispielsweise auch in Burkina Faso, in Äthiopien, auf den Philippinen, den Marshallinseln im Nordpazifik oder der als „Kleine Antillen“ bezeichneten Inselkette in der Karibik:
„Viele von ihnen sind zu heimatlosen Wanderern geworden, deren Zuhause zerstört wurde und deren Zukunft ungewiss ist – auch weil zunehmende Stürme, Dürren und Überflutungen sie wiederholt vertreiben könnten. Diese ‚Sturmnomaden‘ haben die Schäden, die sich aus der Atmosphäre auf unsere Lebenswelten niedergeschlagen haben, unmittelbar vor Augen.“

Klimakrise kein anerkannter Fluchtgrund

Die Klimakrise ist zwar laut Vinke noch nicht der dominierende Faktor dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen – „Menschen migrieren aus vielerlei Gründen: etwa, weil sie nach besseren Arbeitschancen suchen, weil der Bevölkerungsdruck zunimmt oder auch wegen familiärer Schwierigkeiten – doch können Klimafolgen auf bestimmte Treiber von Migration Einfluss nehmen, etwa wenn Stürme und Fluten die Ernten von Kleinbauern zerstört haben oder Hitzewellen die Arbeit unter freiem Himmel unerträglich machen.“
So würde die Erderwärmung indirekt eben doch zu einem Fluchtgrund. In den bestehenden völkerrechtlichen Vereinbarungen ist die Klimakrise laut Vinke allerdings kein legitimer Grund, um in einem anderen Land eine Bleibeberechtigung zu erhalten. Hoffnung gibt es laut der Autorin aber dennoch – sie benennt lokale Vereinbarungen über Fluchtursachen, die für internationale Abkommen übernommen werden könnten:
„Die von lateinamerikanischen Staaten vereinbarte Cartagena Declaration von 1984 etwa fasst den Begriff des Flüchtlings weiter als die Genfer Konvention und bezieht Situationen als Fluchtgrund ein, in denen die öffentliche Ordnung schwer kompromittiert ist. […] Auch im Kontext des Klimawandels könnte sie ihre Relevanz entfalten.“
Die westlichen Industriestaaten verursachen die allermeisten gravierenden Klimaschäden, unter denen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern leiden. Und doch entziehen sich laut der Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik viele ihrer ethischen Schutzverantwortung. So seien sie bislang kaum dazu bereit, Ausgleichzahlungen für die von ihnen verursachten Schäden zu zahlen – oder eben Klimaflüchtlinge aufzunehmen.

Würdevolle Migration ermöglichen

Mit dieser Verantwortungslosigkeit schadeten die Industriestaaten letztlich auch sich selbst, schreibt die Autorin. Denn auch wenn viele „Sturmnomad:innen“ an einen anderen Ort innerhalb des eigenen Landes flüchteten oder sich in benachbarten Entwicklungs- und Schwellenländern ein neues Dasein aufbauten, wird Migration laut Vinke zu einem, Zitat, „unausweichlichen Mittel der Anpassung“ werden. Es gelte es daher, diese Fluchten gezielt zu organisieren und zu begleiten:
„Während strategisch geplante Migration häufig zu positiven wirtschaftlichen Effekten für Migrant:innen, Empfänger- und Sendegemeinden führt, ist Ad-hoc-Migration als letzte mögliche Reaktion auf den Klimawandel oft nachteilig für Betroffene und aufnehmende Kommunen. Um leidgetriebene Überlebensmigration zu vermeiden, ist politisches Handeln zur Unterstützung und Legitimation von Migration als Anpassungsstrategie notwendig.“
Eine solche unterstützende Maßnahme ist laut Vinke der sogenannte „Klimapass“, für den sich die Autorin engagiert – ein Reisedokument, das es Klimaflüchtenden ermögliche, sich im Notfall in Sicherheit zu bringen, auch über Landesgrenzen hinweg.
Kira Vinke ist es hervorragend gelungen, über ein Thema zu schreiben, das zunehmend politisch instrumentalisiert und medial inszeniert wird. Stimmig verwebt die Autorin darin Einzelschicksale und übergeordnete Analyse, die fakten- und lösungsorientiert ist. Gleichzeitig betont sie mit gebührendem Pathos die monumentale Verantwortung, die die Industriestaaten für die Zukunft der Menschheit auf der Erde tragen – Verantwortung dafür, den Klimawandel dort zu stoppen, wo es noch möglich ist, und anderswo dafür zu sorgen, dass Menschen sich ein neues Leben aufbauen können – in Sicherheit und, vor allem, in Würde.
Kira Vinke: „Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt“
Dtv, 320 Seiten, 23 Euro.