Donnerstag, 02. Februar 2023

Islamische Theologie
Heikles Forschen zu Homosexualität und Transgender

Viele muslimisch geprägte Länder bestrafen gleichgeschlechtlichen Sex, vor allem unter Männern. Liberale Theologen in Deutschland hinterfragen dieses Verbot – und werden für ihre Offenheit für queere Menschen sogar von eigenen Studierenden angegriffen.

Von Annika Schneider | 13.10.2022

Regenbogenflagge mit Sonnenstrahlen im Gegenlicht
Eine nicht-heterosexuelle Ausrichtung ist in den meisten islamisch geprägten Ländern ein Tabuthema (imago images / Ralph Peters)
Mittagspause. Auf den ersten Blick wirkt die Veranstaltung an der Frankfurter Goethe-Universität wie jede andere Wissenschaftskonferenz: Vor einem modernen Neubau auf dem Campus Westend stehen Menschen in kleinen Gruppen in der Sonne und nippen an ihren Kaffees. Erst auf den zweiten Blick fällt das Polizeiauto auf, das daneben parkt. Zwischen den plaudernden Gästen haben sich Beamte in Zivil positioniert. Denn bei der Tagung „Queer im Islam“ stehen gleich mehrere der Teilnehmenden unter Polizeischutz.
„Wir haben jetzt auch im Vorfeld in den sozialen Medien schon wieder den üblichen Shitstorm aus der islamistischen Ecke erhalten“, sagt Susanne Schröter, Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam. Sie ist Gastgeberin der Veranstaltung.

Tabu-Thema bei Orthodoxen und Fundamentalisten

„Da befürchtet man gleich schon wieder, dass die Religion Schaden nehmen könnte durch diese Konferenz. Das Thema ‚Queer im Islam‘ ist eigentlich ziemlich tabuisiert, also von der orthodoxen Seite ohnehin. Alles, was in den Bereich des Fundamentalismus geht, natürlich noch viel mehr. Dass wir jetzt so eine Konferenz haben, das ist das erste Mal jetzt auch in Deutschland.“
Im Foyer hängen Regenbogenfahnen. Mit der Veranstaltung möchte Susanne Schröter einen Raum schaffen für die Forschung zu dem Thema. Als Ethnologin hat sie sich unter anderem mit Transgender in Indonesien beschäftigt. Frauen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen werden dort von der islamischen Tradition akzeptiert, solange sie sich in das hierarchische System der Geschlechter einfügen – anders als Homosexualität, die tabu ist. Die Forschung zu Gender und Sexualität im Islam stehe erst am Anfang:
„Viele muslimisch geprägte Länder, in denen ist Homosexualität verboten offiziell. In einigen steht darauf die Todesstrafe, beispielsweise im Iran. Und von daher wird da nicht so genau untersucht: Wie sieht es in der Geschichte aus? Was sagt denn die Theologie tatsächlich? Was sagen die Hadizen dazu?“

Progressive Forschung vor allem an westlichen Hochschulen

Eine progressive Auslegung der Hadizen, der gesammelten Überlieferungen zu Mohammed, und des Korans wird vor allem an Hochschulen in Europa und in den USA vorangetrieben. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dazu arbeiten, stammen ursprünglich aus muslimisch geprägten Ländern, haben diese aber wegen Repressionen und Todesdrohungen verlassen.
In Deutschland gilt Mouhanad Khorchide mit seinem Konzept des „Islams der Barmherzigkeit“ als Flaggschiff der liberalen islamischen Theologie. Der Soziologe und Islamwissenschaftler wurde im Libanon geboren und ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Homosexualität werde im Koran nicht ausdrücklich verboten, sagt er, die einschlägigen Stellen ließen sich auch anders auslegen – und er befürwortet diese alternativen Interpretationen ausdrücklich.
„Weil die ermöglichen uns authentisch die Anerkennung von Queer-Gruppen, von Homosexualität auf Augenhöhe von innerhalb der islamischen Theologie – und nicht etwas Aufgesetztes oder mit einem politischen Argument, sondern mit einem theologischen als Selbstverständnis der islamischen Theologie.“

