Donnerstag, 26. Januar 2023

Ausstellung „Grüne Moderne“ in Köln
Als sich die Avantgarde für Pflanzen begeisterte

Als die Comedian Harmonists 1934 den „kleinen grünen Kaktus“ besangen, war der bereits Kultobjekt einer Epoche. Im neuen, modernen Blick auf Pflanzen - verewigt in Gemälden oder Zeitrafferfilmen - mischte sich Sachlichkeit und Lust an der Exotik.

Von Dörte Hinrichs | 20.10.2022

Pflanzen in einem Glasgefäß - Installationsansicht der Ausstellung "Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen"
Museum Ludwig, Köln 2022
Pflanzen in einem Glasgefäß - Installationsansicht der Ausstellung "Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen" Museum Ludwig, Köln 2022 (Leonie Braun)
„Sie ist für uns quasi wie eine Testausstellung, in der wir praktizieren, wie können wir in Zukunft nachhaltiger Ausstellungen konzipieren und realisieren. Und in der „Grünen Moderne“ ist vielleicht das erste Mal für das Publikum sehr deutlich sichtbar, dass unsere Institution sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt.“ Sagt Yilmaz Dziewior, Direktor des Museums Ludwig in Köln. Was er meint, wird deutlich bei der energiesparenden LED-Beleuchtung der Exponate genauso wie bei ihrer Beschriftung: Alle Texte wurden von einem Schildermaler von Hand an die Wand geschrieben.
Miriam Szwast, Kuratorin der Ausstellung: „Das heißt, wir verzichten auf Plastikbuchstaben, die wir sonst immer hatten, die toll aussehen vielleicht, aber natürlich nicht recycelbar sind. Und hier kann man drüberstreichen später. Und das ist wirklich eine sehr mühevolle Arbeit. Wir beobachten das alle und sind gleichzeitig fasziniert, wie toll das dann aber auch passt zu der Ausstellung tatsächlich inhaltlich.“
Skulptur und Bildschirm mit Pflanzenbild - Installationsansicht aus der Ausstellung "Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen"
Museum Ludwig, Köln 2022
Bei der Ausstellung wurde auf Nachhaltigkeit geachtet, fast alle Exponate stammen aus dem eigenen Depot. (Leonie Braun)
Miriam Szwast und ihre KollegInnen im Team Nachhaltigkeit haben zwei Jahre lang Ideen entwickelt, wie sich ein achtsamer Umgang mit Ressourcen auch in der Museumsarbeit widerspiegeln kann. Die Ergebnisse sind in ein Nachhaltigkeitskonzept eingeflossen, das – ebenfalls von Hand gepinselt - in grüner Schrift für alle Besucher sichtbar nachzulesen ist: So wurde etwa das Gebäude komplett auf Ökostrom umgestellt, es gibt eine begrünte Dachterrasse und es wurde auf CO2 freisetzende Kunsttransporte verzichtet. Ganz ohne weite Wege zu machen hat man auch hier Neuland betreten, denn fast alle Exponate stammen aus dem eigenen Depot.
„Und da haben wir dann angefangen, die Sammlung zu durchforsten und erstaunlich viel gefunden: Nämlich, dass die Moderne grüner war, als wir eigentlich dachten, also beispielsweise der Kaktus eine sehr, sehr beliebte Pflanze war, und es ein Massenartikel war wirklich in Deutschland.“
Palmen im Ballsaal der Flora, Köln - Historische Fotografie aus dem Jahr 1928
Speisen und Tanzen im exotischen Ambiente - der Ballsaal in der Kölner Flora im Jahr 1928 (Sammlung Brokmeier/Museen Köln)

