Mittwoch, 05. Oktober 2022

Attraktivität in der Politik
Warum wir eher schöne Politiker und Politikerinnen wählen als kompetente

Sachkenntnis und Verhandlungsgeschick, dazu noch Ehrlichkeit und Lernbereitschaft - das wären ideale Eigenschaften für Führungspositionen in der Politik. In der Wahlkabine lassen wir uns aber offenbar immer wieder von etwas ganz anderem blenden: Vom schönen - oder vielmehr; vom geschönten Schein.

Von Mirko Smiljanic | 14.07.2022

Bundesaußenministerin Baerbock steht zwischen ihren Amtskollegen Blinken aus den USA und di Maio aus Italien.
Politikerinnen und Politiker stehen ständig in der medialen Öffentlichkeit - wer dabei "Bella figura" machen kann, profitiert bei den Wählern (dpa/ John MacDougall)
Annalena Baerbock und Emmanuel Macron zählen zu einer neuen Generation von Politikerinnen und Politikern: jung, dynamisch, durchsetzungsfähig - und attraktiv. Den letzten Punkt unterschreibt vielleicht nicht jeder oder jede, Baerbock und Macron unattraktiv zu nennen, wäre aber wohl falsch. Was aber hat diese Kategorie überhaupt hier zu suchen? In Zeiten von MeToo und ständiger Gefahr sexistischer Übergriffe? Erstaunlich viel! Die Kernfrage lautet: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Attraktivität von Politikerinnen oder Politikern und dem Wahlerfolg? Stimmt die Formel: Je attraktiver, desto mehr Stimmen?

Attraktive Politiker bekommen mehr Wählerstimmen

„Ja, zumindest, wenn man unseren Studienergebnissen und denen der Kolleginnen und Kollegen glauben darf, ist das durch die Bank so, dass attraktive Kandidierende gegenüber ihrer weniger ansehnlichen Konkurrenz einen systematischen Vorteil haben.“

Ulrich Rosar, Professor für Soziologie an der Universität Düsseldorf. Da stellt sich natürlich die Frage: Was sind Attraktivität oder Schönheit genau? Liegt beides nicht im Auge des Betrachters? Nein, lautet die wenig romantische Antwort, in den westlichen Industrienationen hat sich ein stabiler Konsens darüber herausgebildet, was für die meisten Menschen attraktiv ist.

„Grundsätzlich gilt, zumindest in unserer Gesellschaft, schlank zu sein, eine glatte Hauttextur zu haben, keine Pickel zu haben, keine Hautnarben zu haben, zum Beispiel von Akne. Symmetrie des Gesichtes, markante Wangenknochen bei Frauen gerne höher angesetzt, bei Männern ist es zusätzlich das markante Kinn. Frauen sollten typischerweise ein herzförmiges Gesicht haben, das ist so eine leichte Beimischung des Kindchenschemas, das sollten Männer ausgerechnet nicht haben, die sollten möglichst markant erscheinen. Für Männer ist Körpergröße zudem ein wichtiges Merkmal, je größer, desto besser im Grundsatz, für Frauen ist es zudem Schlankheit und Jugend.“

Stabiler Konsens für stereotype Schönheitskriterien

Auf manche mögen die von Ulrich Rosar aufgelisteten Schönheitskriterien desillusionierend wirken, hat man doch das Gefühl, Vogue, Gala, Cosmopolitan und andere Frauenzeitschriften stehen Pate.
Dr. Sebastian Jäckle, Attraktivitätsforscher am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg, kann diesen Stereotypen aber auch positive Aspekte abgewinnen: „Zum großen Teil liegt das sicher daran, dass wir Menschen im sozialen Miteinander unbewusst, über Aussehen aber auch über die Stimme von anderen uns begegnenden Menschen immer automatische Rückschlüsse über diese Menschen anstellen.“

Und diese Rückschlüsse über uns fremde Menschen müssen möglichst schnell erfolgen – sozusagen in Echtzeit: Sind Sie freundlich oder feindlich gesinnt? Kompetent oder inkompetent? Krank oder gesund? Der letzte Punkt – das Erkennen von Gesundheit und reproduktiver Fitness - spielt zumindest bei politischen Wahlen allerdings keine Rolle mehr. Was aber geschieht im Gehirn einer Wählerin oder eines Wählers genau, wenn sie und er von der äußeren Hülle des Politikers beziehungsweise der Politikerin auf innere Fähigkeiten – Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit, Durchsetzungsfähigkeit – schließen? Forschende nutzen dafür den Begriff des Halo- beziehungsweise Heiligenschein-Effektes.
US-Präsident John F. Kennedy beim Besuch in Berlin am 26.06.1963
Das ikonische Beispiel für einen als attraktiv und kompetent wahrgenommenen Politiker: US-Präsident John F. Kennedy (imago / Sven Simon)

Es kommt auf den "Heiligenschein" an

Dr. Lena Masch, Politikwissenschaftlerin am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität Berlin: "Wenn Attraktivität positiv wahrgenommen wird, dann wird auch diese positive Wahrnehmung auf andere Eigenschaften übertragen, also, es geschehen ohne Kenntnis weiterer Informationen Zuschreibungen auf andere Bereiche, wie zum Beispiel die Vertrauenswürdigkeit oder die Kompetenz in bestimmten Politikfeldern.“

Politikerin X ist attraktiver als ihre direkte Konkurrentin Y, also wird sie mich als Ministerin oder Abgeordnete besser vertreten. „Wir selbst würden sagen, wir haben eine rationale Wahlentscheidung getroffen, haben uns informiert und sind dann zu einem Ergebnis gekommen und deswegen ist diese Person, die für mich bessere. Faktisch ist es aber so, unbewusst sind es Äußerlichkeiten, von denen wir dann Rückschlüsse ziehen, ob diese Person dann geeignet ist oder nicht.“