Von Unterdrückung bis zu homoerotischer Liebespoesie

Sein Kollege, der Theologe Ali Gandour, hat sich ebenfalls an der Universität Münster mit der Geschichte der Sexualität im Islam beschäftigt. Wie die Religion als Ganzes zu Homosexualität stehe, lasse sich gar nicht beantworten, sagt er: Zu unterschiedlich seien die Ansichten in verschiedenen Epochen und Regionen gewesen – von brutaler Unterdrückung bis hin zu homoerotischer Liebespoesie an den Höfen der Kalifen. Ali Gandour wirbt dafür, deswegen moderne Positionen zu entwickeln: „Diese alten Texte können uns gar nicht helfen, moderne Fragen zu beantworten. Weil all diese Fragen bezüglich der Homosexualität, Transsexualität, das sind alle moderne Fragen der modernen Sexualwissenschaft. Und das kann man nicht mit alten Texten adäquat beantworten.“

Studierende sehen sich als „Anwälte Gottes“

Solche Positionen stoßen auf Widerstand – nicht nur bei religiösen Fundamentalisten, sondern auch in der eigenen Studierendenschaft. Mouhanad Khorchide erzählt, dass sich einer seiner Studenten als homosexuell geoutet hat. Anschließend sei er von seinen Kommilitonen so gemobbt worden, dass er sich in psychiatrische Behandlung begeben und sein Studium abgebrochen habe. Manche Studierende verstünden sich als „Anwälte Gottes“ kritisiert er – mit Wissenschaft habe das nichts zu tun.
„Wir versuchen, Studierende zu sensibilisieren, dass es hier nicht um Mission, nicht um Dawa geht in der Universität, nicht um die Suche nach dem wahren Islam oder der wahren Interpretation. Was ist die Rolle eines Wissenschaftlers? Dass man forscht, ergebnisoffen. Und die Bühne ist offen für Argumente und Gegenargumente. Aber nicht für dogmatische Sätze oder für Fäuste – das ist [ein] Armutszeugnis.“
Für manche Studierende in Deutschland sei der Islam aber Teil ihrer Identität als Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft – deswegen falle es ihnen schwer, Auslegungen zu hinterfragen, glaubt Mouhanad Khorchide. Gerade erst habe er bei einer Konferenz in Marokko erlebt, dass die Studierenden dort sehr viel offener für Reformansätze seien.

Forschung hilft queeren Aktivisten

In Deutschland wächst das Forschungsfeld gerade erst. Das führt einerseits zu Anfeindungen. Andererseits hilft es denen, die sich in den Moscheen für queere Menschen stark machen. Tugay Sarac ist schwul, Muslim und er betreut in Berlin queere Menschen in der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. In seiner Arbeit trifft er immer wieder auf Musliminnen und Muslime, die Homosexualität und Transgender verurteilen.
„Es wird oft vertreten: So etwas gibt es bei uns nicht, so was hat es bei uns noch nie gegeben. Wenn hier jetzt Theologen und Theologinnen aufeinandertreffen und das debattieren, das ist ein Riesenschritt. Ich habe im Vorfeld ein Video aus einem islamistischen Forum gesehen, der dieser Veranstaltung vorwirft, unwissenschaftlich zu sein. Diese Person ist heute nicht hier und macht sich kein Bild von dieser wirklich wissenschaftlichen Veranstaltung.“
Falls die Online-Kritiker zu der Veranstaltung gekommen sind, halten sie sich an diesem Tag zurück. Der Ton bleibt friedlich, die Polizisten müssen nicht eingreifen. Viel Applaus bekommt der Theologe Ali Ghandour für sein Abschlussstatement: „Ich wünsche mir mehr Gelassenheit und Entspannung, was das Thema betrifft, und zwar aus allen möglichen Seiten. Es ist nicht so ernst, wie man denkt.“