Gezähmte Wildnis im Blumentopf

Der Kunsthistoriker Prof. Rainer Stamm: „Der Kaktus war, ich sage mal in intellektuellen Zirkeln, in denen Kreisen, die sich als modern empfunden haben und auch präsentieren wollten, wie eine Kultpflanze. Wir finden den Kaktus in der Fotografie, in der Stillebenmalerei der Neuen Sachlichkeit, natürlich in den modernen Wohnungen und Haushalten in der Architektur der Moderne als Kaktusfenster. Es war wirklich eine Symbolpflanze einer Zeit.“
Eine Symbolpflanze, so Stamm, die die biedermeierliche Sehnsucht nach der kleinen blühenden Primel abgelöst hat. Der Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg hat für den Ausstellungskatalog – der übrigens ressourcenschonend ausschließlich online existiert - einen Text über den Pflanzenkult der 1920er Jahre beigesteuert:
„Natürlich konnte man sich im Botanischen Garten schon einen Eindruck von den Gewächsen machen. Kurz vor der Jahrhundertwende zog der Kaktus da überall in die botanischen Sammlungen ein. Aber das kommt dazu, und das ist das Besondere: Es gab eben auch spezialisierte Handlungen und Zuchtbetriebe, ganz vorneweg ‚Kakteen-Haage‘ in Erfurt. Eine Firma, die es heute noch gibt, die tatsächlich Kakteen-Kataloge verschickt hat, Sämlinge, Samen zur Verfügung gestellt hat, Broschüren gedruckt hat, wie man denn mit diesen fernen, fremden Zimmerpflanzen umzugehen hat.“
Das wusste auch die Galeristin Rosa Schapire. Ein Foto in der Ausstellung zeigt ihr Wohnzimmer, wo zwischen den Doppelfenstern kleine Bretter eingefügt sind, auf denen in mehreren Etagen Kakteen stehen. Es war die gezähmte Wildnis, die im Blumentopf landete. Kakteen, Agaven, Gummibäume - sie alle verkörperten die Sehnsucht nach dem Exotischen. Davon zeugen bunte Gemälde u.a. von Otto Dix genauso wie eine Postkarte vom tropischen Ballsaal der Kölner Flora 1928, wo die Gäste an Tischen unter Palmen saßen.
Sammelbild der Firma Liebig - Insektenfressende Pflanzen: 4. Fliegenfalle, 1932
Exotische Einblicke in die Wunder von Natur und fremden Kulturen - die Sammelbilder der Firma Liebig waren höchst populär. (Museum Ludwig, Köln)

Fleischfressende Pflanzen als Symbol der Verunsicherung

Karl Blossfelds Schwarzweißfoto einer Mohnkapsel und Aenne Biermanns Nahaufnahme eines Kaktus stehen in Kontrast zu einem Bild, das ebenfalls den damaligen Zeitgeist widerspiegelt. Miriam Szwast:
„Curt Backeberg war ein sogenannter Kakteenjäger, der hat auch ein Buch geschrieben ‚Kakteenjagd zwischen Texas und Patagonien‘. Und in diesem Buch findet man mehrere Bilder. Eines, was wir zeigen: Ein Mann in einer weißen Kluft, so ein bisschen wie ein Großwildjäger sich gerierend, der steht neben einem viele Meter hohen Kaktus und hat auch den Stiefel so aufgestellt auf den Kaktus, wie so ein erlegtes Tier. Irgendwie also sehr stolz steht er da neben diesem Riesenkaktus, die auch uralt sind und die in Mexiko beispielsweise eine ganz zentrale Rolle spielen. Der Kaktus ist dort auf der Flagge bis heute. Also das alles wurde negiert, es wurde gerodet, um die Kakteen dann eben unter anderem nach Deutschland zu bringen.“
Ein Ausdruck des Kolonialismus, der bizarre Blüten trieb. Bizarr und auch unheimlich wirkt ein Ausschnitt aus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ von 1922. Hier hat erstmals eine fleischfressende Pflanze ihren großen Auftritt.
„Es ist eine kurze Sequenz, in der eine fleischfressende Pflanze gezeigt wird, eine Venusfliegenfalle, die zuklappt und eine Fliege verspeist. Und das ist schon sehr interessant, weil, man hat das schon lange beobachtet. Aber es war im Denken der Menschen lange Zeit nicht möglich, das zu akzeptieren, dass es das gibt, dass eine Pflanze ein Tier frisst, sondern die Fressreihenfolge war anders. Insofern wurde das lange wirklich negiert.“