Der Halo-Effekt wirkt sich aber auch auf den Träger des Heiligenscheins selbst aus. „Wenn dann einer Person häufiger positive Zuschreibungen zuteilwerden, wird über die Selbsterfahrung auch eine Art Selbstbewusstsein generiert, das dann wiederum dazu führt, dass Personen selbstbewusster auftreten können, dass sie einfach mit mehr Optimismus an Aufgaben gehen.“

Mit der Folge, dass sie kompetenter wirken. Zumindest in Deutschland ist dieser Effekt von großer Bedeutung, so der Freiburger Attraktivitätsforscher Sebastian Jäckle: „In Deutschland ist es so, dass Attraktivität und wahrgenommene Kompetenz sich in etwa die Waage halten, sie wirken beide positiv. In den USA ist es so, dass es ausschließlich die wahrgenommene Attraktivität ist, Kompetenz spielt dort keine Rolle.“

Bundeskanzlerinnen direkt wählen? Die Schönere gewinnt!

Eine Analyse der Wahlergebnisse attraktiver und weniger attraktiver Kandidatinnen und Kandidaten belegt die enorme Bedeutung des Halo-Effektes.

„Bei der Bundestagswahl 2013, da konnte ein Kandidat, der im Gegensatz zum direkten Gegenkandidaten von allen für attraktiver gehalten wurde, etwa 2,4 Prozentpunkte mehr Stimmen einfahren. 2017 waren es dann schon 3,8 Prozentpunkte, und in den USA bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus, da waren es sogar zwölf Prozentpunkte Unterschied zwischen den von allen für attraktiver gehaltenen und den von allen nicht so attraktiv gehaltenen Kandidaten.“

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen bekommt die Debatte um direkt gewähltes politisches Spitzenpersonal hohe Brisanz: Was, wenn ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin tatsächlich direkt vom Volk gewählt würde? Ob Politikerinnen und Politiker nur inszeniert oder auch in der Realität attraktiv sind, spielt übrigens keine Rolle, so der Düsseldorfer Soziologe Ulrich Rosar:

„In der Tat ist es auch eher dieses medial transportierte Bild und weniger der persönliche Kontakt. Ich glaube, Sie gehören tatsächlich zu einer Minderheit, wenn Sie ein, zwei, drei Politiker:innen schon mal persönlich getroffen haben. Aber dieses mediale Bild wirkt halt eben genauso, als wären Sie ihnen persönlich begegnet. Mit dem Zusatz, dass da natürlich Gestaltungsmöglichkeiten sind. Also Politiker:innen könnten darauf achten, wie sie sich in Szene setzen, das haben sie natürlich nicht vollständig unter Kontrolle, weil, wenn sie irgendwo öffentlich auftreten, ist es nicht unbedingt unter ihrer Kontrolle, wo die Kameras positioniert sind.“

Untrainierte und beratungsresistente Politker:innen sind häufig zentrale Schwachstellen bei Wahlkämpfen. Ihre optische Wirkung auf Plakaten dagegen kann Photoshop maßgeblich beeinflussen - übertreiben sollte man es aber nicht.
„In Vorlesungen nutze ich immer gerne ein Bild einer Kandidatin aus dem Bundestagswahlkampf 2009 war das. Wenn man dort das offizielle Wahlkampffoto und das Bild, das dann später von ihr auf der Bundestagshomepage wiedergegeben worden ist, nebeneinanderhält, kommt man nicht auf die Idee, dass das dieselbe Person ist.“
Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, spricht 2021 beim Politischen Aschermittwoch der Partei.
Anton Hofreiter wird vermutlich nicht als übermäßig attraktiv wahrgenommen - aber dafür als authentisch (picture alliance/dpa | Tobias Hase)

Warum nicht einfach Politiker casten?

Politiker und Politikerinnen könnten aber auch ganz anders mit dem Thema Attraktivität umgehen. Warum und für wen soll er oder sie gut aussehen? Warum es nicht mal Nonkonformismus versuchen?

„Ich denke hier an Anton Hofreiter zum Beispiel, der ja ganz offen damit kokettiert, dass er sich aus Mode und Kleidervorschriften überhaupt nichts macht, der dadurch in gewisser Weise auch zu einer Marke geworden ist und damit einen hohen Wiedererkennungswert hat, und das ist auch etwas wichtiges in der Politik heutzutage.“

Attraktive Kandidatinnen und Kandidaten bekommen mehr Stimmen als ihre weniger attraktive Konkurrenz. Da läge es doch auf der Hand, Politikerinnen und Politiker zu casten. Für große Parteien schließt Ulrich Rosar das aus, die Ochsentour durch die Parteigremien ist fast immer Voraussetzungen für politische Karrieren – in gewisser Weise ist sie damit auch eine einigermaßen verlässliche Instanz für Kompetenz. Bei kleinen Parteien sieht es etwas anders aus.

„Die kleineren Parteien neigen nicht selten dazu, junge und besonders attraktive Frauen und Männer in den Wahlkreisen aufzustellen, weil, das wirkt sich auch auf die Zweitstimmen aus. Es ist nicht nur so, dass attraktive Kandidatinnen und Kandidaten die Erststimmenanteile beeinflussen, sondern auch die Zweitstimmenanteile, und da scheint eine gewisse Strategie hinter zu sein.“

Besorgniserregend muss das nicht sein, man sollte nur die Mechanismen kennen – und vielleicht auch mal ein Wahlprogramm lesen.