 Faszinierende Einblicke, neue Bilderwelten

Die wachsenden Erkenntnisse über die Pflanzen, spätestens seit Darwin, verunsicherten auch noch die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig gewährte die Mikroskopie neue, faszinierende Einblicke in die Bestandteile von Pflanzen. Sie gerieten nun in den Fokus als Lebewesen - und inspirierten viele Künstler.
„Das ist eben die große Entdeckung und Erschütterung möchte ich fast sagen Anfang des 20.Jahrhunderts gewesen durch die Einführung der Zeitrafferfilme. Also wirklich die neuen Medien, Fotografie und Film haben zu einer Umwertung der Pflanze im öffentlichen Bewusstsein geführt. Und wir sehen hier einen Bildschirm, auf dem ein Naturfilm von Wilhelm Pfeffer zu sehen ist, eine kleine Sequenz, ein Zeitrafferfilm, drei Tage in wenige Sekunden gepresst, und wir sehen zwei Pflanzen, die zu tanzen scheinen, die sich bewegen, was mit dem bloßen Auge nicht so sichtbar wäre, aber im Zeitraffer eben sichtbar wird.“
Der Philosoph Walter Benjamin schrieb seinerzeit: „Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“
Benjamin kannte vermutlich auch Max Reichmanns Film „Das Blumenwunder“ von 1926, der die Menschen mit seinen Zeitrafferaufnahmen und tanzenden Blumenmädchen begeisterte. Reichmann nutzte Laboraufnahmen von BASF. Die Firma stellte damals auch Kunstdünger her, um das Wachstum von Getreide zu beschleunigen und dokumentierte ihre Forschungen filmisch. Der Kunstdünger war eine Waffe gegen die grassierende Hungersnot nach dem ersten Weltkrieg, löste aber auch eine andere Katastrophe aus.
„Und 1921 ist dieses Kunstdüngerlager oder Silo in der Nähe von Ludwigshafen, wo BASF ja noch heute ist, explodiert, weil das ist hochexplosiver Stoff. Und das ist, ich meine, eine der größten Industrieunfälle in Deutschland bis heute. Also 2.000 Menschen wurden verletzt, ich glaube 800 sind gestorben. Es war ein Krater von 18 Metern Tiefe und zig Meter Durchmesser. Die amerikanische Presse hat berichtet, es ging um die Welt, es war eine Katastrophe.“
Spinnenkopf (Nigella Damascena), Gelatine-Silberprint ca. 1932, Karl Blossfeldt (1865–1932)
Die berühmten Pflanzenfotos von Karl Blossfeldt lenkten den Blick auf das Ornamentale im vermeintlich Alltäglichen. (imago/Artokoloro)

Schlaglicht auf entgrenzte Geschlechterrollen

In der Kunst entwickelten sich die Pflanzen als Ornament immer weiter: Blüten als Schmuck tauchten jetzt auch als Tattoo auf: Ein Foto zeigt den tätowierten Rücken eines Mannes, verziert mit einem ausladenden Blumenarrangement. Und Blumen werfen ein Schlaglicht auf die Geschlechterrollen, die sich zumindest in den Großstädten differenzierten und entgrenzten. So macht die Ausstellung „Die Grüne Moderne“ zum Beispiel auf die dänische Malerin und Transgenderpionierin Lili Elbe aufmerksam, die als Junge aufwuchs.
„Lili Elbe war eine Frau, die eine der ersten Personen war, die sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat. Diese Aufnahme von 1928 entstand also zwei Jahre vor dieser Operation. Und sie zeigt aber mit diesem Blümchenkleid, das sie trägt, halt ganz klar, wer sie ist und wie sie sich definiert.“ Liliy Elbe, die ihre weibliche Identität auch mit Blumenkleidern betonte, starb 1931 in Deutschland an den Folgen der vierten Operation.
„Umgekehrt haben wir eine Aufnahme von Nijinsky, dem Tänzer, der eine Rose tanzt in einem Ballett, „Le Spectre de la Rose“ Das war auch ein Thema, also im Ballett war das unüblich, dass ein Mann eine Blume verkörpert. Also er hat damit wirklich auch so die Klischees oder die Genderstereotype im Ballett geöffnet. Er trägt ein rosa Kostüm, er tanzt, hier in diesem Bild sieht man einfach wunderbar, wie sich das überlagert, dieser muskulöse Männerkörper mit der Zartheit dieses Kostüms und der Verkörperung der Rose.“
Die Entgrenzung von Geschlechterrollen macht deutlich, wie nah uns die Epoche der „Grünen Moderne“ ist, und dass die „Neue Sicht auf Pflanzen“ vor hundert Jahren bis in die Gegenwart hineinwirkt. Und die Kölner Ausstellungsmacher zeigen, dass sie ein ideales Thema ist, um mit einem nachhaltigen Konzept Impulse für die Museumsarbeit der Zukunft zu setzen.